Eine Kleinstadt im »steinigen« Aufbruch

Foto aus dem Geopark AroucaEin für viele Leute »atemberaubender« Aufstieg, dies im wahrsten Sinne des Wortes, der sich aber auch ohne Wanderschuhe bewältigen lässt · Thomas Fischer


In Nordportugal lockt Arouca Touristen auf Abwege • von Thomas Fischer

> Nur gut 60 Kilometer von Porto entfernt zeigt Nordportugal ganz überraschende Facetten. Arouca lockt Touristen auf Abwege − und trumpft auch international auf.
Auf dem Kopfsteinpflaster einsamer Dörfer liegen Kuhfladen, wie in alten Zeiten, als hier noch keine Windturbinen in die Höhe ragten. Wer sich die Turbinen wegdenkt und hier und da einen Ochsenkarren in die Landschaft phantasiert, kann sich leicht um 30 Jahre in der Zeit zurückversetzt fühlen. Nicht einmal am Netz gewundener schmaler Straßen scheint sich hier, anders als in so vielen anderen Teilen von Portugal, viel verändert zu haben.
Im Landkreis Arouca führen solche Wege aber zu ungewöhnlichen, bisher jedoch kaum bekannten Attraktionen. Eine davon schlummert beim 900 Meter hoch gelegene Dorf Castanheira mit Hausdächern aus grobem Schiefer. Um seine pedras parideiras, übersetzt »gebärende Steine«, rankt sich gar eine alte Volksweisheit. Legt man sie im Bett ­unters Kopfkissen, sollen sie gar Kindersegen bringen.
Eine Bewohnerin des Dorfes will auf diese Weisheit nicht schwören, und selbst wenn das Rezept funktionieren ­sollte, hat es in diesem Dorf keinen nachhaltigen Effekt gehabt. Hier leben nur noch acht Menschen, alle Frauen, die jüngste 63 Jahre alt, weiß die junge Mitarbeiterin in einem modernen Besucherzentrum, wo ein Film über diese selt­samen Steine zu sehen ist. Wunder hin, Wunder her − bei den Steinen handelt es sich um ein uriges geologisches Phänomen.
Im Innern von großen Brocken aus gräulichem Granit entstanden vor vielen Millionen von Jahren kleine schwarze Steine, die auch Feldspat und Granit enthalten. Sie erwärmen sich bei hohen Temperaturen mehr als das Gestein um sie herum, so dass sie sich stärker ausdehnen und sich im Laufe der Jahrtausende herauslösen. Hiervon zeugen am Ort große Brocken aus Granit mit kleinen dunklen Flecken als Zeichen dafür, dass hier kleinere dunklere Steine »ausgebrochen« sind.
Im Jahr 2018 verirrten sich rund 25 000 Personen zu den pedras parideiras. Sie ­gehören zu den Aushängeschildern des Landkreises Arouca, der offiziell zum Großraum der Nordmetropole Porto gehört, aber doch eine Welt für sich bildet. Nicht weit westlich, näher an der Autobahn A 1 von Lissabon nach Porto, liegen Orte wie São João da Madeira mit seiner Schuhindustrie oder Santa Maria da Feira, das Zentrum der Korkverarbeitung. Arouca mit seiner Fläche von 329 Qua­dratkilometern und rund 22.000 Einwohnern liegt abseits und war auch als ­Reiseziel bisher kaum bekannt.
Das will die Verwaltung des im wahrsten Sinne des Wortes steinreichen Landkreises ändern. Arouca möchte seine geologische Vielfalt ausspielen, um sich einen Platz auf der touristischen Landkarte zu erobern. Immerhin hat die ­UNESCO den gesamten Landkreis als »Geopark« anerkannt.
Für eine neue Attraktion wurde Arouca schon viermal, in den Jahren 2016−19, mit World Travel Awards ausgezeichnet, nämlich für die im Jahr 2015 eröffneten Passadiços do Paiva. Es handelt sich hierbei um einen 8,6 Kilometer langen Laufsteg aus Holz, der es auch Leuten ohne Wanderschuhe erlaubt, durch eine wilde Landschaft zwischen steilen Felsen und dem rauschenden Rio Paiva zu spazieren. Hier wurde die Passage an die Felsen geschraubt, dort mit Pfeilern auf den Stein gestützt. Mal verläuft der Weg waagerecht, mal führen Treffen im Zickzack steil hinauf und wieder hinunter. Wer arg ins Schwitzen kommt, findet unterwegs Plätze für kühle Bäder im Fluss.
Die Kommune beziffert die Investition für das mit EU-Geld geförderte Projekt auf rund 1,8 Millionen Euro. 2008 kamen rund 200.000 Besucher, die den eher symbolischen Eintrittspreis von einem Euro bezahlten. An manchen Tagen war der Andrang so stark, dass die von der Kommune und privaten Unternehmen ge­tragene Gesellschaft Geopark Arouca ein Limit von 2000 Eintritten pro Tag fest­legte.
Nicht nur zu Fuß lässt sich die Landschaft erkunden. An einem Ende des Laufstegs befindet sich ein Café, dessen Betreiber auch Rafting-Abenteuer auf dem Fluss organisiert, dies mit fünf festen und rund 30 freien Mitarbeitern. Wer ganz hoch hinaus will und schwindelfrei ist, soll die Schlucht des Rio Paiva bald auf der mit 516 Metern weltweit längsten Hängebrücke für Fußgänger überqueren können − immerhin bis zu 175 Meter über dem Boden.
Arouca selbst ist eine adrettes und sympathisches Städtchen mit dörflichem Ambiente und einigen gemütlichen Winkeln, wenngleich die Postkartenmotive eher rar sind. Im Zentrum erhebt sich ein früheres Kloster, das der Staat als Eigentümer vor einigen Monaten für die ­Einrichtung eines Hotels der gehobenen Kategorie an einen privaten Investor verpachtet hat. Etwa 50 Zimmer zählt das derzeit größte, relativ neue Hotel am Ort.
Wenige Autominuten vom Ort entfernt befindet sich das Museu das Trilobites ­Gigantes, mit ungewöhnlich großen Fossilien, die vor über 400 Millionen Jahren entstanden. Ein geologisches Kontrastprogramm aus der jüngeren Geschichte bieten frühere Minen für Wolfram, das einst zur Härtung von militärischen Geschossen diente. Schon im Ersten Weltkrieg exportierte Portugal dieses Metall. Im Zweiten Weltkrieg wurde es aber zu einem regelrechten Exportschlager des neutralen Landes, das beide damit Seiten belieferte − also die Briten ebenso wie Nazi-Deutschland.
Minen für Wolfram gab es in verschiedenen Gegenden des Landes. Im Kreis Arouca hatten derweil sowohl die Briten wie auch die Deutschen ihre Minen, nur wenige Kilometer von einender entfernt. Zu dem, was übrig geblieben ist, winden sich schmale Straßen, teils am Rand von Abgründen entlang und durch so manche Funklöcher.
Bei der deutschen Mine pflegt die 69-jährige Dona Alice die Erinnerung an alte Zeiten. Sie erzählt, dass ihr Vater schon Jahre vor ihrer Geburt auf dem Höhepunkt des Wolfram-Booms hierher zog und nach Kriegsende am Schwarzmarkt für das weiterhin gefragte Mineral aktiv war − bis er untertauchen musste, weil ihm die Polizei auf die Schliche gekommen war. Casa do Volfrâmio heißt noch heute die Ferienwohnung, die Dona Alice vermietet. Um Gästen zu zeigen, wie Wolfram aussah, hält sie einen Kasten mit einigen Brocken davon bereit. Und sie kennt die Verse eines Liedes ­darüber, wie einst die Arbeitskraft für die Ernte von Oliven, Mais und Kartoffeln knapp war, weil so Leute in der Mine schufteten. Wer eine Taschenlampe oder ein Mobiltelefon mit Licht dabei hat, kann sich durch einen Stollen dieser Mine tasten und erreicht einen rauschenden Wasserfall.  
»Werfen Sie Ihr Navigationsgerät in den Fluss« rät eine Frau dem Fremden, den die Elektronik bei der Suche nach der englischen Mine in einem einsamen Dorf auf Irrwege geleitet hat. Hinter vielen weiteren Kurven schlummert das Dorf Regoufe. Kurz davor führt ein holpriger Abstecher zu den Ruinen gräulicher Häuser und den Toren eines seit langer Zeit wohl ungenutzten Fußballplatzes als Zeuge des Hochbetriebs, der hier einst herrschte.
In jüngerer Zeit spielte der Fußballclub von Arouca einige Jahre in der ersten Liga und empfing auch die ganz großen Teams des Landes. Am Ende der Spielzeit 2017 / 18 konnte Arouca aber den Abstieg nicht vermeiden. Anstelle der Fußballfans sollen jetzt die Touristen herbeiströmen.

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