«Viva Portugal!» Interview mit Thomas Weißmann

Foto von auf einem Balkon mit Nelken am Largo do Carmen 2014 · © Andreas LahnNelken auf einem Balkon am Largo do Carmen 2014 · © Andreas Lahn

Thomas Weißmann über Portugal, die Tagung in Chemnitz und den Sport • Fragen von Andreas Lahn

> Jenseits wissenschaftlicher Interessen: Welche persönlichen Gründe haben Sie, sich für Portugal zu interessieren?
Thomas Weißmann: Bei mir führten wissenschaftliche zu privaten Interessen. Mein Erasmus-Jahr in Lissabon gefiel mir so gut, dass ich einfach im Anschluss noch zwei Jahre länger blieb.

Wie ist die Idee zur Organisation dieser Tagung über Portugal entstanden?
Unser Lehrstuhl hat seit Jahren eine Kooperation mit dem Instituto Camões. Da lag es nahe, auch einmal eine Tagung zu organisieren.

Die Tagung wird von der TU Chemnitz und dem Instituto de Ciências Sociais da ­Universidade de Lisboa organisiert. Gibt es eine Partnerschaft?
Es gibt keine vertragliche Partnerschaft. Die gibt es mit der Universidade Nova, sowie den Unis in Porto und Coimbra. Dafür war aber Herr António Munõz Sánchez bereits Vertretungsprofessor an unser Professur.

Täuscht der Eindruck oder sind Nelken-­Revolution und Agrarreform für die deutsche Linke bisweilen wichtiger als für die Menschen in Portugal selbst?
Die Erinnerung an die Agrarreform verblasst in Portugal in der Tat mehr und mehr, wobei ich das Alentejo nicht besonders gut kenne und nicht sagen kann, wie dort das Andenken gepflegt wird. Dahingegen ist die Nelkenrevolution immer noch sehr präsent und der 25. April nicht ohne Grund der Nationalfeiertag.

Sie beschäftigen sich mit dem Thema »Sport« in den Beziehungen zwischen der ehemaligen DDR und Portugal. Mehr als ein Steckenpferd?
Als Historiker und Fußballbegeisterter ist Sportgeschichte für mich eine ­geniale Kombination. In meiner Disser­ta­tion über die Beziehungen Portugal-­DDR spielt der Sport eine große Rolle, da er großen Erkenntnisgewinn über diese (zugegebenermaßen dürftigen) Beziehungen erlaubt, die weit über das Sportliche hinausgehen.

Die Lissabonner Fußball-Clubs vereinigen riesige Fan-Gemeinden hinter sich. Was bedeutet «clubismo»?
Clubismo bedeutet die bedingungslose Liebe für seinen Verein, der den Mittelpunkt des eigenen Lebens darstellt. Heutzutage würde man solche Menschen vielleicht Ultras nennen.

Wie war das Verhältnis zwischen den Fußballvereinen und dem Salazar-Regime? Gab es unterschiedliche Haltungen der ­Lissabonner Clubs zur Diktatur?
Das Verhältnis war sehr ambivalent und eine Einteilung der Vereine in Pro und Contra Estado Novo wäre nicht zielführend. In jedem Verein gab es Befürworter und Gegner der Diktatur, wobei die Führungsebene der Vereine eher der Diktatur zugeneigt war, während der einfache Anhänger diese auch ablehnen konnte oder ihr gleichgültig ­gegenüberstand. In jedem Fall ist aber dem französischen Historiker Yves Léonard zuzustimmen, der konstatierte, dass sich der Fußball in Portugal nicht dank sondern trotz der Diktatur entwickelte.

Wann ist die Tagung für Sie ein Erfolg?
Von einem Erfolg würde ich sprechen, wenn wir verschiedene Generationen, Zeitzeugen, Wissenschaftler und Studierende zusammenbringen und diese angeregt über die Vorträge diskutieren.

Foto von Thomas Weißmann (TU Chemnitz)

Thomas Weißmann von der TU Chemnitz · © Thomas Weißmann

Thomas Weißmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Euro­päische Studien der Philosophi­schen Fakultät der TU Chemnitz. Zu­sammen mit Antonio Munõz Sánchez vom Instituto de Ciências Sociais da Universidade de Lisboa (ICS) organisiert er die Tagung »Die BRD und die DDR vs. Portugal zwischen Diktatur, Kolonialkrieg, Revolution und Demokratie (1960–1990)« am 5.12./6.12.2019 in Chemnitz

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