Lissabon im Herbst 2020 – Zwei Tourguides berichten

Foto einer leeren Elétrico 28 in Lissabon zu Corona-ZeitenLeere Elétrico 28 in Lissabon zu Corona-Zeiten · © Ariane Reipke/Claudia Rutschmann

von Ariane Reipke und Claudia Rutschmann

> Lissabon, die Prinzessin des Tejo, die Stadt des Lichts und der sieben Hügel. Die westlichste Hauptstadt Europas mit ihren drei tausend Jahren Stadtgeschichte. Lissabon, eine Stadt der Gegensätze, eine Stadt im Umbruch. 
In diese Stadt haben wir uns vor gut zwei Jahrzehnten verliebt und beschlossen, uns hier eine neue Existenz aufzubauen. 
Mich, Ariane, faszinierte die Leichtigkeit des portugiesischen Lebensstils in einem Land, dessen Geschichte so tiefgründig ist wie der Atlantik, sowie die Spiritualität, die Ästhetik, der Witz und die Lebenskunst der PortugiesInnen. Gleich im ersten Jahr ergab sich die Chance, im Tourismus zu arbeiten und die habe ich sofort ergriffen. 
Der ruhige Lebensstil, das ganz besondere Licht und der so ganz eigene Charme der Stadt und seiner Bewohner haben auch mich, Claudia, in ihren Bann gezogen. Seit gut 15 Jahren arbeite ich als freiberufliche Stadtführerin und bringe Lissabons Gästen die Eigenheiten und versteckten Winkel näher. 
Wir beide lieben unsere Arbeit und die Stadt, in der wir leben. Und tatsächlich hat Lissabon viel zu bieten: das ­riesige Mündungsbecken des Tejo, die charmanten Altstadtviertel mit verwunschenen Gassen und Aussichtspunkten, die UNESCO-Weltkulturerbe in Belém, sowie postmoderne Architektur auf dem ehemaligen Expo-Gelände. Hotels und Restaurants gibt es für ­jeden Geschmack und Geldbeutel. Viele der touristischen Highlights lassen sich fußläufig erkunden. Auch können sich Besucher Tag und Nacht frei bewegen, zählt Lissabon doch zu den sichersten Hauptstädten Europas. Mit fast acht Millio­nen ausländischen Gästen wurde 2019 ein neuer Besucherrekord aufgestellt. Im gleichen Jahr wurde Lissabon zu Europas Top-Destination für City Breaks gewählt und gewann den World Travel Award. 
Doch die steigenden Besucherzahlen haben die Stadt verändert. Gerade in den Altstadtvierteln wurden unzählige Mietwohnungen zu Ferien-Apartements umgewandelt und die gleichzeitige ­Immobilienspekulation verteuerte den Wohnraum. Viele der alteingesessen BewohnerInnen können sich die Innenstadt nicht mehr leisten. Gentrifizierung und Überfremdung sind auch in Lissabon zum Problem geworden. Die Stadt hat in den letzten Jahren deutlich an EinwohnerInnen verloren. Kleine Familienbetriebe, Geschäfte und traditionelle Restaurants mussten − gerade in der Innenstadt − großen Marken und Restaurant-Ketten Platz machen. Öffentliche Verkehrsmittel, darunter auch die historische Straßenbahnlinie 28, konnten von den LissabonnerInnen kaum mehr zum Transport genutzt werden. Lange Warteschlangen, überfüllte Straßen, Cafés und Restaurants gehörten zur Tagesordnung. 
Dennoch sind BesucherInnen weiterhin herzlich willkommen, und es tut der Gastfreundschaft keinen Abbruch, profitieren doch viele LissabonnerInnen vom Tourismus. Die Branche war eine der wichtigsten Arbeitgeber und für fast neun Prozent des Brutto-Inlands­produkts verantwortlich. Umso härter trifft die Pandemie und der seit März 2020 zu verzeichnende Zusammenbruch der Tourismusbranche Portugal. Seit dem sind die Tourismuseinnahmen um 55 Prozent, die BesucherInnen­zahlen um 60 Prozent zurückgegangen: Geschlossene Hotels und Restaurants, leerstehende Ladenlokale und verwaiste Plätze zeugen davon. Steigende Arbeitslosenzahlen und immer mehr Obdachlose auf den Straßen lassen Erinnerun­gen an die erst kürzlich überwundene Wirtschaftskrise wach werden. Doch jetzt − wo kaum noch TouristInnen zu sehen sind − erkennen viele LissabonnerInnen ihre Stadt kaum wieder. 
Bis zum Ende des Sommers ist Portugal, anders als das Nachbarland Spanien, relativ gut durch die Pandemie ­gekommen und verzeichnete relativ geringe Infektionszahlen. Die Regierung hatte das Land frühzeitig in einen Lockdown geschickt; angesichts der ­beschränkten Kapazitäten des öffentlichen Gesundheitssystems eine weise Entscheidung, so die Meinung vieler PortugiesInnen. Mitte September wurde dann, aufgrund steigender Infek­tionen, die Region Lissabon vom Robert Koch-­Institut als Risikogebiet eingestuft, und das Auswärtige Amt rief eine Reisewarnung aus. Betroffen war jedoch weniger die Stadt Lissabon selbst, als die angrenzenden Städte im Speckgürtel. 
Ähnlich wie in Deutschland, wurden die Öffnungszeiten des Einzelhandels stark reduziert. Anfang November wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Restaurants schließen um spätestens 22.30 Uhr. Auch auf den Straßen, wenn kein Mindestabstand eingehalten werden kann, herrscht Maskenpflicht. Temperaturmessungen, sei es z. B. am Arbeitsplatz oder in Geschäften, sind ­zulässig, ein Covid-19-Test kann eingefordert werden. Wie im restlichen Europa auch, bleibt es also abzuwarten, wie heftig die zweite Welle im Winter verlaufen wird. 

Doch ein Neuanfang wird kommen − ob direkt im kommenden Frühjahr, wird sich zeigen. 

Wie könnte es weitergehen? Der Tourismus in Lissabon soll nachhaltiger werden: kleinere Reisegruppen, hin zum Individualtourismus und weg vom Massentourismus. Da sind sich die SpezialistInnen der Branche einig. Und ­genau das lässt auch uns trotz allem guter Dinge bleiben. Wir bieten schon seit langem maßgeschneiderte Spaziergänge für kleine Gruppen und auch Einzelpersonen an. Der Zugang zur Stadt ist persönlich und individuell. Und in Lissabon lassen sich immer wieder neue und auch alte Dinge entdecken. So wird jetzt die freie Zeit genutzt, um Ideen zu sammeln, weitere Bücher zu lesen und neue Touren zu entwickeln. So beschäftige ich, Ariane, mich beispielsweise im Moment eingehend mit Bacalhau, dem Stockfisch, der hier in Portugal so geschätzt wird. Sein Verzehr steht in Verbindung mit den Eroberungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Aber auch religiöse Gründe spielen eine Rolle. Das Steckenpferd von mir, Claudia, sind unter anderem die Azulejos, die wunderschönen Kacheln, die so manche Fassade schmücken. Auch in Palästen und Kirchen sind sie zu finden. Sie erzählen Geschichte und Geschichten. Die interessantesten Informationen werden dann zu einer für die kommende Saison neu geschneiderten Tour verarbeitet. 
Beide leben wir im Zentrum der Stadt, in unmittelbarer Nähe des zentralen Platzes Rossio. Was für die einen ein Urlaubsort ist, ist für uns Arbeitsplatz, Wohn- und Lebensraum. Eingekauft wird in den kleinen Läden der Unterstadt, der beliebte Kaffee, der bica, wird im Café um die Ecke getrunken, und Abends trifft man sich mit Freunden in den umliegenden Tascas. Man kennt sein Viertel und seine Nachbarschaft, aber auch die InhaberInnen und MitarbeiterInnen der Geschäfte und Restaurants. Gerade diese kleinen, familienbetriebenen Betriebe kämpfen im Moment um die bloße Existenz. Uns ist es ein Anliegen, auch in schlechten Zeiten diejenigen zu unterstützen, die den besonderen Flair Lissabons aus­machen.

Gerade die Vielseitigkeit der Stadt gibt Kulturinteressierten wie uns immer wieder neue Anregungen für unsere Touren, sei es für die klassische Variante durch das historische Zentrum oder maßgeschneidert und Themen bezogen für private Touren. Und in einem sind wir uns einig: Lissabon lässt sich am besten in kleinen Gruppen und zu Fuß erkunden.
An unseren Arbeitsbedingungen hat sich also nicht viel verändert, außer vielleicht, dass Wartezeiten für Museums-, Palast- und Kirchenbesuche sich verringert haben, freie Sitzplätze in der 28er Straßenbahn zur Verfügung stehen und Warteschlangen für einen ­freien Tisch in den Pasteis de Belém oder an der Kasse beim Pena-Palast in Sintra überschaubar sind. 
Und natürlich steht Sicherheit an erster Stelle. Hierzu hat der portugiesische Tourismusverband klare Richtlinien durch das Gütesiegel clean and safe eingeführt. Daran halten sich professionelle Tourguides wie wir. Zusätzlich stellt das Auswärtige Amt Empfehlungen und Reisetipps zur Verfügung.

Der nächste Frühling kommt bestimmt und auch der Neubeginn der Reisesaison. Und weiterhin werden António Nobres Worte gelten: «Quem não viu Lisboa, não viu coisa boa» − »Wer Lissabon nicht gesehen hat, der hat nichts Schönes gesehen.« Bis dahin scouten wir weiterhin die Stadt, damit die Tage ohne TouristInnen nicht zu lang werden.

Weitere Informationen:
www.gotolisboa.de
www.lissabonentdecken.com

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1 Kommentare

  1. Thomas Harder

    Sehr geehrte Damen und Herren, Moin Moin aus MecPomm

    ich habe selten so eine einfühlsame reale Beschreibung gelesen. Ich war nur in Galizien kurz vor der portugiesischen Grenze, der Bericht bringt mich zum Reisen.

    Besten Dank an Frau Reipke und Frau Rutschmann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Harder
    PS: mach Spaß mal Portugal kennenzulernen!!

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