Die Fischer von Alvor

Foto einiger Fischer von Alvor am Algarve (Portugal)Die Fischer von Alvor am Algarve (Portugal) · Fotos: © Catrin George Ponciano

Über soziale Strukturen beim Fischfang am Algarve: Einmal Kamerad, immer Kamerad    von Catrin George Ponciano

> Die Fischer von Alvor sind von jeher eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie teilen alles miteinander: Strapazen, Gefahr, und Ausbeute.
Der Fischerort Alvor ist eine Gemeinde der Stadt Portimão und liegt in einer natürlichen Hafenbucht am Ostufer der gleichnamigen Lagune Ria de Alvor −  getrennt vom Meer durch eine kilometerlange Sanddüne. Gut geschützt diente die Hafenbucht im späten Mittelalter noch den Seefahrern als Ankerplatz auf ihrem Seeweg weiter an der lusitanischen Küste gen Norden. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wuchs Alvor dann zu einem dynamischen Marktplatz mit Fischerhafen heran. Bis zur Nelkenrevolution eher ein nostalgisches Anhängsel westlich von Portimão, entwickelte sich Alvor in den 1980er Jahren allmählich zu einem properen Touris­mus­­ort. Hotels und Ferienapartment-­Anlagen wurden gebaut, die Zufahrtsstraßen asphaltiert und Alvor an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Dennoch hat das traditionelle Fischerhandwerk überlebt und reflektiert auch gegenwärtig die soziale und wirtschaftliche Struktur der Gemeinde.
2004 zog die Fischergilde aus windschiefen Hütten von der Sandbank um in massive Holzhäuser. Seither liegen die Fischerboote in Reih und Glied vertäut am Pier, und dümpeln nicht mehr wie bis dato frei ankernd in der Lagune. Der Umzug brachte etliche Vorteile für die Fischergemeinschaft mit sich: Früher mussten sie ihre Ausrüstung vor und nach jedem Fang mit einem Beiboot an und von Bord schaffen, jetzt schieben sie alles Nötige mit einem Handkarren über den Steg bis zu ihrem Boot. Eine eigene Bootsrampe mit hydraulischem Schiffshebekran hilft beim Ausladen voller ­Fischfangkisten und beim Beladen mit Trockeneis. 
Dennoch: Das Fischerhandwerk bleibt Knochenarbeit. Durchschnittlich fahren die Fischer viermal pro Woche auf See. Sie laufen gegen Mitternacht aus und kehren am Nachmittag am Tag darauf zurück. Dann wird der Fisch gelöscht und das Deck und der Laderaum geschrubbt. Anschließend will die Ausrüstung aufgeräumt sein und für den nächsten Fang vorbereitet werden.
Fischer sind fleißige Männer. Sie leben mit und auf dem Meer. Ihre Sehnsucht gehört der See. Sie sind Kameraden auf Gedeih und Verderb. Trotzdem wissen sie nie im Voraus, wie hoch ihr Lohn am Ende des Tages sein wird. Sie werden ­älter. Die Knochen müde. Doch selbst im Rentenalter bleiben sie ihren jüngeren Kameraden als fleißige Helfer an Land, treu.
Vielleicht ist es die jahrelange, manchmal lebenslange Kameradschaft, vielleicht das stille Gelübde, das Überirdische niemals infrage zu stellen. Schließlich fahren zum Schutz der Fischer ­immer das Figuren-Trio der Heiligen ­Maria Fátima, Santo António und der Schutzheilige der Fischer São Pedro ­neben Echolot und GPS-System auf der Armatur neben dem Steuerrad mit.
Kapitän Lourenço ist 52 Jahre alt, und hat das Fischerhandwerk seit er zwölf war, von seinem Vater erlernt. Mit zwanzig ging er von Bord und arbeitete im Hotel. Mit dreißig kehrte er zurück an Bord. »Ein Mann muss seine Pflicht erfüllen. Hat er keine Wahl, muss er jede Arbeit annehmen. Hat er die Wahl, ist er ein zufriedener Mann«, lächelt er und sagt: »Ich ­hatte die Wahl.« 
Weise Worte eines Mannes, der täglich sechzehn und mehr Stunden schuftet, sich Tag und Nacht den Gefahren und Strapazen auf See aussetzt und die Verantwortung für seine Besatzung trägt. Er und seine Crew sind beherzte Burschen. Sie arbeiten still, fluchen über Politiker, zanken wegen Schiedsrichterentscheidungen beim Fußball und vertragen sich wieder beim gemeinsamen bescheidenen Mahl am Tisch vor der Fischerhütte.
Sie betreiben die pesca artesanal mit drei unterschiedlichen Fangmethoden. Für Kraken, Tintenfische und Kalmare, für Krebse, Dorsche, Muränen und Meeraale setzen sie Reusen ein. Käfig­fallen aus Plastikmaschen. Mittels Lebendköder locken sie die Beute in die Käfige. Mit Boje gekennzeichnet, versenken die Fischer die Reusen auf den ­Meeresboden und sammeln sie drei Tage später wieder ein. Metallstangen rund um das Heck befestigt sorgen dafür, dass die Reusen nicht von Bord rutschen.
Für das Schwarmfischen kommen Netze mit mittlerer Maschengröße zum Einsatz. Manche mit bis zu 500 Meter Länge sinken achtzig Meter in die Tiefe. Sobald das Echolot einen Fischschwarm anzeigt, lassen die Fischer das Netz ins Wasser gleiten. Die mit Bleikugeln beschwerte Randleine sinkt ab, das Netz breitet sich im Wasser aus, während der Skipper im Kreis um den Schwarm herum steuert und das Netz die Fische einkreist. Sind Anfang und Ende des Netzes zusammengeführt, holen die Fischer das Netz ein, und ein an Deck montierter Flaschen­zug hievt den Fang im Netzbeutel an Bord.
Die dritte Methode ist der Fischfang mit Langleine und Angelhaken, genannt anzóis. Die Langleine misst 2000 bis 4000 Meter. Im Abstand von zwei Armlängen werden an die lange Hauptleine kürzere Stücke von etwa 1,50 Meter Länge geknotet und an jedes Leinenende jeweils ein Haken. Die Summe der Haken beträgt Pi mal Daumen 2000. 
Nach jedem Fang muss die Langleine entwirrt und neu gewickelt, die Haken überprüft und unter Umständen ausgetauscht werden. Bis jeder Meter Langleine und jeder Haken überprüft und alle sauber aufgereiht nebeneinander im Korkschwamm am Rand der speziell für die Langleinen-Methode entwickelten Holzkiste, genannt aparelho stecken, sind zwei Männer zwei Tage lang ununter­brochen beschäftigt.
Fehlt nur noch der Köder. Hierfür verwenden sie fermentierte Sardinen, schneiden sie in Stücke und spießen auf jeden Haken einen Köder.
Die vierköpfige Besatzung mit Kapitän Lourenço trifft letzte Vorbereitungen, dann geht es los mit Kurs Südsüdwest. Das angepeilte Gebiet liegt fünfunddreißig Meilen vor der Küste von Sagres. Hin und zurück sind die Fischer jeweils vier Stunden unterwegs. Für den eigent­lichen Fischfang bleiben sie weitere acht Stunden auf See. Auf dem Rückweg ­löschen sie den Fang im Hafen von Lagos. Der Fisch wird auf Lourenço registriert und kommt anschließend direkt in die Fischversteigerungshalle lota, dort zuerst auf die Waage und danach unter den Auktionshammer. Der Verkaufserlös wird nach einem einheitlich festgelegten Kommissionsschlüssel der Fischereiaufsichtsbehörde DOCAPESCA aufgeteilt und Lourenços Konto und seinen ­Fischern gutgeschrieben. Einmal Kamerad, immer Kamerad.

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