Das Aquarium aus Papier

Foto des Buch-Covers »Das Aquarium aus Papier«Das Aquarium aus Papier · © Leipziger Literaturverlag

Über Hein Semke und Teresa Balté    von Jörg Hahn

> Antiquariate oder Bücherkisten auf Flohmärkten haben es mir angetan, so fallen mir immer wieder alte Schätzchen in die Hände. Und weil mein Faible für Bücher aus oder über Portugal vielen bekannt ist, erhalte ich oft entsprechende Hinweise oder Geschenke.

Das Fischbuch oder das Aquarium aus Papier, so heißt einer meiner Zufallsfunde. Anhand dieses Buchs lässt sich eine spannende Künstlerbiographie skizzieren und eine interessante, langjährige Veröffentlichungsgeschichte.

Die Illustrationen stammen von Hein Semke (1899−1995), einem gebürtigen Hamburger, er war Bildhauer, Keramiker, Maler, Zeichner und auch Schriftsteller. Die politischen Wirrungen und kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahr­hunderts brachten ihn als in der Heimat verfolgten Pazifisten und Oppositionellen nach Portugal, seit Anfang der dreißiger Jahre lebte und arbeitete er in ­Lissabon. Viele seiner Werke finden sich in öffentlichen Räumen, Museen und ­privaten Sammlungen. Die im Buch reproduzierten 22 Fischaquarelle von 1980 gehören zur Kunstbibliothek der Calouste Gulbenkian Stiftung, Lissabon.

Teresa Balté, Semkes Frau, hat den Text geschrieben. 1942 in Lissabon geboren, studierte sie Germanistik und Musik in Lissabon, Hamburg und Chicago. Neben verschiedenen Lehrtätigkeiten arbeitet sie als Übersetzerin und Autorin.

Der Leipziger Literaturverlag pflegt das literarische Werk Hein Semkes. In der Reihe portugiesische bibliothek sind Auszüge seines Tagebuchs (Die innere Stimme) und sein Romanversuch Hannes, der Rammer erschienen und zudem das Bestiarum-Calendarium.

Im ersten Pandemie-Jahr 2020 erschien Das Aquarium aus Papier, eine von vielen übersehene Veröffentlichung. Das Besondere: Teresa Baltés Text gibt den Zeichnungen Hein Semkes eine gemeinsame Geschichte, verknüpft die einzelnen Bilder zu einem Ganzen.

 

Foto vom Cover des Buches »Wir sind alle Farben«

Wir sind alle Farben · © Cover: Leipziger Literaturverlag

Im Nachwort der Autorin (Für interessierte Leser) ist zu erfahren, dass Hein Semke ihr im Jahr 1980 die 22 Aquarelle von Fischen zeigte, die sie sogleich faszinierten. Hein Semke hatte bereits Ende der 1960er Jahre vier Künstlerbücher mit Fischzeichnungen angefertigt. Auf der Rückseite eines Bandes findet sich eine Notiz, in der sich der Hanseat Hein Semke zu einer Wesensverwandtschaft von Fisch und Mensch äußert: »Wir = Alle = sind Fische – Groß – Klein – Hässlich – Schön. Wir = Alle = fangen uns eines Tags im Netz, das nur uns zusteht. So bekommen wir = unser Gesicht =. Der Rest ist Wasser, aus dem = Alles = kam, zu dem = Alles = zurückfindet.«

Aus den Fischbildern entwickelte ­Teresa Balté ihre Geschichte. Als Rahmenhandlung dient der Besuch einer Freundin, die der Erzählerin ihren kleinen Sohn Sebastian zur Beaufsichtigung zurücklässt. Statt mit ihm im Garten zu spielen, es regnet offenbar, oder ihm aus einem Buch vorzulesen, sehen sie sich die Fisch-Aquarelle von Semke an. Daraus entsteht ein Spiel mit der Phantasie zwischen den beiden. Die Fische verleiten in ihrer unterschiedlichen farblichen und graphischen Gestaltung zu originellen, teils märchenhaften  Deutungen. ­Dabei lässt die Erzählerin nicht nur Fachwissen zur Kunst einfließen, sondern auch ihre sehr persönlichen Kenntnisse über Hein Semke. Der durch den Dialog mit einem Kind geprägte Ton macht den Text auch für junge Leser zugänglich − während die expressiven Aquarelle jedes Betrachter-Auge herausfordern dürften.

Der deutsche Text ist keine Übersetzung aus dem Portugiesischen, sondern das − zunächst nur für den Künstler selbst entstandene − Original von Teresa Balté. Anfang der 1980er Jahre vollendete sie diese deutschsprachige Erzählung: »Das Fischbuch oder das Aquarium aus Papier.« Zunächst zeigte der Insel-Verlag Interesse; als daraus nichts wurde, suchte Teresa Balté auch nicht weiter nach einem Verlag. 1996 erst, nach Hein Semkes Tod, entschloss sie sich, den Text ins Portugiesische zu übersetzen. Vor einem Vierteljahrhundert, 1997, erschien dann das Büchlein O Livro dos Peixes ou O Aquário de Papel im nicht mehr existierenden portugiesischen Hugin-Verlag. Als sie schließlich 2018 Viktor Kalinke vom Leipziger Literaturverlag das deutsche Original präsentierte − »das mir viel mehr gefiel als dessen Übersetzung« (Balté) − wollte er es veröffentlichen, 2020 kam die Hardcover-Ausgabe auf den Markt.

 

Foto von Autor Jörg Hahn vor Werken von Hein Semke

Autor Jörg Hahn vor Werken von Hein Semke · Foto: © Jörg Hahn

Es gibt einige kleine Unterschiede zwischen den beiden Texten. Das Aquarium aus Papier wurde der endgültige Titel; auch ein Vorspiel und ein Nachspiel sind dazu gekommen. Ein kleiner Textauszug: »Der Maler konnte kaum daran glauben: Ein Fisch. Ein Blatt, das ein Fisch wurde, zu einem Fisch wurde. Ein Fisch, der aus seinen Händen wuchs. ›Er ist mir aus den Händen entschlüpft‹, dachte Hein. Und malte langsam das Wasser. Die blaue Wasserfarbe des Meeres um den Blattfisch herum. ›Kann man einen Blattfisch umblättern?‹ wollte Sebastian wissen.«

2021 gab es im Museu de Portimão eine Werkschau Hein Semkes. Teresa Balté hat diesem Haus im Algarve eine große Schenkung aus dem Nachlass gemacht. Die Ausstellung trug den Titel Wir alle sind Farben (Somos todas as Cores). Der Direktor des Museu de Portimão hatte sich dafür von Semkes Worten »Wir = Alle = sind Fische« inspirieren lassen, die dem Künstlerbuch Fische − ja − Fische von 1969 entstammen. Teresa Balté hat einmal gesagt: »Fische waren eine starke Quelle der Inspiration für Semke, des Weiteren ein Element des Göttlichen, das schon in vorchristlicher Zeit Symbolkraft hatte.«

Hein Semke war stets auf der Suche nach innerer Wahrheit, und er steht für Zeitenwenden − vom Ersten Weltkrieg über Diktaturen (in Deutschland wie in Portugal) bis zur Demokratie. Das besprochene Buch jedenfalls ist kein Schätzchen, sondern ein veritabler Schatz.

MEHR INFOS

  • Teresa Balté, Das Aquarium aus Papier; mit Aquarellen von Hein Semke, 2020, Leipziger Literaturverlag (LLV)
  • Hein Semke, Die innere Stimme. Aus dem Tagebuch: 1950-52 / 1956-61, 2014, LLV
  • Hein Semke, Hannes, der Rammer. Romanversuch, 2018, LLV
  • Hein Semke, Bestiarium-Calendarium, 2008, ERATA, Leipzig: In diesem Buch werden skurrile Vierzeiler von skurrilen Zeichnungen begleitet.
  • Verlags-Webseite: www.l-lv.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.