Coimbra: Stadt mit Nostalgie und Vision

Foto des Patio der Universität von CoimbraCoimbra: Patio der Universität · © Catrin George Ponciano

Rundgang durch die alte Universitätsstadt und Fado-Hochburg am Mondego • von Catrin George Ponciano

> Erhaben schwemmt der Mondego- Fluss an der altehrwürdigen Universitätsstadt Coimbra vorbei. Ebenso erhaben thront die einstige ­königliche Residenz und spätere Universität auf dem Hügel Alta und blickt mit ihrem Glockenturm auf die mittelalterlich geprägte Stadt zu ihren Füßen. Im Laufe von sieben Jahrhunderten erbaut, schmiegen sich 21 Kollegien um die Mutter-Universität, die von König D. Dinis im Jahre 1290 gegründet worden ist und seit 2013 zum UNESCO Weltkultur­erbe zählt.
Am Hang unterhalb des Campus liegt ein Häusergürtel. Schmale mittelalter­liche Häuser, steile Treppenstiegen bis zum Flussufer und ein kunterbuntes Gassen-Labyrinth verraten die maurische Vergangenheit bis zum Torre de Barracá, der vom Mittelalter durch ­einen Torbogen in die Gegenwart führt. Edle Geschäftshäuser in der Baixa säumen die kunstvoll mit Kopfsteinpflaster ausgelegte Fußgängerzone. Art Nouveau und Art déco beherrschen das noble Stadtbild. Boutiquen mit Markenbekleidung, Schmuck und kostbaren Mitbring­seln reihen sich an quirlige Café­-Häuser und familiär geführte Restaurants. Wenige Schritte entfernt liegen die Uferpromenade und ein lauschiger Park, in dem man unter Platanen Schatten und Muße findet.
Lassen wir den Streifzug durch Coimbra mit Liebe beginnen − mit D. Dinis von Portugal und Isabel von Aragon, die den portugiesischen Monarchen zwölfjährig geheiratet und ihn seine ganze 46 Jahre andauernde Ägide begleitet hat. Eine große und aufrichtige Liebe, von D. Dinis in Dutzenden innig formulierten Sonetten niedergeschrieben. Seine fromme Gattin sorgte für Notleidende, unterstützte den Santa Clara Orden in Coimbra und trat nach dem Tod ihres Mannes selbst in den Orden ein. In der romanischen Klosterkirche Santa Clara Velha in der Fluss­aue am südlichen Mondego-Ufer fand sie ihre letzte Ruhestätte. Umgebettet in das drei Jahrhunderte später errichtete Kloster Santa Clara Nova, gedenkt ihr Coimbra jedes Jahr am 4. Juli, dem Todestag der heiliggesprochenen Königin. Ihr Mann, D. Dinis, der Bauernkönig, war der sechste König Portugals. Ihm hat Coim­bra die erste Universität des Landes und eine der ­ältesten Lehrstätten für Geisteswissenschaften in Europa zu verdanken.
Die Fährte der Liebe führt aber noch ein Stück weiter durch die Flussaue am Mondego entlang bis zur Fonte dos Amores, dem heimlichen Treffpunkt von D. Pedro I mit der Hofdame Inês de Cas­tro. Das verbotene tête à tête endete in einer Tragödie, lyrisch erstmalig besungen vom Nationaldichter Luis de Camões in dem Nationalepos As Lusíadas und kunsthistorisch in der Klosterabtei zu Alcobaça an den Sarkophagen der Liebenden in Stein gemeißelt. In Coimbra in­spi­rierte die unsterbliche Liebe des un­glei­chen Paares etliche Theaterstücke und Literaten. Inês heißt auch eine moderne Brücke, über die man zu Fuß das Ufer wechseln und den Brunnen der Tränen hinter sich lassen kann, an dem einst die Meuchelmörder die Geliebte des Königs hingerichtet haben. Was für eine trau­rige Geschichte!
Die Fluss-Allee führt zum Hotel Astoria und weiter in die Fußgängerzone. Am Ende der Einkaufsstraße steht die Kirche Igreja de Santa Cruz mit ihrem kunstvoll mit Figuren und Ornamenten dekorierten Portal. Im Hochaltar ruhen D. Afonso Henrique, erster König Portugals, und sein Sohn Sancho I, umrahmt von aufwendig ornamentierten Triumphbögen mit den Insignien des Königshauses. In das Mosterio de Santa Cruz zog sich D. Afonso Henrique nach seinen Rückeroberungszügen zurück. In der nebenan liegenden Sakristei unterhält die ­Kirche ein Museum mit sakralen Kunstgegenständen. Im Heiligtum Santuário im ersten Stock befindet sich die größte Reliquiensammlung des Landes. Der im 16. Jahrhundert von Diogo Boitaca, dem Hofarchitekten für Kirchenbaukunst, entworfene Kreuzgang und die freitragende Gewölbedecke im Kirchenschiff zählen zu den Meisterwerken der portugiesischen Renaissance.
Nicht weit von Santa Cruz entfernt trennt der Torre de Barracá-Burgfried die Art Nouveau-Unterstadt vom mittelalterlichen Stadtkern. Bis zur alten Kathedrale Sé Velha sind es etliche Stufen, die im Zickzack durch eine Marktstraße aufwärts führen. Eine Gitarre mit langem schlanken Hals begrüßt die Gäste gleich am Eingang in die innere Feste, weiter oben eine Bäuerinnen-Skulptur. Dazwischen lädt das kleines unschein­bares Theater Fado ao centro zum Konzert mit Fado de Coimbra ein. Der traditio­nelle Studentengesang, einst als Ballade im Mondschein am Fenster für die Angebetete gesungen, existiert als Musik- und Liedkultur bereits seit 400 Jahren. Der 12-saitigen Coimbra-Gitarre entlocken geschickte Finger den passenden Klang für romantische Balladen. Nach einem kurzen Film über die Entwicklung des Fado de Coimbra kann man ihn als Live-Musik genießen.
Auf dem Platz vor der Sé Velha hebt sich der Blick an der maurisch, romanisch und gotisch geprägten Fassade bis in den Himmel. Die Stadt dahinter verschwindet. Die Sé Velha dominiert den Platz und das Leben drumherum.
Zeit für eine Mittagspause. Regionale Spezialitäten bietet das Restaurant O Trovador an der Kathedrale. Legendär ist ­Chanfana, Milchzicklein in Rotwein im Tontopf geschmort.
An der Sé Velha vorbei führt eine schmale Gasse weiter hinauf nach Alta bis zur neuen Kathedrale, dem früheren Jesuiten-Kolleg. Der anstrengende Aufstieg zu Fuß lohnt, denn von der Terrasse des Machado de Castro, dem ältesten Museums Portugals für Kunst, Archäologie und Volkskunde, reicht der Ausblick über die gesamte Unterstadt und den Fluss. Die Sé Nova daneben beherbergt eine überwältigende Fülle an Gold­altar-Kunst der hier einst federführenden ­Jesuiten-Gemeinschaft. Die Sé Nova steht in deutlichem Kontrast zu ­ihrer älteren Schwester Sé Velha und veranschaulicht allein optisch die Unterschiede im religiösen Bewusstsein des Klerus im Mittelalter und nach der Gegenreformation.

Foto aus dem Zentrum von Coimbra (Portugal)

Art Nouveau im Zentrum von Coimbra (Portugal)

Ganz am Ende der Straße geht es links zum Botanischen Garten und zum Aquädukt São Sebastião. Am Eingang zum Park wacht die Statue von D. Dinis. Vorbei an der Fakultät für Naturwissenschaften mit dem an Exponaten reichen Naturwissenschaftlichen Museum und dem Chemielabor erreicht man über den Vorplatz der alten Universität den Eingang Porta Ferrea. Gesäumt von Plattenbauten während der Salazar-Diktatur errichtet, stehen die Fakultät für Sprachen und Medizin sowie die Universitäts-Bibliothek Spalier. Die mit Figuren der Weisheit geschmückte Porta Ferrea gewährt Eintritt in das Herz der heiligen Hallen des Wissens. Recht, Medizin, Theologie und Geisteswissenschaft vereinen die Insignien der Universität.
Durch das Atrium gelangen die BesucherInnen in den einstigen königlichen Palast Paço Real, in den Doktorsaal Sala dos Actos, in die Kapelle de São Miguel und nach vorheriger Anmeldung in die imposante barock geprägte Bibliothek Biblioteca Joanina, in der mehrere hunderttausend antike Bücher aufbewahrt werden. Damit Raumklima, Raumtem­peratur und Luftfeuchtigkeit zum Schutz des kostbaren Bücherschatz ausgeglichen bleiben, erfolgt der Besuch lediglich zu bestimmten Uhrzeiten, im 15-Minuten-Takt und unter Beschränkung der Besucherzahlen. Der Hauch des Wissens atmet hinter ­jedem ledernen Buchrücken. Den Uhrenturm Torre da Universidade erreicht man über eine 300-stufige Wendeltreppe, die jedoch von Menschen mit Klaustrophobie oder Kreislaufproblemen gemieden werden sollte.
Über die Treppe der Göttin Minerva oder durch den Botanischen Garten und einen Abstecher in die Gewächshäuser, geht es abwärts zurück bis zum Flussufer. Am anderen Ufer des Mondego lockt nun noch ein Highlight Coimbras zu einem Besuch: der Themenpark Portugal dos ­Pequenitos. Hier sind die historischen ­Monumente Portugals für Kinder im ­Miniaturformat errichtet.
Coimbra, die gediegene alte Stadt am Mondego, schenkt saudade. Hier hört man die verliebten männlichen Stimmen des Fado, den zitternden Klang der portugiesischen Gitarre, das geschäftige Murmeln in der Altstadt und das jugendliche Lachen der StudentInnen, die ihren schwarzen Schal locker über die Schulter geworfen haben, frohen Mutes dem Leben entgegenblicken und die Gassen mit ihrem Frohsinn füllen.

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