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9.11.2019: Jahrestagung der DPG in Berlin

Foto vom alten und neuen Vorstand der Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft DPG

Umfangreiche Tagesordnung abgearbeitet • von Andreas Lahn

> Der anstehende Wahl-Marathon wird unter Leitung von Falk Zirnstein souverän erledigt: Michael W. Wirges ist der alte und auch der neue Präsident der DPG. Diese Wiederwahl (ohne Gegenstimme!) hat er sich durch seinen unermüdlichen Einsatz redlich verdient. Maria Fátima Veiga bleibt Stellvertretende Präsidentin, Gabriele Baumgarten-­Heinke Schatzmeisterin. Zu Vize-­Präsidenten werden gewählt: Helmuth Siepmann, Hans-­Heinrich Kriegel, Carlos Rodrigues und Matias Lima de Walter. Die Rechnungsprüfer Klaus Brichtswein und Christian Sachse werden in ihren Ämtern bestätigt. Hans-Heinrich Kriegel übernimmt den Vorsitz der Landesverbände NRW und Niedersachsen, Ricardo Schäfermeier Figuereido den von Berlin/Brandenburg − assistiert von Martina Sophie Pankow. Ingeborg Elisabeth Dillner wird Beauftragte in Portugal. Maria Fátima Veiga ist Vorsitzende von Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, Jan-­Taken A. de Vries von Hamburg/Schles­wig-Holstein, Gunt­hard Lichtenberg, Dr. Jürgen Lotterer und Carlos Rodrigues von Baden-­Würt­tem­berg, Ingrid Nipp-Diersch von Bremen, Andreas Lausen von Mecklenburg-Vorpommern, Nathá­lia Caldeira-Schütz von Thüringen. Für Bayern und Sachsen werden noch Vorsitzende gesucht. Catrin George Pon­ciano bleibt Beauftragte für den ­Algarve, Roland Bachmeier für Madeira und Ana Paula Galaz-Goyke bleibt Beauftragte für Diplomatie. 
Unterstützt den Vorstand bitte nach Kräften bei der Umsetzung des Projekts »Dokumentation der Geschichte der DPG 2020« (siehe S. 8−11). Auf der Website der DPG wird dafür eine neue Rubrik eingerichtet.
Herzlichen Dank an alle Beteiligten und besonderes Dankeschön  an die Grupo Folclórico de Berlim für die grandiose Aufführung in der Pause.
Wir sehen uns spätestens Ende ­Oktober/Anfang November 2020 in Porto, wo die nächste Jahrestagung der DPG stattfinden wird.

 

Fotos von Mitgliedern der «Grupo Folclórico de Berlim«

Auf dem Weg zum Auftritt am 9.11.2019: Mitglieder der «Grupo Folclórico de Berlim«

In der Vielfalt liegt die Kraft: Das Kulturprogramm auf der Jahrestagung der DPG in Berlin    von Michael W. Wirges

> Zu einer Jahrestagung gehört selbstverständlich auch ein gewisser kultureller Rahmen. So lässt es sich auch die DPG nicht nehmen, während einer anstrengenden Mitgliederversammlung ein wenig für Abwechslung zu sorgen, in welcher Stadt sie auch immer ihre Jahrestagung abhält. So wie dieses Mal in Berlin.
Eine geplante Führung durch das neue Humboldtforum im neu errichteten alten Stadtschloss konnte nicht stattfinden, da sich auch hier die für Oktober vorgesehene Eröffnung um ein weiteres Jahr verschoben wurde, von den Kosten dafür ganz zu schweigen! 
So wurde am Freitagabend nach der Sitzung des Präsidiums und dem Get-together im Hotel Aquino in Berlin-Mitte gemeinsam mit der Tram zu einem typisch Altberliner Restaurant gefahren, wo es − in einem separaten Raum − Köstliches aus der Berliner Küche zu essen gab. Auch Vegetarier mussten hier nicht verhungern. Die Stimmung war sehr hoch, die Wiedersehensfreude sehr groß!
Am Samstagvormittag trafen sich die meisten der zur Jahrestagung angemeldeten Mitglieder und einige Gäste derselben im Foyer des Hotel Aquino. Diesmal wurde die U-Bahn als Transportmittel genutzt, die uns fast bis zum Checkpoint Charlie brachte, wo wir zusammen mit den anderen, auf anderen Wegen zugereisten Mitgliedern und deren Gästen die Ausstellung Die Mauer des Berliner Künstlers Yadegar Asisi besuchten. Diese Panorama-Installation in einem 18 Meter hohen Rundbau zeigt im Maßstab 1:1 einen fiktiven Tag aus dem Leben an der Berliner Mauer in den 1980er Jahren. Es konnte zu ebener Erde an dieser riesigen Fotomontage entlang gegangen, oder das Werk von einer 4 Meter hohen Plattform betrachtet werden. Yadegar Asisi stammt von persischen Eltern, wurde auf der Flucht 1955 in Wien geboren, wuchs in Sachsen auf und lebt seit 1979 in Berlin. Seit 2003 organisiert er die größten Panoramen der Welt: zwei davon stehen in Berlin, weitere in Dresden, Leipzig und Hannover.
Zurück im Hotel Aquino wartete dort ein leckeres Mittagsbuffet, bevor es ab 14 Uhr in der Mitgliederversammlung zur Sache ging. In der Kaffeepause gab es eine große Überraschung: Während einer halben Stunde Auftritt des Rancho Folclórico de Berlim im zu dem Zweck kurzfristig umgeräumten Sitzungssaal! Was für Tänze, was für Farben, was für eine Pracht! Selbst die Mitglieder wurden zum Mittanzen aufgefordert!
Nach der wenn auch anstrengenden wie erfolgreichen Mitgliederversammlung, bei dem das neue Präsidium und Träger von Ehrenämtern bestätigt oder neu bestellt wurden, fuhren wir dann alle, sofern keine Mitglieder oder deren Gäste schon abreisen wollten, wieder mit der Tram M1 zum brasilianischen Restaurant Villa Rodízio, das in einer ehemaligen historischen Villa untergebracht ist. Für Freunde des Fleisches gab es ein zehn-Gang-Menü, direkt von den Spießen auf den Teller serviert, Vegetarier konnten unter zwei typischen vegetarischen Gerichten wählen, oder sich am Buffet bedienen. Und wieder war tolle Stimmung, offensichtlich auch durch große Erleichterung zu spüren, nach der erfolgreichen Mitgliederversammlung und dem Vorprogramm.
Der letzte Tag der DPG Jahrestagung stand auch wieder unter dem Zeichen der Kultur: Einige der verbliebenen Mitglieder und deren Gästen trafen sich morgens im Foyer des Hotel Aquino und fuhren mit der Tram zum Museum in der Kulturbrauerei in Berlins Szeneviertel Prenzlauer Berg, zur Ausstellung Alltag in der DDR. Diese Ausstellung zeigt anhand von zahlreichen originalen Ausstellungsstücken und Biografien das Alltagsleben in der DDR im privaten, beruflichen, politischen und militärischen Bereich. Sehenswert!
Die Kulturbrauerei ist ein ca. 25.000 m2 großer Baukomplex. Die Anfänge führen ins Jahr 1842 zurück, damals nur eine Schankstube mit kleinem Bierbaubetrieb. 1863 übernahm Jobst Schultheiss das kleine Unternehmen und musste es ein Jahr später an seinen Konkurrenten abgeben. Es folgten zahlreiche Erweiterungen und Modernisierungen dieser Schultheiss-Brauerei ab 1871−73. Erst 1967 folgte das endgültige Aus für die Großbrauerei, der Maschinenpark wurde danach demontiert und einige Gebäude als Möbelgroßmarkt und Sportkasino genutzt. Die VEB Schulheiss-Brauerei produzierte danach an anderer Stelle. Die Gebäude wurden 1974 aufgrund ihrer einmaligen Architektur unter Denkmalschutz gestellt, mit einer Mischnutzung aus kulturellen, kommerziellen und gemeinnützigen Zwecken versehen. Von 1998 bis 2000 erfolgte eine Komplett­sanierung, in dessen Gebäuden heute viele Einrichtungen wie Kinos, Restaurants, Museum, Bühnen, Verlage und andere kulturelle und kommerzielle Institutionen untergebracht sind.
So wurde die diesjährige Jahrestagung der DPG erfolgreich beendet. Im nächsten Jahr, wohl Ende Oktober/Anfang ­November 2020, sehen wir uns alle ­hoffentlich zu unserer nächsten Jahrestagung wieder. Im schönen Porto − das steht jetzt schon fest!

3: Über eine Ausstellung von Michael Goyke in Berlin

Foto von Besucherinnen auf der Ausstellung von Michael Goyke in Berlin

Über die Ausstellung von Michael Goyke in Berlin • von Ana Paula Galaz Goyke

> Maler und DPG-Mitglied Michael Goyke eröffnete am 25. Juli 2019 eine Werkschau im Temporären Schauraum in der Torstraße 141. Dieses leerstehende Ladenlokal mit drei Räumen und einer riesigen Werkstatt war für Goyke der perfekte Ort für eine Präsentation seiner Arbeiten. Die Ausstellung war − abgesehen von der Eröffnung − nur drei Tage zu sehen. Daher betitelte er sie schlicht und einfach mit der Zahl »3«.
Michael Goyke ist 1962 in Duisburg geboren und lebt seit 1999 in Berlin. Seit 2014 ist er DPG-Mitglied. Die Kraft, die zur Entstehung seiner Werke führt, ist das innere Verlangen, malerische und skulpturale Wirkungen zu verbinden. Dabei verwendet er u.a. textile Materialien. Zusammengeknüllt auf den Träger gebracht und gehärtet, offenbaren sich in den gebirgsähnlichen Erhöhungen und Vertiefungen mit ihren Licht- und Schatteneffekten plötzlich mystische Gestalten und Figuren. Das Gesehene wird mit Farbe herausgearbeitet. Mal steht am Anfang eine Idee, mal ist es der »Zufall« des Materials, der die Form bestimmt und diese Geschöpfe entstehen lässt.
Auffallend sind die in seinen Werken immer wiederkehrenden schwebenden Miniatur-Meteoriten, mit denen er seine Figuren umgibt. Diese bewirken eine besondere Plastizität und verleihen den Bildern eine geradezu surreale, irdische und überirdische, kosmische Aura.
In der Torstraße in Berlin-Mitte zeigte Goyke eine große Auswahl von neuen und älteren Arbeiten, wie z.B. die noch ganz frischen Bilder »Planet Nummer 3« und die majestätisch in den Tiefen des Ozeans schwebende »Qualle«. Einen Raum bestückte der Künstler mit Werken, die − in anderen Techniken − den BesucherInnen einen Einblick in seine inneren Traumwelten gewähren.
Zur Ausstellungseröffnung sind erfreulicherweise zahlreiche Gäste erschienen, u. a. auch Mitglieder der DPG und Angestellte der Botschaft von Portugal, sodass der Abend ein voller Erfolg wurde: »Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet in der Urlaubzeit so viele Leute meine Ausstellung besuchen würden«, so Goyke.
Bei hochsommerlichen Temperaturen war der gut gekühlte portugiesische Weißwein der Renner, und so manche BesucherIn war überglücklich, beim Eintreten in den unterirdischen Werkstatt­raum, eine willkommene Abkühlung zu erhalten. Hier zeigte Goyke einige sakral anmutende Plastiken und seine Bilder mit den für ihn typischen Mini-Meteoriten, bei deren Betrachtung man ganz sanft und leise von einem Hauch der Seele des Künstlers berührt wird. Die Journalistin Francisca Riczinski Marienfeld schrieb einmal: »Seine Gestalten schweben nicht im Raum wie bei Marc Chagall, sondern in der Zeit, in der Urzelle der Zeit, im Fruchtwasser des Universums.«

Konzertbericht von den Young Euro Classic 2019 in Berlin

Foto des portugiesischen Orchesters bei den Young Euro Classic 2019

Bericht von einem Konzert der Superlative am 26.7.2019 in Berlin • von Michael W. Wirges

> Wie jetzt schon zum zwanzigsten Mal wird in den Monaten Juli und August das Festival der besten Jugendorchester der Welt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin veranstaltet.
Für mich war es zwar erst das dritte oder vierte Mal, dass ich diese hochkarätige Musikveranstaltung besuche, ich bin allerdings immer wieder schwer beeindruckt von der phantastischen Leistung, die diese jungen Menschen aus vielen Teilen der Welt im Alter von 14 bis 25 Jahren auf die Bühne bringen − sei es als Solisten oder als ganzes Orchester.
Mit dabei war auch diesmal wieder die Jovem Orquestra Portuguesa aus Portugal mit dem Ensemble Notas de Contacto, unter der Leitung des Dirigenten Pedro de Carneiro. Vor dem offiziellen Anfang um 20 Uhr gab es noch eine 40-minütige Konzerteinführung mit dem Dirigenten und Anne Kussmaul.
Im ersten Teil des Konzerts wurde von George Enescu (1881−1955) die Prélude á lùnisson, 1. Satz aus der Suite für Orchester Nr. 1 op.9 (1903) gespielt. Es folgte eine Uraufführung von João Godinho (geboren 1976), Alcance/Reach, unter anderem mit neuartigen Percussion-Instrumenten. Er wurde mit diesem Werk jetzt und hier als Gewinner mit dem European Composer Award ausgezeichnet.
Das Ensemble Notas de Contacto unterrichtet Menschen mit Behinderung, mit improvisierter Mitwirkung von Schlagzeugen und Mitteln, die keine Notenkenntnisse verlangen.
Nach der Pause ging es mit Ludwig van Beethovens (1770−1827) Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92 (1812) weiter, auch dieses meisterhaft − und stehend! − gespielt.
Als Dank gab es minutenlange, tosende Standing Ovations und zum Schluss noch eine Zugabe, die nicht im Programm stand: eine chorales Stück, begleitet von kleinerer Percussion wie Glöckchen.
Nein, das Ende war es noch nicht! Vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt fand noch eine Party statt − ein jazziges Trompetenkonzert von jungen Musikern, begleitet von Tanz und Gesang aller Beteiligten und stehenden Wein und Bier trinkenden Besuchern!
Was für ein Konzert, was für ein Ausklang unter sommerlichem Himmel!

»Kommen und gehen«: Fragen an Filmemacher Dídio Pestana

Foto vom 1. Mai in Kreuzberg (Berlin)

Guincho, Corvo und Berlin spielen in Dídio Pestanas Leben eine besondere Rolle • Fragen von Andreas Lahn

> Woran denken Sie, wenn Sie Autospuren im Schnee sehen?
Schnee fasziniert mich. Ich denke das kommt daher, dass ich in einer Stadt geboren wurde, wo es so gut wie niemals schneit. Ich mag Autospuren im Schnee, die man in der Regel nach dem ersten Schneefall des Jahres sehen kann.

Welche Gefühle haben Sie am Strand von Guincho?
Guincho ist ein ganz besonderer Ort. Das war schon immer so. Ich denke, es liegt daran, dass man ganz in der Nähe Lissabons einen Platz findet, wo sich das Meer in der Ferne verliert und die pure Natur dominiert, die Stadt und Gedanken reinigt.

Im Film sagen Sie an einer Stelle, dass mit der Distanz zu Portugal die Familie wichtiger werde. Welche Bedeutung haben Ihre Eltern für Sie?
Die Entfernung bringt uns dazu, die Dinge kritischer zu sehen und das zu schätzen, was wir nicht bei uns haben. Die Familie ist für mich der einzige Haltepunkt außerhalb der Blase, in der wir alle irgendwie leben. Es ist der Ort, wo wir konträre Meinungen hören können, auch wenn sie uns manchmal schockieren. Und die Tatsache, dass wir inmitten von all dem zusammenleben müssen, macht die Familie zu einem sicheren Hafen, in den wir uns zurückziehen können, wenn alles einmal schief laufen sollte.

Hat es Sie überrascht, dass ein Film mit vielen persönlichen, fast intimen Momenten beim Filmfest in Locarno 2018 für einen Preis nominiert wird?
Das mein Film für das Festival nominiert wurde war zweifellos eine Überraschung und die Zulassung als Wettbewerbsbeitrag eine noch Größere. Doch überraschend ist es nicht, dass ein sehr persönlicher Film prämiert wurde. Das ist nichts Neues. Wenn wir an Filmemacher wie Jonas Mekas oder Ross McElwee denken, sehen wir, dass es ein Genre ist, das bereits in den 60er und 70er Jahren aufkam, als das Filmen für Jedermann zugänglicher wurde.

In Ihrem Film ist es wie im alltäglichen Leben: Menschen kommen, um früher oder später wieder zu gehen, man beendet Altes, um Neues zu beginnen – ein ewiger Kreislauf von Finden und Verlieren. Dieses Hin und Her ist nur zu ertragen, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt, oder?
Ich weiß nicht, ob es damit zu tun hat, dass ich mich wichtig nehme oder auch nicht. Ich nehme jeden Tag sehr ernst, denn es gibt nur wenige, die wir zum Leben haben. Aber die Zyklen sind Teil des Lebens, Trauer und Freude, Menschen, die nicht mehr da sind, andere, die neu dazu kommen. Es ist auch in diesem Kreislauf, in dem wir wachsen und die Dinge intensiv durchleben. Das alles gehört dazu.

Nachdem Sie Ihren eigenen Horizont im Jahre 2006 »verloren« haben, scheinen Sie in Berlin zu sich selbst gefunden zu haben. Was macht Berlin so besonders für Sie?
Berlin ist aus vielerlei Gründen etwas Besonderes für mich. Ich bin hierher gezogen, weil ich mich vom ersten Tage an wie daheim gefühlt habe. Es gibt nur wenige solcher Orte. Orte, an denen dich die Leute nicht nach dem beurteilen, was du vorgibst zu sein, sondern nach dem, was du tust, wo es Leute gibt, die motiviert sind, Dinge zu tun, und nicht von Beginn an nach Problemen zu suchen, wo der Tatendrang allgegenwärtig ist. Es ist keine perfekte Stadt, die es nirgendwo gibt. Man kann sich auch leicht verrennen, durch die Alltagsabläufe treiben lassen, sich verlieren im erdrückenden Grau der Wintertage und das Haus nicht verlassen. Aber andererseits liebe ich diese bipolare Seite der Stadt, den Gegensatz zwischen Winter und Sommer.

«Sobre tudo, sobre nada» ist ein Film ohne gesprochene Dialoge. Sie haben alle Texte selbst geschrieben. Träumen Sie von einem Film komplett ohne Text und Sprache, nur mit Geräuschen, in dem quasi die Bilder für sich selbst sprechen?
Alle Filme erzählen auf ihre Art Geschichten. In meinem Fall war der Text ein grundlegender Bestandteil. Wenn ich an meine nächsten Projekte denke, so mache ich mir keinen Kopf, ob der Film ohne Text und Sprache oder auch mit sein wird, ob nur die Bilder die Geschichte erzählen oder es ganz anders sein wird. Worüber ich nachdenke ist es, die beste Art und Weise zu finden, sich der Geschichte zu nähern und einen Film zu machen, nach dem diese Geschichte verlangt.

Wenn man einen Film über »Alles und nichts« dreht, kommt Vieles zu kurz und nichts hat genug Raum, um sich zu entfalten. Haben Sie Pläne für Konkreteres?
In diesem Film ging es vor allem darum zu zeigen, dass Dinge kommen und gehen, dass Zeit vergeht. Ich wollte kein Thema besonders herausstellen, wollte alles festhalten. Und wenn man das vorhat, begreift man sehr schnell, dass es nicht geht. Das war es, was ich für diesen Film wollte, dieses unbestimmte Universum, dieses Vergehen von Tagen. Was die Zukunft betrifft – mal sehen.

Die kurzen Sequenzen über den Kolonialismus in Guinea Bissau, über den 25. April und die Demonstrationen gegen Faschismus in Portugal zeigen Ihr Interesse für die portugiesische Geschichte. Können Sie sich vorstellen, aus solchen »historischen Themen« einen Film zu machen?
Ich weiß nicht, ob ich der Richtige bin, diese Themen anzufassen und zu bearbeiten. Mich hat die Geschichte Portugals immer sehr interessiert und vor allem alles das, was bisher dafür getan wurde, den Mantel der Verschwiegenheit aufzudecken, den der Faschismus in Portugal über die Geschichte gelegt hatte. Ich wurde noch mit Geschichtsbüchern unterrichtet, in denen die Portugiesen als Helden dargestellt wurden.Deshalb halte ich die von Historikern, Künstler und Filmemachern geleistete Aufklärungsarbeit für eine realistische Geschichtsbetrachtung des portugiesischen Kolonialismus für immens wichtig. Und auch deshalb, so meine ich, bin nicht ich prädestiniert dafür, zumindest nicht als mein zentrales Thema.

Reisen ist immer eine Mischung aus Flucht und Abenteuer. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen spannenden Begegnungen in anderen Ländern und der nötigen Ruhe für konzentriertes Arbeiten?
Es ist eine Mischung, die nicht immer einfach ist. Ich denke, was mir immer noch zu schaffen macht, sind die Tage vor der Abreise und die Tage nach der Ankunft. Aber dann geht es vorbei und überall, wo ich dann bin, lässt es sich arbeiten. Natürlich arbeite ich weiterhin am konzentriertesten in Berlin.

Und wenn Sie wirklich Ruhe brauchen, reisen Sie nach Corvo?
Ich möchte bald wieder nach Corvo reisen, denn ich war lange nicht dort. Aber um mich zu erholen, gibt es nichts Besseres als meine Wohnung in Berlin.

»Alles und nichts« – Über den Filmemacher Dídio Pestana

Foto von Dídio Pestana und einigen FreundInnen

Zur Geschichte von Dídio Pestanas ungewöhnlichem Film «Sobre tudo – sobre nada» • von Gert Peuckert

> Dídio kenne ich seit Beginn der 2000er Jahre. Damals studierte er portugiesische Sprache und Literatur an der Universität Lissabon und nahm Unterricht bei dem Jazz-Gitarristen Mário Delgado an der renommierten Musikakademie Hot Clube de Portugal.
Mit seinem Freund Gonçalo Tocha gründete er die Band «Lupanar», deren Sängerin Ana Bacalhau heute mit ihrer Band «Deolinda» viele Konzerte im In- und Ausland gibt.
Dídio verkörpert eine neue Generation von jungen Künstlern aus Portugal, die überall in Europa und der Welt kreativ unterwegs sind, aber weiterhin eine starke Bindung zu ihren portugiesischen Wurzeln haben. In seinem Film schildert er durch die Linse einer Schmalfilmkamera seinen Alltag als Portugiese und Weltenbummler nach seiner Umsiedlung im Jahre 2006 von Lissabon nach Berlin. (www.sobretudosobrenada.com)
Man spürt beim Betrachten seiner Aufnahmen die Freude und Lust am Leben, die Liebe zu Familie, Freunden und dem neuen Umfeld in Berlin-Kreuzberg, das für ihn zunehmend zum Lebensmittelpunkt und vorübergehendem Zuhause wird.
Der preisgekrönte Dokumentarfilm im Super-8-Format zeigt in Tagebuchform das abwechslungsreiche Lebensjahrzehnt eines jungen portugiesischen Menschen inmitten seines Alltags, ein kosmopolitisches Leben mit Freundinnen und Freunden, das immer wieder von Reisen und Aufenthalten in verschiedenen Ländern Europas, Afrikas und Lateinamerikas bereichert wird.
Der Film ist zugleich ein persönliches Selbstporträt, das Einblicke in seine innerste Gedankenwelt gibt, die stetig den Bezug zu Portugal und seiner Familie finden − zum weiten Horizont am Strand von Guincho, wo alles seinen Anfang nahm − jenen Horizont am Cabo da Roca, den er nie aus seinen Augen verliert.
Wir bekommen einen Eindruck vom Leben einer neuen Generation junger portugiesischer Menschen in Deutschland, die frei von Zwängen hier ihre Selbstverwirklichung sucht und voll in die hiesige Gesellschaft integriert ist.
Didio wurde vom kreativen Freundeskreis in seinem neuen Umfeld in Berlin, insbesondere aber seinem langjährigen Freund und künstlerischen Partner, dem portugiesischen Musiker und Filmemacher Goncalo Tocha, für die Arbeit an seinem Dokumentarfilm inspiriert. Beide haben auch schon als Musiker in dem Musikduo «Tochapestana» zusammengespielt und sind erfolgreich in Berlin und Portugal aufgetreten. (Weitere Informationen auf www.tochapestana.com)
Gonçalo Tocha zählt inzwischen zu den profiliertesten portugiesischen Filmemachern und an zahlreichen internationalen Wettbewerben teilgenommen. Sein künstlerisches Hauptthema sind die Azoren. Im Jahre 2007 begann er mit der Produktion einer Dokumentation auf der Insel Corvo, von der auch seine Familie stammt. Es gelang ihm ein wunderbares Porträt vom Leben und dem harten Alltag der nur etwas mehr als 400 Einwohner zählenden kleinsten aller Azoren­Inseln mit autobiografischen Zügen zu schaffen. Sein Film «É na terra não é na lua» wurde 2011 auf dem internationalen Festival in Locarno und der Doclisboa 2011 ausgezeichnet.
In seinem bereits 2007 gedrehten Film «Balaou» dokumentiert er in beeindruckenden Bildern die Überfahrt von der Azoren-Insel São Miguel in einem Segelboot zum portugiesischen Festland. Zu beiden Filmen schuf Dídio Musik und Ton. All jenen, die sich für die Azoren begeistern und neben den Schönheiten der Natur mehr über das Leben und Denken der Inselbewohner erfahren wollen, sollten sich diese Filme anschauen. (https://dafilms.com/film/8464-it-s-the-earth-not-the-moon; https://www.cinema.de/film/balaou,4452561.html )
Die portugiesische Filmemacher-Szene hat sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt und auch international an Profil gewonnen. Viele junge Dokfilmer, so auch das Erstlingswerk von Dídio, erhielten und erhalten fachliche Unterstützung von der Künstlergemeinschaft Kintop in Lissabon. (www.kintop.pt). Ziel ­dieses Projektes ist die Förderung von kreativen Filmprojekten des neuen alternativen Kinos in Portugal und deren Verbreitung und Kommerzialisierung im Ausland. Das Künstler-Team von Kintop setzt sich in ihren filmischen Dokumentationen sowohl mit sozialen Alltagsproblemen als auch mit historischen Themen wie der Aufarbeitung des Wirkens der Geheimpolizei PIDE in den Jahren der faschistischen Diktatur auseinander.
So erzählt die Dokumentation «Luz Obscura» der portugiesischen Filmemacherin Susana de Sousa Dias die Geschichte der Familie des eingekerkerten Kommunisten Octávio Pato, die von der PIDE über viele Jahre beobachtet und verfolgt wurde. Der Film basiert auf Original­dokumenten der Geheimpolizei aus den Jahren 1926 bis 1974 und wurde von der Portugiesischen Kino-Akademie mit dem Preis Sophia 2019 geehrt.

Fußball verbindet die Portugiesen in Berlin

Foto von Spielern des Vereins »Fußball auf Portugiesisch e.V.«

Der Verein »Fußball auf Portugiesisch e. V.« besiegt die Verletzungen der Vergangenheit • von Christian Sachse

> Fußball auf Portugiesisch e.V.: So nennt sich ein in Berlin gegründeter Verein mit einer langen Geschichte. Es fing an im Jahre 2012, als die Berliner Zweigstelle der SOS Kinderdörfer ein Projekt der Kinderhilfe in der Willy-­Brandt-Teamschule hatte. Die in dem Projekt tätigen Mitarbeiter des SOS Kinderdorf nutzten die Gelegenheit, sich nach Unterrichtsschluss zu einer gemein­samen Runde Volleyball zu treffen. So entstand eine lockere Runde.
Nach und nach wurden auch aufgrund der entstandenen Freundschaften die unterstützten Jugendlichen zu dieser ­Aktivität eingeladen. Nach einiger Zeit kamen mehr und mehr Jugendliche zusammen, und es wurde beschlossen, statt Volleyball Fußball zu spielen. Es kamen vor allem Jugendliche aus den portugiesischsprachigen afrikanischen Ländern und aus Brasilien, die sich aus der gemeinsamen Schulzeit in der Grundschule Neues Tor und aus der Kurt-Schwitter-­Gesamtschule kannten. Beide Schulen ­geben zusammen mit den Kindergärten Casa Azul, Carvalho Marinho und Primavera den Kindern portugiesischsprachiger Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder bilingual aufwachsen zu lassen. Hauptbetreuer und längster Spieler im Verein ist Herr Friese, der viele der Jugend­lichen über etliche Jahre begleitet hat. Zuletzt war er auch der einzige aus dem SOS Kinderdorf, der noch der Fußball-­Gruppe angehörte.
Als er Ende 2018 nach Hamburg zog, war die Fortsetzung des Fußballspielens in der Halle nicht gewährleistet, da kein Verantwortlicher aus dem Verein die Halle mehr nutzt. Aus diesem Grund haben die Spieler der Gruppe gemeinsam den Verein Fußball auf Portugiesisch e.V. gegründet. Dieser steht für die Spieler, die fast ausschließlich portugiesisch miteinander sprechen. Dieser Verein soll nun die Räume übernehmen, damit weiterhin gespielt werden kann. Der Verein und die Spielweise zeichnen sich − trotz heftiger und hitziger Diskussionen − vor ­allem durch gegenseitige Rücksicht­nahme aus, da die als Tore verwendeten Matten oft keine eindeutige Aussage zulassen, ob es ein Tor war oder nicht.
Sie selbst sind teilweise Profifußballer, teilweise Schüler und Hobbyspieler. Dieser Zusammenschluss der Schüler und Spieler steht auch für einen Zusammenschluss der portugiesisch-sprachigen Länder als Zeichen, dass die gegenseitigen Vorurteile und Verletzungen aus der Vergangenheit zwischen Portugal, den ehemaligen afrikanischen Kolonien und Brasilien in den Köpfen der heutigen ­Jugendlichen zumindest in Berlin nicht mehr bestehen.

Im Gespräch mit Michael W. Wirges (DPG)

»Wer in Berlin lebt, dem wird nicht langweilig«

Michael W. Wirges ist seit 18 Monaten Präsident der DPG. Er spricht über Portugal, Deutschland, sein Leben in Berlin und über die DPG • Fragen von Andreas Lahn

Du bist in Lissabon geboren. Deshalb stellt sich natürlich sofort die Frage: Sporting oder Benfica?
Michael W. Wirges: Obwohl meine Schule näher am Sporting-Stadion liegt, bin ich Benfica-Fan, weil das Krankenhaus meiner Geburt im Stadtteil Benfica liegt. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht viele Spiele gucke. Nur die wichtigen…

Und für wen bist du, wenn Deutschland gegen Portugal spielt?
Ich habe die Frage schon mal so beantwortet: In der ersten Hälfte bin ich für Deutschland und in der zweiten für Portugal. Aber mein Herz schlägt natürlich für Portugal.

Als Kind bist du auf die »Deutsche Schule« gegangen. Wie lange hast du in Lissabon gelebt und warum seid ihr fortgegangen?
In Lissabon habe ich nur mein erstes Lebensjahr verbracht. Wir sind 1954 in die Nähe von Estoril gezogen. Dort und in Cascais habe ich meine Kindheit verbracht. Später auch in Lissabon, weil ich dort auf die Oberschule gegangen bin.
Mein Vater stammt aus der Nähe von Köln. Er ist Mitte der zwanziger Jahre ausgewandert. Meine Mutter stammt aus Sachsen. Sie hat von 1936 bis 1938 bei einer deutsch-­portugiesischen Familie als Au-pair-Mädchen gearbeitet. Da mein Va­ter ein Freund der Familie war, haben sie sich eines Tages kennengelernt. Meine Mutter ist nach Sachsen zurückgekehrt, um ihr Studium zu beenden. Während des Krieges haben sie sich geschrieben. Und danach hat mein Vater ihr vorgeschlagen, nach Portugal auszuwandern.
Ich war nach der Schule zur Ausbildung als Hotelkaufmann ein Jahr in Deutschland, am Tegernsee. Im Oktober 1972 bin ich nach Portugal zurückgekehrt, um bis Oktober 1974 ein Praktikum am Lisboa Sheraton Hotel anzutreten.

Du hast während der Nelken-Revolution in diesem Hotel gearbeitet. Wie hast du den Sturz der Diktatur aufgenommen?
Den Sturz der Diktatur vom 24. auf den 25. April 1974 habe ich live miterlebt, weil ich als Praktikant Nachtdienst hatte. ­Einen Monat später bin ich nach Paris gegangen, um meine Stelle im dortigen Sheraton-Hotel anzutreten. Damals war das Hotel das größte in Europa. Das hatte keine politischen Gründe, sondern war schon länger geplant.

Wann und warum bist du nach Deutschland gekommen?
Ich war zwei Jahre in Paris, habe dort gelebt und gearbeitet, und immer wieder nach Portugal geschaut, ob sich die Lage dort beruhigt, denn in Portugal ging zu dieser Zeit alles drunter und drüber. Da eine Besserung nicht in Sicht war, habe ich beschlossen, erst einmal nach Deutschland zu gehen. Ich habe ein Jahr für das Sheraton in Frankfurt gearbeitet und wurde dann nach München versetzt. Dort war ich circa vier Jahre. Der Verdienst war nicht üppig und ich wollte keinen Schichtdienst mehr machen. Deshalb  habe ich entschieden, bei einer kleinen Firma alles zum Thema Indus­trieexport zu lernen. Im Oktober 1980 bin ich nach Berlin gezogen und habe mich bei der Industrie- und Handelskammer zum Industriefachwirt umschulen lassen.

Du hast ein halbes Leben als Exportkaufmann für Bombardier in Berlin gearbeitet. Was hast du dort hauptsächlich gemacht?
Ich habe dafür gesorgt, dass Maschinen und Maschinenteile versendet wurden, habe Angebote geschrieben, den Transport, die Zollabwicklung und Bankpapiere organisiert. Bis 2016, allerdings nicht nur bei Bombardier, sondern zunächst bei kleineren Firmen. 1985 bin ich zur AEG gewechselt, die jedoch in die Pleite rutschte. Ich habe einen neuen Arbeitsplatz bei der Waggon Union Gmbh gefunden, die Waggons für die Alliierten gebaut und repariert hat, und Doppel­decker-Busse für Berlin, Lübeck und Bagdad. Sie wurde mit anderen Firmen zu Adtrans, die im Jahre 2000 von Bombardier übernommen wurde. Ich habe 30 Jahre für das gleiche Unternehmen gearbeitet, obwohl ungefähr fünfmal der Unternehmer gewechselt hat.
Letztes Jahr wurde ich verabschiedet, habe mich zwei Jahre für die Altersteilzeit verpflichtet, ein Jahr aktiv und ein Jahr passiv, das Ende September zu Ende geht. Am 1. Oktober gehe ich in meinen wohlverdienten offiziellen Ruhestand.

Jeder Portugiese reist so oft es geht nach Portugal. In welche Regionen fährst du?
Ich fahre am liebsten in die Region Lissabon, weil dort Freunde und Bekannte leben und ich das Grab meiner Eltern und meines Bruders auf dem deutschen Friedhof aufsuche. Meine Freunde in Lissabon, Estoril, Cascais, Sintra und anderen Orten freuen sich jedes Mal, wenn ich komme − und ich mich natürlich auch. Ich möchte auch mal wieder an den ­Algarve fahren. Weitere Reiseziele sind Madeira und die Azoren.

Liest du Bücher und Zeitungen lieber auf deutsch oder auf portugiesisch?
Da ich Deutscher bin, lese ich vorwiegend auf deutsch, aber ich nehme auch portugiesische Schriftstücke in die Hand und beziehe zwei Zeitungen. Meinen Freunden in Portugal schreibe ich natürlich auf portugiesisch.

Musik von Madredeus und der Fado von Amália Rodrigues, Mariza, Mísia, Ana Moura etc. werden weltweit bewundert. Ist das auch deine Musik?
Ja, selbstverständlich! Das ist ein Mix aus dem ursprünglichen Fado mit Folklore, Jazz und ein bisschen Pop. Exemplarisch dafür ist die Gruppe Sina Nossa. Ich bin noch die alte Fado-Zeit aus den 60er und 70er Jahren gewohnt, wo der konserva­tive Fado noch unter Beobachtung Salazars und dem Estado Novo stand: Carlos do Carmo, Amália Rodrigues etc. Von den jungen Leuten wurde er weitgehend abgelehnt. Nach der Revolution ist eine neue Generation von Fado-SängerInnen entstanden. Die haben einen neuen Fado entwickelt, der auch die Jugend anspricht und von ihr akzeptiert wird.

Es heißt, es gäbe für jeden Tag des Jahres ein andere Art, Bacalhau zu servieren. Welches ist dein Lieblings-Rezept?
Ich schätze viele Arten von Bacalhau, aber am liebsten mag ich Bacalhau à Brás. Das Gericht esse ich nicht nur in Portugal, sondern auch in Berlin. Ich habe auch nichts einzuwenden ­gegen ein kräftiges Mahl aus dem Alentejo oder einer anderen Region.

Eines deiner Hobbys ist das Rad fahren. Ist das für dich ehrgeiziger Sport oder nutzt du die Zeit in der Natur, um abzuschalten?
Ich bin gerne Radfahrer. Aber kein Rennradfahrer, sondern eher der gemütliche. Ich fahre gerne in Berlin, hauptsächlich in meinem Kiez im Westend, in Charlottenburg. Ich mache auch Radtouren z. B. durch Brandenburg. Einmal im Jahr ­fahre ich mit meiner Schwägerin durch Holland. Von Enschede, Groningen oder Alkmaar aus fahren wir fünf Tage durch Nord-Holland, schauen uns schöne Landschaften an, gehen ins Museum oder ­besuchen ein Konzert. Dieses Jahr war ich in Amsterdam, um diese herrliche Stadt kennenzulernen.

Du bist seit 18 Monaten Präsident der DPG. Hast du dich mittlerweile an die Anforderungen dieses Amtes gewöhnt oder bist du immer noch in der »Lernphase«?
Ich bin eigentlich immer in der Lernphase. Wir lernen ja jeden Tag etwas dazu. Ich bin 2001 in die DPG eingetreten. Kurze Zeit später hat Harald Heinke mein Potential erkannt und mich ins Präsidium berufen. Dort war ich lange als einer der vier Vize-Präsidenten tätig. Ich habe vor allem von Harald Heinke viel gelernt und bin so in die Aufgaben hineingewachsen. Ich war also kein Anfänger mehr, als ich 2016 gewählt wurde, und wusste, was auf mich zukommt. Es sollte ja jemand sein, der sich auskennt mit Deutschland, Portugal, den beiden Sprachen und den Mentalitäten. Wichtig war für Harald Heinke, dass die zu wählende Person in Berlin ansässig ist.

Ist alles so gelaufen wie erwartet oder ist etwas besonders Schönes, Komisches oder Ungewöhnliches passiert?
Eine Sache war besonders schön und auch komisch: Ich wachte Anfang März auf, saß an der Bettkante, schüttelte meinen Kopf und sagte zu mir: Mein Gott, Michael, jetzt bist du Präsident der DPG! Da lief mir ein Schauer über den Rücken, und ich fragte mich, ob das wohl gutgehe… Ich begreife das Amt als Herausforderung, als Dienst an der Freundschaft zu Harald Heinke, seiner Frau Gabi, zum Präsiduum und zur DPG ingesamt.

Vom 20. bis 22.10.2017 findet die Jahres­tagung der DPG in Erfurt statt. Warum sollten noch mehr Mitglieder als sonst daran teilnehmen?
Bisher hatten wir immer 40−60 Anwesende. Ich würde es natürlich begrüßen, wenn mehr kämen. Wir haben 350 Mitglieder in Deutschland und Portugal. Ich wäre froh, wenn wenigstens 1oo kämen. Ich fordere nochmals alle Mitglieder auf, nach Erfurt zu kommen. Schließlich ist es schön, über Portugal zu sprechen und sich über Kultur auszutauschen. Je mehr Außenstehende davon erfahren, desto besser ist das für die DPG. Das ist eine Art Schneeball- oder Synergie-Effekt.

Persönlich und bezogen auf die DPG: Welche Ziele hast du für die Zukunft?
Wir müssen ein stabiler und erfolgreicher Verein bleiben, der sich weiterentwickelt und es schafft, jüngere Menschen für die Mitarbeit in der DPG zu begeistern, für Portugal, die portugiesisch-sprachige Welt und Kultur. Der Verein wurde ja 1964 gegründet und 1990 erweitert durch die Freundschaftsgesellschaft DDR/Portugal. Wir sind zusammengewachsen. Außerdem möchte ich noch einige Reisen im Inland machen und auch im Ausland wie z. B. auf die Kapverdischen Inseln.

Der Kontakt zur portugiesischen Botschaft ist immer wichtig für die DPG. Wie läuft die Zusammenarbeit mit Botschafter João Mira Gomes? Gibt es etwas zu verbessern?
Die Zusammenarbeit mit dem Botschafter und seinem Team läuft sehr gut. Ich bin froh, dass wir uns oft treffen, auch zu Kunst- und Kulturveranstaltungen. So können wir zusammen auftreten, auch mit dem Instituto Camões. Es hat in der letzten Zeit in Berlin einige Lesungen gegeben, die wir zusammen mit der Botschaft und dem Instituto Camões durchgeführt haben. Das freut mich sehr!

Die Regierung von António Costa hat den Mindestlohn angehoben, Renten und Sozialleistungen für Geringverdienende erhöht, die 35-Stunden-Woche im Öffentlichen Dienst eingeführt etc. und zahlt Staatsschulden trotzdem pünktlich zurück. Ein kleines Wunder, das größte Anerkennung verdient, oder?
Selbstverständlich. Toll, dass es mit ­Portugal wieder aufwärts geht. Selbst Finanzminister Schäuble hat Portugal gelobt. Der Tourismus hat stark zugenommen. Die Portugiesen sind jedoch noch unzufrieden, weil bei ihnen viel gekürzt wurde, wodurch sie viel leiden müssen. Bis 2020 will der Staat aus der Schuldenfalle raus sein.

Du lebst seit 36 Jahren in Berlin. Was gefällt dir an dieser Stadt und was nicht?
Ich mag die heitere, lockere Art der Berliner, auch wenn sie bisweilen sehr frech sind. Doch so ist die Berliner Schnauze eben. Man muss auf humorvolle Art und Weise kontern können. Dann wird man akzeptiert. Ich mag die offene Art und die Stadt selbst: Häuser, Hochhäuser und man ist schnell im Grünen, in Müggelsee, Wannsee, Grunewald. Und dann ist da ja auch noch die hochkarätige Kultur. Wer in Berlin lebt, dem wird nicht langweilig. Und wenn doch, ist er selber Schuld! Das gilt für das Jahr 2017. Noch in den 1980er Jahren waren wir jedoch umzingelt von einer schrecklichen Mauer, die undurchlässig war. Wenn man raus wollte, musste man Anträge stellen und sich Visa von den DDR-Behörden holen. Ich bin froh, dass die Mauer weg ist. Ich ­erzähle meinen erwachsenen Söhnen von der Existenz dieser Mauer, damit so etwas nie wieder passiert. Ich lebe hier gern. Und Berlin wird auch meine letzte Adresse werden. Ich gehe von hier nicht weg und werde meine Zeit als Rentner auf keinen Fall am Algarve verbringen!

»Ó mar salgado, quanto do teu sal são lágrimas de Portugal!« Was denkst du über diese Worte von Fernando Pessoa?
Ein sehr schöner Spruch: »Oh du salziges Meer, wie viel von deinem Salz sind Tränen Portugals!« Die Portugiesen sind zwar ein heiteres Volk, aber sie lamentieren auch gerne. Auch über ihr Land. Und sie leiden. Ich denke, dass dieser Spruch richtig gut zu Portugal passt.

Die Sardinhada im Juni in Berlin hat allen BesucherInnen große Freude bereitet. Deshalb schlage ich vor, sie zukünftig einmal im Monat zu feiern. Was meinst du?
Ein- bis zweimal im Jahr ist das wunderbar. Jeden Monat wäre es irgendwann langweilig und würde dem Fest seinen Reiz nehmen.

MICHAEL W. WIRGES ist am 23.4.1953 in Lissabon geboren. Dort, in Estoril und Cascais verbringt er seine Kindheit. Er lernt Hotelkaufmann und arbeitet für die Sheraton-Hotels in Lissabon, Paris, Frankfurt und München. 1980 zieht er nach Berlin. Nach der Umschulung zum Industriefachwirt durch die IHK arbeitet er 35 Jahre als Exportkaufmann in verschiedenen Unternehmen. Am 1.10.2017 geht er in Rente.

Michael W. Wirges ist ledig und Vater zweier erwachsener Kinder. Im Jahre 2001 tritt er in die DPG ein und wird im Februar 2016 deren Präsident. Er fotografiert viel, fährt gerne Fahrrad, singt im Jazz-Chor, hört Musik und beschäftigt sich mit Kunst und Historischem. Er liest gern Texte von Fernando Pessoa, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke. Seine Lieblingsfarben sind dunkelblau und dunkelgrün.