José Luis Encarnação: Aus dem Leben einer Leistungsbestie

Foto von José Luis Encarnação in seinem ArbeitszimmerJosé Luis Encarnação in seinem Arbeitszimmer · Foto: © Andreas Lahn

Episoden aus Leben und Karriere von DPG-Mitglied José Luis Encarnação in Deutschland    von Andreas Lahn

> Als ich im hessischen Reinheim ankomme, spüre ich schon, dass besondere Stunden vor mir liegen. Professor Encarnação wohnt seit 1975 dort mit seiner Frau Karla und hat am 29.5.2021 seinen 80. Geburtstag gefeiert. Den Link zum Interview finden Sie am Ende des Artikels.

CAPARIDE / ESTORIL
José Luis da Encarnação wird 1941 in Caparide 20 Kilometer westlich von Lissabon geboren. Er geht in Estoril zur Schule, in der die meisten Lehrer Priester sind, Salesianer. Der monatliche Beitrag ist leistungsabhängig zu entrichten. Da Prof. Encarnação aus armen Verhältnissen kommt, das Geld also knapp ist, wusste er, dass er sich anstrengen muss, weil sein Vater die Schule sonst nicht bezahlen kann. Er hat schnell gelernt, dass ihm nichts geschenkt wird. Mit diesem Bewusstsein wird er zu einem guten Schüler und exzellenten Rollhockey-Spieler: »Die Priester haben uns zu Leistungsmenschen geformt. Wir mussten etwas leisten, um unseren Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden.«
Da Prof. Encarnação auch gut in Mathe­matik und Physik ist, empfehlen ihm die Salesianer am Ende der Gymnasialzeit, das Studium der Elektrotechnik, möglichst im Ausland, um Erfahrungen zu sammeln und eine weitere Sprache zu lernen. 

BERLIN
Die Entscheidung fällt auf Deutschland, und so kommt er zusammen mit seinem Kommilitonen José Manuel Carneiro 1959 in Aachen an. Nach zwei Praktika und einem Umweg über Hamburg fahren die beiden schließlich nach Berlin, wo sie am 13.8.1961 einen Schock kriegen. Mitten durch die Stadt wird eine Mauer gebaut. Als er diese Nachricht im Radio hört, zweifelt er zunächst an seinem Deutsch, doch als er einem anderen Mieter und seiner aus Ostberlin stammenden Freundin davon erzählt, geht alles sehr schnell: Sie fahren gemeinsam zum Brandenburger Tor und sprechen die Westberliner Polizei an, die sagt: »Wenn Sie jetzt rübergehen, müssen Sie auch dort bleiben.« Die Frau muss sich also in wenigen Minuten entscheiden, ob sie bei ihrer großen Liebe bleibt oder nach Ostberlin zurückgeht, um ihre pflegebedürftige Mutter zu unterstützen. Diese kleine Episode zeigt, welche persönlichen Auswirkungen Grenzen und Mauern in dieser Welt haben können. 
Als die Mauer 1989 fällt, sitzt Prof. Encarnação im Auto, hört die Nachricht auf Französisch und zweifelt an seinen Sprachkenntnissen. Als er nach Hause kommt, sitzt seine aus Berlin stammende Frau Karla weinend auf der Couch und starrt gebannt auf den Fernseher und die Berichte über die gefallene Mauer. Für ihn ist klar: »Die Mauer hat einen emotionalen und ganz festen Platz in meiner persönlichen Geschichte.« 
Im Wintersemester 1961/1962 beginnt J. L. Encarnação das Studium der Elektrotechnik an der TU Berlin und lernt in diesem Jahr »seine« Karla kennen, die er 1963 im kleinen Kreis heiratet und mit ihr in den nächsten zwei Jahren zwei Söhne zeugt. Doch bei der »Studenten-Hochzeit« fehlen Kutsche und Hochzeitstorte, Dinge die sich Studenten normalerweise eben nicht leisten können. Da diese eher »bescheidene« Hochzeit im Laufe der Jahre immer mal wieder Thema zwischen den beiden ist, denkt Prof. Encarnação »Dir werde ich es zeigen!«, arrangiert eine riesige Überraschung zur Goldenen Hochzeit im Jahre 2013 und holt in diesen Tagen alles  nach, was 1963 fehlt: Mit seinen Söhnen und deren Frauen feiern sie im Restaurant, in der Kirche, buchen eine Abendveranstaltung, essen eine riesige Torte und lassen sich in einer Kutsche herumfahren. Alle sind begeistert, zufrieden und das »Thema« ist damit für immer vom Tisch.
Als J. L. Encarnação sein Studium 1968 als Diplom-Ingenieur abschließt, will er eigentlich nach Portugal zurückkehren, doch dann erhält er mit viel Glück ein Stipendium der Gulbenkian-Stiftung für Promotionen im Bereich Technik- und Ingenieurs-Wissenschaften im Ausland. Ohne dieses Stipendium wäre sein ganzes Leben komplett anders verlaufen. Doch so findet er mit Prof. Giloi einen Doktorvater, der ihn am Heinrich-Hertz-­Institut dankbar als Doktoranden aufnimmt, denn er bringt sein Geld schließlich mit und ist somit eine kostenlose ­Arbeitskraft. Sein Thema sind Visualisierungs-Techniken am Computer, also die Frage: Wie bringt man dem Rechner bei, aus seinen unendlichen Zahlenkolonnen Bilder am Monitor so darzustellen, dass das »Augentier« Mensch damit etwas anfangen kann? Nach der erfolgreichen Promovierung 1970 arbeitet er noch zwei Jahre in Berlin, bevor er 1972 seinem Doktorvater Prof. Giloi folgt und als sein Assistenz-Professor im Bereich Computer Graphics nach Saarbrücken geht.

DARMSTADT / REINHEIM
1975 folgt er dem Ruf der TU Darmstadt, wo er einen von Professor Piloty im Rahmen des ÜRF Informatik an der TU geschaffenen Lehrstuhl für Computer Graphics erhält. Das Fach ist im Fachbereich Informatik angesiedelt, die an den deutschen Hochschulen zwischen 1968 und 1975 etabliert wird. Was heute alles wie selbstverständlich am Display erscheint, hat also einen langen Forschungsweg hinter sich. Prof. Encarnação beschreibt Computer Graphics so: »Computer Graphics beschäftigt sich mit allem, was gerätetechnisch, in Hardware und Software notwendig ist, um aus dem digitalen Rechner ein Instrument zu machen, das nicht nur Zahlen produziert, sondern diese in Bilder umwandelt, und den Menschen dadurch in die Lage versetzt, mit den Bildern zu interagieren. Und das selbstverständlich im Kontext einer bestimmten Anwendung.«
Für mich interessant, dass es Jahre und Jahrzehnte braucht, bis bestimmte Forschungsvorhaben in der Bevölkerung ankommen. Wir alle haben in den letzten Jahren Begriffe gehört wie virtual reality oder auch augmented reality, im Social-­Media-Bereich ist Storytelling zur Zeit in aller Munde. Die technischen Grund­lagen werden dafür bereits zwei Jahrzehnte vorher gelegt. Die rasant steigende Bedeutung der Informatik in der bundesdeutschen Gesellschaft lässt sich an einer einfachen Zahl ablesen: Als Prof. Encarnação in Darmstadt anfängt, hat er drei Mitarbeiter, einen Programmierer und eine Sekretärin an seiner Seite. Als er im Jahre 2009 emeritiert, arbeiten in diesem Fachgebiet 1000–1200 Leute!
Natürlich verschlingt Forschung auch viel Geld, zumal man am Anfang nicht sicher sein kann, dass am Ende auch etwas Brauchbares herauskommt. Und deshalb ist die Verzahnung mit der Industrie für ForscherInnen wichtig, denn ohne das Geld aus der Automobilindustrie und der Medizintechnik wären viele Projekte zur Erforschung und Vor-Entwicklung vieler Technologien, die heutzutage schon fast als selbstverständlich erscheinen und eine breite Anwendung finden, gar nicht denkbar.
Prof. Encarnação hat früh erkannt, dass bewegte Bilder eine zentrale Komponente in der technologischen Entwicklung sind. Er lebt nach dem Motto »Geht nicht gibt es nicht.« und weiß, dass es nicht reicht, neue Dinge nur zu wollen: »Man muss sie auch machen!« 
Als Direktor des Fraunhofer Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) hat Prof. Encarnação den OrganisatorInnen der Weltausstellung Expo 1998 in Lissabon vorgeschlagen, zusätzlich zum realen Oceanário ein virtuelles zu programmieren, das den Menschen in der Warteschlange vor dem Eintritt die Zeit vertreibt. Dadurch wird Computer Graphics auch in Portugal zum Thema und Prof. Encarnação als Experte ein gefragter Referent und Ansprechpartner.
Doch gerade der Unterhaltungsbereich stellt die Ingenieure vor immense Probleme. Das naheliegende Ziel ist, die Bedienung von Computern zu erleichtern und Eingaben über Bilder und Sprache zu ermöglichen statt über Text. Doch der Computer weiß nicht, wer vor ihm sitzt und deshalb komme es zukünftig primär darauf an, »über die künstliche Intelligenz lernfähige Algorithmen zu programmieren, die vom jeweiligen Nutzerverhalten lernen und sich entsprechend anpassen«. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis Bedienungsanleitungen verfasst werden, die für alle Menschen verständlich sind.

Foto von Karla und José Luis Encarnação

Karla und José Luis Encarnação · Foto: © J. L. Encarnação


Prof. Encarnação ist sich bewusst, dass die berufliche Karriere ohne die Mit­arbeit seiner Frau Karla nicht möglich gewesen wäre: »Ich bin mir dessen bewusst und sehr dankbar, dass ich immer noch mit meiner Karla verheiratet bin.« Und das nun schon seit 58 Jahren! Die Kinder sind aus dem Haus, die beiden leben in Reinheim, einem kleinen Ort in Hessen, der in der Nähe von Darmstadt liegt. Der Frankfurter Flughafen ist nicht weit weg. Er bezeichnet sich selbst als »Leistungsbestie«, weil das, was er in seinem Leben erreicht, nur mit einem großen Willen, viel Ehrgeiz, harter Arbeit und einer guten Ausbildung möglich ist.

AUSZEICHNUNGEN
Als Würdigung seiner beruflichen Karriere wird er mit Auszeichnungen überhäuft und erhält u. a. alle drei Bundesverdienstkreuze, den Hohen Orden des heiligen Jakob vom Schwert (Portugal) und etliche Medaillen, Preise und Ehrendoktorwürden. Wie jeder andere Mensch ist er natürlich stolz, aber nur, »wenn die Auszeichnungen eine Begründung haben«. Das ist ihm wichtig zu betonen, denn er will nichts geschenkt haben. Er freut sich über die Ehrendoktorwürde der TU Berlin und dass die Stadt Darmstadt ihn zum »Heiner« gemacht hat. Fachlich ist ihm die Auszeichnung von ACM Sigraph wichtig, die für ihn »eine Art Nobelpreis im Bereich Computer Graphics« ist. Als bescheidener Mensch möchte er mit diesen Preisen nicht angeben, sondern empfindet einfach nur Freude darüber.

ZUKUNFT
Als leistungsbereiter Mensch muss sich Prof. Encarnação nach seiner Emeritierung und Pensionierung umstellen, was seinen Arbeitsrhythmus angeht. Er hat noch Aufgaben in Deutschland, Portugal, Spanien und in Brüssel, schafft sich eigene Projekte und hat während der Corona-­Pandemie ein Buch über sein Leben geschrieben. Er ist nicht der Typ, der sich vor den Fernseher setzt, aber auf sein Alter Rücksicht nehmen muss: »Ich weiß, dass alles Zukünftige ein Prozess ist, mit einem Anfang und einem Ende. Ich kann für den Anfang sorgen, ich kann während des Weges mitgestalten, aber ich kann altersbedingt kein Ende garantieren. Und das muss ich zur Kenntnis nehmen. Ich möchte keine Verantwortung übernehmen für etwas, was nicht in meiner Hand liegt.«

Ich bedanke mich bei Prof. Encarnação für den wundervollen Nachmittag in Reinheim und wünsche ihm für seine Projekte Energie, Erfolg und Freude.

Lesen Sie bitte das ganze Interview mit José Luis Encarnação

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