Klein-Portugal in Frankfurt am Main

Foto von Manuel Cardoso Amaral in seinem Lebensmittelgeschäft in FrankfurtManuel Cardoso Amaral in seinem Lebensmittelgeschäft in Frankfurt · © Jörg Hahn

Über das Lebensmittelgeschäft von Familie Amaral in der Kalmitstraße  von Jörg Hahn

> Als vor über vier Jahrzehnten das erste portugiesische Lebensmittelgeschäft in Frankfurt am Main eröffnete, im südlichen Stadtteil Niederrad in der Triftstraße, da waren die Betreiber blutjung. Fernanda Cruz Amaral war 17, ihr Mann Manuel Cardoso Amaral 20 Jahre alt. M.C. Amaral heißt der bis heute florierende Laden, der seit 1993 in größeren Räumen in der Kalmitstraße beheimatet ist. Man könnte fast sagen, dass die Straßenbahnlinie 15 zwar offiziell am Haardt­waldplatz endet, eigentlich aber in Klein-­Portugal. Denn neben dem Lebensmittelgeschäft betreibt Sohn Cristian seit einigen Jahren erfolgreich das Lokal Der Portugiese, ein Name, der auch von zahlreichen Frankfurter Straßen- und Volksfesten bekannt ist.

Fernanda und Manuel Amaral haben schon früh ausprobiert, wie offen die Frankfurter Gesellschaft für neue Geschmacksrichtungen ist − 1986 hatten sie ihre Premiere mit einem Grillstand auf dem Wäldchestag − so etwas wie der Frankfurter Nationalfeiertag − im Stadtwald. Doch zunächst wurden sie für »stinkende Sardinen« beschimpft. Längst aber kommen die Menschen regelmäßig und auch von weit her, um Köstlichkeiten wie Bifana (ein traditionelles Brötchen mit hauchdünnem Schweinerückensteak), Sepia oder eben Sardinen zu genießen. Seit 2002 findet man das portugiesische Paar mit seinen Mitarbeitern auch beim Museumsuferfest, am nördlichen Ufer neben dem Nizza unterhalb der Untermainbrücke. Leider hat die Pandemie diese Auftritte seit 2020 verhindert.

Fernanda und Manuel waren einst aus Portugal ihren Eltern gefolgt, die in Frankfurt Arbeit gefunden hatten. Nach der Schule arbeiteten beide als Angestellte mit Lebensmitteln, sie in einem Unternehmen auf der Zeil, er auf der Münchner Straße. Der Spaß an der Branche war da, der Mut zur Selbständigkeit auch. So entstand der inzwischen 43 Jahre alte Laden, in dem die Waren dicht an dicht aufgereiht sind; über 200 Weine und Sekte aus allen Regionen Portugals, sämtliche landes-typischen portugiesischen Lebensmittel, etwa Bacalhau (Stockfisch, also Kabeljau), frisch und tiefgefroren. Dass es 365 Arten gebe, Stockfisch zuzubereiten, wird mitunter behauptet. Das ist natürlich falsch, es gibt viel mehr Möglichkeiten, denn jede Familie hat ihr Spezialrezept. Frau Amaral sagt, sie finde alles, was sie selbst zum Kochen brauche, im eigenen Geschäft: »Wenn ich Knoblauch habe, Zwiebeln, Tomaten, gutes Olivenöl und gute Gewürze kann ich immer etwas machen.« 

Blick auf eines der Weinregale in Manuel Cardoso Amarals Lebensmittelgeschäft in Frankfurt

Blick auf eines der Weinregale in Manuel Cardoso Amarals Lebensmittelgeschäft in Frankfurt · © Jörg Hahn

Alle zwei Monate kommt ein 25-Tonner-Lastwagen aus Portugal nach Niederrad mit neuer Ware. Die kleinen Bierfläschchen von Sagres oder Superbock sind dabei, Portwein in weiß und rot, der Kräuterlikör Beirão, Ucal, der bei Kinder beliebte Schokotrunk, die Limonade Sumol, diverse Käse, Oliven, Lupinenkerne, Pasteis de Nata und anderes Gebäck, Meeresfrüchte, die scharfe Wurst Chorizo, diverse Konserven, Öle von Oliveira da Serra, Essig, Delta-Cafe (im Übrigen die Lieblingssorte des portugiesischen Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago) und und und. »Wir haben Weine von zwei bis 50 Euro die Flasche«, sagt das Paar, das sich für Kundengespräche immer viel Zeit nimmt. Viele Portugiesen sind darunter, aber anders als in den Anfangsjahren haben auch die Deutschen, die Frankfurter, die portugiesische Küche für sich entdeckt, nicht zuletzt durch immer mehr Urlaubsreisen auf die iberische Halbinsel. Fernanda und Manuel Amaral stammen aus Viseu, südöstlich von Porto. Ihre beiden Kinder, Sohn und Tochter, haben für sich (und für die Enkel) entschieden, nur die portugiesische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Sie führen also Familientraditionen fort. 

Ein Laden wie M.C. Amaral, das bedeutet eine Sechs-Tage-Woche mit weit mehr als 40 Stunden. »Wir wollten auch leben und für die Familie da sein, deshalb haben wir selbst nie ein Restaurant eröffnet.«, sagt Frau Amaral, die sich nicht gerne fotografieren lassen möchte. Umso mehr freut sie sich, dass der Sohn es gewagt hat − und sich damit auch durchsetzt, bei einer Lage im Stadtteil Niederrad, die eher Kenner als Laufkundschaft anzieht. 

Der Laden hat eine treue Stammklientel, »zum Teil kommen schon die Enkel unserer ersten Kunden, also die dritte Generation«, sagt Frau Amaral. Sie und ihr Mann stehen gerne beratend zur Seite und geben leckere Rezept- und Koch-Tipps. Die beste Fischsuppe? Kein Problem, es ist alles im Laden vorrätig, und Frau Amaral hat keine Geheimnisse. Gerade samstags stehen Portugiesen im hinteren Teil des Ladens nahe der Kühltheke an einem alten Weinfass und tauschen sich in ihrer Muttersprache aus (was in der Pandemie natürlich auch häufig ausfallen musste). Der perfekte Ort, einfach Portugal Pequeno, um sich einzuhören in diese klangvolle wie komplizierte Sprache − und zu träumen von der nächsten Reise ins Land des Lichts am Rand von Europa.

1 Kommentare

  1. Jörg Hahn

    Kommentar des Autoren:
    Pfingsten 2022 trifft man Familie Amaral mit Grill (Sardinhas, Polvo, Bifanas, Vinho e mais…) endlich wieder im Stadtwald Frankfurt/Main an ihrem traditionellen Stand zum Volksfest „Wäldchestag“ (vom Oberforsthaus aus den Hauptweg geradeaus und dann nicht zu übersehen).

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