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Interview mit DPG-Schatzmeisterin Gabriele Baumgarten-Heinke

Mit einem Lächeln: Interview mit Gabriele Baumgarten-Heinke über ihre Lebensgeschichte und die Zukunft der DPG    Fragen von Andreas Lahn

> PORTUGAL REPORT: Das Weihnachtsfest mit dem leckersten ­Essen hast du im Jahre 2000 in Portugal erlebt. Erinnerst du dich?
Gabriele Baumgarten-Heinke: Das war das erste gemeinsame Weihnachtsessen mit Harald Heinke, nachdem wir zusammengezogen sind. Wir sind in Portugal gewesen und am 24.12. von der Algarve nach Lissabon gefahren. Er wollte mir alles in Grândola zeigen, was mit der Nelkenrevolution zusammenhängt. Auf der Weiterfahrt war Stau, es goss in Strömen und als wir gegen 19 Uhr Hunger hatten, haben wir in einer Raststätte gegessen, mit drei vier alten Männern, die sich gefragt haben, was die denn hier machen. Wir haben ein KäseBaguette gekriegt. Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Aber das ist auch ein Stück Harald. Ich habe mich im Zusammenleben mit ihm daran gewöhnt, dass es Dinge gibt, die Vorrang haben wie z. B. die DPG und seine Arbeit. Wir haben das Festessen am 25.12. nachgeholt.

Gibt es für dich einen Lieblingsort in Portugal − vielleicht die Insel Madeira?
Wir haben auf Madeira viele Wanderungen an den Levadas entlang macht. Das viele Grün hat mich beeindruckt. Aber einen speziellen Lieblingsort habe ich nicht. Ich mag auch Lissabon, Porto die Algarve. Ich finde Portugal insgesamt und die Menschen einfach faszinierend. 

Du bist ja 1955 in Guben in der ehemaligen DDR geboren. Welche Erinnerungen hast du an das Leben dort?
Da mag jeder unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Was mich traurig macht, ist, dass die DDR häufig auf Mauer und Staatssicherheit reduziert wird. Ich hatte eine ganz normale Kindheit. Für mich gab es Geborgenheit und Sicherheit durch die Familie. Wir haben gelacht und uns gefreut, wir sind zur Schule gegangen. Erst Ende der 1980er Jahre mit den großen Demonstrationen bin ich auf die Staatssicherheit (Stasi) aufmerksam geworden. Mir war vorher nicht bekannt, was in den Gefängnissen passiert ist oder dass Frauen die Kinder weggenommen wurden. Meine Kindheit möchte ich nicht missen. Ich hatte eine schöne Kindheit. 

Drei Töchter durch das Leben zu begleiten ist nicht gerade einfach. Wie siehst du das?
Meine Töchter sind zu Freundinnen geworden. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Die eine lebt in Zürich und zwei in Dresden. Alle habe eine gute Ausbildung und haben Familien gegründet. Die Beziehung zu ihnen, unser Zusammenhalt, auch zu meinen Enkeln, ist für mich eine große Freude.

Du hast in der DDR als Lehrerin gearbeitet. Welchen Stellenwert hatte der Beruf? Und warum hast du aufgehört als Lehrerin für Russisch und Geschichte zu arbeiten?
Meine Töchter sind immer mal wieder abwechselnd krank geworden. Ich bin dadurch ab und zu ausgefallen und habe viel Druck gespürt nach dem Motto: »Hier warten 30 Kinder auf Sie, und Sie haben nur zwei.« Ich konnte die beiden ja nicht an der Garderobe abgeben. Das war für mich der Grund, die Volksbildung zu verlassen, was natürlich nicht einfach war.

Ein Schlüsselerlebnis sozusagen?
Ja, genau. Ich brauchte die Hilfe eines Arztes, um aus der Volksbildung ausscheiden zu können. Durch die Sprachausbildung in Russisch habe ich bei der IHK Zertifikate als Reiseleiterin/Dolmetscherin gemacht und dann in der DDR Reisegruppen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Berlin, Erfurt, Leipzig, Dresden begleitet. Das hat mir damals sehr viel Spaß gemacht.

Du bist Inhaberin des Reiseunternehmens i-Punkt in Dresden gewesen. Wie hast du das Ende der DDR erlebt und warum hast du das Reisebüro aufgegeben?
Das war eine spannende Zeit. Ich war keine, der man vorgeben musste, was sie zu tun und zu lassen hatte. Man musste sich einen Platz suchen und die Frage beantworten: Was will ich, wo gehöre ich hin? Ich war bei der Dresden-Information und hatte das große Glück, dass Hamburg und Salzburg Städtepartner von Dresden waren. VertreterInnen dieser beiden Städte sind auf uns zugekommen und haben nach Möglichkeiten gesucht, uns touristisch zu unterstützen. Wir haben  ins Salzburger Land einen Bus-Pendelverkehr aufgebaut. Auf der Straße war eine lange Schlange, so dass man dachte, es gäbe Bananen. Aber die Leute wollten alle diese Reisen kaufen. Doch dann hat die Stadt Dresden gefordert, diesen »Reisedienst der Stadt Dresden« abzuwickeln, weil Reisebüros nach westdeutschem Recht nur privat sein dürfen. Ich habe beschlossen, das Reisebüro zu privatisieren. Das war mutig, weil wir von der großen weiten Welt nicht viel Ahnung hatten. Auch mit Computern und den Programmen mussten wir lernen umzugehen. Ich war auf vielen Lehrgängen, habe das Ausstellen von Flugtickets (Ticketing) und auch das Buchen selbst gelernt. Eines Tages stand ein Kunde im Reisebüro und will zum Popocatépetl. Ich dachte: Will er was zu essen oder was meint er? Am Anfang wussten Kunden, die ganz gezielt irgendwo hinwollten, mehr als wir. Wir haben sie gefragt, warum sie dann gerade da hin wollen. Dann haben die Leute erzählt und wir wussten, welchen Katalog wir ihnen mitgeben konnten. Ich war seit 1990 Mitglied des Deutschen Reiseverbandes (DRV), genau das Unternehmen, bei dem ich 2019 mein Arbeitsleben beendet habe. 1996 sollten wir für das Reisebüro eine 300 Prozent höhere Miete zahlen. Da es mittlerweile viele Reisebüros gab, war der Markt schon aufgeteilt und das Risiko an einem neuen Standort zu groß. Ich habe sechs Jahre die freie Marktwirtschaft ausprobiert und genoss in den folgenden Jahre die Vorteile des Angestelltendaseins. Ich bin dann Büroleiterin eines FIRST-Reisebüros in der Dresdener Neustadt geworden. 

Foto der nächtlichen Silhouette von Dresden

Blick auf das nächtliche Dresden · Foto: © Felix Mittermeier auf Pixabay

Das wäre ja cool für die DPG, selbst Reisen nach Portugal zu organisieren, zumal du nach etlichen Jahren in verschiedenen Unternehmen der Reisebranche über ausreichend Erfahrung verfügst?
In diesem FIRST-Reisebüro tauchte einens Tages ein Herr Heinke als Direktor von OLIMAR auf und sagte: »Ihr Umsatz bei OLIMAR lässt aber schon zu wünschen übrig.« Ich habe dann gekontert und geantwortet: »Ich weiß zwar, wo Portugal liegt und dass Lissabon die Hauptstadt ist, aber ich war noch nie dort.« Er hat mich dann auf eine Info-Reise mitgenommen, mir Orte und einige Hotels gezeigt, so dass ich danach Reisen nach Portugal ganz anders verkaufen konnte. Und − wie es so seine Art ist − hat er mir einen Zettel hingelegt und gesagt, ich könne dann ja auch gleich Mitglied der Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft werden. Das war 1998. Ich sollte dann auch gleich die Stadtsektion Dresden übernehmen, was ich auch gemacht habe, obwohl andere Mitglieder natürlich mehr über Portugal wussten als ich.

Das ist ja jetzt 23 Jahre her. Was hat sich aus deiner Sicht im Laufe der Jahre in der DPG verändert?
Ich habe ja noch den damaligen Präsidenten Peter Neufert kennenlernen dürfen und war bei vielen Veranstaltungen dabei. Ich glaube, damals ist der Enthusiasmus größer gewesen als heute. Es gab mehr aktive Leute, auch in den Landesverbänden. Wenn ich an die Urgesteine der DPG denke, kam von denen sehr viel Energie. Man hat sich häufig gesehen, es gab regelmäßige Präsidiumssitzungen. Dann hat Harald das Amt als Präsident übernommen. Er hat das super gemacht und konnte seine ganzen Kontakte in alle lusophonen Länder und viele Vereinigungen in die DPG einbringen. Vielleicht hat er einigen Leuten sogar zu viel Arbeit abgenommen. Im Moment ist es eher so: Wenn nichts vom geschäftsführenden Vorstand angeschubst wird, hört man zu Corona-Zeiten doch sehr wenig von den Landesverbänden. Das macht mir auch ein wenig Sorgen, muss ich gestehen.Manchmal stelle ich mir die Frage: Schläft durch Corona alles ein oder was passiert hier gerade? 

Du bist Schatzmeisterin in der DPG. Wie ist der Verein für die Zukunft aufgestellt? Stimmen die Finanzen?
Nicht nur die DPG, sondern Vereine ganz allgemein haben in Deutschland mit vielen  Problemen zu kämpfen. Deshalb haben wir uns ja im Juni 2021 zum Strategie-Workshop getroffen. Die Mitgliederzahlen sinken und viele der langjährigen aktiven älteren Mitglieder fallen irgendwann einmal weg. Mehr Mitglieder zu akquirieren und einzubinden, bleibt aus meiner Sicht schwierig. Weniger Mitglieder heißt auch weniger Beitragseinnahmen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wenn weniger Geld zur Verfügung steht, kann man auch weniger machen. Und wenn wir weniger machen, können wir weniger Leute von der DPG begeistern. Ich habe mich gefreut, dass über deine Spendenaktion Geld reingekommen ist, was uns mehr Rückhalt gegeben hat. So steht als Ergebnis des letzten Jahres ein schönes Plus. Man muss das Ganze aktiv halten, sonst schläft irgendwann alles ein.

Durch die Pflege des langjährigen Präsidenten der DPG, Harald Heinke, zu Hause hat sich dein Leben verändert. Wie kommst du mit den Anforderungen zurecht?
Das war eine schwierige Situation. Seine Krankheit kündigte sich bereits 2014 und auch 2016 an. Aber damals konnte ich noch arbeiten gehen. Er hat versucht, das Beste daraus zu machen und ist mit dem Rollator gegangen. Schon damals hat mir der Pflegedienst geholfen. Im März 2019 musste ich dann in zehn Tagen entscheiden, ob er ins Pflegeheim soll oder ob ich ihn zu Hause pflege. Ich hätte damals ­eigentlich noch zwei Jahre arbeiten müssen. Diese Situation stülpt das Leben von jetzt auf gleich um. Da er Pflegegrad 5 hat und die Krankheit fortschreitet, habe ich beschlossen, meinen Beruf aufzugeben. Ich kenne mich gut mit dem Computer aus und stelle fest, dass es in diesem Land unendlich viel Hilfe gibt, wenn jemand krank ist. Ich habe jetzt drei Pflegedienste im Einsatz und muss trotzdem nichts zuzahlen. Man muss viel recherchieren über Webseiten wie pflegehilfe.de und andere. Mit der Hilfe komme ich selbst gut zurecht. Nach zwei Jahren werde ich oft von anderen Pflegenden um Rat gebeten. Doch mit 18 Pflegeterminen pro Woche bleibt für mich selbst wenig Freizeit.

Foto von Gabriele Baumgarten-Heinke im Schlosspark Niederschönhausen

Gabriele Baumgarten-Heinke im Schlosspark Niederschönhausen · © Foto: privat

Beim Walken in der Natur versuchst du abzuschalten. Wohin gehst du?
Oftmals hier um die Ecke in die Gartenanlage, aber lieber in den Schlosspark Niederschönhausen. Das Schloss dort ist ja der Sitz der früheren DDR-Regierung. Ich gehe nicht deshalb dorthin, sondern weil da ein wunderschöner Park ist. Da fließt die Panke durch, und für mich ist das dann der Moment in der Natur, um abzuschalten und was für mich zu tun.

Zur Entspannung praktizierst du Yoga. Hast du dafür genug Zeit?
Ich gehe Donnerstags zum Vereinssport. Wir machen leichte Übungen wie Stretching, und Yoga. Manchmal fühle ich mich vorher kaputt, aber ich raffe mich dann auf, weil ich weiß, dass mir das sehr viel Energie gibt. Die Sportgruppe ist auch ein Treffen von FreudInnen.

Du betreibst Ahnenforschung. Wie weit lässt sich der Stammbaum zurückverfolgen?
Bisher noch nicht so weit. Ich habe aber herausgefunden, dass der Großvater meiner Mutter im ersten Weltkrieg verschollen ist, in Frankreich. Ich weiß, dass sein Grab noch existiert und wo es ist. Ich finde es spannend, wenn man plötzlich Post bekommt und dann weiß, wer die Vorfahren sind und wo sie abgeblieben sind. Das macht richtig viel Spaß.

Warum bist du damals von Dresden nach Berlin gezogen?
Ich bin aus Liebe zu meinem Mann Harald Heinke nach Berlin gezogen. Ich war eine eingefleischte Sächsin. Zu DDR-­Zeiten gab es einen Kleinkrieg zwischen Dresden und Berlin. Viele Gelder sind nach Berlin geflossen, weil Berlin als Schaufenster der DDR ausstaffiert werden sollte. Als Marzahn gebaut wurde, sind auch Arbeitskräfte abgezogen worden. Doch durch den Einsatz einiger engagierter Menschen sind zum Aufbau von Semper-­Oper, Zwinger etc. auch einige Gelder nach Dresden geflossen. Auch beim Fußball gab es eine große Konkurrenz: Dynamo Dresden und Union Berlin waren nicht die besten Freunde. Berlin war nie der Traum meines Lebens. Doch als ­Harald zu mir sagte, wir sollten schon zusammenleben, bin ich spontan hierher gezogen. Ich hatte ein wenig Scheu und habe mich gefragt, ob die Berliner mich als Sächsin akzeptieren. Doch das war einfacher als gedacht. Berlin ist so Multikulti, hier leben Sachsen und Schwaben, man trifft überall interessante Menschen. Es ist viel menschlicher und herzlicher als ich es mir vorgestellt habe.
Das Multikulti der Menschen ist sehr angenehm. Ich mag auch die Vielfalt in der Kultur. Und trotz der Größe gibt es in Berlin viele grüne Oasen. Hier um die Ecke in Wedding ist der Plötzensee. Du kannst mitten in der großen Stadt im See schwimmen gehen. Es gibt viele große Parks, und einige Kilometer weiter wird jetzt das Moor renaturiert. Ich finde das alles unglaublich. Das Leben in Berlin ist schön, aber ich wohne ja auch nicht ganz mittendrin. Trotzdem bin ich schnell im Zentrum. Das Leben in den vielen Kiezen ist ganz anders als in Berlin-Mitte.

Magst du Museen?
Ja, vor allem die historischen Museen auf der Museumsinsel. Ich bin unheimlich gerne im Pergamon-Museum. Obwohl ich schon x-mal dort war, fasziniert es mich immer wieder. Ich bin auch gespannt, was es im Humboldt Forum, im Berliner Schloss, zu sehen gibt. Das will ich mir in diesem Jahr angucken. Ich bin auch mal im Dom auf den Turm gestiegen. Der Blick über die Stadt ist auch sehr schön .

Toleranz und Optimismus sind dir wichtig. Außerdem möchtest du die Welt besser machen. In Zeiten von Corona gewinnt dein Lebensmotto an Bedeutung: »Wir haben nur das eine Leben.«
Genau so ist das! Wenn Menschen sich mit einem Lächeln begegnen, wenn man aufeinander zugeht und miteinander redet,  läuft alles freundlicher und schöner. Jetzt sind Wahlen. Ich kann es einfach nicht verstehen zu sagen: »Das bringt nichts. Ich gehe da nicht hin!« Eine Politikverdrossenheit bringt uns nicht voran. Aber was tun diejenigen denn? Es gibt sicher keine Partei, die zu 100 Prozent die Wünsche eines jeden einzelnen umsetzen kann. Dazu sind die individuellen Vorstellungen Menschen viel zu verschieden. Aber einfach mal in die Programme der Parteien schauen, sich damit auseinandersetzen und dann entscheiden, was für einen wichtig ist. Für mich ist soziale Gerechtigkeit wichtig. Dazu gehören u. a. Mindestlöhne, der Kampf gegen Kinderarmut, den Pflegenotstand stoppen und gerechte Renten. Wichtig sind mir auch die Stärkung der Demokratie, die Klimagerechtigkeit und der Stopp von Rüstungsexporten.
Ich bin der Meinung, dass diese Erde, dass die Natur den Menschen loswerden will, und sagt: »Es reicht! Ihr Menschen habt alles kaputt gemacht, jetzt wehren wir uns!« Die Auswirkungen spüren wir alle, sie sind nicht zu übersehen. Und deshalb müssen wir viel mehr tun, um die Natur zu retten und auch unseren nachfolgenden Genera­tionen die Chance einräumen, auf dieser Erde ein schönes und friedliches Leben zu haben. 
Und im Alltag bedeutet dies, einfach ein bisschen aufeinander zu achten, miteinander zu reden, die Natur zu respektieren und mit einem Lächeln durchs Leben zu gehen. Dann geht vieles einfacher, leichter und schöner.

José Luis Encarnação: Aus dem Leben einer Leistungsbestie

Foto von José Luis Encarnação in seinem Arbeitszimmer

Episoden aus Leben und Karriere von DPG-Mitglied José Luis Encarnação in Deutschland    von Andreas Lahn

> Als ich im hessischen Reinheim ankomme, spüre ich schon, dass besondere Stunden vor mir liegen. Professor Encarnação wohnt seit 1975 dort mit seiner Frau Karla und hat am 29.5.2021 seinen 80. Geburtstag gefeiert. Den Link zum Interview finden Sie am Ende des Artikels.

CAPARIDE / ESTORIL
José Luis da Encarnação wird 1941 in Caparide 20 Kilometer westlich von Lissabon geboren. Er geht in Estoril zur Schule, in der die meisten Lehrer Priester sind, Salesianer. Der monatliche Beitrag ist leistungsabhängig zu entrichten. Da Prof. Encarnação aus armen Verhältnissen kommt, das Geld also knapp ist, wusste er, dass er sich anstrengen muss, weil sein Vater die Schule sonst nicht bezahlen kann. Er hat schnell gelernt, dass ihm nichts geschenkt wird. Mit diesem Bewusstsein wird er zu einem guten Schüler und exzellenten Rollhockey-Spieler: »Die Priester haben uns zu Leistungsmenschen geformt. Wir mussten etwas leisten, um unseren Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden.«
Da Prof. Encarnação auch gut in Mathe­matik und Physik ist, empfehlen ihm die Salesianer am Ende der Gymnasialzeit, das Studium der Elektrotechnik, möglichst im Ausland, um Erfahrungen zu sammeln und eine weitere Sprache zu lernen. 

BERLIN
Die Entscheidung fällt auf Deutschland, und so kommt er zusammen mit seinem Kommilitonen José Manuel Carneiro 1959 in Aachen an. Nach zwei Praktika und einem Umweg über Hamburg fahren die beiden schließlich nach Berlin, wo sie am 13.8.1961 einen Schock kriegen. Mitten durch die Stadt wird eine Mauer gebaut. Als er diese Nachricht im Radio hört, zweifelt er zunächst an seinem Deutsch, doch als er einem anderen Mieter und seiner aus Ostberlin stammenden Freundin davon erzählt, geht alles sehr schnell: Sie fahren gemeinsam zum Brandenburger Tor und sprechen die Westberliner Polizei an, die sagt: »Wenn Sie jetzt rübergehen, müssen Sie auch dort bleiben.« Die Frau muss sich also in wenigen Minuten entscheiden, ob sie bei ihrer großen Liebe bleibt oder nach Ostberlin zurückgeht, um ihre pflegebedürftige Mutter zu unterstützen. Diese kleine Episode zeigt, welche persönlichen Auswirkungen Grenzen und Mauern in dieser Welt haben können. 
Als die Mauer 1989 fällt, sitzt Prof. Encarnação im Auto, hört die Nachricht auf Französisch und zweifelt an seinen Sprachkenntnissen. Als er nach Hause kommt, sitzt seine aus Berlin stammende Frau Karla weinend auf der Couch und starrt gebannt auf den Fernseher und die Berichte über die gefallene Mauer. Für ihn ist klar: »Die Mauer hat einen emotionalen und ganz festen Platz in meiner persönlichen Geschichte.« 
Im Wintersemester 1961/1962 beginnt J. L. Encarnação das Studium der Elektrotechnik an der TU Berlin und lernt in diesem Jahr »seine« Karla kennen, die er 1963 im kleinen Kreis heiratet und mit ihr in den nächsten zwei Jahren zwei Söhne zeugt. Doch bei der »Studenten-Hochzeit« fehlen Kutsche und Hochzeitstorte, Dinge die sich Studenten normalerweise eben nicht leisten können. Da diese eher »bescheidene« Hochzeit im Laufe der Jahre immer mal wieder Thema zwischen den beiden ist, denkt Prof. Encarnação »Dir werde ich es zeigen!«, arrangiert eine riesige Überraschung zur Goldenen Hochzeit im Jahre 2013 und holt in diesen Tagen alles  nach, was 1963 fehlt: Mit seinen Söhnen und deren Frauen feiern sie im Restaurant, in der Kirche, buchen eine Abendveranstaltung, essen eine riesige Torte und lassen sich in einer Kutsche herumfahren. Alle sind begeistert, zufrieden und das »Thema« ist damit für immer vom Tisch.
Als J. L. Encarnação sein Studium 1968 als Diplom-Ingenieur abschließt, will er eigentlich nach Portugal zurückkehren, doch dann erhält er mit viel Glück ein Stipendium der Gulbenkian-Stiftung für Promotionen im Bereich Technik- und Ingenieurs-Wissenschaften im Ausland. Ohne dieses Stipendium wäre sein ganzes Leben komplett anders verlaufen. Doch so findet er mit Prof. Giloi einen Doktorvater, der ihn am Heinrich-Hertz-­Institut dankbar als Doktoranden aufnimmt, denn er bringt sein Geld schließlich mit und ist somit eine kostenlose ­Arbeitskraft. Sein Thema sind Visualisierungs-Techniken am Computer, also die Frage: Wie bringt man dem Rechner bei, aus seinen unendlichen Zahlenkolonnen Bilder am Monitor so darzustellen, dass das »Augentier« Mensch damit etwas anfangen kann? Nach der erfolgreichen Promovierung 1970 arbeitet er noch zwei Jahre in Berlin, bevor er 1972 seinem Doktorvater Prof. Giloi folgt und als sein Assistenz-Professor im Bereich Computer Graphics nach Saarbrücken geht.

DARMSTADT / REINHEIM
1975 folgt er dem Ruf der TU Darmstadt, wo er einen von Professor Piloty im Rahmen des ÜRF Informatik an der TU geschaffenen Lehrstuhl für Computer Graphics erhält. Das Fach ist im Fachbereich Informatik angesiedelt, die an den deutschen Hochschulen zwischen 1968 und 1975 etabliert wird. Was heute alles wie selbstverständlich am Display erscheint, hat also einen langen Forschungsweg hinter sich. Prof. Encarnação beschreibt Computer Graphics so: »Computer Graphics beschäftigt sich mit allem, was gerätetechnisch, in Hardware und Software notwendig ist, um aus dem digitalen Rechner ein Instrument zu machen, das nicht nur Zahlen produziert, sondern diese in Bilder umwandelt, und den Menschen dadurch in die Lage versetzt, mit den Bildern zu interagieren. Und das selbstverständlich im Kontext einer bestimmten Anwendung.«
Für mich interessant, dass es Jahre und Jahrzehnte braucht, bis bestimmte Forschungsvorhaben in der Bevölkerung ankommen. Wir alle haben in den letzten Jahren Begriffe gehört wie virtual reality oder auch augmented reality, im Social-­Media-Bereich ist Storytelling zur Zeit in aller Munde. Die technischen Grund­lagen werden dafür bereits zwei Jahrzehnte vorher gelegt. Die rasant steigende Bedeutung der Informatik in der bundesdeutschen Gesellschaft lässt sich an einer einfachen Zahl ablesen: Als Prof. Encarnação in Darmstadt anfängt, hat er drei Mitarbeiter, einen Programmierer und eine Sekretärin an seiner Seite. Als er im Jahre 2009 emeritiert, arbeiten in diesem Fachgebiet 1000–1200 Leute!
Natürlich verschlingt Forschung auch viel Geld, zumal man am Anfang nicht sicher sein kann, dass am Ende auch etwas Brauchbares herauskommt. Und deshalb ist die Verzahnung mit der Industrie für ForscherInnen wichtig, denn ohne das Geld aus der Automobilindustrie und der Medizintechnik wären viele Projekte zur Erforschung und Vor-Entwicklung vieler Technologien, die heutzutage schon fast als selbstverständlich erscheinen und eine breite Anwendung finden, gar nicht denkbar.
Prof. Encarnação hat früh erkannt, dass bewegte Bilder eine zentrale Komponente in der technologischen Entwicklung sind. Er lebt nach dem Motto »Geht nicht gibt es nicht.« und weiß, dass es nicht reicht, neue Dinge nur zu wollen: »Man muss sie auch machen!« 
Als Direktor des Fraunhofer Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) hat Prof. Encarnação den OrganisatorInnen der Weltausstellung Expo 1998 in Lissabon vorgeschlagen, zusätzlich zum realen Oceanário ein virtuelles zu programmieren, das den Menschen in der Warteschlange vor dem Eintritt die Zeit vertreibt. Dadurch wird Computer Graphics auch in Portugal zum Thema und Prof. Encarnação als Experte ein gefragter Referent und Ansprechpartner.
Doch gerade der Unterhaltungsbereich stellt die Ingenieure vor immense Probleme. Das naheliegende Ziel ist, die Bedienung von Computern zu erleichtern und Eingaben über Bilder und Sprache zu ermöglichen statt über Text. Doch der Computer weiß nicht, wer vor ihm sitzt und deshalb komme es zukünftig primär darauf an, »über die künstliche Intelligenz lernfähige Algorithmen zu programmieren, die vom jeweiligen Nutzerverhalten lernen und sich entsprechend anpassen«. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis Bedienungsanleitungen verfasst werden, die für alle Menschen verständlich sind.

Foto von Karla und José Luis Encarnação

Karla und José Luis Encarnação · Foto: © J. L. Encarnação


Prof. Encarnação ist sich bewusst, dass die berufliche Karriere ohne die Mit­arbeit seiner Frau Karla nicht möglich gewesen wäre: »Ich bin mir dessen bewusst und sehr dankbar, dass ich immer noch mit meiner Karla verheiratet bin.« Und das nun schon seit 58 Jahren! Die Kinder sind aus dem Haus, die beiden leben in Reinheim, einem kleinen Ort in Hessen, der in der Nähe von Darmstadt liegt. Der Frankfurter Flughafen ist nicht weit weg. Er bezeichnet sich selbst als »Leistungsbestie«, weil das, was er in seinem Leben erreicht, nur mit einem großen Willen, viel Ehrgeiz, harter Arbeit und einer guten Ausbildung möglich ist.

AUSZEICHNUNGEN
Als Würdigung seiner beruflichen Karriere wird er mit Auszeichnungen überhäuft und erhält u. a. alle drei Bundesverdienstkreuze, den Hohen Orden des heiligen Jakob vom Schwert (Portugal) und etliche Medaillen, Preise und Ehrendoktorwürden. Wie jeder andere Mensch ist er natürlich stolz, aber nur, »wenn die Auszeichnungen eine Begründung haben«. Das ist ihm wichtig zu betonen, denn er will nichts geschenkt haben. Er freut sich über die Ehrendoktorwürde der TU Berlin und dass die Stadt Darmstadt ihn zum »Heiner« gemacht hat. Fachlich ist ihm die Auszeichnung von ACM Sigraph wichtig, die für ihn »eine Art Nobelpreis im Bereich Computer Graphics« ist. Als bescheidener Mensch möchte er mit diesen Preisen nicht angeben, sondern empfindet einfach nur Freude darüber.

ZUKUNFT
Als leistungsbereiter Mensch muss sich Prof. Encarnação nach seiner Emeritierung und Pensionierung umstellen, was seinen Arbeitsrhythmus angeht. Er hat noch Aufgaben in Deutschland, Portugal, Spanien und in Brüssel, schafft sich eigene Projekte und hat während der Corona-­Pandemie ein Buch über sein Leben geschrieben. Er ist nicht der Typ, der sich vor den Fernseher setzt, aber auf sein Alter Rücksicht nehmen muss: »Ich weiß, dass alles Zukünftige ein Prozess ist, mit einem Anfang und einem Ende. Ich kann für den Anfang sorgen, ich kann während des Weges mitgestalten, aber ich kann altersbedingt kein Ende garantieren. Und das muss ich zur Kenntnis nehmen. Ich möchte keine Verantwortung übernehmen für etwas, was nicht in meiner Hand liegt.«

Ich bedanke mich bei Prof. Encarnação für den wundervollen Nachmittag in Reinheim und wünsche ihm für seine Projekte Energie, Erfolg und Freude.

Lesen Sie bitte das ganze Interview mit José Luis Encarnação

Corona: Quo vadis, portugiesische Fröhlichkeit?

Foto zum Thema Corona-Impfung

Quo vadis, portugiesische Fröhlichkeit?

Ein Protokoll hinter der  Maske • von Ana Carla Gomes Fedtke und Eberhard Fedtke

> Wir leben in Isolation, lock-down auf Englisch. Es ist die reine Tristesse. Wir erledigen Dinge, welche seit Monaten aufgeschoben sind: öffnen Zeitschriften, welche noch in der Plastikverpackung stecken, schreiben mehr Erinnerungen in unser Tagebuch, streichen die Wand unseres Esszimmers, säubern das Innere unseres Autos, erneuern den Garten, beenden Reparaturen in der Garage. Machen alles ohne großartige Motivation. Es fehlen Originalität und Notwendigkeit. Illusorische Zuneigung ist es, angefüllt mit viel Zweigesichtigkeit. Was uns wahrhaftig fehlt, ist eine lebendige Außenwelt, die Feuerwerkskörper alle Wochenenden Woche für Woche im Sommer in den umliegenden Dörfern. Außer diesen inspirativen Festen fehlen uns die farbenfrohen Märkte, ihre Gerichte aus typisch portugiesischer Küche, naturbelassen und schmackhaft, alles unter dem penetranten Lärm von Folklore-Musik aus brutalen, aber angenehmen Lautsprechern. Es fehlt uns der Gesang der Motorboote auf dem Stausee unterhalb unseres Hauses, dem Stausee von Caniçada, uns fehlt der Ozean mit seiner intensiven Realität. Es gehen uns die ehrlichen Umarmungen und anregenden Küsschen unserer Freunde ab. Diese ganze Welt hat die Gestalt eines kannibalischen Traumas. Man kann nicht am öffentlichen Sport teilnehmen. Fußball in einem Stadion ohne Zuschauer ist wie eine Suppe ohne Salz und Gewürze. Das ganze Volk nimmt teil, jedoch auf Distanz. Die Erde frisst ihre Kinder auf, die Pandemie erfreut sich an ihren Leckerbissen. Immer mehr scheint das Land aus dem Leim zu gehen, auf allen sozialen Ebenen und in strukturellen Zusammenhängen, die Zivilisation strangulierend.
Wir verbringen schon die zweite dieser filigran schwierigen Quarantänen, doch selbst eine solche schmuckvolle Stille, derart ausgedehnt, bietet vielerlei Ähnlichkeit mit der sanften, friedlichen, wenn auch kühlen Atmosphäre eines Friedhofs, diese Anlagen, wie nie zuvor, en vogue. Wir machen von der Gelegenheit Gebrauch, über Whatsapp mit Familienangehörigen, Freunden, Kollegen zu sprechen, von denen einige verloren gegangen sind im autodidaktischen homeworking. Über Zoom nehmen wir an Konferenzen und Besprechungen teil, eine für Portugiesen, welche die Haut der anderen zu spüren und zu riechen benötigen, außerordentlich unpopuläre Sache. Mit ihnen kommunizieren wir auf Distanz, um zu erfahren, welche Perspektiven die anderen haben, welche intellektuellen Rezepte und welche praktischen Instrumente ihnen einfallen, um 24 Stunden über 24 Stunden in diesem hygienischen Gefängnis zu überleben, in Gemeinschaft mit einem unsichtbaren Feind, und wie sie die Zukunft sehen. Fürchten sie eine neue Welle eines lockdowns, eine weitere Mutation des superpotenten und ultraaktiven Virus? Und, sofern am Ende die Personen nicht nur ein Maske benutzen müssen, sondern außerhalb des Hauses einen vollständigen aseptischen Anzug, als betrachte sich die derzeitige Menschheit, ausnahmslos, auf einen Operationstisch der Geschichte gelegt? Kann es sein, dass die malträtierte Natur rigoros und hart reagiert, um die Spezies mit zwei Armen und zwei Beinen auszulöschen, welche fortgesetzt das Ambiente missachtet, ohne angemessene Würde und Solidarität mit anderen Lebewesen von Blut und Kopf ihre Reichtümer nutzt und ohne Scham Dekade für Dekade  ungezählte Tiere und Pflanzen eliminiert, Fauna und Flora zum Sterben verurteilt sind? Lamentiert vehement unsere Blumenfrau, dass der Virus schuld daran sei, dass es im Jahr 2021 es nicht genügend Zitronen gibt sowie Palmen in großen Mengen sterben. Etwas übertriebene Panik einer Alten oder profunde Sensibilität einer Prophetin, welche weitere Umweltkatastrophen vorhersagt?
Wir glauben nicht den spekulativen Versprechungen sowie dilettantischen Ausstrahlungen von Fernsehen, Radio und anderer blinder Presse, deren Anliegen es ist, monoton die falsche Analyse eines einfachen Interims in dieser gestörten Welt zu wiederholen, während das globale ökologische und sanitäre Ungleichgewicht täglich zunimmt, um nur auf die Meere zu schauen, die sich schließlich in große Mülleimer verwandelt haben, ideal für die Verbreitung von Mikroben und jedweden anderen Typen von Viren. Der allgemeine Zustand ist bereits zum Erschrecken angetan, doch es kann gut eintreffen, dass im Jahr 2029 das berühmte Covid-19, unser und unserer Kinder und Enkel Dauerbegleiter, in guter Verfassung zehn Jahre eines grausamen Geburtstags feiert.
Wir suchen mit Sorgfalt weitere Meinungen und Kommentare unserer Gesprächspartner aus. Es ist eine illustre Mischung von positiven und negativen Antworten, bewegte, gekünstelte, besorgte und abstruse: ein Spiegel und echtes Kaleidoskop unserer dermaßen kranken Gesellschaft. Wir offerieren eine repräsentative Auswahl, stets mit originellem Inhalt, mit seltenen Standpunkten, einige selbst außerhalb der Nachvollziehbarkeit, wenn nicht fast lächerlich. Ohne eine Rangfolge der Wichtigkeit berichten wir:
Ein erster Freund berührte unsere Seele, in dem er sich weinend darüber beschwert, wie ihm die Fado-Abende fehlen, für ihn eine echte musikalische Liebhaberei, ernsthaft allemal. Diese Musik ist angefüllt von Pros sowie Contras der täglichen Gegenwart und des wahren Lebens, indes lehnt er kategorisch ab, dass die Pandemie das »Zeug zu einem mythologisch würdigen Inhalt« für Fado habe. Ein anderer fühlt sich traumatisiert von dieser Attacke auf die menschliche Gesellschaft, zeigt sich dennoch überzeugt, dass die moderne Medizin diesen schwierigen Kampf bestehen werde. Er glaubt daran, dass die Medizin stets in der Geschichte mit Erfolg sämtliche Epidemien und Pandemien überstand, mit hervorstechender reproduktiver Kraft und der Fähigkeit, sich der natur-medizinischen Instrumente zu bedienen, dieser Kräfte, welche in früheren Zeiten weniger entwickelt waren, selbst dauere Covid-19 bis zum Jahr 39 oder 49, verteidigt er seine Meinung. Ein dritter, befragt, ist sehr befriedigt über die wohltuende Pause der Flugzeuge »über meinem Dach«, lobt die sauberere Luft, die neue Ruhe der verbitterten, jetzt erwachenden Umwelt, die gesamte Natur viel grüner, ein vernünftiges Verbot mit guter Alternative für einen »wild daher stürmenden Tourismus«. Die teilweise Untersagung von Straßenverkehr in Städten, den Stopp der Kreuzfahrtschiffe, diese touristischen Fabriken von Schmutz und Schändung, entnehmen wir als gute Note seiner Perspektive. Ein anderer Freund von uns bejammert das Martyrium der unschuldigen, höchst betroffenen Kinder, welche für die unverantwortlichen Fehler eines frivolen Lebens, super luxuriös und glamourös auf  Kosten anderer, »bezahlen müssen«, zur Klarstellung: der vorhergehenden Generationen, Großeltern und Eltern einbegriffen. Eine Frau beweinte, dass viele Menschen, vornehmlich Arbeiterinnen, Frauen, wegen der Pandemie ohne Arbeit sind, und für viele schutzlose Kinder fehle das »nötige tägliche Brot», um das wir im Vaterunser bitten. Eine gläubige Frau erklärte uns, mit Ruhe und in voller Überzeugung, diese physisch spürbar, dass dieses ganze aktuelle Szenario, überhaupt nicht poetisch und so beunruhigend für viele, welche die Bibel mit ihren reichen Parabeln und Prophezeiungen nicht kennen, daran erinnert, dass es im »Buch des Lebens«, ihrer Meinung nach in Kapitel 11, Abteilung 18, über die Apokalypse gemäss dem heiligen Johannes geschrieben steht: »Es verschwinden die Völker, und ich sehe Deinen Zorn, und die Zeit der Toten, damit sie geurteilt werden, und die Zeit, den Propheten, Deinen Diener, sowie den Heiligen und diejenigen, Kleinen und Großen, die Deinen Namen fürchten, ihren Lohn zu geben, und die Zeit, diejenigen zu vernichten, welche die Erde zerstören.« Sie war lediglich sehr besorgt über die Verehrung der Heiligenfiguren in Kirchen und Heiligenstätten, wo die Leute die ausgestellten Exponate mit der Hand berühren, einige von ihnen sie  – unglaublich  – küssen! So sind Kirchen und Heiligenstätten Quellen sich endlos wiederholender Infektionen? Das kann nicht, das darf nicht sein.
Ein Freund, Philosoph von Beruf, mit luzider Stimme sowie den seltenen virtuellen Fähigkeiten der Astrologie, sagte ein Zukunftsbild eines unausweichlichen Erdbebens, gefolgt von einem apokalyptischen Sturm, voraus, sodass in der verbleibenden Welt lediglich friedliche Fauna und Flora verbleiben, schloss indes nicht die Möglichkeit aus, dass ein Großteil der Menschheit ins Universum entflieht, die Vorbereitungen dafür, wie unsere Gegenwart belegt, schon gut vorangeschritten, um ihre Konflikte und Kriege auf anderen Sternen und in kalten Galaxien fortzuführen. Ein medizinischer Freund kündigte ein radikales virus-lifting mit neuen Medikamenten an und ignoriert strikt den Bankrott der menschlichen Rasse. Im Gegenteil betont er eine glorreiche Wiedergeburt und Reanimation, mit neuen Verhaltensregeln sowie neuen und fortentwickelten Mechanismen, um die Natur sowie ihre Quellen zu schützen und zu retten, damit ein »Mensch ohne Maske« wiederkehre. Eine Dame, unter uns Freunden bekannt für ihre angenehme Obzession, mit lyrisch angemalter Rhetorik antipandemische Hoffnung zu verbreiten, sieht unendliche Freude in Abstraktionen der Gesundheit, schließlich faszinierende Reliquien in rosigen Horizonten. Eine weitere erklärte, sie sähe in der Diskussion über Virus und Pandemie eine sehr unterhaltsame Konspiration und Manipulation außerirdischer Individuen, um das Unglück auf der Welt zu verstärken, bevor sie sie besetzen. Es bedürfe eine starken Rebellion gegen diese schwarze Infiltration, fordert sie mit vor Zorn glühenden, grünen, gotischen Augen, in WhatsApp gut sichtbar. Ein letztes Signal kommt von einem Musikerfreund, zur Zeit im Hospital wegen des Virus Covid-19, welcher mit schwächlichen Worten, schon über den Pandemiewolken schwebend, triumphierend flüstert: »Wenn ich den Himmel betrete, werde ich mit einem ersten Versuch den hochverehrten Herrn Beethoven suchen und ihm im Namen der ganzen menschlichen Gesellschaft für die Faszination seiner Musik, die ´vollständig überweltlich´ ist, danken.« Geduld, mein Teurer, für diese Aufmachung, absolut berechtigt, haben wir Zeit. Welch ein Unterschied, denke ich mir, zwischen der Sorge unserer Blumenfrau und der unseres Musikus, beide mit dem Recht auf intime Aktualität.
Schließen wir diese kleine ausgewählte Sammlung und resümieren die unverdächtige Tatsache, dass alle portugiesischen BürgerInnen sich im Prinzip von dieser gefährlichen Misere, letzter hygienischer Anakronismus unserer Gesellschaft, angerührt fühlen. Alle sind voller solidarischer Aktivitäten und stärkster Hoffnung. In unserer persönlichen Statistik bewertet die Hälfte das Chaos mit positiver Aussicht, die andere Hälfte mit vielfältigen persönlichen Bedenken, eines Tages ohne diese Geissel des 21. Jahrhunderts zu leben, wobei in dieser Situation nicht viel Zeit verbleibt, gar nicht daran zu denken, dass es für dauerhaft sein könnte, ähnlich dem, was im Karneval von Venedig passiert, dieser italienischen Stadt, welche für ihre historischen Masken berühmt ist, im hohen Maße erfinderisch und geistreich, außergewöhnlich und absolut spektakulär. Die Pandemie ist in der gesamten Welt nicht lediglich ein Stummfilm, sondern schreit hinter Millionen von Masken nach Hilfe.
Die vollständige, wahre Chronologie der Corona-Pandemie wird vielleicht erst, wer weiß, von unseren Urenkeln geschrieben werden. Hoffen wir es nicht! Um im guten Gleichklang mit der portugiesischen Sprache zu bleiben, sagen wir lediglich und urteilen: Wir werden sehen, ob es gelingt, das Beste zu unternehmen, um diesem sozialen Fegefeuer ein Ende zu bereiten.

DPG: Erfolgreicher Strategie-Workshop

Illustration zum Thema Vereinsarbeit

DPG: Zoom Meeting und Treffen am 12.6.2021 in Berlin    von Gabriele Baumgarten-Heinke

> Nach einer Mitgliederversammlung 2020 in Berlin mit einem kritischen Blick auf den Entwicklungsstand der DPG und nach mehreren ZOOM Meetings mit Mitgliedern aus Portugal und Deutschland zum Thema der Ausrichtung der DPG, fand am 12.6.2021 in Berlin der 2. Strategieworkshop der DPG statt. Der Einladung zur hybriden Veranstaltung folgten Mitglieder des Präsidiums, der Vorsitzenden der Landesverbände und LeiterInnen von Stadtsektionen sowohl aus Deutschland als auch aus Portugal.    
Ziel des Workshops war eine Bestandsaufnahme und Diskussionen über Möglichkeiten und Chancen für die weitere Arbeit der DPG. Alle Mitglieder waren im Portugal Report 083 dazu aufgerufen, sich an dem Thema zu beteiligen. Auch außerhalb eines solchen Workshops haben die Mitglieder der DPG das Recht und die Möglichkeit, uns Ihre Kritiken, Wünsche, Vorstellungen und Ideen zuzusenden.
Im ersten Tagesordnungspunkt wurden die Ergebnisse des Strategieworkshops 2018 in Leipzig ausgewertet. Damals wurde in fünf Gruppen verschiedene Themen aufgegriffen und Lösungsansätze entwickelt. Die Gruppen beschäftigten sich mit den Themen: Fördermittel und Spenden einzuwerben, Finanzen der DPG, Mitgliederarbeit, Organisation und Führung sowie der öffentlichen Wahrnehmung der DPG. Was konnte von den entwickelten Ideen umgesetzt werden?
Die DPG ist beim Auswärtigen Amt in Lissabon registriert und berechtigt, für DPG-Projekte zum Nutzen der portugiesischen Communidade, Fördermittel zu beantragen. Es ist gelungen, Fördermittel für ein Konzert portugiesischer Musikstudenten in Leipzig, zu bekommen. Der Spendenaufruf auf der DPG Website im Dezember 2020 von unserem Redakteur Andreas Lahn, brachte einen Spendenerlös von 6.000 € ein. Es wurde ein neuer DPG-Flyer erstellt und verteilt, dieser ist online auf der DPG-Website dargestellt. Eine Mitgliederbefragung, die jedem Mitglied zugesandt wurde, diente der Recherche der Interessen und besonderer Fähigkeit der Mitglieder, um diese besser in die DPG-Arbeit einbeziehen zu können. Die Mitgliederversammlung 2020 war erstmalig ­digital, es folgten weitere digitale Treffen (ZOOM), zu denen alle DPG-­Mitglieder eingeladen waren. Es wurde ein einheitliches Erscheinungsbild der DPG (CI) durch Briefpapier und E-Mail-Adressen umgesetzt. Nicht umgesetzt werden konnte die Frage der Aktivierung der DPG in den Social Media-Kanälen (Facebook), das Thema wurde in den Strategieworkshop 2021 übernommen. Ebenso wurde das Thema einer DPG-Geschäftsordnung in den 2. Strategieworkshop übernommen. 
Mit dem Versand der Einladung zum Strategieworkshop 2021 an die leitenden Verantwortlichen der DPG wurden vorab Fragen zur Analyse des Stärken-Schwäche Profils gestellt, sowie Fragen nach Chancen und Ausrichtung der DPG. Die Antworten wurde vor dem Strategieworkshop ausgewertet und die Ergebnisse im Workshop vorgestellt. 
Die Ergebnisse der Analyse der Schwächen deckten sich zu einem großen Teil mit meinen Ausführungen im Portugal Report 083/Seite 13. Dazu gehören die sinkenden Mitgliederzahlen, die weitgehend altersmäßig begründet sind. Die Teilnehmer des Workshops diskutierten an dieser Stelle, wie diese Entwicklung gestoppt werden kann. Die DPG hat eine beeindruckende Historie, ein gutes Netzwerk und ­viele engagierte ehrenamtlich tätige Mitglieder. Dieses Potential gilt es zu nutzen.
Es wird aber auch festgestellt, dass der Austausch innerhalb des Vereins fehlt. Deshalb sei einer der wichtigsten Punkte zur Aktivierung der DPG-Arbeit die Kommunikation und Vernetzung der leitenden Verantwortlichen untereinander.  Es wurde beschlossen, dass regelmäßige ZOOM Meetings stattfinden sollen um sich besser kennenzulernen, sie sollen als Erfahrungsaustausch genutzt werden und die Möglichkeit bieten, über vorgegebene Themen und Projekte zu diskutieren. Des Weiteren ­sollen sich die Vorsitzenden der Landesverbände und Stadtsek­tionen zukünftig gegenseitig zu ihren Encontros einladen bzw. über deren Termine und Themen informieren. Ziel ist es, damit Synergien zu entwickeln. Die Information über stattfindende Veranstaltungen sollen auch an den Redakteur des Portugal Reports versandt werden, damit diese auf der Website veröffentlicht werden können. 
In den Diskussionen wurde festgestellt, dass die Arbeiten, wie die Vorbereitung von Tagungen, oft in den Händen weniger Mitglieder liegt. Deshalb soll sich ein Thema in den ZOOM Meetings damit beschäftigen, die Arbeit zukünftig besser über bestimmte Aufgabengebiete zu verteilen. Es wäre denkbar, ein Mitglied für die Pressearbeit zu gewinnen, um z. B. in den Regionalzeitschriften mehr auf unsere Arbeit aufmerksam machen zu können. Als wichtig erschien auch das Thema Marketing, hier vor allem die Erarbeitung von Verträgen für geldwerte Vorteile für unsere Mitglieder. Das funktionierte bis zum Jahr 2017. Ein Verantwort­licher für die Öffentlichkeitsarbeit könnte die Betreuung der Social-­Media-Kanäle übernehmen. 
Um die Aufgabengebiete des Präsidiums (Geschäftsführender Vorstand und vier Vizepräsidenten) noch genauer definieren zu können, wird es zukünftig ergänzend zur Satzung eine Geschäftsordnung geben. Der Entwurf wurde zum Strategie-Workshop vorgelegt und wurde in dem nächsten stattgefundenen ZOOM Meeting final verabschiedet.  
Zur Unterstützung der Arbeit der Vorsitzenden der Landesverbände und Stadtsektionen wurde im Strategieworkshop der Entwurf der »Empfehlungen für die Vorsitzenden der LVB und STS« diskutiert, auch dieser liegt nun final vor und den entsprechenden Mitgliedern zugesandt.  
Um den Außenauftritt der DPG zu aktivieren, wird von den leitenden Verantwortlichen die Versandliste des Portugal Reports geprüft und ergänzt. Zukünftig soll der Versand noch breiter aufgestellt werden und zum Beispiel auch an die Internationalen Schulen bzw. Deutsche Schulen in Portugal versandt werden, wie auch an Volkshochschulen mit portugiesischen Sprachkursen.  
Die TeilnehmerInnen sahen auch einen wichtigen Punkt darin, zukünftig noch mehr den Kontakt zu anderen Vereinen und Gesellschaften mit einem Portugal Bezug zu pflegen. 
Zum Thema »Zielsetzung der DPG« wurde der aktuelle Flyer der DPG besprochen und es wurde festgestellt, dass dieser aussagekräftig ist, die Ziele der DPG genau formuliert und weiterhin gelten soll. Mitglieder können diese gern über die DPG-Geschäftsstelle bestellen. 
Das Hauptthema des Strategie-Workshops war »Die DPG zwischen Tradition und Neuausrichtung«. Die Traditionen werden wir pflegen, die Dokumentation der Geschichte der DPG wird recherchiert und mit den uns gestellten Aufgaben nach diesem erfolgreichen Strategieworkshop, vor allem mit einer verbesserten Kommunikation untereinander, haben wir eine verbesserte Ausrichtung gefunden und werden so unsere Deutsch-Portugiesische Gesellschaft, nach einer Corona-Pause, wieder aktivieren.
Dafür einen herzlichen Dank all den Mitgliedern, die uns Ideen und Meinungen zugesandt haben und damit zum Gelingen des 2. DPG-­Strategie-Workshops beigetragen haben.

Buch »Das Lissabon des Fernando Pessoa«

Foto von Fernando Pessoa

Auf Pessoas Spuren: Zu Catrin George Poncianos Buch »Das Lissabon des Fernando Pessoa«    Fragen von Andreas Lahn

> Was interessiert dich als deutsche Schriftstellerin an deinem portugiesischen Kollegen Fernando Pessoa?
Catrin George Ponciano: Das literarisch Revolutionäre in Pessoas Buch der Unruhe hat mich vom ersten ­Lesen an, gefesselt. Die Idee, einen Hilfsbuchhalter durch Lissabon laufen zu lassen und dessen Gedanken zum Drama im Menschen zwanzig Jahre lang zusammenzutragen, um die Gesellschaft Portugals im Umbruch zu sezieren, nenne ich genial. Diese analytisch poetische Genia­lität des Fernando Pessoa interessiert mich. Von ihm lerne ich als Deutsche, Portugal und sein Volk mit gedanklich gereinigter Sicht zu betrachten. 

Es gibt etliche Texte und Bücher über Fernando Pessoa. Welche Lücke schließt dein Buch?
Ein befreundeter Dichter sagte zu mir: »Catrin! Noch ein Pessoa-Buch?« Stimmt, es gibt unzählige Werke über Pessoa, und alle nähren sie einen eigenen literarischen oder geistigen Aspekt. Ich zum Beispiel erzähle von Pessoas Leben und von den Menschen, die in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben. So entstehen Szenen für ein zeitgeschichtliches Bild, vor der Kulisse Lissabons zusammengefügt, die die LeserInnen durch Das Lissabon des Fernando Pessoa geleiten. Hierfür habe ich mich auf Pessoas Schulter gesetzt und einen Spaziergang durch sein Lissabon zwischen 1905 und 1935 gewagt. Dieses Wagnis teile ich in meinem Buch mit meinen LeserInnen und möchte gleichzeitig deren Reiselust auf Lissabon und ihre Leseneugier auf Pessoa stimulieren.

Mit seinen Heteronymen erfindet Pessoa über 80 weitere Ichs, die er mit eigenen Lebensläufen, Horoskopen und Eigenschaften ausstattet. Du schreibst: »Zu jeder Situation entsteht der nötige Gefährte, und Fernando verleiht ihm Identität. So ist er niemals wieder allein.« Die Lösung gegen vermeintliche oder echte Einsamkeit?
Als Autorin fühle ich mich bestimmten Schriftsteller-Vorfahren verbunden. In Portugal sind das Florbela Espanca und Fernando Pessoa − zwei bekennende Einzelgänger. Diese Art von Einsamkeit kann man mittels einer nach innen gewandter Realität steuern, und bleibt getrennt von der tatsächlichen. Das verlangt jedoch Durchlässigkeit oder anders gesagt: Alles ist Reflexion, die aus der nach innen gewandten Realität nach außen drängt und sich Gehör verschafft. In Pessoas Fall, vermute ich, war das Erfinden anderer Ichs zunächst ein Experiment. Später fungierten seine Heteronyme als elementar ­angeordnete Wächter für sein Innen-Ich. Pessoa fahndete immerzu nach dem Drama im Menschen, dabei trug er es zeit­lebens in sich, wollte das aber unbedingt verbergen. Sein emotionales Defizit, sich nicht über sich selbst mitteilen zu können, führte zwangsläufig in selbst erwählte und in den letzten Lebensjahren in schier unerträgliche Einsamkeit.

An welchen Orten in Lissabon hat Fernando Pessoa zur Ruhe gefunden, jenseits von Cafés, Restaurants und Kneipen?
In Lissabon konnte Pessoa nirgends Ruhe finden, daran hinderte ihn seine ausgeprägt vegetative Wahrnehmungsfähigkeit. Wirklich Ruhe finden konnte Pessoa meines Erachtens bloß nach literarisch exzessiven Ergüssen »für die Truhe«, sobald er in einen Erschöpfungsschlaf fiel.

Kurz nach einem Streit mit Pessoa nimmt sich der Dichter-Kollege und Freund Mário de Sá-Carneiro in Paris das Leben. Was bedeutet dieser Tod für Fernando Pessoa?
Mário de Sá-Carneiro schrieb in seinem Abschiedsbrief: Des Dichters Hände haben den Wettlauf gegen den Tod verloren. Für Pessoa ein Trauma, der Verlust des Freundes plus dessen letzte Worte. Ein prägender Moment, in dem Pessoas innere Realität auf die einzig gültige Lebenswahrheit trifft, die ihm ausgerechnet sein jemals bester Freund posthum als Botschaft hinterließ, und Pessoa sozusagen aus dem Jenseits noch den Spiegel der eigenen Endlichkeit vorhielt. Darüber ist Pessoa nie hinweggekommen.

Warum hat Pessoa die Beziehung zu seiner einzigen großen Liebe Ophélia Queiroz nach nur wenigen Monaten beendet?
Als Dichter fühlte Pessoa sich verpflichtet, seiner Berufung zu folgen. Es sei ein Diktat eines höheren Wesens, sagt er. ­Einerseits. Meines Erachtens war ihm bewusst, dass er Ophelia nicht gänzlich glücklich machen konnte, denn er würde sich immer für seine Berufung entscheiden. Ergo musste er Ophelia freigeben − aus Liebe −, um ihr nicht das Grundrecht auf Glück zu rauben und auch, um sich selbst treu zu bleiben.

Pessoa hat von Diktator Salazar eine Literaturauszeichnung angenommen, den Antero de Quental-Preis. Aus Eitelkeit oder unter dem Kalkül, danach freiere Hand in der Wahl seiner Worte zu haben?
Tja, darüber spekuliere ich ebenso, denn Pessoa hat noch bis kurz vor seinem Tod regelmäßig Plädoyers veröffentlicht, in denen er das herrschende politische System heftig kritisierte. Gezeichnet mit fremden Namen aus seinem Pessoarium. Das war sicherlich Kalkül. Ein Heteronym kann schließlich nicht zensiert oder festgenommen werden, denn es existiert physisch nicht. Bestimmt wollte Pessoa weitere Werke unter eigenem Namen veröffentlichen, den initiierten Modernismus in Schwung halten, und sich ein literarisches Denkmal setzen. Seine humanistische Haltung im Estado Novo zu vertreten und gleichzeitig weiterhin als Poet anerkannt zu sein, glich einem Spagat, der ihm, davon bin ich überzeugt, etliche schlaflose Nächte bereitet hat. 

Welche Bedeutung hat Fernando Pessoa im Portugal von heute? Können gerade junge Menschen aus seinen Texten etwas für das Leben lernen?
Literatur ist das einzige Human-Kultur­erbe, woraus wir nie aufhören werden zu lernen. Denn sie setzt sich ein für das freiheitliche Denken aller. Wie die VerfasserInnen heißen, ist unwesentlich. Wesentlich ist eine bewusste Auseinandersetzung mit Inhalt und Kontext. Von Pessoa können junge LeserInnen lernen, Situationen in mehreren Dimensionen zu beleuchten, ohne zu einer Schlussfolgerung kommen zu müssen. Jeder Gedanke verdient gebührend Beachtung. Ein Fazit, das Mut, Diversität und Respekt in der Auseinandersetzung mit den Gedanken anderer beschert. Was ein bereicherndes Motto für Portugal ist, im Grunde genommen überall auf der Welt gilt.

Lissabons Charme besteht damals wie heute auch aus dem faszinierenden Licht, das die Stadt in immer neue Stimmungen taucht. Warum bloß sind die Fotos des Buches »nur« in Schwarzweiß und nicht in Farbe gedruckt?
Die Lektüren in der Wegmarken-Reihe der Edition A·B·Fischer Berlin sind durchgehend Schwarzweiß konzipiert. Das professionelle Auge hinter der Kamera heißt Angelika Fischer, und sie ist die Co-Verlegerin in der Edition A·B·Fischer. Ihrer lebenslangen Erfahrung als Schwarzweiß-Fotografin verdanken alle Wegmarken ihre visuellen Begleiter.

Als Teile von Pessoas Nachlass die berühmte Truhe verlassen und als »Buch der Unruhe« 1985 auf Deutsch erscheinen, wird dies als »das traurigste Buch Portugals« angekündigt. Ich empfinde es eher als tiefsinnigen Ratgeber für alle Lebenslagen. Was denkst du über diese Text- und Gedankensammlung?
Da bin ich völlig bei dir. Ich gestehe: Pessoas Buch der Unruhe steht stets griffbereit und beschert mir exakt die Ruhe, die ich brauche, um mir Gedanken über die Welt zu machen.

Für deinen Kriminalroman »Leiser Tod in Lissabon« hast du den Wittwer-Thalia-­Debütkrimipreis gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Ich finde, Kommissarin Dora Monteiro hat lange genug auf der faulen Haut gelegen. Wann nimmt sie ihre Arbeit wieder auf?
Wenn ich den Preis am 1. Oktober 2021 in Stuttgart entgegennehme und danach wieder in Portugal ankomme, beginne ich das Manuskript für den zweiten Band der Dora Monteiro ermittelt Portugal-Noir-­Reihe. Der nächste Band erscheint im Spätsommer 2022 bei Emons. Im nächsten Fall ermittelt Dora an der paradiesisch blauen Küste Portugals. Dort wird sie sorgsam gehütete pikante Episoden aufdecken, eine brisante Vertuschungsaffäre neu aufrollen, ihrer Jugendliebe begegnen und ihren Nachfolger bei der Kripo impertinent nerven. Wo es die ­leckersten Muscheln, den besten Fisch und süffigen Wein zum Genießen gibt, erfahren die LeserInnen unterwegs. Und natürlich ist Doras Maskottchen, der Rabe, mittendrin dabei.

Buch Cover »Das Lissabon des Fernando Pessoa«

Buch Cover »Das Lissabon des Fernando Pessoa« · © Verlag A · B · Fischer


Catrin George Ponciano
Das Lissabon des Fernando Pessoa
mit Fotos von Angelika Fischer
Verlag A ·B Fischer · 2021 · 13,5 × 21cm
64 Seiten · ISBN 978-3-9481-1407-7 · 16 €

Zur Website von Catrin George Ponciano

Corona: Quo vadis alegria portuguesa?

Foto Maske gegen Corona

Um protocolo com máscara    de Eberhard Fedtke e Ana Carla Gomes Fedtke

> Estamos em isolamento, no inglês, em lock-down. É uma tristeza em si. Acabamos coisas que estão com atraso de há meses: abrimos revistas, ainda no envelope de plástico, escrevemos mais memórias na agenda, pintamos a parede da sala, limpamos o interior do carro, renovamos o jardim, terminamos as reparações na garagem. Fazemos tudo sem grande motivação. Falta a originalidade da necessidade. É uma paixão ilusória carregada de muita hipocrisia. O que verdadeiramente nos falta, é um exterior vivo, os foguetes em cada fim-de-semana de verão, de semanas e semanas nas festas das aldeias em torno. Faltam, para além destas festas inspirativas, as feiras pitorescas, as refeições, típicas da cozinha portuguesa, naturais e saborosas, debaixo do penetrante barulho da música folclórica dos altifalantes brutais, mais agradáveis. Falta o som dos barcos na barragem em baixo da nossa casa, a barragem da Caniçada; falta o oceano com a sua realidade intensa. Faltam os abraços honestos e os beijinhos criativos dos nossos amigos. Todo este novo mundo tem a categoria de um trauma canibalesco. Falta assistir ao desporto público. Futebol sem espectadores no estádio é como uma sopa sem sal nem pimenta. Todo o público assiste, mas à distância. A terra engole as suas crianças, a pandemia goza da sua pechincha. Cada vez mais o país parece escangalhar-se, em todos lados sociais e nas diversas conexões estruturais, estrangulando a civilização.
Passámos, já, da segunda quarentena desta calma filigrana pesada, mas mesmo um silêncio pitoresco deste género, tão exagerado, oferece muita semelhança com uma lindíssima atmosfera pacífica, mas fria, como um cemitério, campos destes, como nunca, em vogue. Aproveitamos a oportunidade para telefonar via WhatsApp com familiares, amigos, ­colegas, alguns deles perdidos no autodidata homeworking. Assistimos a conferências e reuniões via zoom, coisa tão ­impopular para os portugueses que ­precisam de sentir e cheirar a pele dos outros. Comunicamos à distância, para saber, quais as perspetivas que os outros têm e quais são as receitas intelectuais e os instrumentos práticos que eles inventam para sobreviverem 24 horas sobre 24 horas, nesta prisão higiénica, em conjunto com um inimigo invisível, e como veem eles o futuro. Temem eles uma nova onda de lockdown, mais uma nova mutação do vírus superpotente e ultra ativo? E, se no fim, as pessoas não só devem usar uma máscara, mas um fato completo e asséptico fora de casa, como se o mundo fosse numa grande sala de operações, como se a humanidade contemporânea, toda ela, se encontrasse deitada na mesa operatória da história? Pode ser que a natureza maltratada reaja com rigor e ferocidade mortal, para eliminar a espécie de dois braços e de duas pernas, que denota sucessivamente um desrespeito ambiental, sem dignidade oportuna para usufruir das suas riquezas e sem estima solidária para com os outros congéneres de sangue e cabeça, que eliminam, sem pudor, década após década, inúmeros animais e plantas da terra, perecendo, assim, fauna e flora, condenadas ao dízimo. Lamenta veementemente a nossa florista idosa, que o vírus tem a culpa que neste ano de 2021 não haja limões suficientes e as palmeiras continuam a morrer em grandes quantidades. Pânico exagerado duma velhota ou, quiçá, a profunda sensibilidade de uma profeta que profetiza para a sucessão de mais catástrofes ambientais.
Não acreditamos nas promessas especulativas e bem dilatadas difundidas pela TV, pela rádio e por outra imprensa cega, cujo objetivo é o de repetir monotonamente a falsa analise de um simples interim, neste distúrbio mundial, enquanto o desequilíbrio ecológico e sanitário global cresce cada dia, basta olhar para os mares que finalmente se transformaram em grandes caixotes de lixo, ideais para micróbios e quaisquer outro tipo de vírus, proliferarem. A situação genérica é capaz de chocar, mas pode muito bem acontecer que no ano 2029, o famoso ­Covid 19, o nosso companheiro permanente, e dos nossos filhos ou netos, venha a festejar dez anos dum cruel aniversário, em boa forma.
Escolhemos diligentemente outras opiniões e comentários dos nossos inter­locutores. E uma ilustre mistura de respostas positivas e negativas, emocionantes, artificiais, preocupantes e abstrusas: um espelho e um caleidoscópio real da nossa sociedade tão doente. Oferecemos uma seleção representativa, mas com todo o espírito original, com pontos de vista raros, alguns mesmo fora do entendimento, senão quase irrisórios. Contamos, sem que tenham qualquer ordem de importância:
Um primeiro amigo tocou a nossa alma, lamentando e chorando, que se lhe faltassem as noites de fado, sendo para ele uma verdadeira afeição musical, seria o fim! No entanto, esta musicalidade está repleta de prós e contras, nas atualidades quotidianas e na vida real, mas nega ele categoricamente que a pandemia tem a qualidade dum «conteúdo mitológico digno» de fado. Um outro fica traumatizado deste ataque contra a raça humana, mas mostra-se convicto de que a medicina moderna vai ganhar esta luta difícil. Acredita ele que a medicina ultrapassou, sempre, na história, com sucesso, todas as epidemias e pandemias mundiais, com uma força reprodutora assinalável e com a capacidade de se munir de instrumentos naturais/médicos; estes meios nos tempos antigos eram muito menos evoluídos, mesmo se o Covid-19 durar até ao ano 39 ou ao ano 49, defende ele. Consultado um terceiro, este fica bem satisfeito da linda pausa de aviões «em cima do meu telhado», elogiando o ar mais puro nas ruas, a nova tranquilidade do ambiente amargurado, acordando agora, toda a natureza muito mais verde, uma proibição bem razoável e uma boa alternativa para o antigo «turismo de ­furacão selvagem». A interdição parcial do tráfico nas cidades, o stop de barcos cruzeiros, estas fábricas turísticas de sujidade e de poluição: boa nota tomámos da sua perspetiva. Outro amigo nosso ­amentou todo o martírio das crianças inocentes altamente prejudicadas e que «devem pagar» pelas falhas irresponsáveis de uma vida frívola, super luxuosa e glamorosa, a custo de todos os outros, claro está: as gerações passadas, incluindo avós e pais. Chorou uma senhora que muita gente, nomeadamente trabalhadoras, mulheres, sofrem sem trabalho por causa da pandemia e para muitas crianças indefesas falta «o pão suficiente de cada dia», como rezamos no Pai Nosso! Mas uma senhora crente explicou-nos, com muita calma e pura convicção, fisicamente notável, que todo este atual cenário, nada poético e tão alarmado para muitos que não conhecem a bíblia, com as suas ricas parábolas e profecias, sobre o fim dos tempos, vem recordar aquilo que está escrito no «livro da vida», segundo ela, no capítulo 11, versículo 18, Livro do Apocalipse segundo S. João: «E iraram-se as nações, e veio a tua ira, e o tempo dos mortos, para que sejam julgados, e o tempo de dares o galardão aos profetas, teus servos, e aos santos, e aos que temem o teu nome, a pequenos e a grandes, e o tempo de destruíres os que destroem a terra.» Ela só ficou muito preocupada sobre a adoração das figuras dos santos nas igrejas e santuários, onde a gente mexe com a mão as exposições religiosas, algumas delas continuando − incrivelmente − a beijá-las! Assim, igrejas e santuários ­serão fontes de infeções repetidas, sem fim? Não pode, não deve ser assim.
Um amigo, filósofo de profissão, e com uma língua luzida, com as raras capacidades virtuais de astrologia, pressagiou uma imagem no futuro de um impreterível terremoto, seguido de um furacão apocalíptico, continuando o mundo vestido apenas de fauna e flora pacíficas, brincando, para não excluir uma certa possibilidade de grande parte dos ­homens, fugir para o universo, as preparações, como já o nosso momento o vai revelando, vão já bem avançadas, para continuar com os seus conflitos e guerras noutras estrelas ou frias galáxias. Um amigo médico anunciou um radical ­vírus-lifting com novos medicamentos, ­ignorando estritamente uma bancarrota da raça humana. Ao invés, aponta para um renascimento e uma reanimação gloriosas, com novas atitudes e novos e evoluídos mecanismos para proteger e salvar a natureza, assim como as suas fontes, voltando um homem sem máscara. Uma senhora, conhecida entre os amigos pela sua obsessão simpática de distribuir com uma retórica liricamente pintada de esperança anti pandémica, vê alegria ­infinita nas abstrações da saúde, enfim, relíquias fascinantes nos horizontes ­rosas. Mais uma outra declarou, ainda, que sentiu na discussão sobre o vírus e a pandemia, uma conspiração e manipulação divertidíssimas dos indivíduos extraterrestres para acumular a miséria no globo, antes de o ocupar. Precisa-se de uma rebelião forte contra esta infiltração preta, exigente, de olhos góticos verdes, brilhantes de raiva, bem visto no Whats App. Um último sinal, vem de um músico-amigo, atualmente hospitalizado com o vírus de Covid-19, que com palavras fracas, já voando acima dos níveis da pandemia, segreda triunfando: «Quando entrar no céu, vou numa primeira tentativa procurar e saudar o excelentíssimo Senhor Beethoven, para lhe agradecer, em nome da toda raça humana, a fascinação da sua música ‹completamente fora do mundo›.» Paciência, meu caro, temos tempo para este arranjo, absolutamente justo. Que diferença faz, penso eu, a preocupação da nossa florista e deste nosso músico, ambos com todos os direitos nesta íntima atualidade?
Acabamos com este pequeno balancete selecionado, resumindo o facto insuspeito de que, em princípio, todos os cidadãos portugueses se sentem atingidos desta miséria perigosa, um derradeiro anacronismo higiénico na nossa sociedade. Todos estão cheios de atividades solidárias e de uma esperança fortíssima. Na nossa estatística pessoal, metade dela define o caos com previsão positiva, outra metade com múltiplas dúvidas pessoais, para viver um dia sem este flagelo do século 21, não ficar muito tempo nesta situação ainda, não pensar que será para sempre, à semelhança do que acontece no Carnaval de Veneza, esta cidade italiana, famosa pelas suas máscaras históricas, altamente inventivas e engenhosas, extraordinárias e absolutamente espetaculares. A pandemia no mundo inteiro não é só um filme mudo, grita socorro, por detrás de milhares de máscaras.
A cronologia completa verdadeira da pandemia Covid-19 vai ser escrita, talvez, pelos nossos bisnetos, quem sabe. Não o esperamos. Para ficar em bom equilíbrio da mentalidade e da língua portuguesa, dizemos, apenas, e julgamos: vamos ver se conseguimos fazer o melhor para ­solucionar o ótimo, para pôr fim a este purgatório social.

Ein US-Amerikaner in Ponta do Sol (Madeira)

Foto von John Dos Passos

Über den Schriftsteller John Dos Passos (1896–1970) und seine portugiesischen Wurzeln    von Dr. Ingolf Wernicke

> Der außerordentliche Beitrag, den John Dos Passos zur modernen, amerikanischen, zeitgenössischen Literatur des 20. Jahrhunderts, insbesondere mit seinen Hauptwerken wie Manhattan Transfer und U.S.A.-Trilogie ­geleistet hat, ist heute unbestritten. Er gilt heute neben dem irischen Schriftsteller James Joyce, neben Gertrude Stein, Aldous Huxley und seinem Freund Ernest Hemingway als einer der herausragendsten Schriftsteller, der sich wie viele andere Künstler, Poeten und Musiker mit der schnellen Umwandlung der USA in ein industriell geprägtes Land mit westlicher Kultur während des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beschäftigt hat. Das Einzigartige der Romane von John Dos Passos sind im literarischen Sinn sein Kameraauge, seine einer Wochenschau ähnelnde Berichterstattung, sein satirischer Erzählstil sowie seine biographischen Entwürfe. Unter Verwendung von Techniken aus Bereichen des Journalismus, des Kinos, der Musik und der Fotografie erfand John Dos Passos einen vollkommen neuen Erzählstil, der die sozialen und politischen Auswirkungen der technischen Entwicklung wie z. B. von Auto, Flugzeug u.a. auf das Leben der Menschen beschrieb. Er publizierte zahlreiche Bestseller und erhielt 1957 in den USA vom National Institute of Arts and Letters in der Kategorie «Fiction» die Goldmedaille.
Der amerikanische Schriftsteller bedauerte es allerdings einmal im einen Interview im Eco do Funchal (Juli 24, 1960, S. 1 + 2), dass er nicht die Sprache seines Großvaters − portugiesisch − sprach, ­obwohl er bereits als Kind im Alter von acht Jahren durch seinen Vater während eines mehrwöchigen Besuchs von Madeira das Land und seine familiären Wurzeln erstmals kennengelernt hatte. 
Sein Großvater, Manoel Joaquim Dos Passos, wurde 1812 in Ponta do Sol auf Madeira geboren, emigrierte 1830 in die USA, lebte in Baltimore und Philadelphia. Er heiratete Ann Cattel, die John Randolf Dos Passos (1844–1917) als Sohn gebar. Dieser wurde später Rechtsanwalt, heiratete Lucy Addison Sprigg und beide wurden die Eltern von John Roderigo Dos Passos, der 1896 in Chicago geboren ­wurde. John Dos Passos studierte an der Harvard Universität Literatur, in Spanien Architektur und meldete sich 1917 als Freiwilliger Soldat in eine Sanitätseineinheit während des Ersten Weltkrieges nach Frankreich. Nach der Veröffentlichung seines Werkes Three Soldiers unternahm er 1921 wieder eine kurze Reise mit einer Autorengesellschaft nach Madeira. Er arbeitete als Autor, Journalist und auch als Maler mit zahlreichen Ausstellungen und bereiste darüber hinaus Europa, Südamerika und auch die Sowjet­union. 1930 publizierte er seinen Welterfolg Manhattan Transfer, während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er als Journalist für das Magazin Life und berichtete nach dem Krieg über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. 
1960 besuchte John Dos Passos nun, diesmal mit seiner Frau Elisabeth Hamlin und seiner Tochter Lucy, die Insel Madeira. Hier wurde die amerikanische Familie von Verwandten und Politikern der Insel willkommen geheißen. 1966 beschrieb Dos Passos in seinem Werk The Best Times seine Erinnerungen an den Geburtsort seines Großvaters und die Eindrücke seiner Reise: «He was born in Ponta do Sol, a tiny town buried in a deep gash in the mountain a few miles east of Funchal, (…)» Er beschrieb ferner den kleinen Strand aus Geröll, die Fischerboote und die Weinstöcke an den schroffen Berghängen. Kleine unregelmäßige Felder zum Ackerbau ernährten einst die Menschen. Als Jugendlicher nach seinem ersten Besuch von Madeira im Jahre 1905 dachte er, dass die Menschen in Ponta do Sol ausschließlich Kleinbauern waren, die ihr Land bepflügten. Bei seinem Besuch 1960 bemerkte er, dass es mittlerweile Kontore, Schreibstuben, Notariate und Büros von kleineren Amtspersonen und Priestern gab. Im Zentrum des Ortes besuchte er die an einem Hauptplatz gelegene, solide gebaute und mit sieben Sternen des Zeichen des Großen Bären über dem Haupteingang versehene Villa Passos, den Wohnsitz seiner Vorfahren.
1967/1968 unternahm John Dos Passos weitere Reisen durch die USA, nach Italien und nach Portugal. Hier recherchierte er für sein letztes Werk, das den Literaturkennern wahrscheinlich weniger bekannt ist, und den Titel hat The Portugal Story − Three Centuries of Exploration an Discovery. In dieser Publikation, die innerhalb seines Gesamtwerkes als letzte historische Erzählung 1969 erschienen ist, beschreibt John Dos Passos in lebendigen eigenen Geschichten die größeren und vermeintlich kleineren Ereignisse, die Portugal ab dem 15. Jahrhundert zur bedeutendsten Macht Europas gemacht haben. Das Werk untergliedert sich in die Kapitel »Wie Portugal entstand«, »Die ­Erben der Abendteurer«, »Die Unternehmung Indien«, »Der Höhepunkt der portugiesischen Herrschaft« und »Portugal in Amerika«. Interessant sind dabei die sehr umfassend und faktenreich geschilderten einzelnen Kapitel wie z. B. »Vasco da Gamas letztes Kommando« oder »Die Plünderung eines halben Kontinents.« In seinen Darstellungen erkundeten die portugiesischen Karavellen bereits im frühen 15. Jahrhundert die Küste Afrikas und stießen auf die Inseln im Mittelatlantik. Ein Jahrhundert später kreuzten die großen Galeonen nach Brasilien und umfuhren das Kap der Guten Hoffnung, um in der Ferne die östlichsten Randgebiete des Orients wie die Molukken und Nordaustralien zu erkunden. Oftmals begaben sich die Portugiesen dabei in tödliche Konflikte. Nach Meinung von Dos Passos übte Portugal während der Zeit der Seefahrt gegenüber Juden Toleranz aus, da viele als Astrologen, Geographen und wissenschaftliche Berater am Hofe der portugiesischen Könige arbeiteten.
Ohne auf die einzelnen Fakten seiner Geschichte Portugals eingehen zu wollen, kann man auf jeden Fall auf der Basis seiner biographischen Daten und dieser historischen Erzählung feststellen, dass auch bei John Dos Passos, einem berühmten Amerikaner, der in dritter Generation von einem Einwanderer aus Madeira abstammte, die familiären Wurzeln sowie die tradierte Geschichte und Kultur seiner Vorfahren und deren Heimatland eine außerordentliche Bedeutung für ihn gehabt haben. 1970 starb John Dos Passos in Baltimore, Maryland.
In Ponta do Sol auf Madeira entstand anlässlich seines 100. Geburtstages 1986 im Jahre 1989 die Idee der Einrichtung eines Kulturzentrums in der Villa Passos, die im Jahr 2000 von der Regionalregierung zusammen mit dem Grundstück erworben wurde. 2004 wurde in Anwesenheit des Präsidenten der Regionalregierung Madeiras, Dr. Alberto João Jardim und der Tochter des Schriftstellers, Lucy Dos Passos Coggin und ihrer Familie das John Dos Passos Cultural Center das um einige Gebäude erweitert wurde, eröffnet: https://cultura.madeira.gov.pt/centro-­cultural-john-dos-passos. Im Zentrum existiert heute ein große Leih-Bibliothek, die Dra. Carmo da Cunha Santos Library mit vielen Periodika und circa 6000 Büchern, die über die Botschaft der USA in Lissabon und von vielen privaten Leihgebern gestiftet wurden. Die Werke von John Dos Passos befinden sich hier in 18  Sprachen übersetzt. Außerdem gibt es ein kleines Museum mit einem Schlafzimmer aus dem 19. Jahrhundert aus Mahagoni, das den Großeltern Manoel Joaquim Dos Passos gewidmet ist, sowie eine Küche aus der Zeit der Großeltern, die in Kooperation mit der Casa do Povo de Ponta do Sol mit Workshops, zu regionaler und traditioneller Gastronomie und zu bestimmten Bräuchen, betrieben wird. Zum John Dos Passos Centro Cultural gehört außerdem ein Auditorium mit 180 Sitzplätzen. Hier werden Theateraufführungen, Kinoabende, Konferenzen, Colloquien und auch Bildungsaktivitäten veranstaltet. Wer als TouristIn auf Madeira nicht nur die Wanderwege in den Bergen wie z. B. zwischen dem Pico do Arieiro und dem Pico Ruivo, auf den Hochebenen oder auch entlang der zahlreichen Levadas der Insel abwandern will, sollte unbedingt das Kulturzentrums John Dos Passos in Ponta do Sol besuchen.

Literatur: JOHN DONALD SILVA, The Magnolia Lectures, Funchal, Madeira, 2014, (S. 203 bis 243). Mit zwei Vorträgen über John Dos Passos und seine Bedeutung für die Weltliteratur, die Prof. John D. Silva, Freund des Autors und seiner Ehefrau, im Kulturzentrum John Dos Passos in Ponta do Sol 2010 und 2011 gehalten hat. Prof. John Donald Silva unterrichtete 42 Jahre an der Universität von New Hamp-shire (USA) Englisch und besucht seit 1987 jährlich für mehrere Monate im Jahr Madeira, um nach seinen portugiesischen Wurzeln zu forschen. Sein Großvater José Abreu Silva emigrierte 1880 von Madeira in die USA.

Die Fischer von Alvor

Foto einiger Fischer von Alvor am Algarve (Portugal)

Über soziale Strukturen beim Fischfang am Algarve: Einmal Kamerad, immer Kamerad    von Catrin George Ponciano

> Die Fischer von Alvor sind von jeher eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie teilen alles miteinander: Strapazen, Gefahr, und Ausbeute.
Der Fischerort Alvor ist eine Gemeinde der Stadt Portimão und liegt in einer natürlichen Hafenbucht am Ostufer der gleichnamigen Lagune Ria de Alvor −  getrennt vom Meer durch eine kilometerlange Sanddüne. Gut geschützt diente die Hafenbucht im späten Mittelalter noch den Seefahrern als Ankerplatz auf ihrem Seeweg weiter an der lusitanischen Küste gen Norden. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wuchs Alvor dann zu einem dynamischen Marktplatz mit Fischerhafen heran. Bis zur Nelkenrevolution eher ein nostalgisches Anhängsel westlich von Portimão, entwickelte sich Alvor in den 1980er Jahren allmählich zu einem properen Touris­mus­­ort. Hotels und Ferienapartment-­Anlagen wurden gebaut, die Zufahrtsstraßen asphaltiert und Alvor an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Dennoch hat das traditionelle Fischerhandwerk überlebt und reflektiert auch gegenwärtig die soziale und wirtschaftliche Struktur der Gemeinde.
2004 zog die Fischergilde aus windschiefen Hütten von der Sandbank um in massive Holzhäuser. Seither liegen die Fischerboote in Reih und Glied vertäut am Pier, und dümpeln nicht mehr wie bis dato frei ankernd in der Lagune. Der Umzug brachte etliche Vorteile für die Fischergemeinschaft mit sich: Früher mussten sie ihre Ausrüstung vor und nach jedem Fang mit einem Beiboot an und von Bord schaffen, jetzt schieben sie alles Nötige mit einem Handkarren über den Steg bis zu ihrem Boot. Eine eigene Bootsrampe mit hydraulischem Schiffshebekran hilft beim Ausladen voller ­Fischfangkisten und beim Beladen mit Trockeneis. 
Dennoch: Das Fischerhandwerk bleibt Knochenarbeit. Durchschnittlich fahren die Fischer viermal pro Woche auf See. Sie laufen gegen Mitternacht aus und kehren am Nachmittag am Tag darauf zurück. Dann wird der Fisch gelöscht und das Deck und der Laderaum geschrubbt. Anschließend will die Ausrüstung aufgeräumt sein und für den nächsten Fang vorbereitet werden.
Fischer sind fleißige Männer. Sie leben mit und auf dem Meer. Ihre Sehnsucht gehört der See. Sie sind Kameraden auf Gedeih und Verderb. Trotzdem wissen sie nie im Voraus, wie hoch ihr Lohn am Ende des Tages sein wird. Sie werden ­älter. Die Knochen müde. Doch selbst im Rentenalter bleiben sie ihren jüngeren Kameraden als fleißige Helfer an Land, treu.
Vielleicht ist es die jahrelange, manchmal lebenslange Kameradschaft, vielleicht das stille Gelübde, das Überirdische niemals infrage zu stellen. Schließlich fahren zum Schutz der Fischer ­immer das Figuren-Trio der Heiligen ­Maria Fátima, Santo António und der Schutzheilige der Fischer São Pedro ­neben Echolot und GPS-System auf der Armatur neben dem Steuerrad mit.
Kapitän Lourenço ist 52 Jahre alt, und hat das Fischerhandwerk seit er zwölf war, von seinem Vater erlernt. Mit zwanzig ging er von Bord und arbeitete im Hotel. Mit dreißig kehrte er zurück an Bord. »Ein Mann muss seine Pflicht erfüllen. Hat er keine Wahl, muss er jede Arbeit annehmen. Hat er die Wahl, ist er ein zufriedener Mann«, lächelt er und sagt: »Ich ­hatte die Wahl.« 
Weise Worte eines Mannes, der täglich sechzehn und mehr Stunden schuftet, sich Tag und Nacht den Gefahren und Strapazen auf See aussetzt und die Verantwortung für seine Besatzung trägt. Er und seine Crew sind beherzte Burschen. Sie arbeiten still, fluchen über Politiker, zanken wegen Schiedsrichterentscheidungen beim Fußball und vertragen sich wieder beim gemeinsamen bescheidenen Mahl am Tisch vor der Fischerhütte.
Sie betreiben die pesca artesanal mit drei unterschiedlichen Fangmethoden. Für Kraken, Tintenfische und Kalmare, für Krebse, Dorsche, Muränen und Meeraale setzen sie Reusen ein. Käfig­fallen aus Plastikmaschen. Mittels Lebendköder locken sie die Beute in die Käfige. Mit Boje gekennzeichnet, versenken die Fischer die Reusen auf den ­Meeresboden und sammeln sie drei Tage später wieder ein. Metallstangen rund um das Heck befestigt sorgen dafür, dass die Reusen nicht von Bord rutschen.
Für das Schwarmfischen kommen Netze mit mittlerer Maschengröße zum Einsatz. Manche mit bis zu 500 Meter Länge sinken achtzig Meter in die Tiefe. Sobald das Echolot einen Fischschwarm anzeigt, lassen die Fischer das Netz ins Wasser gleiten. Die mit Bleikugeln beschwerte Randleine sinkt ab, das Netz breitet sich im Wasser aus, während der Skipper im Kreis um den Schwarm herum steuert und das Netz die Fische einkreist. Sind Anfang und Ende des Netzes zusammengeführt, holen die Fischer das Netz ein, und ein an Deck montierter Flaschen­zug hievt den Fang im Netzbeutel an Bord.
Die dritte Methode ist der Fischfang mit Langleine und Angelhaken, genannt anzóis. Die Langleine misst 2000 bis 4000 Meter. Im Abstand von zwei Armlängen werden an die lange Hauptleine kürzere Stücke von etwa 1,50 Meter Länge geknotet und an jedes Leinenende jeweils ein Haken. Die Summe der Haken beträgt Pi mal Daumen 2000. 
Nach jedem Fang muss die Langleine entwirrt und neu gewickelt, die Haken überprüft und unter Umständen ausgetauscht werden. Bis jeder Meter Langleine und jeder Haken überprüft und alle sauber aufgereiht nebeneinander im Korkschwamm am Rand der speziell für die Langleinen-Methode entwickelten Holzkiste, genannt aparelho stecken, sind zwei Männer zwei Tage lang ununter­brochen beschäftigt.
Fehlt nur noch der Köder. Hierfür verwenden sie fermentierte Sardinen, schneiden sie in Stücke und spießen auf jeden Haken einen Köder.
Die vierköpfige Besatzung mit Kapitän Lourenço trifft letzte Vorbereitungen, dann geht es los mit Kurs Südsüdwest. Das angepeilte Gebiet liegt fünfunddreißig Meilen vor der Küste von Sagres. Hin und zurück sind die Fischer jeweils vier Stunden unterwegs. Für den eigent­lichen Fischfang bleiben sie weitere acht Stunden auf See. Auf dem Rückweg ­löschen sie den Fang im Hafen von Lagos. Der Fisch wird auf Lourenço registriert und kommt anschließend direkt in die Fischversteigerungshalle lota, dort zuerst auf die Waage und danach unter den Auktionshammer. Der Verkaufserlös wird nach einem einheitlich festgelegten Kommissionsschlüssel der Fischereiaufsichtsbehörde DOCAPESCA aufgeteilt und Lourenços Konto und seinen ­Fischern gutgeschrieben. Einmal Kamerad, immer Kamerad.

60 Jahre Amnesty International

Foto eines Plakates von Amnesty International

Ein Vorfall in Lissabon führt 1961 zur Gründung der Menschenrechts-Organisation    von Josef Wolters

> Am 28. Mai 1961 erscheint in der Britischen Zeitung The Observer ein Artikel mit dem Titel The Forgotten Prisoners (Die vergessenen Gefangenen). Der Verfasser dieses Zeitungsbeitrags, der britische Rechtsanwalt Peter Benenson, geb. Solomon, ist erschüttert über eine Nachricht, dass zwei portugiesische Studenten zu sieben Jahren Haft verurteilt worden sind.

Was haben sie getan oder verbrochen?
In einem Café in Lissabon haben sie gut gelaunt mit einem Trinkspruch auf die Freiheit angestoßen, etwa: À sua saúde e liberdade! Diesen Spruch und ein paar kritische Aussagen zur Diktatur nehmen Geheimpolizisten des damaligen portugiesischen Herrschers António de Oliveira Salazar auf und verhaften die zwei Studenten, denen dann der Prozess gemacht wird.

Das Rechtsempfinden Benensons ist so stark gestört, dass er diesen Vorfall und dessen Folgen sowie ähnlich gelagerte Fälle aus anderen Ländern zum Anlass nimmt, den Zeitungsartikel zu schreiben und zu veröffentlichen. 

Andere namhafte Blätter wie die französische Le Monde, die italienische Corriere della Sera und die International Herald Tribune drucken Benesons Artikel nach. Diese Aktion − auch «Appeal for amnesty, 1961» genannt − gilt als Geburtsstunde von Amnesty International.
Noch heute wird im alle zwei Monate veröffentlichten Amnesty Journal das Schicksal von Menschen beschrieben, die nach allgemeinen Menschenrechtsgrundsätzen zu Unrecht ihrer Freiheit beraubt und oft unter unwürdigen Bedingungen inhaftiert sind − und nicht selten misshandelt bzw. gefoltert werden.

»Briefe gegen das Vergessen« können an die in Berlin/Deutschland akkreditierten Botschafter der Länder geschrieben werden, in denen Personen aus allgemeiner Sicht zu Unrecht eingesperrt sind. Viele Kirchengemeinden und Ortsgruppen von Amnesty International halten auch fremdsprachlich abgefasste Briefe vor, in die nur noch Adresse mit Namen und Unterschrift eingetragen, frankiert und abgesendet werden müssen.

Allen Interessierten sei gesagt, dass die Briefe in der Vergangenheit vielfach Erfolg haben. Freilassungen, Hafterleichterungen, Aufhebung von Todesurteilen etc. erfolgen vermutlich in totalitären Staaten nicht überall aus humanen Gründen, sondern weil auch mehr oder weniger diktatorisch regierte Regime in der Welt ihr Gesicht nicht (gänzlich) verlieren wollen. Mit Sicherheit kann der schriftliche Einsatz vieler Menschen sich lohnen, wenn das Einzelschicksal eines zu Unrecht einsitzenden Menschen Solidarität erfährt und ihm Beachtung geschenkt wird.
Rund zwei Millionen Menschen in rund 150 Staaten unterstützen die Arbeit von Amnesty International, deren Zentrale in London ist und die in Deutschland ihren Sitz in Bonn hat.

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