Telegraphie: Von Emden über Horta nach New York

Foto von Horta, Faial (Azoren)Blick auf Horta, Hauptstadt der Azoren-Insel Faial · Foto: © Ingolf Wernicke

Deutsch-Atlantische Telegraphengesellschaft (DAT): Spurensuche auf Faial (Azoren)    von Ingolf Wernicke

> Für etwa 1000 Reichsmark musste man sich einen Smoking, Anzüge, Krawatten und Socken als Arbeitskleidung kaufen, aber die Kosten übernahm die Deutsch-Atlantische Telegraphengesellschaft (DAT), eine Tochtergesellschaft der Deutschen Reichspost. »Eingekleidet wie die Lords« repräsentierten die deutschen Telegrafisten in der einstigen Kabelmetropole Horta, der Hauptstadt der Insel Faial, ihr Heimatland. 

Johannes Weerts (1909−2006) gehörte zu einer Gruppe von Privilegierten. Als einer von sieben Absolventen der DAT-­Telegrafenschule im ostfriesischen Emden hatte er die Technik der Fernkommunikation erlernt und im Jahre 1927 als 17-Jähriger die Azoren-Insel mit einem Passagierdampfer aus Lissabon erreicht. Hier arbeitete er mit Engländern und Amerikanern im internationalen Telegrafenamt, dem Trinity House, zusammen. In Horta wurden seit 1900 über ein Seekabel, das teilweise bis zu 4000 Meter unter dem Meeresspiegel von Emden aus hierher verlegt worden war, eingehende Telegramme aus Deutschland aufgenommen und an die amerikanischen Kollegen im Haus weitergeleitet. Über eine sog. Recorder-Taste verschickten dann die Amerikaner die Nachrichten über ihr eigenes, von Horta nach New York führendes Seekabel weiter. Die Dämpfung durch den Widerstand der Seekabel war so groß, dass die zu damaliger Zeit gesendeten Signale noch nicht direkt die Strecke von Deutschland in die USA überwinden konnten. Durch die Automatisierung der Telegraphie wurden die Telegrafisten zu Technikern umgeschult und hatten in den 1930er Jahren die Telegrafenapparate zu überwachen sowie Störungen und Fehler im Seekabel bei der Übertragung zu ermitteln.

Gert Flemming blieb bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges für 13 Jahre in Horta und lebte in der deutschen Kabelkolonie. In dem sog. Jünglingsheim, dem Hauptgebäude der Colónia Alemã, befand sich ein Speisesaal mit einer Veranda für alle deutschen Angestellten, wo auch Feste mit ausländischen Kollegen und den Honoratioren der Stadt gefeiert wurden. Neben der Arbeit konnte man in der Deutschen Kolonie auf einem firmen­eigenen Platz Tennis spielen, es gab ein Ping-Pong-Zimmer, einen Billardraum, Turngeräte sowie eine große Bibliothek.

Nach der Zerschneidung des Trans­atlantikkabels während des Ersten Weltkrieges durch die Engländer im Ärmelkanal kam die Telegraphie zum Erliegen. Erst in der Mitte der 1920er Jahre entwickelte sich Horta zu einem Schnittpunkt der internationalen Fernkommunikation − mit insgesamt 15 Seekabeln, die Europa mit Nord- und Südamerika sowie Großbritannien mit den USA und Südafrika verbanden. 

1939 wurde mit dem Beginn des II. Weltkrieges das deutsche Kabel bei Dover abermals von den Engländern zerschnitten und später von den Amerikanern genutzt, die ihr militärisches Hauptquartier in Heidelberg über Cherbourg (Normandie) und Faial mit New York verbanden. 1960 wurde die Kabelverbindung an Deutschland zurückgegeben, aber nur noch für zwei Jahre betrieben. 1969 zog sich die britische Cable & Wireless als letzte Kabelgesellschaft von ­Horta auf Faial zurück.

Wer heute die Insel Faial auf den Azoren besucht, trifft nicht nur auf sehr gastfreundliche Einheimische, sondern auch auf sehr unterschiedliche Menschen. Es sind zum einen die Gruppe der Urlauber und Touristen, die die Sehenswürdigkeiten der 21 km langen und 14 km breiten, sehr grünen mit vielen Blumen bestückten Insel aufsuchen. Viele unternehmen Wandertouren quer über die Insel oder um die große Caldeira im Innern der Insel, einem Einsturzkrater eines großen Vulkans mit einem Steilhang von 400 Metern und einem Durchmesser von circa zwei Kilometern. Man findet im Nordosten der Insel noch Spuren des schweren Erdbebens von 1998 wie z. B. die Ruine des Leuchtturms Farol da Ribeirinha u. a.. Eine der Hauptattraktionen ist die einer Mondlandschaft gleichende Staub- und Steinwüste des 1957/58 ausgebrochenen Vulkans Capelinhos im Westen der Insel. Man kann aber auch an einigen wenigen Stränden baden, wie in der Hauptstadt Horta an der Baia do Porto Pim oder an der Praia do Almoxarife. Viele nutzen auch die Angebote von kleinen Bootstouren zum sog. Whale Watching oder der Beobachtung von Delphinen. 

Der zweiten Gruppe von BesucherInnen der Azoren-Insel begegnet man hauptsächlich im Sommer: Es sind insbesondere SeglerInnen oder Segelcrews, die den Atlantik überqueren und im Hafen von Horta einen Zwischenstopp einlegen, um Proviant einzukaufen oder Reparaturarbeiten an ihren Schiffen durchzuführen. Im gesamten Hafenbereich haben sich die Besatzungen der Boote an den Kaimauern, auf Treppen und auf dem Fußboden mit bunten Graffiti verewigt − oft in den Nationalfarben ihrer Herkunftsländer. Ein Seglertreff, wo auch Briefe und Päckchen gelagert werden und Geld getauscht werden kann, ist das Peter Café Sport an der Uferstraße von Horta. Diese seit 1918 existierende Seefahrerkneipe, in der einst auch die Walfänger verkehrten, ist mit Holz vertäfelt und mit zahlreichen Schiffsutensilien, Fahnen und Wimpeln von Segelbooten aus aller Welt dekoriert. Hier kann man gut essen oder auch abends bei einem Gin Live-Musik hören.

Wenn man Faial im August während der Semana do Mar besucht, dann trifft man in Horta auf die dritte große Be­sucherInnengruppe, die AzorerInnen und ihre Nachfahren, die in die USA, nach Kanada und anderswo ausgewandert sind. Sie besuchen ihre alte Heimat und noch hier lebende Verwandte und Bekannte. 

Während der Semana do Mar, zu der auch eine Regatta veranstaltet wird, verwandelt sich die Uferstraße von Horta in eine Zeltstadt mit Küchen, Bars, Büffets, Tischen und Bänken, wo sich größere Restaurants aus verschiedenen Regionen Portugals, den Azoren und Madeira mit ihren typischen Speisen und Getränken präsentieren. Auf verschiedenen Bühnen wird Folklore, aber auch Musik von bekannten portugiesischen Bands dargeboten. An zahlreichen kleinen Ständen, kann man auch hausgemachte Spezialitäten wie Polvo guisado, Linguiça oder Molha de carne probieren. Hier kann man als Fremde/r auch oft zu einem kleinen Imbiss mit einem Becher Wein einge­laden werden. 

Bis heute haben sich in Horta noch Spuren der Deutsch-Atlantischen-Telegrafengesellschaft erhalten. So befindet sich oberhalb der Altstadt die Colónia Alemã, die einstige deutsche Siedlung mit typischen Landhäusern mit Veranden, wo sich die Wohn- und Verwaltungsgebäude der DAT befanden. In der Nähe des Stadtstrandes von Porto Pim an der ­Atlantikseite gibt es noch zwei kleinere Gebäude, wo einst das deutsche Kabel mit dem amerikanischen Kabel verbunden worden war. Es existiert noch das ehemalige Gebäude des Trinitiy House, und man findet auf dem Cemitério do Carmo, dem Hauptfriedhof von Horta, sogar eine Grabstelle eines deutschen Angestellten der DAT, der in Horta verstorben ist.

Von Faial lohnt ein Ausflug mit der Kanalfähre nach Madalena auf die Insel Pico mit dem höchsten, die gesamte Insel dominierenden, gleichnamigen Berg Portugals. Einen Auf- und Abstieg von fünf bis acht Stunden zum 2351 Meter hohen Gipfel des Vulkans kann man auf einem sehr steilen Wanderweg von der Ausgangsstation, der Casa da Montanha, in 1.200 Meter Höhe machen. Die Insel selbst bietet viel Natur an den Berghängen, Rinderweiden, im Innern viele mit Wasser gefüllte, kreisförmige Kraterseen sowie eine Region mit Weinanbau, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Neben Madalena mit ca. 2.600 Einwohnern gibt es als vergleichbare Siedlungen noch Lajes do Pico und São Roque do Pico an den Küsten der Insel. In beiden Orten dominierte bis 1983 der Walfang und es existierten dort Fabriken, die heute sehenswerte Museen geworden sind. In Rekordjahren wurden einst auf den Azoren bis zu 20.000 Pottwale pro Jahr erlegt. 

Als ein nicht zu unterschätzendes Highlight der Insel wäre noch zu erwähnen, dass man bei schönem wolkenfreien Himmel vom Berg Pico eine traumhafte Aussicht auf die Insel Faial mit ihren weißen Häusern von Horta, aber auch auf weitere Inseln der Zentralgruppe der Azoren hat. Ebenso erhält man von einigen Punkten der nördlichen Küstenstraße einen unvergesslichen Ausblick auf die 20 Kilometer entfernte Nachbarinsel São Jorge, die mit einer Länge von ­56 Kilometern mit ihren senkrechten Abbruchkanten als riesiger Gebirgskamm aus dem Meer ragt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.