Schlagwort: Portugal

Auf den Spuren der Portugiesen

Foto: Blick über die Altstadt von Muscat (Oman) auf die Festungen Mirani und Jalali

Notizen von einer faszinierenden Reise in den Orient und nach Südostasien • von Michael W. Wirges

> Im vergangenen Jahr unternahm ich mit meinem jüngeren Sohn eine Kreuzfahrt in den Orient. Wir besuchten die Vereinigten Arabischen Emirate, den Oman und Bahrain. Dieses war nicht nur die Begegnung mit der arabischen Welt, sondern auch mit alten Spuren, die die Portugiesen hier hinterlassen haben.
Eine weitere Inspiration fand ich bei der Ausstellung »Europa und das Meer«, die im vergangenen Jahr im Deutschen Historischen Museum in Berlin stattfand. Sie spannte in verschiedenen Kapiteln einen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart und präsentierte zwölf europäische Hafenstädte − darunter natürlich auch Lissabon.
Als erste Europäer erreichten die Portugiesen 1498 mit ihrem berühmten Seefahrer Vasco da Gama auf dem Seeweg nach Indien den Arabischen Golf und eroberten Muscat (Oman) im Jahre 1507. Der portugiesische Einfluss wurde von britischen und niederländischen Schiffen aus bekämpft, sowie von arabischen Seeräubern mit ihren Dhaus. Erst 1622 konnten Briten und Perser die Portugiesen aus dieser Region vertreiben.
Nach der Eroberung von Muscat, Sohar, Qalhat und Quriat und dem Königreich von Hormuz in den Jahren 1506 bis 1508 behielten die Portugiesen hier ihre Macht, bevor sie endgültig von den Arabern vertrieben wurden.
Einige Spuren der Portugiesen konnten wir noch im Oman und Bahrain ausfindig machen. In Muscat, der Hauptstadt des Oman, errichteten die Portugiesen 1587 die Festung Mirani, die heute von der könig­lichen Garde genutzt wird und für Besucher nicht zugänglich ist.
In Bahrain besuchten wir die Ausgrabungsstätte mit der Ruine einer portugiesischen Festung aus dem 16. Jahrhundert, Qat’ at al-Bahrain, auch als Bahrain Fort bekannt. Die Anlage ist seit 2005 als UNESCO-Welterbe eingetragen.
Die Kreuzfahrt mit meinem jüngeren Sohn nach Südostasien am Anfang dieses Jahres führte uns nach Thailand, Malaysia und Singapur. Auch hier haben die Portugiesen zahlreiche Spuren hinterlassen, die auch nach über 500 Jahren nicht ganz verwischt sind.
Ab 1507 wurde auch die Malaiische Halbinsel von den Portugiesen entdeckt. Durch die Ankunft der Portugiesen 1509 unter Diogo Lopes de Sequeira in Malakka, das ab 1511 von portugiesischen Truppen unter Afonso de Albuquerque erobert wurde − Errichtung der Festung A Famosa − begann die Kolonialisierung durch die Europäer. Bis 1641 stand Ma­lakka unter portugiesischer Herrschaft, bevor es die Niederländer eroberten und bis 1824 halten konnten. Danach kamen die Briten. Die Straße von Malakka war unter den drei europäischen Kolonialmächten stark umkämpft, da sie eine wichtige Passage auf der Gewürzroute und das Tor zum China-Handel bildete.
Wer sich für die Geschichte der portugiesischen Seefahrt interessiert, dem empfehle ich wärmstens das Museu da Marinha in Lissabon (Belém), das sich am westlichen Flügel des Mosteiro dos Jerónimos (Hieronymus-Kloster) befindet.

1437: Ein Geiseldrama erschüttert Europa

Bild des Infante Dom Henrique

Wie der Größenwahn des Infante Dom Henrique seinen Bruder Fernando in den Kerker brachte • von Andreas Lausen

> Die Ursache für diese emotionale Tragödie liegt im Jahre 1415. Portugal hatte in einer waghalsigen Operation die Stadt Ceuta an der Nordküste Marokkos erobert und damit den Grundstein für die Entdeckungsfahrten und den Kolonialismus der Europäer gelegt. Infante Dom Henrique − in Deutschland als Heinrich der Seefahrer bekannt − hatte sich als junger Prinz und Ritter bei der Einnahme der Festung hervorgetan.
Die Einnahme der Stadt verbanden die Portugiesen mit der Hoffnung, den ertragreichen Handel Ceutas mit dem Orient und Nordafrika übernehmen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht: Die Karawanen und Schiffe der Mauren mieden das jetzt portugiesische Ceuta und liefen das 50 Kilometer westlich gelegene Tanger an.
Ceuta war zur Bürde für Portugal ­geworden. Alle Lebensmittel, jede Versorgung für Ceuta musste aus Portugal herangeschafft werden. Tausende Männer waren für die Verteidigung der Stadt nötig, ohne dass irgendein Profit für das Mutterland abfiel. König Duarte (Regierungszeit 1433−1438) und seine Berater entschieden nach langem Zögern, dass eben auch Tanger erobert werden müsste, um endlich das Handelsmonopol der Mauren, Venezianer und Genuesen zu durchbrechen.
Dem Infanten Henrique wurde die Leitung einer Militärstreitmacht von 6.000 Männern übertragen, der auch sein jüngster Bruder Fernando (1402−1443) als stellvertretender Befehlshaber angehörte. Im Gegensatz zur erfolgreichen Ceuta-­Expedition erledigte Henrique die Vorbereitungen schlampig. Die Ratschläge seiner Berater nahm er nicht ernst.
Im September 1437 landete die portugiesische Streitmacht zehn Kilometer östlich von Tanger. Entgegen den Warnungen seiner Berater ließ Henrique ­seine Truppe auf dem Landweg gegen Tanger marschieren. Bei den Schiffen blieb nur eine kleine Bewachung. Wasser nahm man kaum mit − Tanger war schließlich voller sprudelnder Brunnen, und für die Eroberung von Ceuta hatten die Portugiesen 1415 nur zwei Tage gebraucht.
Aber der Plan des Infanten ging nicht auf. Der Sultan hatte Tanger gut auf den portugiesischen Angriff vorbereitet. Die schnelle Eroberung der Stadt war unmöglich, und für eine Belagerung waren die Portugiesen nicht ausgerüstet. Die Soldaten des Sultans unter ihrem Feldherrn Salah Ibn Salah schnitten Portugals Truppe den Rückweg zu den Schiffen ab.
Der Infant saß mit seinen Männern in der Falle. Der Durst nahm ihnen allen Mut. So schmachteten sie in der heißen Steppe vor den Mauern von Tanger und waren dem Tod geweiht. Doch der Sultan machte ihnen ein Friedensangebot: Die Portugiesen könnten ehrenvoll abziehen, wenn sie Ceuta räumten. Infant Henrique versprach den Abzug aus Ceuta. Den Befehl dazu könne allerdings nur der König geben − mit Zustimmung der Cortes.
Der Sultan willigte ein, verlangte aber, dass Henriques Bruder, Infant Fernando, als Bürge für diese Abmachung im Gewahrsam der Mauren bliebe. So begaben sich Fernando und 12 Gefährten in die Gefangenschaft, während Henrique die Streitmacht sicher zu den Schiffen und heim nach Portugal brachte. Alle gingen davon aus, dass Portugal die Abmachung einhalten und Ceuta übergeben würde.
König Duarte war sofort damit einverstanden, nicht aber die Cortes. Diese Versammlung war einem Parlament ähnlich, war jedoch nicht nach heutigen Maßstäben gewählt, sondern aus Vertretern von Adel, Geistlichkeit und Ständen zusammengesetzt. Sie berieten ausführlich über die Lage. Eindringlich appellierte der König, Ceuta an die Mauren zurückzugeben und seinen Bruder aus der ­Geiselhaft zu erlösen.
Aber die Cortes lehnten ab. Die Eroberung Ceutas sei mit dem Leben hunderter Portugiesen teuer bezahlt worden, und das wöge schwerer als das Leben eines Prinzen. Allenfalls Lösegeld könne man zahlen. Der Sultan ließ sich darauf nicht ein. Hatte man in Marokko den Infanten bis dahin als Gast behandelt, wurde er nun in den Kerker von Fèz gebracht. Dort wurde Fernando gefoltert und nur mit Abfällen ernährt.
Fernando schickte flehentliche Briefe nach Portugal, man möge ihn doch aus dem Kerker befreien. Boten berichteten, dass sich sein Zustand immer weiter verschlechterte. Aber die Cortes blieben bei ihrer unnachgiebigen Haltung. Nach sechs Jahren starb Fernando elendig am 5. Juni 1443 im marokkanischen Verlies.
Infant Dom Henrique, verantwortlich für das Desaster von Tanger, wurde ein anderer Mensch. Er sah ein, dass Portugals Ziele auf dem afrikanischen Kontinent nicht mit blinder Gewalt erreicht werden konnten, sondern nur mit Planung, Verhandlungen und gründlicher Vorbereitung. Grübelnd und in Askese verbrachte er seine Tage und Nächte in Lagos und Sagres. Die Expeditionen an der Küste Afrikas wurden gründlich ausgearbeitet, die Kapitäne handverlesen. Die Entdeckungen der Portugiesen auf dem Seeweg nach Indien waren abenteuerlich, aber ihre Protagonisten waren keine Abenteurer, auch nicht nach dem Tod des Infanten im Jahre 1460.
Ceuta hatte für Portugal nur noch symbolische Bedeutung. 1668 wurde es nach einem Vertrag den Spaniern übergeben. Spanisch ist Ceuta auch heute noch − Ziel von Afrikanern auf dem Fluchtweg nach Europa.
Tanger wurde 1471 doch noch von Portugal erobert. 1661 wurde die Stadt als Mitgift der Infantin Catarina an England übereignet.
Die Gebeine Fernandos wurden von Portugal 1471 ausfindig gemacht und in der Grabkapelle der Dynastie Aviz im Kloster von Batalha beigesetzt. Der spanische Dramatiker Pedro Calderon de la Barca ließ sich durch das Schicksal des portugiesischen Prinzen zu seinem Schauspiel »El Principe Constante − Der standhafte Prinz« inspirieren (1636).

Cidades Invisíveis von Guilherme Parente

Foto des portugiesischen Malers Guilherme Parente

Über eine Ausstellung im Kunstraum der portugiesischen Botschaft in Berlin

> Am 6. Dezember 2018 fand im Kunst­raum der Botschaft von Portugal in Berlin die Vernissage der Ausstellung »Cidades Invisíveis« (Unsicht­bare Städte) des bekannten portugiesischen Malers Guilherme Parente in Anwesenheit des Künstlers und des portugiesischen Botschafters, S.E. João Mira Gomes, statt, zu der auch Mitglieder der DPG eingeladen wurden.
Guilherme Parente wurde im Dezember 1940 in Belém, Lissabon geboren. Er ist ein einflussreicher portugiesischer Maler mit mehr als 50 Jahren künstlerischer Tätigkeit, die durch Arbeiten in Aquarellen, Kacheln und Gravuren gekennzeichnet sind. Er hat an mehr als 100 Ausstellungen in Portugal und im Ausland teilgenommen.
1961 beginnt er seine künstlerische Laufbahn in der Sociedade Nacional das Belas-Artes, unter Orientierung an Meister Roberto Araújo. Dort verbringt er sehr viel Zeit, widmet sich seiner großen Leidenschaft, der Malerei, und nimmt 1968 an einer, seiner Meinung nach, größten kollektiven Ausstellung teil, nachdem er auch Gravur-Kurse an der Sociedade Cooperativa de Gravadores Portugueses besucht hat.
Zwischen 1968 und 1970 studiert er an der Slade School der University of London Union als Stipendiat der Stiftung Funda­ção Calouste Gulbenkian, einer Schule mit großer portugiesischer Tradition, die schon berühmte Künstler wie Sá Nogueira, Paula Rego und Bartolomeu Cid be­sucht haben.
Der Aufenthalt in London und seine Rückkehr nach Portugal waren für seine künstlerische Karriere maßgebend, vor allem für die Kunst und von der Kunst zu leben. 1970 realisiert er die erste eigene Ausstellung in der Galeria de Arte Moderna da Sociedade Nacional de Belas-Artes, ab 1974 folgt eine Reihe von Ausstellungen auf natiolaler Ebene, einschließlich Leiria, Porto, Lissabon, Ponta Delgada, Coimbra, Vila Viçosa.
Der Anfang der 1970er Jahre ist auch geprägt durch seine Beteiligung am künstlerischen Kollektiv »5+1«, einer Gruppe, die sich aus Leidenschaft zur Kunst zusammengeschlossen hat, zu der auch der Bildhauer Virgílio Domingues und die Maler João Hogan, Júlio Pereira, Sérgio Pombo, und Teresa Magalhães gehören.
Erneut als Stipendiat der Stiftung Fun­dação Calouste Gulbenkian kehrt er 1989 nach London zurück, um eine Studie über Holografie zu machen.
Er hat verschiedene Ausstellungen in Portugal und im Ausland realisiert, einschließlich Brüssel (1992), Frankfurt (1994), Macau (1995, 2013), Paris (1998), London (1999), Goa (2000), Atlanta (2001), Rom (2006) und Madrid (2007).
Er wird geehrt mit dem Prémio Malhoa (1975) und dem Prémio de Pintura da Sociedade Nacional de Belas-Artes (1989).
Er ist in verschiedenen Museen und Institutionen repräsentiert. Aktuell befindet sich sein Atelier im Palácio Valada Azambuja in Lissabon.

Text: Camões Instituto da Cooperação e da ­Lingua, Berlim; Übersetzung: Michael W. Wirges

Fußball verbindet die Portugiesen in Berlin

Foto von Spielern des Vereins »Fußball auf Portugiesisch e.V.«

Der Verein »Fußball auf Portugiesisch e. V.« besiegt die Verletzungen der Vergangenheit • von Christian Sachse

> Fußball auf Portugiesisch e.V.: So nennt sich ein in Berlin gegründeter Verein mit einer langen Geschichte. Es fing an im Jahre 2012, als die Berliner Zweigstelle der SOS Kinderdörfer ein Projekt der Kinderhilfe in der Willy-­Brandt-Teamschule hatte. Die in dem Projekt tätigen Mitarbeiter des SOS Kinderdorf nutzten die Gelegenheit, sich nach Unterrichtsschluss zu einer gemein­samen Runde Volleyball zu treffen. So entstand eine lockere Runde.
Nach und nach wurden auch aufgrund der entstandenen Freundschaften die unterstützten Jugendlichen zu dieser ­Aktivität eingeladen. Nach einiger Zeit kamen mehr und mehr Jugendliche zusammen, und es wurde beschlossen, statt Volleyball Fußball zu spielen. Es kamen vor allem Jugendliche aus den portugiesischsprachigen afrikanischen Ländern und aus Brasilien, die sich aus der gemeinsamen Schulzeit in der Grundschule Neues Tor und aus der Kurt-Schwitter-­Gesamtschule kannten. Beide Schulen ­geben zusammen mit den Kindergärten Casa Azul, Carvalho Marinho und Primavera den Kindern portugiesischsprachiger Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder bilingual aufwachsen zu lassen. Hauptbetreuer und längster Spieler im Verein ist Herr Friese, der viele der Jugend­lichen über etliche Jahre begleitet hat. Zuletzt war er auch der einzige aus dem SOS Kinderdorf, der noch der Fußball-­Gruppe angehörte.
Als er Ende 2018 nach Hamburg zog, war die Fortsetzung des Fußballspielens in der Halle nicht gewährleistet, da kein Verantwortlicher aus dem Verein die Halle mehr nutzt. Aus diesem Grund haben die Spieler der Gruppe gemeinsam den Verein Fußball auf Portugiesisch e.V. gegründet. Dieser steht für die Spieler, die fast ausschließlich portugiesisch miteinander sprechen. Dieser Verein soll nun die Räume übernehmen, damit weiterhin gespielt werden kann. Der Verein und die Spielweise zeichnen sich − trotz heftiger und hitziger Diskussionen − vor ­allem durch gegenseitige Rücksicht­nahme aus, da die als Tore verwendeten Matten oft keine eindeutige Aussage zulassen, ob es ein Tor war oder nicht.
Sie selbst sind teilweise Profifußballer, teilweise Schüler und Hobbyspieler. Dieser Zusammenschluss der Schüler und Spieler steht auch für einen Zusammenschluss der portugiesisch-sprachigen Länder als Zeichen, dass die gegenseitigen Vorurteile und Verletzungen aus der Vergangenheit zwischen Portugal, den ehemaligen afrikanischen Kolonien und Brasilien in den Köpfen der heutigen ­Jugendlichen zumindest in Berlin nicht mehr bestehen.

Adéus, Princesa: Hommage auf Catarina Eufémia

Foto von Catarina Eufémia

Kämpferin gegen die Tyrannei – über die Landarbeiterin Catarina Eufémia • von Catrin George Ponciano

> Ein bisschen Freiheit für eigene Träume, ein klein wenig mehr Lohn. Dafür lebte sie, dafür starb sie. ­Ermordet vor den Augen aller im Dorf, entfachte ihr brutaler Tod einen Flächenbrand der Rebellion, der erst mit der Nelkenrevolution am 25. April 1974 gelöscht wurde. 
Ihre Augen glühten. Ihr Blick war hart. Zu hart für das fragile Mädchen, das nicht mehr vom Leben wollte als eigene Träume und genügend zu essen. Es gab oft kein Mehl, kein Brot, nicht einmal Bohnen. Doch Catarina verspürte längst keinen Hunger mehr. Spielen wollte sie. Mit ihrer Puppe. Zusammengenäht aus Flicken. Den Kopf gerollt aus Zeitungs­papier, eingeweicht in Wasser, verquirlt mit Staub, zwischen ihren Kinderhänden zu einer Kugel modelliert. Aber an jenem Tag im späten Sommer, die Getreidefelder standen trocken und rasiert, das Korn war längst gedroschen, die Sonne glühte senkrecht hoch, gab es wieder einmal kein Mehl, auch keine Puppe, nicht einmal mehr einen Traum. Das Kind saß vor der Tür des Bauernhauses, in dem sie mit ihren Eltern, ihren Großeltern und ihren Geschwistern schlief, und schaute der Sonne zu, bis sie den Tag verabschiedete, der Mond die heran­nahende Nacht begrüßte. Bis ihr kleiner zartgliedriger Körper, der Rücken bereits gekrümmt von der Arbeit auf dem Feld, einen Schatten warf. Catarina sah zum ersten Mal ihren Schatten, im Land ohne Schatten: Das Flämmchen Ich entfachte.
Geboren war sie an einem kalten Tag im Februar 1928, dem Jahr, als der Estado Novo unter Salazar gebar. Catarina Eufémia wuchs auf in Baleizão, einem kleinen Dorf mit dicht aneinander gedrängelten Häusern entlang der Dorfstraße im Land­kreis Beja, am Gutshof Monte Olival, einem Getreide-Latifundium, das sich rund um Beja und Serpa, an beiden Ufern des Guadiana-Flusses nach Norden und Süden, nach Osten und Westen erstreckt, bis dorthin, wo die Erde den Himmel küsst. Hunderte Landarbeiterinnen schufteten auf den Feldern des Patrão von Monte Olival mit ihren Händen in Mutter Erde, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, einzig freigestellt am Sonntagmorgen zur Frühmesse. Der karge Lohn reichte nicht für mehr als für eine Handvoll Brosamen. Mehr konnte der Patrão ihnen nicht zahlen, sagte er. Wegen der Rezession.
Der Zweite Weltkrieg, danach die Auswirkungen des zweiten Weltkrieges. Die allgemein marode Wirtschaft nach Kriegsende in Europa und in Portugal besonders, verwandelten das an sich reich mit Naturressourcen ausgestattete Land in ein Armenhaus. Gnadenlos beutete das Salazar-Regime die Kornkammer des Alentejo aus, verschacherte das lebensnotwendige Getreide meistbietend ins Ausland, beteiligte die Latifundien an den horrenden Gewinnen der Kriegsmaschinerie und lobte das Volk für seinen selbstlosen Verzicht auf Wohlstand für das Mutterland.
Besonders die Frauen, speziell die Landarbeiterinnen, ernteten sein zweischneidiges Lob. Glück allein läge nicht im materiellen Lohn, sondern in der ­Bescheidenheit des eigenen Tuns. Ihre Arbeit bliebe nicht unbemerkt, ihre Arbeit sei ein wichtiger Teil im großen Staatsapparat, sie sollten stolz darauf sein, das Rad mit ihrer Körper Kraft und ihrer Liebe zu Portugal anzutreiben. Nicht wenige Arbeiter und Bauern sonnten sich in diesem sogenannten Lob, aber gerade im Alentejo kannten die Menschen die Grenze zwischen Bescheidenheit und Misere genau. Ihr Leid bot fruchtbaren Boden für die Aussaat einer zweiten politischen Idee, dem Kommunismus. Ein Riss vollzog sich. 
Die einen hielten an der staatlich indoktrinierten Misere fest und hofften auf die Einlösung eines Versprechens, die anderen wandten sich ab vom Ein-Mann-Staat. Sie rebellierten gegen die Knute des Gehorsams, die Prügelstrafen und den als solchen betitelten Mutterland-Dienst. Durchströmt von dem Wunsch nach leichteren Lebensumständen, getrieben von der Hoffnung auf Gleichstellung und Gerechtigkeit, folgte eine Hälfte des Volkes dem Ideal der PCP. Diese gesellschaftlich hochkochende Diskrepanz diente letztlich beiden politischen Lagern, emotional und existenziell, für politische Parolen und für Stimmenfänger. Die Lage der Nation teilte vor allem das arbeitende, größtenteils schulisch völlig benachteiligte Volk in zwei Teile, obwohl beide Seiten auch weiterhin in ihrer Armut steckenblieben.
Salazar reagierte. Er verbot die PCP, verhängte Zensur über sämtliche politisch kommunistisch orientierte Parolen, konfiszierte Presse-Material und verurteilte kommunistische Anhänger als Landesverräter. Die Propaganda seiner Partei wurde schärfer, unterlegt mit Bildern. Mit Rücksicht auf 75% Analphabeten im Land, visualisierte er ab sofort seine Ideologie. In einem eigens editierten Bilderbuch-Band namens «A Lição de Salazar» proklamierte der Regierungschef das portugiesische Ideal-Heim A Casa Portuguesa, und die drei Säulen des Staates zur obersten Aufgabe zur Erziehung der Nation: Gott, Mutterland, Familie − Deus, Patria, Família. 
Salazars Propaganda zielte auf den Nationalstolz der Portugiesen, auf ihr einstiges Imperium als Entdeckermacht und auf das Kolonialreich, rückte die Postion der Frauen in ein scheinbar glanzvolles Licht, doch gleichzeitig hinaus aus dem öffentlichen Leben, fort von gesellschaftlichen Aufgaben, weit ins verfassungsrechtliche Abseits. Salazar entmündigte die Frauen und raubte ihnen ihre Selbstbestimmung. 
Die eigens zu diesem einzigen Zweck aufgelegte Bilderbuch-Galerie »Lektion Salazar« bestärkte die Frau in ihrer einzigen, ihr ebenbürtigen Rolle als Schoß der Nation und fütterte sie mit Stolz. Genau hingeblickt, erkennt man deutlich die durchgehende Herabsetzung der Frau, dargestellt in Comic-ähnlichen Zeichnungen (siehe Abbildung S. 6). Auf der Kommode neben der Tür steht das Kreuz als Symbol für Gott. Vor dem geöffneten Fenster erkennt man ein Castelo, die Bastion Portugal, uneinnehmbar, unzerstörbar. Die Burg symbolisiert das Mutterland, gekrönt von der National­flagge. Die Frau steht in Landarbeiterkleidung, mit langem Rock und Schurz in der Kaminküche. In den Händen hält sie einen Topf und schaut zur Tür. Ihr Mann kommt von der Arbeit zurück, eine Ackerhacke über der Schulter. Sein Gesicht glänzt glücklich, denn Arbeit ist des Mannes Lohn. Die Tochter sitzt auf dem Boden und spielt mit Dingen, die ihr späteres Leben erfüllen werden − Töpfen und Pfannen. Der Sohn sitzt auf einem Schemel. Er arbeitet nicht, sondern er liest. Er trägt die Uniform der Moçidade portuguêsa, die Kleidung der portugiesischen Salazar-­Jugend, und erfährt von Kindesbeinen an die faschistische Erziehung samt faschistischem Denkmodell. Im Haus gibt es keinen Strom und kein einziges Haushaltsgerät, denn das Familienglück liegt allein in der Hände Arbeit der Frau.
Catarina Eufémia kannte also kein anderes Leben als das mit Feldarbeit und  Hausarbeit, seit sie neun Jahre alt war. Auch sie wächst auf mit der »Lektion ­Salazars« und lernt von Kindesbeinen an, wo ihr Platz ist. Sie darf nicht in die Schule und nicht ohne Begleitung der Mutter auf die Straße, sie darf kein Interesse zeigen für das Leben außerhalb dem ihr zugeteilten Raum, Haus und Heim. Von Geburt an war sie verdammt zu einem Leben in Lehnarbeit. Anonym, ein Weib von vielen, deren Existenz im Land ohne Schatten unter einem breitkrempigen Strohhut auf den Feldern des Monte ­Olival dahinschmilzt, und vorbei ist, ­bevor es je begonnen hat. 
Catarina wächst ­heran, ein bildhübsches Mädchen mit einem wunderschönen Gesicht und einem erhärteten Blick. Ihr Schatten, den sie jeden Abend wieder nach getaner Arbeit auf ihrem Lieblingsplatz vor der Haustür sieht, wird größer. Sie beginnt Fragen zu stellen. »Warum bin ich eine Frau, und nicht einfach weiblich?«, fragte Catarina den Gutsverwalter eines Tages und kassierte zur Strafe eine Tracht Prügel. 
»Warum verdienen Männer mehr als Frauen, warum verdient der Patrão noch mehr als zuvor und wir hungern  immer noch?«, fragte sie ihre Genossinnen eines Morgens im Mai 1954, als die Rezession längst vorbei war, als die Latifundien mehr Ernteertrag einfuhren als je zuvor, als der Getreidepreis höher stieg als je erträumt.
»Warum warst du nicht still, warum bist du nicht zurückgewichen, warum du?«, fragte die portugiesische Nationaldichterin Sophia de Melo Breyner Andresen in ihren Catarina Eufémia gewidmeten Zeilen «Dual». Diese Zeilen passen poetisch-­­tragisch perfekt zu Catarina ­Eufémia. >>>
Am 19. Mai 1954, als es wieder einmal kein Mehl für die Frauen zum Brot­backen gab, legen die Landarbeiter die Arbeit nieder und treten in den Streik. Catarina Eufémia führt die Landarbeiterinnen hinauf zum Gutshaus auf dem Monte Olival. Sie verlangt den Patrão Senhor Fernando Nuno Ribeiro zu sprechen. Sie verlangt eine Lohnerhöhung von 2 Centavos, 2/100 portugiesische Escudos, für die Frauen, damit diese ihren Kindern Milch kaufen können. 
Der Patrão war aber am Morgen des 19. Mai nicht zu Hause, und sein Stellvertreter, der Gutsverwalter José Vedor, mit der ­Situation restlos überfordert. Er rief die Guarda Nacional da República zu Hilfe gegen die streikenden Frauen und ihre Wortführerin Catarina Eufémia, die, wie bei jedem Schritt des Tages, ihren acht Monate alten Sohn auf dem Arm trug. Tenente Carrajola traf auf dem Gutshof mit einem Dutzend Polizisten ein. Nach kurzem Handgemenge hatten die Polizisten die Frauen im Griff. Der Tenente erfüllte kraft seines Amtes seine Pflicht, bestrafte Catarina Eufémia wegen Ungehorsams und Aufwiegelei und schlug zu. Er schlug, er trat, er schoss auf Catarina Eufémia, die längst zusammengebrochen wehrlos am Boden lag. Er schlug die 26-Jährige, bis sie sich nicht mehr rührte. Ihr Kind saß neben seiner Mutter im Staub, und weinte.
Die Landarbeiter und Landarbeiterinnen des Patrão, seine Knechte und Mägde, alle Kinder und Alten aus Baleizão standen wehrlos, stumm, gelähmt vor Schreck und Angst im Kreis um den Tatort herum, bezeugten jeden Tritt, jeden Schlag, jeden Schuss. 
War es die Brutalität des Tenente? Die Ermordung in aller Öffentlichkeit? Das weinende Kind neben der toten Mutter? Oder war es Catarinas Entscheidung, sich selbst für ein besseres Leben aller Frauen zu opfern? Catarina Eufémias brutaler Tod lässt viel Raum für Interpretation. Ihr Martyrium tränkte die Seele der Landarbeiter mit Zorn. Ihr Tod schrieb mit Blut ein Wort: Genug!
Ihr Martyrium war nicht das einzige im Alentejo, im Ribatejo, an der Algarve, und sie nicht das einzige Todesopfer der Salazar-Diktatur. Doch gerade ihr Tod löste die Starre der Menschen in Beja, in Serpa, in Grandola, in Évora. Wie bei einem Vulkanausbruch macht sich die Jahrzehnte lang angestaute Wut Luft. Die Ohnmacht, die Not, der Hunger, die Misere: Das Volk steht auf, es rebelliert.
Zwanzig Jahre später, am 25. April 1974 kam es zum Befreiungsschlag. Mit Kämpfern aus der Untergrundbewegung LUAR, mit militanten Aktivisten aus der PCP, mit Verbündeten im bewaffneten Militär, mit Hilfe erfahrener Militärs und letztlich mit Unterstützung des Volkes gelang die Revolution und der Sturz der Diktatur. Die Flamme der Rebellion brannte an vielen Orten in Portugal, vor allem aber in Orten wie Baleizão, seit dem Tag, als Catarina Eufémia ihren Schatten zum letzten Mal sah.
Zeca Afonso, der Komponist der Freiheitshymne Grandola Vila Morena schickte Catarinas Stimme nach ihrem Tod in Liedform auf den Weg: «Cantar Alentejano», »Sing, Alentejo, sing«. Die Autorin ­Clara Pinto Correa aus Baleizão schrieb Catarinas Geschichte auf: Adeus, Princesa. Die Dichterin Sophia de Melo Breyner Andresen schließt den Lebenskreis der 26-jährgen Landarbeiterin in ihrem Gedicht für sie mit den Worten: »Die Suche nach Gerechtigkeit hört nie auf.« 
 
Die Tyrannei ist glücklich, denn sie legitimiert zu Taten, die nicht erlaubt, nicht erwünscht, nicht vorstellbar sind.

Der Palácio das Passagens in Vendas Novas

Foto vom Palácio das Passagens in Vendas Novas

Ein Königspalast für zwei Tage 
•  von Andreas Lausen

> Die portugiesische 12.000-Einwohner-Stadt Vendas Novas ist nicht gerade ein Magnet für Besucher. Zwar sind die hier beheimateten Bifanas (Brötchen mit Schnitzel) berühmt, aber sonst macht die Stadt zwischen Lissabon und Évora keinen attraktiven Eindruck. Und doch gibt es in Vendas Novas einen weitgehend unbekannten königlichen Palast, der für wenige Tage im Jahre 1729 im Mittelpunkt einer kuriosen Reise stand. Wie viele Bauwerke in Portugal ist er einer Laune des barocken Königs João V. entsprungen, der das Land von 1706 bis 1750 regierte.
João war eher ein friedfertiger Mensch. Er strebte nicht nach militärischen Großtaten wie viele seiner europäischen Kollegen. Seine Leidenschaft waren die Schönen Künste: Architektur, Musik, Bildhauerei, Malerei und die Bücher.
Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 wollte er die jahrhunderte­alte Feindschaft mit den spanischen Nachbarn beenden. Die kluge Heirats­politik seiner österreichischen Verwandten brachte João auf die Idee, zur neuen spanischen Bourbonen-Dynastie ehe­liche Bande zu knüpfen.
So verhandelten die Nachbarländer ausführlich über eine Doppelhochzeit: Die portugiesische Prinzessin Maria Bárbara sollte den spanischen Thronfolger Fernando (später König Fernando VI.) heiraten. Im Gegenzug wurde die spanische Infantin Mariana Vitória dem portugiesischen Thronfolger José versprochen. 1723 wurde das Heiratsversprechen feierlich abgelegt, obwohl Fernando erst neun und Maria Bárbara erst zwölf Jahre alt waren. Mariana war eigentlich bereits dem französischen Thronfolger zugesagt und hatte schon einige Jahre in Versailles gelebt, aber inzwischen war den spanischen Bourbonen die Hochzeit mit dem portugiesischen Thronfolger wichtiger. Die Unterhändler verhandelten ausführlich über den Austausch der Prinzessinnen, der auf den 19. Januar 1729 festgelegt wurde.
Als Ort der Feierlichkeiten wurde der kleine Grenzfluss Caia zwischen Elvas und Badajoz ausgesucht. Hier sollte ein stabiles hölzernes Brückenbauwerk errichtet werden mit einem Saal auf portugiesischer, einem auf spanischer Seite und einem Saal über der Flussmitte. Nun galt es, für die portugiesische Delegation standesgemäße Quartiere zu finden. Von Évora bis Elvas standen genügend Unterkünfte zur Verfügung, aber zwischen Lissabon und Évora fand sich nichts.
1727 rief João die Architekten zu sich, die seit bereits zehn Jahren am Palast von Mafra arbeiteten. Dem deutschstämmigen João Frederico Ludovice, seinem Sohn Pedro und dem Portugiesen Custódio Vieira schwante nichts Gutes. Seit Jahren forderte der König von ihnen mehr Anstrengungen, um den Bau in Mafra zu beschleunigen. Und jetzt verlangte der Magnânimo (der Großherzige) den Bau eines weiteren Palastes in Vendas Novas, um dort auf der Reise zur spanischen Grenze ein standesgemäßes Quartier vorzufinden!
Innerhalb eines Jahres sollte der Bau fertig sein, in den Maßen von 70 mal 70 Metern. Die drei Architekten wagten den Widerspruch. Schon in Mafra fehlten Arbeiter, Künstler und Geld − wie sollte dann noch ein Schloss fertig werden? Der König wischte alle Bedenken vom Tisch. Sein einziges Zugeständnis war: Ein tatkräftiger Offizier (Coronél José de Silva Pais e Vasconcelos) sollte für genügend Arbeiter und Geld sorgen. Dieser schickte Greiftrupps durch das Land, um Arbeiter für die Bauten anzuwerben, was oft nur mit Gewalt gelang.
Im Jahre 1728 arbeiteten 45.000 Männer in Mafra und 2.000 in Vendas Novas, um die Bauwut ihres Königs zu befriedigen. In Brasilien wurden mehr Zölle und Steuern eingetrieben, und unter Leitung von Custódio Vieira wurde Vendas Novas tatsächlich schon in neun Monaten fertig.
So konnten sich João V. und seine öster­reichische Gemahlin Maria Ana mit Sohn und Tochter am 9. Januar 1729 von Lissabon auf den Weg machen. 185 prächtige Kutschen umfasste die Kolonne − einige davon stehen heute im Kutschenmuseum in Belém − dazu hunderte Plan­wagen und Karren, begleitet von 7.000 Soldaten, 3000 Dienern, einem Orchester, 222 Köchen, Adligen, Bischöfen, Priestern und Handwerkern. Pauken und Trompeten kündigten die königliche Karawane an, die durch die stillen Dörfer des Alentejo lärmte. Und wenn der König gute Laune hatte, griff er in die Truhe zu seinen ­Füßen und warf ein paar Hände voll Münzen unters Volk.
Trotz Kälte und Regen sowie zahlreicher Achsbrüche kam man termin­gemäß im neuen Palast von Vendas Novas an. Portugals Nobelpreisträger für Literatur José Saramago beschreibt die Reise eindrücklich in seinem Buch »Das Memorial«. Der Palast war prächtig ausgestattet und geschmückt. Nach der Übernachtung ging es über Èvora weiter nach ­Elvas.
Am 19.Januar 1729 trafen sich die Delegationen beider Königreiche in dem hölzernen Bauwerk über dem Grenzfluss. Zum ersten Mal begegneten sich hier die eingeschüchterten Brautpaare. Die Zeremonie erinnerte eher an den Austausch von Geiseln («Troca das princesas») als an eine fröhliche Feier. Beide Prinzessinnen sahen ihre Heimat nie wieder.
Politisch war die so besiegelte Freundschaft nicht von langer Dauer. Schon 1734 forderte Spanien den Abzug der Portugiesen vom Rio de la Plata und griff die Kolonie Sacramento im heutigen Uru­guay an.
Auch auf der Rückfahrt von Elvas machte die königliche Familie wieder in Vendas Novas Station. Danach residierte nie wieder ein König in diesem Palast, der den Namen «das Passagens» erhielt − »Palast der Durchreisen«. Nach langem Leerstand wurde der Palast schließlich als Seuchenspital genutzt. Als 1857 direkt hinter dem Palast die Eisenbahnlinie Barreiro—Évora gebaut wurde, fand der Palast eine gänzlich andere Verwendung. Der Gleisanschluss machte den schnellen Transport von Geschützen möglich, und so residiert hier seit 1861 die Escola ­Prá­tica de Artilharía.
Eine reguläre Besichtigung des mili­tärisch genutzten Gebäudes ist nicht ­vorgesehen. Trotzdem können Sie den Wachtposten am Tor danach fragen. Wenn der Dienstplan es erlaubt, führt ­Sie ein fachkundiger Soldat durch einige Räume und zeigt Ihnen auch die an­sprechende Kapelle mit sehr schönen weiß-blauen Azulejos. Sie sehen dann ­einige der königlichen Wohnräume mit ­Deckengemälden und den Lichthof mit gusseisernen Säulen. Auch die «Sala dos Tedescos» ist heute noch beeindruckend.
Und wenn Sie mögen, können Sie anschließend in einem Restaurant in Vendas Novas die berühmten Bifanas probieren.

Naturpark Ria Formosa am Algarve (Portugal)

Blick über den Lagunenstrand von Ria Formosa (Algarve)

Blick über den Lagunenstrand von Ria Formosa (Algarve) · © Catrin George Ponciano

Über die Zukunft des Naturparks Ria Formosa (Algarve)

Löst Natur-Tourismus die Probleme von immer mehr TouristInnen? · von Catrin George Ponciano

Das Archipel Ria Formosa an der Ostalgarve vereint das Meer mit der Erde, bietet Flora und Fauna einen einzigartigen Lebensraum und den Menschen eine solide Lebensgrundlage und neue berufliche Chancen. Früh am Morgen schimmert das sich seicht ins Meer ausstreckende Archipel im Sotavento milchig trüb, gletscherfarben im Dunst der sich davonstehlenden Nacht. Mittags leuchtet es unendlich tintenblau, im Licht der Nachmittagssonne schilfgrün, am Abend gülden orange. Eine milde Brise kräuselt die Oberfläche. Die Ruhe der Natur ist spürbar zum Greifen nahe: ein kleines Paradies! Vielleicht meinte António Aleixo, der Heimatdichter der Algarve, deshalb einst: »Wer hier stirbt, lebt weiter.«
1987 zum Naturpark erhoben, breitet sich das Wasserschutzgebiet im Ria Formosa-Archipel etwa 60 Kilometer entlang der Küste auf einer Gesamtfläche von 18.400 Hektar aus. Zweimal täglich schwemmt der Atlantik Meerwasser in die Lagune hinein und hinaus, gibt so die grazile Unterwasserwelt für wenige Stunden frei.
Die markant geformte Dünen-Barriere verläuft ab Faro durch fünf Landkreise, beginnend westlich von Faro im Landkreis Loulé, vorbei an Olhão und Tavira gen Osten bis an die Landkreisgrenze Tavira/Vila Real de Santo António in Cacela Velha, und schützt die Küste vor Erosion durch Meeresströmung und Wind.
Bereits beim Landeanflug auf Faro bietet die Ria einen imposanten Anblick, am Boden gewährt der Naturpark dann ­unterwegs zu Fuß bemerkenswerte Einblicke in die Biodiversität, zum Beispiel auf einem Spaziergang im eigens angelegten Parque da Reserva Natural da Ria Formosa in der Nähe des Campingplatzes von Olhão, wo Besucher auf einem eigens markierten Naturlehrpfad an Salinen vorbei zu einer noch intakten Gezeitenmühle gelangen, durch schattigen Kiefernwald wandeln und auf römische Salzbecken sowie im Schilf verborgene Vogelbeobachtungsposten stoßen.
Um den Naturpark auf eigene Faust zu Wasser zu erkunden, eignet sich die regelmäßig vom Kai in Olhão verkehrende Fähre zu den Inseln Armona, Farol, Deserta oder Culatra, und die in Tavira zu den Düneninseln Cabanas oder Ilha de Tavira. Vorne am Bug der Fähre stehend, die Nase im Wind, gewinnt man rasch Abstand zum Urlaubertrubel in den Touristenhochburgen.
Authentische Mee(h)r Einblicke in die fragile Flora und Fauna des Archipels schenkt ein privat gebuchter, mehrstündiger Bootsausflug. »Am besten bei Ebbe«, sagt João Sabino, Bootseigner, Skipper, und Betreiber des Naturtourismus Unternehmens »Sabino Boattours« in Olhão. »Denn erst, wenn sich das Meer zurückzieht, wird unser Paradies wirklich sichtbar und ich kann euch sogar das Leben am Meeresboden zeigen, wenn wir durch noch völlig unberührtes Marschland steuern«, lächelt er. Der Sohn einer Fischerfamilie geht dem Geschäft am Arbeitsplatz Meer seit seinem zwölften Lebensjahr nach. João weiß genau, wo es die besten Krebse gibt, wo die größten Lagunenherzmuscheln »wachsen« oder die fleischigsten Herzmuscheln im Sand verborgen liegen, denn er hat als Muschelbauer gearbeitet, bevor er sein Unternehmen gründete. Der Kapitän kennt die Verstecke der ­Seepferdchen-Kolonien und jeden Priel zwischen den Inseln. Unterwegs zeigt João seinen Gästen die spannendsten Stellen zum Schnorcheln oder wo Löffler nisten. Gewusst wie, sammelt er Seesterne, Seeigel und Seegurken zum Anschauen und hinterher wieder ins Wasser entlassen. Seinen Erfahrungsschatz über das bio-kosmische Zusammenspiel in »seiner« Ria vermittelt er spielerisch und mit großer Hingabe zum Detail, sammelt ganz nebenbei jeden Tag Plastikmüll aus dem Meer, während er sein komfortabel ausgestattetes Boot mit einer Hand souverän durch die mäandernde Lagune steuert.
»Wichtig für sauberes Wasser in der Lagune sind die Salz-Schlickgras-Weiden«, erklärt er. Die Halme heißen Spartina ­anglica. Sie wachsen moosgrün störrisch kräftig dicht an dicht am Meeresboden und wandeln Monoxid mittels Photosynthese in Sauerstoff um. In diesen Seegrasweiden fühlt sich der Mini-Dinosaurier Cavalo Marinho ganz besonders wohl. Der knorpelig possierliche See­pferdchen Jurassic-Geselle hat hier in der Ria keine natürlichen Feinde, pflanzt sich gefahrlos fort und zählt mit der hiesig heimischen Population zu den größten Seepferdchen-Kolonien der Welt.
Heutzutage hat das biologische Gleichgewicht in der Lagune eine andere Priorität als früher. Die Fischergemeinschaft hat erkannt, dass sie ihre Ria nicht grenzenlos ausbeuten kann, sondern mit sensibel durchdachten Projekten die Umwelt schonen muss, um auch künftig von den Ressourcen ihrer Ria profitieren zu können. Dazu zählen zum Beispiel Kinderstuben und Aufzucht-Sandbänke für Schaltiere und Austern, sowie streng kontrollierte Schonzeiten für gewisse Muschelsorten und Fischarten, damit sich ihr Bestand nicht weiter dezimiert, sondern behutsam erholt. Bereits die Phönizier wussten sich die natürliche Kraft der Gezeiten zunutze zu machen und legten Meersalz-Salinen an, die den Salzbauern bis heute das begehrte weiße Gold nachhaltig bescheren. Die Römer bauten die weiterverarbeitende Indus­trie sowohl für Fischpasteten auf als auch für den begehrten Meeresschinken Muxama vom Thunfischfilet. Ansässige Fischer entwickelten spezielle Fischfallen für den Thunfischfang, Muschelbauern legten Muschelfelder für Schaltiere an. Somit sorgen die endogenen Ressourcen seit über 2500 Jahren für solide Einkommensquellen. Mit dem neuen Markt-­Sujet Naturtourismus bietet die Ria ­Formosa berufliche Alternativen zum ­Fischfang und jungen Salzbauern völlig neue Zukunfts-Perspektiven, so dass sie nicht abwandern müssen. Dank aktiv umwelt­orientierten Unternehmern wie João ­Sabino wird auch der Blick des ­Besuchers für die fragile Biodiversität sensibilisiert. Sie tragen als Kunden dazu bei, dass die historisch begründete ­Lebensform im Archipel erhalten wird und das Paradies paradiesisch bleibt.

TIPPS
Sabino Boattours – Naturtourismus Ria Formosa:

www.sabinoboattours.com/en/

Spazierwege-Beschreibungen mit Karte finden Sie hier:
www2.icnf.pt/portal/turnatur/visit-ap/pn/pnrf

Parque da Reserva Natural da Ria Formosa
www.olhao.web.pt/parquenatural.htm

Denkmal für die Opfer des Kolonialismus

Die Schattenseite der Entdeckungen

Für die Opfer des portugiesischen Kolonialismus soll es endlich ein Denkmal geben · von Vasco Esteves

Ich bin als Flüchtling nach Deutschland gekommen, weil ich mich weigerte, an den Kriegen Portugals gegen die Befreiungsbewegungen in »unseren« Kolonien in Afrika teilzunehmen …
In Portugal gibt es viele Denkmäler für Kriegsopfer. Mich hat immer gestört, dass es dort kein Denkmal für die Opfer der eigenen Diktatur gibt und − noch schlimmer − für die afrikanischen Opfer unserer Kolonialkriege: ein unverzeihliches Manko angesichts des unendlichen Leidens der schwarzen Bevölkerung unter portugiesischer Herrschaft!
Portugal hat nicht nur die Afrikaner in ihrer Entwicklung gebremst und ausgebeutet, sondern sie auch in ihrer Würde verletzt und oft mit Gewalt bekämpft − militärisch oder durch Sklaverei. Zwischen 1501 und 1866 sind ungefähr 12,5 Millionen Sklaven von Afrika nach Amerika verschifft worden. Die Hälfte davon wurde von Portugiesen nach Brasilien gebracht! Portugal beschäftigte sogar Sklaven als Handwerker, Fischer oder Bauern auf dem eigenen Festland!
In diesem Jahr wird in Lissabon endlich ein Denkmal für die Opfer der Sklaverei und des Rassismus errichtet. Leider nicht ganz freiwillig und offiziell, sondern auf Initiative des Vereins DJASS, der Afrodeszendenten in Portugal, mit Unterstützung der Lissaboner.
Beatriz Gomes Dias, Vorsitzende des DJASS-Vereins: »Mit diesem Denkmal wollen wir einen Dialog eröffnen und unbekannte Geschichten erzählen. Es ist wichtig anzuerkennen, dass der Glanz Portugals zum größten Teil dem Sklavenhandel zu verdanken ist.«
Das Denkmal soll nun auf dem Platz »Ribeira das Naus« gleich neben der »Praça do Comércio« in Lissabon errichtet werden, genau dort, wo damals der Hauptsklavenmarkt Lissabons war.
Schwarze Sklaven in Lissabon: Anhand der folgenden drei Beispiele soll gezeigt werden, dass die Afrikaner schon immer gegen die Fremdherrschaft der Portugiesen gekämpft haben und sich dabei oft heldenhaft verhalten haben.

Nzinga Mbandi
Die angolanische Königin Nzinga Mbandi bot schon im 17. Jahrhundert der Kolonialmacht Portugals die Stirn. Sie lebte von 1583 bis 1663 im heutigen Angola. Das war am Anfang der portugiesischen ­Kolonisierung, in einer Zeit, in der das Geschäft mit der Sklaverei aufblühte… Angefangen hat Nzinga Mbandi als Diplomatin. Sie war bekannt für ihren Stolz und verhandelte immer auf Augenhöhe mit den Portugiesen. 1623 bestieg sie für 40 Jahre den Thron des Ndongo-Königreiches und wurde gleichzeitig Führerin und Mitkämpferin der Armee, die Widerstand gegen die Besatzer leistete. Ein Friedensvertrag, den Mbandi 1622 mit den portugiesischen Machthabern ausgehandelt hatte, wurde kurz danach von den Portugiesen gebrochen, weswegen sie sich mit den Holländern gegen die Portugiesen verbündete.
In ihren Methoden war sie manchmal skrupellos und handelte teilweise selbst mit Sklaven. Nzinga Mbandi konnte portugiesisch sprechen, lesen und schreiben und beherrschte auch mehrere native Sprachen.
Die UNESCO hat (allerdings nur auf Portugiesisch und Englisch, nicht auf Deutsch) eine PDF-Datei mit der Geschichte dieser angolanischen Königin in Zeichentrick-Format herausgebracht: Download unter http://unesdoc.unesco.org/images/0023/002309/230931por.pdf

Ngungunhane
Der Bantukönig Ngungunhane führte im 19. Jahrhundert das zweitgrößte afrikanische Imperium. Auf Wikipedia steht über ihn: »Er war von 1885 bis 1895 König von Gaza, dem letzten großen, unabhängigen Bantu-Königreich im heutigen ­Mosambik. Erst ein Vasall des portugiesischen Königs, rebellierte er später ­gegen die portugiesische Obrigkeit«. Ngungunhane war Führer des zweitgrößten afrikanischen Imperiums im 19. Jahrhundert in Afrika, also kein kleiner oder unbekannter Stammesführer!
Er hatte einen Pakt mit den Portugiesen geschlossen, fiel aber in Ungnade, als er anderen afrikanischen Stämmen, die gegen die Portugiesen rebelliert haben, Schutz gewährte. Die portugiesische Kolonialmacht schickte Truppen gegen ihm. Er verlor mehrere Schlachten und suchte schließlich Zuflucht in seiner eigenen heiligen Stadt »Chaimite«, wo er von den Portugiesen festgenommen wurde. Weil er aber in Europa schon sehr bekannt war, wurde er nicht − wie in solchen Fällen üblich − einfach erschossen, sondern zuerst nach Lissabon gebracht, wo man ihn auf demütigende Weise als »Trophäe« präsentierte: Er wurde in einem Käfig durch Lissabon gekarrt und später im botanischen Garten von Belém wie in einem Zoo ausgestellt. Danach brachte man ihn auf die Azoren-Inseln ins Exil, wo er 1906 starb. 1985, zehn Jahre nach der Unabhängigkeit Mosambiks, wurde Ngungunhanes Leichnam endlich nach Mosambik gebracht, wo er als Held empfangen wurde.
Ich erinnere mich noch, dass in den Geschichtsbüchern zu meiner Kindheit in Portugal Ngungunhane als Beispiel aufgeführt wurde, wie die Portugiesen die »wilden« Afrikaner »domestizierten«, das heißt: mit vielen Toten und »militärischen Erfolgen«, um so die Überlegenheit der »weißen Rasse« zu demonstrieren. Und gleichzeitig predigte uns die Katholische Kirche in Portugal damals, dass alle Menschen, egal von welcher Farbe, vor Gott gleich seien!

Amílcar Cabral
Amílcar Cabral war der wahre Vater der Unabhängigkeit von Guinea-Bissau und den Kapverden. Er war ein Agrarwissenschaftler aus Guinea-Bissau, der später zum Unabhängigkeitskämpfer und charismatischen Führer der PAICG (Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde) wurde. Er war auch populär als Dichter und Theoretiker der Entkolonialisierung. Er veröffentlichte mehrere Schriften, die sogar ich damals als oppositioneller Student in Portugal mit Begeisterung gelesen habe: Als »portugiesischer Frantz Fanon«, plädierte er für Blockfreiheit und bekam auf der internationalen Bühne viel Anerkennung. Er war Mitglied in der Sozialistischen Internationale und befreundet mit wichtigen Sozialisten aus Europa wie Olof Palme oder Francois Mitterand).
Ein Zitat von Amílcar Cabral: »Wenn in Portugal ein Regime herrschen würde, das bereit wäre, die Zukunft und den Wohlstand des portugiesischen und auch unseres Volkes gleichberechtigt aufzubauen, also in absoluter Gleichheit, das heißt wo zum Beispiel der Staatspräsident auch aus Guinea oder Kap-Verde stammen könnte, und dasselbe für alle andere staatlichen Stellen gelten würde, dann gäbe es für uns keine Notwendigkeit, für Unabhängigkeit zu kämpfen. Wir wären nämlich alle schon unabhängig, und das sogar in einem aus historischer Perspektive viel größeren und vielleicht effektiveren menschlichen Rahmen.«
Er wurde 1973 in Guinea-Conakry im Rahmen eines misslungenen Putsches innerhalb der PAIGC ermordet. Man vermutet die Auftraggeber hinter diesem Mord aber in der portugiesischen Geheimpolizei PIDE. Trotzdem war der Befreiungskampf in Guinea-Bissau schon damals so weit fortgeschritten, dass das Land noch im gleichen Jahr seine Unabhängigkeit von Portugal erklärte!
Schlusswort: Die Nelkenrevolution am 25. April 1974, welche den Portugiesen wieder Freiheit und Demokratie brachte, ist gewissermaßen auch in den portugiesischen Kolonien entstanden, weil die ­afrikanischen Völker sich erfolgreich gegen den portugiesischen Kolonialismus und Faschismus gewehrt haben. Deswegen bin ich meinen afrikanischen Brüdern für immer dankbar: Sie haben nicht nur für ihre eigene Freiheit, sondern auch für unsere gekämpft!

VASCO ESTEVES kommt 1969 aus politischen Gründen von Portugal nach Deutschland. Als Mathematiker arbeitet er 30 Jahre in der IT-Industrie im Rhein-Main-Gebiet. Ab 2007 fängt er eine zweite Laufbahn als Theaterschauspieler an. Seit 2009 lebt er in Berlin und ist Mitglied der DPG. Seine damalige Flucht nach Deutschland hat sein Leben komplett verändert − und ist Motivation für diesen Artikel.

INFORMATIONEN
https://lisboaafricana.com/tag/djass-associacao-de-afrodescendentes/ https://www.facebook.com/­memorialescravatura/

Catrin George Ponciano: 111 Orte am Algarve

Buch-Cover 111 Orte an der Algarve · © Emons Verlag

Buch-Cover 111 Orte an der Algarve · © Emons Verlag

111 Orte am Algarve

Anmerkungen zu Catrin George Poncianos Buch über interessante Orte am Algarve · von Andreas Lahn

Keine Angst: Sie müssen nicht 111 Orte angucken, um den Algarve zu verstehen! Alle von Catrin George Ponciano vorgestellten Orte sind speziell, zum Teil skurril − und deshalb nur für Menschen mit Vorlieben für das Besondere interessant. Wer keine Bücher mag, wird nicht nach Aljezur fahren, um sich die wundervolle Bücherei von Berenike Jacob anzusehen. Alle anderen werden begeistert sein und gerne in den deutsch- und portugiesischsprachigen Büchern stöbern. Hier gibt es Infos, Internet, Lesungen, Vorträge etc. und deshalb ist die Bücherei »eine Stätte der Begegnung zwischen Büchern, Menschen und Sprachen«, wie Berenike Jacob es treffend auf den Punkt bringt.
Wollen Sie wissen, wo »romantische Kreisverkehre« sind, warum es die Santa-Casa-Lotterie gibt, was es mit der Knochenkapelle in Alcantarilha auf sich hat, wo die Eselsfarm, das Goldgras-Dorf und der Gockelstein sind, dann stöbern Sie in diesem kurzweiligen Buch.
Das Konzept dieser Buchreihe ist immer gleich: Auf der linken Seite steht der Text und auf der rechten sind ein großes Foto, Adresse, Anfahrt und Tipps. Sie müssen das Buch nicht von vorne bis hinten lesen, sondern können sich jeweils auf die Orte konzentrieren, in deren Nähe Sie sich gerade aufhalten. So lassen sich spontane Besuche realisieren. Wenn Sie zum Beispiel nach Monchique wollen und sich für Algen interessieren, planen Sie kurzfristig einen Besuch der Spiru­lina-­Farm ein. Das geht auch mit dem Obelisk in Faro, den Rittern aus Stahl in Castro Marim und den Petence-Spielfeldern in Fuseta. Sie mögen Skurriles? Na, dann nichts wie los zum Dorf der Henker.
Es gibt viele Artikel aus der Geschichte des Algarve, zum Anfassen sozusagen. Manches ist bloßes Wissen oder mittlerweile auch bereits Geschichte wie zum Beispiel die alten Sardinen-Fabriken in Portimão, anderes erzählt die Herkunft wie die Geschichte zur versteinerten ­Träne, dem »Pedra Mourinha«, einem riesigen Felsen, der wie eine Träne aussieht. Am Algarve tauchen häufig Namen auf, die auf alten Traditionen beruhen. So auch die Geschichte zum Namen von Olhos de Água, eines Strandes, der östlich von Albufeira liegt: »Ganz vorn am Ende der Felsenwiese blubbert Wasser aus dem Sand empor. Das sieht aus, als hätte das Meer Augen, die weinen, und deswegen heißt der Strand Olhos de Água − Meer-­Augen.« (S. 18)
Wenn Sie sich für die Eigenarten des Algarve interessieren, werden Sie zum Beispiel im Artikel über die Korkfabrik von São Brás de Alportel fündig. Schließlich wird seit über 2000 Jahren mit Kork gehandelt. Und Kork ist nicht nur auf Weinflaschen zu finden, sondern ist ­sowohl wertvoller Baustoff als auch Material für exklusive Mode-Accessoires wie Handtaschen, Portemonnaies, Regenschirme etc. Auf einem geführten Rundgang durch die Fabrik »Novacortiça« erfahren Sie alles Wissenswerte zum Kork. Und auch ein Hinweis auf den »Rota Cortiça« ist als Tipp vorhanden.
Haben Sie schon von der Süßkartoffel »Batata Doce« gehört? Die aus Brasilien eingeführte Kartoffel wächst in der Umgebung von Rogil blendend und passt perfekt zu etlichen Gerichten. Sie möchten probieren, aber nicht lange suchen? Dann vertrauen Sie der Autorin und testen Sie das empfohlene Süßkartoffel-Restaurant.
Wie vielfältig dieses Buch ist, zeigt auch die Geschichte zu Álvaro de Campos. »Das ist doch eines von Fernando Pessoa verwendeten Heteronymen«, werden Sie jetzt vermutlich denken. Und das stimmt auch. Doch es gibt auch in Tavira eine Bibliothek, die diesen Namen trägt: Casa Álvaro de Campos. Warum das so ist, steht auf Seite 216 des Buches von Catrin ­George Ponciano.
Ich möchte dieses kurzweilige Buch allen Algarve-LiebhaberInnen empfehlen. Stürzen Sie sich auf die spannenden Geschichten und freuen Sie sich auf Orte, die Sie ohne die Fleißarbeit der Autorin vermutlich nie kennengelernt hätten.

111 Orte an der Algarve, die man gesehen haben muss
mit zahlreichen Fotos · Emons Verlag, Köln · ISBN 978740803629 · 240 Seiten · 16,95 €

Lesungen mit Catrin George Ponciano

ALBUFEIRA-GALÉ
20.12.2018, 16 Uhr
Moderation: Georg Franzky Cabral
Hapimag-Resort, Lounge Bar
Rua da Torre Velha
Albufeira
Eintritt frei; Nicht-Hotelgäste willkommen
Info und Anmeldung: 00351-969052712
E-Mail: catringeorge@yahoo.de
Weitere Informationen

Koch aus Leidenschaft: Interview mit Luis Ehlert

 

Foto von Luis Ehlert (»Insider Cooking«)

Luis Ehlert von »Insider Cooking« · Foto © Yara Ehlert

»Kochen ist meine Leidenschaft!«

Luis Ehlert über die portugiesische Küche, seine Kochkurse in Penedo und was er weder kochen noch essen mag • Fragen von Andreas Lahn

Hallo Luis, wie findest du ein Restaurant, wenn du auf Reisen bist und Hunger hast: Gehst du in das erstbeste, auch auf die Gefahr hin, enttäuscht zu werden?
Luis Ehlert: Nein, ich habe das Glück, dass meine Frau sich vorher erkundigt und gute Restaurants an der Strecke bucht. 

Das ist ja clever. Aber weißt du immer schon vorher, wo es lang geht?
Es ist selten der Fall, dass wir nicht vorher wissen, wo es hingeht. Wir waren zum Beispiel gerade in Aveiro. Da haben wir uns auch vorher erkundigt und sind nicht enttäuscht worden. Das war super!

Da kommt die Leidenschaft des Kochens voll zur Geltung. Wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat, möchte man im Restaurant keine negativen Erfahrungen mehr machen?
Ja, genau! Weil wir nicht enttäuscht werden wollen, informieren wir uns vorab.

Du betreibst die Firma »Insider Cooking« zusammen mit deiner Frau Regina. Ihr bietet Kochkurse auf eurem Grundstück in Penedo an. Was wird da gekocht?
Da werden in erster Linie portugiesische Gerichte gekocht. Die Kurse sind ein Projekt der traditionellen, aber auch der zeitgenössischen Küche. Darüber hinaus habe ich die Ehre, immer mal wieder Gastköche einzuladen zu können, die nicht unbedingt portugiesisch kochen müssen. Sie kochen vielmehr das, was sie können und wollen. Das ist in der Regel zumindest portugiesisch angehaucht, weil viele Chefs auch in Portugal wohnen und sich mit dem Land verbunden fühlen. Im Mai bieten wir zum Beispiel einen Kochkurs zur iranischen Küche an, weil eine Freundin von mir Iranerin ist und vorzüglich kocht. Ein anderer Freund ist Brasilianer und kocht auch sehr gut. Das sind aber eher die Ausnahmen.

Was sind das für Leute, die an den Kochkursen teilnehmen?
Wir bieten die Kurse seit 2011 an. Die TeilnehmerInnen lassen sich in keine Schubladen stecken Da kommen ganz unterschiedliche Leute zusammen. Unsere Kochkurse sind für Einheimische und auch für Touristen. Wichtig ist das Ambiente. Wenn du aus Lissabon kommst, fährst du 40 Minuten und bist auf dem Land. Hier tauchst du in dieses pittoreske Dorf Penedo mit Blick aufs Meer in eine ganz andere Welt ein. Wir haben zwei Typen von Kochkursen. Zu den einen wird individuell eingeladen. Die anderen werden im Internet angekündigt und sind öffentlich. Daraufhin melden sich viele Leute unterschiedlicher Nationalitäten an, die zum großen Teil hier in der Gegend wohnen. In den Kursen sprechen wir portugiesisch, englisch und deutsch. Auch die Rezepte gibt es in diesen drei Sprachen. Über die Jahre hat sich ein Stammpublikum entwickelt. Es gibt sogar einige Menschen, die zu fast jedem Kochkurs kommen − unabhängig davon, was gekocht wird. Letztlich geht es ja nicht nur um das Kochen und Genießen. Ein Kochkurs ist quasi ein gesellschaftliches ­Ereignis, bei dem man in entspannter ­Atmosphäre viele Leute kennenlernt − auch aus anderen Ländern −, so dass interessante ­Gespräche geführt werden können.

Du legst Wert auf regionale Produkte und Weine aus der Gegend. Wie funktioniert das in der Praxis?
Bei Weinen aus der Gegend muss ich eine Einschränkung machen. Colares-Weine sind sehr spezielle Weine. Wir legen uns nicht so fest und denken landesweit. Portugal ist ja ein eher kleines Land. Wir haben Alentejo-Weine, aber auch welche aus dem Douro oder Dão. Ich lade auch mal ein Weingut ein, damit sie ihre Weine vorstellen können. Da möchte ich mich nicht festlegen. Portugiesische Produkte ja, aber für komplett regionale Produkte fehlt die Notwendigkeit. Portugal ist ein kleines Land.

In portugiesischen Restaurants lautet die erste Frage meistens Fisch oder Fleisch. Welche Rolle spielen vegetarische und vegane Gerichte in deinen Kursen und in der portugiesischen Küche insgesamt?
Das ist eine sehr gute Frage. Meine Töchter sind seit vielen Jahre Vegetarierinnen und jetzt Veganerinnen. Ich musste mich deshalb früher mit diesem Thema beschäftigen als mir lieb war. Ich habe auch schon Kochkurse mit vegetarischen Gerichten angeboten und dafür Köche eingeladen, die diese Herausforderung angenommen haben. Mittlerweile könnte ich es auch selber machen… Im Vergleich zu anderen Ländern hinken portugiesische Restaurants mindestens zehn Jahre hinterher. Es gibt bisher nur einige wenige Restaurants, die sich diesem Trend verschrieben haben.

Letztlich geht es ja nicht nur darum, was man anbietet, sondern darum, was die Gäste haben wollen. Wenn eine Gruppe von sechs Leuten zusammen essen geht, und zwei Personen wollen vegetarisch essen, dann wird kein Restaurant gewählt, das zu 99 Prozent Fisch und Fleisch anbietet. Das hat somit auch geschäftliche Gründe.
Du hast vollkommen Recht. Wir haben erst vor Kurzem einem Restaurant in Praia Grande die Empfehlung gegeben, zumindest ein vegetarisches und ein veganes Gericht anzubieten. Die haben diese Anregung gerne übernommen. Du musst dich diesem Markt stellen. Ansonsten kommen die Leute dort hin, essen quasi nur Beilagen und finden das nicht so witzig. Wenn ich ein Restaurant hätte, würde ich mindestens je zwei vegetarische und vegane Gerichte auf die Karte setzen.

Welche Gewürze sind typisch für die portugiesische Küche?
Knoblauch, Olivenöl, Koriander, Paprika, Oreganum, Petersilie, Minze, Piri Piri und Brunnenkresse. Zum Würzen ist Wurst sehr wichtig − in kleinen Stückchen, um den Speisen eine gewisse Geschmacksrichtung zu geben.

Du bietest zusammen mit anderen Veranstaltern kulinarische Reisen in portugiesische Regionen an. Im nächsten Jahr darüber hinaus sogar nach Marokko. Mit welchem Ziel?
Marokko hat mit der Kochbuch-Autorin Julie Stafford aus Australien zu tun, die auch die Veranstalterin ist. Sie hat zwei Workshops bei uns mitgemacht. Wir kamen ins Gespräch. Ich habe sie dann gebeten, eine kulinarische Reise zu organisieren und gleichzeitig auch eine Weinreise, was ja in einem muslimischen Land nicht so einfach ist. Mir macht es einfach Spaß, auch mal ins Nachbarland zu gehen. Warum nicht?

Haben diese Reisen Einfluss auf deine bestehenden Rezepte? Werden sie vielleicht zukünftig mit marokkanischen Gewürzen verfeinert?
Die habe ich schon Zuhause. Ich koche zum Beispiel einen Bacalhau bei Niedrig-Temperatur mit einem Kichererbsen-Püree. Da sind dann Kumin (geriebener Kreuzkümmel) drin und auch eine Gewürzmischung. Das kontrastiert wunderbar zum Bacalhau mit Olivenöl und Knoblauch. 

Wie wichtig sind Weine bei einem Essen in Portugal?
Ganz wichtig! Zumindest für mich und die meisten Portugiesen. Wir haben in Portugal bis zu 250 autochthonen Rebsorten, da kann man herrliche Cuvés draus machen. Das ist unsere Waffe gegen die weltweit angebauten Cabernet Sauvigons oder ­Syrahs. Rebsorten wie Touriga Nacional, Touriga Franca, Alfrocheiro etc. macht portugiesische Weine zu etwas Besonderem! Der Portugiese ist von Haus aus ein Genussmensch. Er isst nicht nur gerne, sondern er trinkt auch gerne seinen Wein. Wenn wir nicht soviel Wein selber trinken würden, könnten wir mehr davon exportieren. 

Wie seid ihr überhaupt nach Portugal und speziell nach Penedo gekommen? 
Das ist ganz einfach zu erklären. Ich bin in Lissabon geboren. Ich frage mich eher, wie ich nach Deutschland gekommen bin! Seit meinem achten Lebensjahr bin ich in der Gegend von Colares und Praia Grande aufgewachsen. Im Alter von 14 Jahren bin nach Deutschland gekommen und dort 20 Jahre geblieben. Ich frage mich heute wirklich, wie ich das geschafft habe. 1996 war die Saudade dann so groß, dass ich nach Portugal zurückgekehrt bin. Wir wohnen jetzt weiter oben auf dem Berg und schauen auf die Gegend, in der ich früher gewohnt habe. Kurz vor der Geburt meiner ersten Tochter bin ich mit meiner Frau Regina nach Portugal gezogen.

Du kannst dich glücklich schätzen, das Regina Lust hatte, mit dir nach Portugal zu gehen, oder?
Ja natürlich. Wenn sie keine Lust gehabt hätte, wäre das ein großes Problem ­gewesen. Aber dann müsste ich mich auch fragen, ob ich die richtige Frau kennengelernt habe. Wer Portugal nicht zu schätzen weiß …

Was denken die Portugiesen über die deutsche Küche? Gibt es Gerichte, die geschätzt werden?
Eisbein, deutsche Würste und Bier. Ich würde behaupten, dass die meisten Portugiesen nicht mehr aus der deutschen Küche kennen. 

Du bist Unternehmens- und Steuerberater von Beruf. Im Vergleich zum Kochen klingt das eher langweilig. Macht dir diese Arbeit noch Spaß?
In meinem Beruf arbeite ich, um Geld zu verdienen. Dem Kochen widme ich mich aus purer Leidenschaft. Das eine fordert den Kopf, das andere das Herz.

Welches ist dein Lieblingsessen? Wie oft kochst du es oder lässt du es dir kochen?
Ein richtiges Lieblingsessen habe ich in diesem Sinne gar nicht. Es gibt viele sehr gut schmeckende Gerichte. Ich habe letztlich deshalb angefangen zu kochen, weil ich außer gegrilltem Fisch oder Fleisch auch mal etwas Anderes essen wollte. Und das konnte ich in einem portugiesischen Restaurant nicht ohne Weiteres bekommen. Einen confierten Bacalhau zum Beispiel kriege ich besser hin als die meisten Restaurants.

Kocht ihr Zuhause getrennt oder auch mal zusammen?
Das ist unterschiedlich. Unter der Woche kocht meistens Regina, am Wochenende bin ich dann dran. Dazu werde ich quasi verdonnert. Natürlich kochen wir auch mal zusammen, bisweilen auch mit Freunden.

Gibt es Gerichte, die du nicht magst, die du nicht kochen kannst oder willst?
Ja, auf jeden Fall! Tripas à moda do Porto zum Beispiel. Damit kannst du mich ­jagen. Quasi alle Gerichte, die Innereien enthalten, esse ich nicht. Und weil ich sie nicht mag, macht es mir natürlich auch keinen Spaß, sie zu kochen. In China habe ich es beispielsweise auch nicht übers Herz gebracht, frittierte Kakerlaken zu essen.

Gibt es etwas, was du gar nicht kochen kannst?
Ich habe viele Kochbücher von Sterne­Köchen. Wenn du anfängst, die zu lesen, ist das Kochen einiger Gerichte derart aufwändig, dass es nicht zu bewältigen ist. Damit müsste ich mich intensiver ­beschäftigen als es meine Zeit häufig zulässt. Es ist wunderbar, diese beeindruckenden Bücher zu lesen, weil man sich daraus die eine oder andere Idee holen kann, um dann Teile daraus zu kochen. Das mache ich hin und wieder.

Letztlich muss es ja so sein, dass du die Gerichte, die du in den Kochkursen anbietest, etliche Male gekocht haben musst, damit auch alles klappt?
Ja, natürlich! Alles, was ich anbiete, kann ich aus dem effeff zubereiten. Sonst würde ich das gar nicht erst machen. Wenn ich koche, beschränke ich mich auf die portugiesische Küche und versuche, die eher traditionellen Gerichte in die heutige Zeit zu übertragen und sie dabei etwas leichter und bekömmlicher zu machen. Und wenn es geht, noch geschmackvoller, aber ohne dabei zu prätentiös zu sein. Das funktioniert prima!

LUIS EHLERT ist am 18.4.1961 in Lissabon geboren. Dort und in Penedo verbringt er seine Kindheit. Im Alter von 14 Jahren zieht die Familie nach Deutschland. 1996 kehrt er mit seiner schwangeren Frau Regina nach Portugal zurück. Er arbeitet als Steuer- und Unternehmensberater in Cascais. Auf seinem Grundstück in Penedo bietet er Kochkurse an. Hobbys sind Garten und Musik. Sein Lebensmotto lautet: »Verträume nicht das Leben, sondern lebe deine Träume!«
Luis Ehlert ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Er liest am liebsten Kochbücher und mag den Film »Mission«. Seine Lieblingsfarbe ist grün.

KONTAKT:
E-Mail: luis.ehlert@insider-cooking.com
Website: www.insider-cooking.com