Königin Maria I. – Gefangene von Queluz und Rio

Foto eines Retratos da Rainha D. Maria IRetrato da Rainha D. Maria I · © Wikimedia Commons

Andreas Lausen über die erste wirkliche Herrscherin auf dem portugiesischen Thron (1734–1816)

> Sie war die erste Frau, die in Portugal herrschte. Zwar gab es immer schon mächtige Königinnen auf Portugals Thron, aber sie waren ihrem königlichen Gemahl nominell untergeordnet. Um das traumatische Erlebnis eines fehlenden Thronfolgers zu bannen, hatten sich König José I. und die Cortes als die Vertretung von Adel, Klerus und Bürgertum verständigt, dass mangels männlichem Erben Josés Tochter Maria Francisca die erste Königin werden ­sollte. 

 José hatte weder Lust noch Begabung zum Regieren und daher die Geschäfte weitgehend seinem tüchtigen Premierminister Marques de Pombal überlassen. Vorsorglich hatte er seinen Bruder Pedro mit seiner Tochter Maria Francisca verheiratet (1760), der ihr bei der Regierung als Rei Consorte behilflich sein sollte. 

1777 starb der ängstliche, von der Erdbebenkatastrophe (1755) tief traumatisierte José. Seine Tochter trat als Maria I. die Herrschaft an. Schon wenige Tage später setzte sie den allmächtigen, erfolgreichen Diktator Pombal ab und verbannte ihn auf sein Landgut bei Leiria. Sie konnte ihm nicht vergeben, dass er 1759 ihre Freunde, die Adelsfamilie Távora, nach einem nie geklärten Attentat auf ihren Vater, König José I., auf den Scheiterhaufen geschickt hatte.  

Marias Regierung war anfangs von Reformen geprägt. Sie befreite die politischen Gefangenen, die Pombal eingekerkert hatte. Sie verfolgte eine Neutralitäts- und Friedenspolitik, schloss Frieden mit Spanien und schob die Industrialisierung Portugals an. 30 Jahre lang hatte Portugal mehr Exporte als Einfuhren zu verbuchen und die Staatskasse füllte sich. Maria machte den kirchenfeindlichen Kurs Pombals rückgängig. Auch auf sozialem Gebiet wurde sie aktiv. Sie gründete die ersten staatlichen Waisenhäuser in Portugal (Casa Pia) und bewilligte ihnen die nötigen Gelder.

Mächtigster Mann im Königreich war jedoch nicht ihr Ehemann, der auf Marias Weisung als Pedro III. in der Reihe der portugiesischen Könige mitzählte, sondern der Polizeichef Diogo Pina Manique, der mit seinem Geheimdienst über alle kritischen Geister im Land Bescheid wusste. Er hatte auch auf die Anhänger der Französischen Revolution (ab 1789) aufzupassen, die auf Reformen oder gar Umsturz in Portugal aus waren. Maria gewährte Flüchtlingen aus Frankreichs Adel und Klerus großzügig Asyl. Gern hätte sie auch die französische Königin Marie-Antoinette aufgenommen, die aber nicht aus dem revolutionären Frankreich flüchten konnte. So starb Marias Verwandte auf dem Schafott.

Ihr privates Leben war von Unglück überschattet. Drei ihrer sechs Kinder starben als Kleinkind, zwei weitere in jungen Jahren. Ihr königlicher Gemahl und Onkel Pedro III. starb 1786. Unterdessen steigerte sich Marias tiefe Religiosität immer mehr in wahnhafte Zustände. Der Hof holte 1788 den englischen Psychiater Dr. Francis Willis zur Begutachtung ihres Zustands. Mentalmente instável lautete sein striktes Urteil. Ihr Sohn João VI. wurde 1792 zum Regenten ernannt, aber Maria behielt die Königswürde und zeremonielle Aufgaben.

Im heiteren Rokoko-Schloss von Que­luz wurde sie praktisch eingesperrt. Der verspielte pastellfarbene Palast passte so gar nicht zu der düsteren, verzweifelten Königin, die sich überall von Teufeln und Heiligen bedrängt fühlte. Ihr Vater, der Pombal die Verfolgung der Jesuiten erlaubte, müsse dafür in der Hölle ewige Qualen erleiden, war Maria überzeugt. Ihre gellenden Schreie gingen den seltenen Besuchern durch Mark und Bein. 

1807 folgte der letzte Akt in diesem Trauerspiel. Napoleons Truppen waren im Vormarsch auf das mit den Briten verbündete Portugal. Der Hof beschloss, mit tausenden Hofbeamten, Dienern, Soldaten, einem kompletten Symphonieorchester, Schauspielern und Künstlern nach Brasilien zu flüchten. In einem lichten Moment fuhr die Königin ihren Kutscher auf dem Weg zum Hafen an: »Nicht so schnell, die Leute könnten sonst denken, wir fliehen!«

In der neuen Hauptstadt Rio ließen ihre Höflinge sie nicht allein aus dem Palast. Sie war immer in Begleitung von zahlreichen Hofdamen und Betreuerinnen. «Maria-vai-com-as-outras» wurde zum redensartlichen Synonym für eine schwache, unselbständige Person. 

Dieser Abschnitt der portugiesischen Geschichte hätte etwas Einmaliges sein können: ein weltumspannendes Reich, das von einer Kolonie aus gleichberechtigt regiert wurde. Aber dafür wäre eine gesunde, zielstrebige und aufgeklärte Monarchin nötig gewesen. So blieb es nur bei dem schönen Namen Reino Unido de Portugal, Brasil e Algarves, aus dem Brasilien schon 1822 ausschied. Die anderen Kolonien mussten auf die Unabhängigkeit bis 1974/75 warten.   

1816 starb Portugals erste Königin mit 81 Jahren im Convento do Carmo in Rio. Sie wurde 1821 in der von ihr beauftragten Basílica de Estrêla in Lissabon beigesetzt.

Mit Beginn der Invasionen Napoleons hatten die Briten das Zepter in Portugal übernommen. Sie bestimmten im Militär, in der Wirtschaft und in der Politik. Portugals mächtige Marine war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ganz schleichend war die Macht von den Braganças an Marschall William Beresford über­gegangen. 

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