Migration: Dem portugiesischen Geschmack auf der Spur

Foto der Ponte Vasco da Gama, LissabonDer Weg ist weit: Ponte Vasco da Gama, Lissabon · Foto: © Bruno Martins on Unsplash

von Ana Carla Gomes Fedtke und Eberhard Fedtke

> Die Themen »Emigration«, »Rückkehr nach Hause« und »Leben draußen in der Diaspora« hatten für ein »Volk der Auswanderung«“stets herausgehobene Aktualität. Sämtliche periodischen Versuche des portugiesischen Staates, eine elastische und ausgewogene Lösung in dieser politischen und sozialen Spannweite zu finden, ergaben in der Vergangenheit keine  genügenden Resultate. Die amtliche Rhapsodie von Sonne, friedfertigem sozialen Ambiente, ultra-Fussball, Wein und Fado-Gesang reichen für eine ernsthafte und wirksame Reimmigration nicht aus. Es gibt zahlreiche Gründe und Tatsachen, wenig episch, für ein Volk, dessen mehr als die Hälfte mit gutem Grund in mehr als 80 Länder der Welt emigriert, und nur wenige zurückkommen, um hier zu leben, allenfalls im Ruhestand, nicht in aktiver Lebenszeit. Die portugiesische Gesellschaft verliert permanent alle Jahre beträchtliche Mengen an menschlichen Kapazitäten und Werten, allem voran Frauen-Power. Industrie und Wirtschaft des Landes wären glücklich, mehr Rückkehrer zu bekommen, welche zugleich nützliche soziale und sozialpolitische  Erfahrungen von draußen mitbrächten. Untersuchungen belegen, dass eine beste Voraussetzung für eine gehobene Position in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung eine akademische Ausbildung in Portugal und einige Zeit authentischer Lernzeit in einem Land mit hohem sozialen Standard ist.

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 AUF DER SUCHE NACH DEM PORTUGIESISCHEN GESCHMACK

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Es genügt kein vom Staat ausgearbeitetes Konzept, ohne Vorteile von bedeutender Höhe auf dem finanziellen Sektor anzubieten. Mit dem Artikel «Programa Regressar – zurück nach Portugal?» haben wir im PORTUGAL REPORT Nr. 77 die Vorstellungen und Regelungen des portugiesischen Staates dargestellt, um dem Grund nach das permanente demografische Ungleichgewicht auszugleichen, welches den Verlustes an intelligentem und effizientem Volksgut betrifft und seinen Ausfluss in einer bedrückenden und besorgniserregende Auswanderung hat. Auch in dieser Pandemie wurde das Fehlen von Ankern an hinreichender sozialer Absicherung aufgezeigt. Keine Beschäftigung zu finden, ist aktueller Fatalismus der Gesellschaft, ein wachsendes Problem, insbesondere der Jugendlichen. Der Staat arbeitete mit einer ministeriellen Resolution vom 14. März 2019 mit Blick auf Personen, welche bis Dezember 2015 das Land verlassen hatten, ihnen für die kurzfristige Rückkehr finanzielle Unterstützung anzubieten. Jedoch der Höchstbetrag von 6.536 Euros für eine ganze Familie, welche in irgendeinem Land draußen in fester Arbeit und sozialer Absicherung installiert ist, war wie ein Almosen ohne jeglichen Anreiz oder Attraktion, nach Portugal zurückzukehren. Dort lebt eine archaische aristokratische Gesellschaftsform, die noch nicht den Mut besitzt, ihre politische Struktur zu verringern oder aufzugeben, »Teile des Gesellschaft von der Gleichbehandlung auszuschließen, Gleichstellung anzubieten oder zu praktizierten sowie allen Klassen hinreichende Zugangsbedingungen mit dem Ziel zu tolerieren,  das fundamentale Hindernis zu bereinigen, wonach kein modernes, gerechtes, soziales Gefüge für die mittleren oder unteren Klassen vorhanden ist. Bevorzugung besteht lediglich für  eine Elite sowie ihre Familien in jeglicher Hinsicht. Kinder oder Jugendliche, die nicht Teil dieser kleinen geschlossenen Elite sind, haben keine gleichen Chancen einer adäquaten Erziehung und eines würdigen Berufs, sodass diese intellektuelle Reserve auszuwandern disponiert ist – ein Circulus vitiosus. Im Ergebnis waren diese zweifelhaften Rückkehr-Überlegungen des Staates politisch stets schlecht durchdacht, ökonomisch mangelhaft proportioniert und in der Summe aller sozialen Aspekte völlig unrealistisch, wie das Alltagserleben zeigt. Schließlich kann für künftige Erneuerungen des Landes eine ungesunde Situation aufgezeigt werden. In der Diaspora draußen weiß man: ein gutes haltbares, wirtschaftliches Lebensprojekt »nach Rückkehr nach Hause« ist ein fundamentales Risiko. Die neue Anforderung und besondere Philosophie erhielten, vorgestellt mit viel Akklamation im Ersten Kongress der Diaspora am 13. Juli 2019 in Porto, den poetischen Titel: »Wenn Du, Emigrant, nicht zurückkommst, werde ich draußen bei Dir sein«. Über diese neue politische und soziale Inspiration haben wir im PORTUGAL REPORT Nr. 78 geschrieben. Es mangelt, an Erfahrungen nachzusuchen, ob diese neue Sensibilisierung mit der Welt der Emigranten positive Resultate in dem Sinn zeitig, auch mit der zweiten und dritten Generation, geboren in der Diaspora, in Kontakt zu kommen. Einige von ihnen haben niemals Portugal, wenigstens in den Ferien, besucht, Wir schätzen, dass, sofern sich die derzeitige hygienische Situation in der Welt fortsetzt, dies künftig immer weniger möglich wird, nicht zu reden von den Fällen, dass die jungen Generationen nicht ein Wort Portugiesisch sprechen, völlig in die Kultur ihres Geburtslandes integriert sowie von einer fremden Kultur geprägt sind. Das neue Vorhaben, die Bindungen zur Diaspora zu stärken, muss ernsthaft belegen, ob es nicht mehr ein lyrischer Gesang ist. Übrigens: Wer zahlt am Ende die beträchtlichen Zusatzkosten?

Indes nicht verzagen: zusätzlich zu der Dreifach-Strategie, Emigration  menschlichen Kapitals zu verhindern, bestimmte Emigrantengruppen zu ermuntern, nicht nur zur Rentenzeit zurückzukehren, schliesslich die grundsätzliche Verbindung zur Diaspora zu stärken, um latenterweise den Aspekt eventueller Rückkehr wachzuhalten, besteht ein weiterer wichtiger, wenngleich seltener, aber existierender Aspekt: dass Emigrantenkinder, draußen geboren und im günstigen Fall mit doppelter Staatsangehörigkeit  versehen, nach Portugal heimkehren, also aus ihrem Herkunftsgebiet ins Land der Eltern auswandern. 

Im Archiv dieser Zeitschrift findet sich die Reportage über eine Wanderung dieser vierten Kategorie, mit vollem Erfolg in jeder Hinsicht. Die Geschichte erzählt von zwei jungen Portugiesen, in Deutschland geboren und mit kompletter deutscher Schul- und Berufsausbildung sowie »mit dynamischen nordischen Sedimenten«, deren Eltern eine Generation zuvor nach Deutschland auswanderten, und die von ihrem Traum nicht lassen konnten, in Portugal zu leben. Diese beiden jungen couragierten Unternehmer feiern die ersten zehn Jahre Berufstätigkeit in Portugal. Elegant gekleidet mit ihren Frauen in einem Restaurant der Costa Comporta sitzend, der Sonne zugewandt und mit reichhaltiger alentejanischer Speise auf den Tellern, offenkundig ohne Dissonanzen rundherum in friedlichem Ambiente, erzählen sie, mitunter mit Tränen in den Augen, über diese zehn langen Jahre Integration in Portugal, eine Retrospektive angefüllt mit Fortschritten und typischen Antipoden dieser Epoche. Es sind sehr realistische Analysen, zehn Jahre zurück die besagte Emigration, voll von Plänen und Aktivitäten, danach eine manifeste autobiografische Gliederung in Selbstbeschau von Hoffnungen, schlaflosen Nächten, 16 Stunden Arbeit pro Tag. Ein ernsthaftes Unterfangen voller persönliche Triumphe im Aufbau  der eigenen Textilfabrik. Es sind ebenfalls die frohen Resultate systematischer Eingliederung der Kinder in beide portugiesischen und deutschen Kulturen, nicht zu vergessen die Perspektiven erfolgreicher Fortführung dieses Familienunternehmens auf der Grundlage professioneller und ehrlicher Solidarität. In der Summe ist es eine brillante Zusammenfassung mit der Qualität von Fado-Inhalten, dieses perfekte Porträt der beiden Ehepaare anzuhören. Ihr ernster Klang und die festliche Sprache schliessen, ohne arrogante Kritik und falsche Kommentare, aber mit Respekt, einen breiten, objektiven Vergleich zwischen dem Leben in Deutschland und Portugal ein, mit ihren tiefen Unterschieden in Umwelt und Sozialem, den Individualitäten in Denken sowie Handeln, indes auch massgeblichen Ähnlichkeiten für Pläne und Träume zum auswandern.

Diese Geschichte der beiden Ehepaare hat den illustren Titel »Auf der Suche nach dem portugiesischen Geschmack«.

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