Zur Geschichte der Associação Portugal-RDA

Foto von der Unterzeichnung der ersten Kooperationsvereinbarung zwischen der Associação Portugal-RDA und dem Komitee DDR-PortugalUnterzeichnung der ersten Kooperationsvereinbarung zwischen der Associação Portugal-RDA und dem Komitee DDR-Portugal · © ADN-foto central

Teil 1: Em cada esquina um amigo (1974/75) · von Dr. Rainer Bettermann

> Im Sommer des Jahres 1976 gingen zwei Bomben in die Luft. Die erste war eher bildlich-redensartlicher Art: In einem Büro des ehemaligen Ministeriums für Hoch -und Fachschulwesen der ehemaligen DDR im ehemaligen Gebäude des ehemaligen Außenministeriums am damaligen Marx-Engels-Platz in Berlin wurde mir eröffnet, dass ich demnächst eine Tätigkeit an der Associação Portugal−RDA als Deutschlektor beginnen könne. Diese Nachricht schlug wie eine Bombe bei mir, in der Familie, im Freundeskreis, im Kollegium in Jena und meiner Theatergruppe ein. Heraus aus dem kleinen abgeschotteten Land in eine nahe und doch ferne Welt: Portugal!
Die zweite Bombe war tatsächlich am 23. Juli explodiert, und zwar am Sitz der Associação Portugal−RDA an der Praça José Fontana, Nr. 17-4°. Im erwähnten Büro wurde mir ein Foto von der verwüsteten Bibliothek vorgelegt. Sollte es mich abschrecken, sollte es meinen revolutionären Zorn wecken, sollte es mich vorsichtig machen? Also auf nach Lissabon, wie die Comedian Harmonists einst sangen! In das Land von José Afonso, dessen «Grândola, Vila Morena» wir vom Festival des politischen Liedes kannten.
Zuvor aber gab es einiges zu bedenken und zu regeln, bis ich eine wahre Rarität in der Hand hielt, nämlich einen blauen Reisepass zur mehrmaligen Ausreise aus der DDR mit einem von der Portugiesischen Botschaft ausgestellten Visum. Wahrscheinlich war es die rumänische Fluglinie TAROM, die mich am 19. November 1976 nach Lissabon brachte. Da stand ich nun vor den zerzausten Palmen am Ausgang des Flughafens, unter denen ein graumelierter Herr und eine junge Frau standen und mich anlächelten.
Was aber war zuvor in Portugal geschehen? Wie war es zur Gründung der Associação gekommen? Um diese Zeit einigermaßen darstellen zu können, musste ich auf Dokumente und Erinnerungen zurückgreifen, die beide nicht absolut zuverlässig sind, wie auch meine Reflexionen es nicht sein können. So sollte sich jeder bei der hoffentlich nicht zu trockenen Lektüre sein eigenes Bild machen können.
Am 4. Dezember 1974 wurde im Teatro Municipal São Luiz in Lissabon die Gründung der Associação Portugal−RDA feierlich verkündet. Die Statuten und die gewählten Gremien wurden bestätigt: Präsident der Generalversammlung war der als Komponist und Dirigent bekannte Fernando Lopes Graça. João de Freitas Branco, ein geachteter Musikwissenschaftler, war zum Präsidenten des ­Vorstands gewählt worden und das ­Sekretariat des Vorstands wurde vom Schriftsteller und Theatermann Alexan­dre Babo als Generalsekretär angeführt. (Das war der graumelierte Herr vom Flughafen.) Aus dem »sozialistischen Deutschland«, wie es in der Zeitschrift der «Associação Novos Caminhos» hieß, war eine Delegation der Liga für Völkerfreundschaft unter der Leitung ihres ­Vizepräsidenten Werner Manneberg angereist. Zur Abordnung aus der DDR gehörte auch die Gruppe des politischen Liedes »Jahrgang 49«. 
Es mag überraschen, dass selbst der damalige Direktor des Goethe-Instituts in Lissabon, Curt Meyer Clason, der Bildung einer Freundschaftsgesellschaft mit der DDR wohlwollend gegenüberstand: »Erste Festdarbietung der DDR im Teatro São Luiz; Alexandre Babo hat uns Karten geschickt. Im ersten Rang, neben dem Botschafter: die Ehrengäste aus ­Ostberlin und Lissabon. Die Bühne ist ­geschmückt; mehrere Ansprachen in Portugiesisch und Deutsch, vorzüglich gedolmetscht. Dann singt Sonja Kehler, vorzüglich begleitet am Flügel; es singt ein Pop-Ensemble Ostberliner Prägung in Jeans, kaum zu unterscheiden von westlichen Gruppen, Lieder des Widerstandes aus Frankreich, Chile, Deutschland mit Musik von Eisler, Weill, Dessau. In der Pause umarmt mich Alexandre Babo, überglücklich… Großartig, denke ich. Alexandre Babos Begeisterung steckt mich an. Es müsste doch gelingen, die Mauer im Ausland zu überwinden! Ich habe bereits de Freitas Branco gesagt, ich sei zu manchen ersten Schritten bereit; an mir solle es nicht liegen. Stolz ist taubes Holz.« (Curt Meyer-Clason: Portugiesische Tagebücher. München: A1 Verlag 1997, S. 256) 
Mit der Veranstaltung im Theater São Luiz war der Auftakt zu einer fünfzehn Jahre währenden Tätigkeit der «Associação Portugal−RDA» vollzogen worden, in deren Mittelpunkt die Verbreitung von Kenntnissen über ein den meisten Portugiesen unbekanntes Land stand. »Die DDR«, so schreibt die damals siebzehnjährige Ana Paula, »war eines dieser ­Länder, von dem ich glaubte, dass sich ein Kennenlernen lohnen würde… Wenn das ­faschistische Regime dessen Existenz ­verheimlichte, müsste es sicherlich dem Regime völlig entgegengesetzte Eigenschaften besitzen… Ich glaubte also daran, dass die DDR ein Modell dafür sein könnte, wie ich mir mein Land wünschte.« (Ana Paula Lopes, 2019) 
Wenige Monate vor der Gründungsveranstaltung der Associação war mit dem Sturz des Caetano-Regimes durch die ­Bewegung der Streitkräfte (MFA) am 25. April 1974 eine Demokratisierung Portugals eingeleitet worden, die es überhaupt erst möglich gemacht hatte, freie Vereinigungen zu bilden und mit allen Ländern Beziehungen auf der Basis von Freundschaft und Zusammenarbeit  herzustellen. (Programm des MFA)

Das Wort Freiheit war in den Tagen und Wochen nach dem 25. April allgegenwärtig und der Begriff Sozialismus schien ein einigender Faktor für fast alle demokratischen Kräfte zu sein. Die Vorstellungen darüber, was Sozialismus sei, gingen allerdings weit auseinander und reichten von einem Sozialismus nach ­sowjetischem Vorbild bis zu einem demokratischen oder liberalen Sozialismus und einer Art sozialer Marktwirtschaft. 
Wenige Tage nach dem 25. April schlug der Schriftsteller Fernando Namora ­einem Kreis von progressiven Intellektuellen (Alexandre Babo, Henrique de Barros, João de Freitas Branco, Jacinto Prado Coelho und Carlos Aboim Inglês) vor, eine portugiesische Liga von Freundschaftsgesellschaften mit den sozialistischen Ländern zu bilden. Etwa zur gleichen Zeit befand sich auf Vermittlung der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP) die erste hochrangige Delegation aus der DDR in Lissabon. Zwei Mitglieder der ­Delegation, der Journalist Ernst-Otto Schwabe und der spätere Presseattaché der DDR-Botschaft in Lissabon, Manfred Bleskin, hatten sich am Rande mit Ale­xandre Babo getroffen, um über das ­Thema Freundschaftsgesellschaften zu reden. 
Bald darauf erfolgte die Gründung der »Liga für kulturelle, soziale und wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den sozialistischen Völkern« mit vorläufigem Sitz beim 1973 gegründeten Portugiesischen Schriftstellerverband. Nachdem die Freundschaftsgesellschaften mit der UdSSR und mit Kuba aus der Taufe ge­hoben waren, sollte nun auch eine Freundschaftsgesellschaft mit der DDR gegründet werden. Portugal stand da­mals weit oben in der Rangliste der ­Außenpolitik der DDR. Am 20. Juni 1974 hatte der Ministerrat der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Portugal beschlossen, und im August 1974 nahm der erste Botschafter der DDR in Portugal, Erich Butzke, seine Tätigkeit in Lissabon auf.

Da es sich bei der «Associação Portugal-RDA» um eine nationale Vereinigung handelte, die ausdrücklich keinen Parteicharakter trug, kam nur die formell nichtstaatliche Liga für Völkerfreundschaft als Partner in Frage. Im August 1974 traf eine erste offizielle Delegation der Liga in Lissabon ein, um die Moda­litäten der Gründung und Aktivitäten ­einer portugiesischen Freundschafts­gesellschaft mit der DDR abzusprechen. 
Bis zur Festveranstaltung vom 4. Dezember 1974 kam es schon zu ersten ­Aktivitäten der in Gründung befindlichen Associação, zur Einrichtung eines ersten Sitzes in der Lissaboner Rua Garret Nr. 80 und zur Einschreibung von Mitgliedern an verschiedenen Orten des Landes. Anlässlich einer Reise in die DDR wurden in Gesprächen zwischen Vertretern der Liga für Völkerfreundschaft und dem Vorbereitungskomitee der «Associação Portugal-RDA» die Grundlinien der Zusammenarbeit festgelegt.

Dass die Associaçâo einiges organisatorisches Potenzial besaß, bewies sie eindrucksvoll als Initiator der Ausstellung Portugal − um Ano de Revolução, die am 26. April 1975 in der Galerie der modernen Kunst von Lissabon eröffnet und ­danach in der DDR und mehreren westeuropäischen Ländern gezeigt wurde. Hierbei kamen ihr die sehr guten Kontakte zu verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und zur Provisorischen Regierung unter General Vasco Goncalves zugute, zu der bis März 1975 auch João de Freitas Branco und der Ingenieur Luís Casanovas von der Associação als Staatssekretäre gehört hatten. Ein weiterer wichtiger Partner war die links orientierte 5. Division des Generalstabs der Streitkräfte, der auch Kapitänleutnant Manuel Begonha, zeitweise Vorstandsmitglied der Associação, angehörte. 
Angesichts der großen Bedeutung, die man an der Liga für Völkerfreundschaft der Kooperation mit der Associação als Multiplikator von außenpolitischen Interessen der DDR beimaß, ging man schon seit November 1974 davon aus, dass die Beziehungen zur Associação von einer ihr ähnlichen Vereinigung getragen werden müssten. Am 27. Juni 1975 wurde zu diesem Zweck im Beisein von Alexandre Babo und Hauptmann Morais da Silva (MFA) die Gründung des Komitees DDR-Portugal vollzogen, das aus einem nominierten Vorstand und 29 berufenen Mitgliedern bestand. Die Tätigkeit des Komitees wurde von einem hauptamt­lichen Mitarbeiter der Liga begleitet, der ab Mitte der 1980er Jahre in der Zeitschrift «Novos Caminhos» auch als »Sekretär der Gesellschaft DDR-Portugal« bezeichnet wurde. Die wichtigste Funktion des Komitees bestand neben der Wahrnehmung repräsentativer Auf­gaben in der Kontaktpflege und im periodischen Abschluss von Arbeitsverein­barungen mit der Associação. 
Einen Monat später, am 28. Juli, reiste eine gemischte Delegation des MFA und der Associação in die DDR. Zu den Höhepunkten ihres Aufenthalts gehörten die Eröffnung der Ausstellung Portugal – ein Jahr der Revolution sowie die medienwirksame Unterzeichnung der ersten Arbeitsvereinbarung zwischen dem Komitee und der Associação mit dem Ziel, »das gegenseitige und freundschaftliche Verstehen im Dienste der Beziehungen zwischen dem portugiesischen Volk und dem Volk der DDR zu entwickeln …«.

Das Komitee verpflichtete sich zur ideellen und materiellen Unterstützung der in den Statuten der Associação formulierten diversen, vor allem kulturellen Aktivitäten zur Popularisierung der DDR. Regale, Schränke und Nischen am neuen Sitz der Associação an der Praça José Fontana 17 in Lissabon füllten sich mit Büchern, Magazinen, Zeitschriften und weiteren Materialien zur Verbreitung ­eines attraktiven Bildes von der DDR. Durch die in den Vereinbarungen mit dem Komitee DDR-Portugal zugesicherte ideelle und materielle Unterstützung war die Associação nunmehr in der Lage, ihre aufwändigen Aktivitäten zur Popularisierung der sozialistischen Errungenschaften in der DDR kontinuierlich vorzubereiten und umzusetzen: 

Aktivitäten im Jahr 1975 (Auswahl)

  • 29. Januar: Alexandre Babo nimmt am  Kongress der Generalsekretäre der Freundschaftsgesellschaften mit der DDR in Frankfurt/Oder teil.
  • 17. März: Eine Delegation der Associa­ção mit Vertretern verschiedener kultureller Gremien und des MFA besucht die DDR.
  • 20. März: João de Freitas Branco nimmt am Kongress der Präsidenten der Freundschaftsgesellschaften mit der DDR in Ost-Berlin teil.
  • 26. April: Eröffnung der Ausstellung Portugal − um Ano de Revolução in Lissabon.
  • 7. Mai: Eine Delegation der Liga für Völkerfreundschaft der DDR besucht Portugal. 
  • 8. Mai: Veranstaltung des politischen Liedes im Teatro S. Luiz mit der Gruppe Spartakus aus Potsdam, mit den portugiesischen Sängern José Barata Moura, José Jorge Letria u. a.
  • 27. Juni: Bildung des Komitees DDR−Portugal an der Liga für Völkerfreundschaft
  • 30. Juli: Abschluss der ersten Vereinbarung zwischen der Associação Portugal−RDA und dem Komitee DDR−Portugal in Ost-Berlin 
  • 20.−26. September: Bertolt-Brecht-­Woche in Portugal unter Beteiligung der Stiftung Calouste Gulbenkian, der Stadtverwaltung von Lissabon und der Botschaft der DDR in Lissabon. Veranstaltungsorte: Lissabon, Èvora, Setúbal und Almada
  • Oktober: Erstmalige Teilnahme von 17 portugiesischen Landarbeitern und Kleinbauern an einem einmonatigen Landwirtschaftskurs in Halle/Saale

Gegen Ende des Jahres 1975 zählte die Associação ca. 1000 Mitglieder und hatte sich landesweit in 13 Zweigstellen (núcleos) etabliert. Im Verlauf des heißen politischen Sommers 1975 und im sich anschließenden abkühlenden Herbst hatten militärische und zivile gesellschaftliche Kräfte in Portugal die Überhand gewonnen, welche den Weg zu einer antikapitalistischen sozialistischen Gesellschaft ablehnten und einen gemäßigten Weg in die westliche Demokratie favorisierten.
Es musste sich nun erweisen, ob die Associação Portugal−RDA auch unter den geänderten Bedingungen sinnvoll und erfolgreich tätig sein konnte.
«Eles não sabem que o sonho é uma constante da vida».

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