Schlagwort: Präsident

De Sousa bleibt Präsident Portugals

von Andreas Lausen

Mit 60,7 Prozent der Wählerstimmen bleibt Marcelo Rebelo de Sousa für weitere fünf Jahre der Staatspräsident Portugals. Der 72-jährige Professor der Rechtswissenschaft setzte sich schon im ersten Wahlgang gegen sechs Konkurrenten durch. De Sousa gilt als liberaler Konservativer, arbeitet aber gut mit dem ­Sozialisten António Costa zusammen, der als Ministerpräsident eine Mitte-Links-­Regierung führt. 

Den zweiten Platz belegte mit großem Abstand die Sozialistin Ana Gomes mit 12,9 Prozent. Unerwartet stark schnitt der rechte Populist André Ventura ab, der 11,9 Prozent erreichte. Das gilt als überraschend, denn seine Partei CHEGA (»es reicht«) spielte bisher in Portugal keine Rolle. Am besten schnitt Ventura in den besonders stark von Corona betroffenen Gebieten ab. 

De Sousa stand in den Umfragen vor der Wahl noch besser da, nämlich zwischen 70 und 80 Prozent. Aber die niedrige Wahlbeteiligung von 39,5 Prozent lässt vermuten, dass viele Wahlberechtigte aus Angst vor Corona zu Hause ­geblieben sind.

De Sousa stammt aus einer Familie des gebildeten Bürgertums aus der Nähe von Lissabon. Sein Vater war mehrfach Minister während der Salazar-Diktatur und Gouverneur der bis 1975 portugiesischen Kolonie Mosambik. 

Der Präsident Portugals hat mehr Befugnisse als sein deutscher Kollege Steinmeier. De Sousa kann Gesetze mit seinem Veto verhindern, das Parlament auflösen und die Regierung ernennen oder entlassen. Er ist außerdem Oberbefehlshaber der Streitkräfte. 

Beim Volk ist de Sousa beliebt. Im vergangenen Jahr stürzte er sich mutig in den tosenden Atlantik und rettete zwei Surferinnen aus den Wellen. Hoch angerechnet wird ihm, dass er 2012 den Konflikt mit Kanzlerin Angela Merkel nicht scheute: Sie warf den Portugiesen pauschal vor, sie arbeiteten zu wenig und hätten zu viel Urlaub. Rebelo de Sousa drehte mit seinen Studenten einen kleinen Film, in dem er das Gegenteil nachwies. Der Film ist heute noch bei Youtube in deutscher Sprache zu sehen: Ich bin ein Berliner (Prof. Marcelo) – Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=2SY3SrPibeQ

Im Gespräch mit Michael W. Wirges (DPG)

»Wer in Berlin lebt, dem wird nicht langweilig«

Michael W. Wirges ist seit 18 Monaten Präsident der DPG. Er spricht über Portugal, Deutschland, sein Leben in Berlin und über die DPG • Fragen von Andreas Lahn

Du bist in Lissabon geboren. Deshalb stellt sich natürlich sofort die Frage: Sporting oder Benfica?
Michael W. Wirges: Obwohl meine Schule näher am Sporting-Stadion liegt, bin ich Benfica-Fan, weil das Krankenhaus meiner Geburt im Stadtteil Benfica liegt. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht viele Spiele gucke. Nur die wichtigen…

Und für wen bist du, wenn Deutschland gegen Portugal spielt?
Ich habe die Frage schon mal so beantwortet: In der ersten Hälfte bin ich für Deutschland und in der zweiten für Portugal. Aber mein Herz schlägt natürlich für Portugal.

Als Kind bist du auf die »Deutsche Schule« gegangen. Wie lange hast du in Lissabon gelebt und warum seid ihr fortgegangen?
In Lissabon habe ich nur mein erstes Lebensjahr verbracht. Wir sind 1954 in die Nähe von Estoril gezogen. Dort und in Cascais habe ich meine Kindheit verbracht. Später auch in Lissabon, weil ich dort auf die Oberschule gegangen bin.
Mein Vater stammt aus der Nähe von Köln. Er ist Mitte der zwanziger Jahre ausgewandert. Meine Mutter stammt aus Sachsen. Sie hat von 1936 bis 1938 bei einer deutsch-­portugiesischen Familie als Au-pair-Mädchen gearbeitet. Da mein Va­ter ein Freund der Familie war, haben sie sich eines Tages kennengelernt. Meine Mutter ist nach Sachsen zurückgekehrt, um ihr Studium zu beenden. Während des Krieges haben sie sich geschrieben. Und danach hat mein Vater ihr vorgeschlagen, nach Portugal auszuwandern.
Ich war nach der Schule zur Ausbildung als Hotelkaufmann ein Jahr in Deutschland, am Tegernsee. Im Oktober 1972 bin ich nach Portugal zurückgekehrt, um bis Oktober 1974 ein Praktikum am Lisboa Sheraton Hotel anzutreten.

Du hast während der Nelken-Revolution in diesem Hotel gearbeitet. Wie hast du den Sturz der Diktatur aufgenommen?
Den Sturz der Diktatur vom 24. auf den 25. April 1974 habe ich live miterlebt, weil ich als Praktikant Nachtdienst hatte. ­Einen Monat später bin ich nach Paris gegangen, um meine Stelle im dortigen Sheraton-Hotel anzutreten. Damals war das Hotel das größte in Europa. Das hatte keine politischen Gründe, sondern war schon länger geplant.

Wann und warum bist du nach Deutschland gekommen?
Ich war zwei Jahre in Paris, habe dort gelebt und gearbeitet, und immer wieder nach Portugal geschaut, ob sich die Lage dort beruhigt, denn in Portugal ging zu dieser Zeit alles drunter und drüber. Da eine Besserung nicht in Sicht war, habe ich beschlossen, erst einmal nach Deutschland zu gehen. Ich habe ein Jahr für das Sheraton in Frankfurt gearbeitet und wurde dann nach München versetzt. Dort war ich circa vier Jahre. Der Verdienst war nicht üppig und ich wollte keinen Schichtdienst mehr machen. Deshalb  habe ich entschieden, bei einer kleinen Firma alles zum Thema Indus­trieexport zu lernen. Im Oktober 1980 bin ich nach Berlin gezogen und habe mich bei der Industrie- und Handelskammer zum Industriefachwirt umschulen lassen.

Du hast ein halbes Leben als Exportkaufmann für Bombardier in Berlin gearbeitet. Was hast du dort hauptsächlich gemacht?
Ich habe dafür gesorgt, dass Maschinen und Maschinenteile versendet wurden, habe Angebote geschrieben, den Transport, die Zollabwicklung und Bankpapiere organisiert. Bis 2016, allerdings nicht nur bei Bombardier, sondern zunächst bei kleineren Firmen. 1985 bin ich zur AEG gewechselt, die jedoch in die Pleite rutschte. Ich habe einen neuen Arbeitsplatz bei der Waggon Union Gmbh gefunden, die Waggons für die Alliierten gebaut und repariert hat, und Doppel­decker-Busse für Berlin, Lübeck und Bagdad. Sie wurde mit anderen Firmen zu Adtrans, die im Jahre 2000 von Bombardier übernommen wurde. Ich habe 30 Jahre für das gleiche Unternehmen gearbeitet, obwohl ungefähr fünfmal der Unternehmer gewechselt hat.
Letztes Jahr wurde ich verabschiedet, habe mich zwei Jahre für die Altersteilzeit verpflichtet, ein Jahr aktiv und ein Jahr passiv, das Ende September zu Ende geht. Am 1. Oktober gehe ich in meinen wohlverdienten offiziellen Ruhestand.

Jeder Portugiese reist so oft es geht nach Portugal. In welche Regionen fährst du?
Ich fahre am liebsten in die Region Lissabon, weil dort Freunde und Bekannte leben und ich das Grab meiner Eltern und meines Bruders auf dem deutschen Friedhof aufsuche. Meine Freunde in Lissabon, Estoril, Cascais, Sintra und anderen Orten freuen sich jedes Mal, wenn ich komme − und ich mich natürlich auch. Ich möchte auch mal wieder an den ­Algarve fahren. Weitere Reiseziele sind Madeira und die Azoren.

Liest du Bücher und Zeitungen lieber auf deutsch oder auf portugiesisch?
Da ich Deutscher bin, lese ich vorwiegend auf deutsch, aber ich nehme auch portugiesische Schriftstücke in die Hand und beziehe zwei Zeitungen. Meinen Freunden in Portugal schreibe ich natürlich auf portugiesisch.

Musik von Madredeus und der Fado von Amália Rodrigues, Mariza, Mísia, Ana Moura etc. werden weltweit bewundert. Ist das auch deine Musik?
Ja, selbstverständlich! Das ist ein Mix aus dem ursprünglichen Fado mit Folklore, Jazz und ein bisschen Pop. Exemplarisch dafür ist die Gruppe Sina Nossa. Ich bin noch die alte Fado-Zeit aus den 60er und 70er Jahren gewohnt, wo der konserva­tive Fado noch unter Beobachtung Salazars und dem Estado Novo stand: Carlos do Carmo, Amália Rodrigues etc. Von den jungen Leuten wurde er weitgehend abgelehnt. Nach der Revolution ist eine neue Generation von Fado-SängerInnen entstanden. Die haben einen neuen Fado entwickelt, der auch die Jugend anspricht und von ihr akzeptiert wird.

Es heißt, es gäbe für jeden Tag des Jahres ein andere Art, Bacalhau zu servieren. Welches ist dein Lieblings-Rezept?
Ich schätze viele Arten von Bacalhau, aber am liebsten mag ich Bacalhau à Brás. Das Gericht esse ich nicht nur in Portugal, sondern auch in Berlin. Ich habe auch nichts einzuwenden ­gegen ein kräftiges Mahl aus dem Alentejo oder einer anderen Region.

Eines deiner Hobbys ist das Rad fahren. Ist das für dich ehrgeiziger Sport oder nutzt du die Zeit in der Natur, um abzuschalten?
Ich bin gerne Radfahrer. Aber kein Rennradfahrer, sondern eher der gemütliche. Ich fahre gerne in Berlin, hauptsächlich in meinem Kiez im Westend, in Charlottenburg. Ich mache auch Radtouren z. B. durch Brandenburg. Einmal im Jahr ­fahre ich mit meiner Schwägerin durch Holland. Von Enschede, Groningen oder Alkmaar aus fahren wir fünf Tage durch Nord-Holland, schauen uns schöne Landschaften an, gehen ins Museum oder ­besuchen ein Konzert. Dieses Jahr war ich in Amsterdam, um diese herrliche Stadt kennenzulernen.

Du bist seit 18 Monaten Präsident der DPG. Hast du dich mittlerweile an die Anforderungen dieses Amtes gewöhnt oder bist du immer noch in der »Lernphase«?
Ich bin eigentlich immer in der Lernphase. Wir lernen ja jeden Tag etwas dazu. Ich bin 2001 in die DPG eingetreten. Kurze Zeit später hat Harald Heinke mein Potential erkannt und mich ins Präsidium berufen. Dort war ich lange als einer der vier Vize-Präsidenten tätig. Ich habe vor allem von Harald Heinke viel gelernt und bin so in die Aufgaben hineingewachsen. Ich war also kein Anfänger mehr, als ich 2016 gewählt wurde, und wusste, was auf mich zukommt. Es sollte ja jemand sein, der sich auskennt mit Deutschland, Portugal, den beiden Sprachen und den Mentalitäten. Wichtig war für Harald Heinke, dass die zu wählende Person in Berlin ansässig ist.

Ist alles so gelaufen wie erwartet oder ist etwas besonders Schönes, Komisches oder Ungewöhnliches passiert?
Eine Sache war besonders schön und auch komisch: Ich wachte Anfang März auf, saß an der Bettkante, schüttelte meinen Kopf und sagte zu mir: Mein Gott, Michael, jetzt bist du Präsident der DPG! Da lief mir ein Schauer über den Rücken, und ich fragte mich, ob das wohl gutgehe… Ich begreife das Amt als Herausforderung, als Dienst an der Freundschaft zu Harald Heinke, seiner Frau Gabi, zum Präsiduum und zur DPG ingesamt.

Vom 20. bis 22.10.2017 findet die Jahres­tagung der DPG in Erfurt statt. Warum sollten noch mehr Mitglieder als sonst daran teilnehmen?
Bisher hatten wir immer 40−60 Anwesende. Ich würde es natürlich begrüßen, wenn mehr kämen. Wir haben 350 Mitglieder in Deutschland und Portugal. Ich wäre froh, wenn wenigstens 1oo kämen. Ich fordere nochmals alle Mitglieder auf, nach Erfurt zu kommen. Schließlich ist es schön, über Portugal zu sprechen und sich über Kultur auszutauschen. Je mehr Außenstehende davon erfahren, desto besser ist das für die DPG. Das ist eine Art Schneeball- oder Synergie-Effekt.

Persönlich und bezogen auf die DPG: Welche Ziele hast du für die Zukunft?
Wir müssen ein stabiler und erfolgreicher Verein bleiben, der sich weiterentwickelt und es schafft, jüngere Menschen für die Mitarbeit in der DPG zu begeistern, für Portugal, die portugiesisch-sprachige Welt und Kultur. Der Verein wurde ja 1964 gegründet und 1990 erweitert durch die Freundschaftsgesellschaft DDR/Portugal. Wir sind zusammengewachsen. Außerdem möchte ich noch einige Reisen im Inland machen und auch im Ausland wie z. B. auf die Kapverdischen Inseln.

Der Kontakt zur portugiesischen Botschaft ist immer wichtig für die DPG. Wie läuft die Zusammenarbeit mit Botschafter João Mira Gomes? Gibt es etwas zu verbessern?
Die Zusammenarbeit mit dem Botschafter und seinem Team läuft sehr gut. Ich bin froh, dass wir uns oft treffen, auch zu Kunst- und Kulturveranstaltungen. So können wir zusammen auftreten, auch mit dem Instituto Camões. Es hat in der letzten Zeit in Berlin einige Lesungen gegeben, die wir zusammen mit der Botschaft und dem Instituto Camões durchgeführt haben. Das freut mich sehr!

Die Regierung von António Costa hat den Mindestlohn angehoben, Renten und Sozialleistungen für Geringverdienende erhöht, die 35-Stunden-Woche im Öffentlichen Dienst eingeführt etc. und zahlt Staatsschulden trotzdem pünktlich zurück. Ein kleines Wunder, das größte Anerkennung verdient, oder?
Selbstverständlich. Toll, dass es mit ­Portugal wieder aufwärts geht. Selbst Finanzminister Schäuble hat Portugal gelobt. Der Tourismus hat stark zugenommen. Die Portugiesen sind jedoch noch unzufrieden, weil bei ihnen viel gekürzt wurde, wodurch sie viel leiden müssen. Bis 2020 will der Staat aus der Schuldenfalle raus sein.

Du lebst seit 36 Jahren in Berlin. Was gefällt dir an dieser Stadt und was nicht?
Ich mag die heitere, lockere Art der Berliner, auch wenn sie bisweilen sehr frech sind. Doch so ist die Berliner Schnauze eben. Man muss auf humorvolle Art und Weise kontern können. Dann wird man akzeptiert. Ich mag die offene Art und die Stadt selbst: Häuser, Hochhäuser und man ist schnell im Grünen, in Müggelsee, Wannsee, Grunewald. Und dann ist da ja auch noch die hochkarätige Kultur. Wer in Berlin lebt, dem wird nicht langweilig. Und wenn doch, ist er selber Schuld! Das gilt für das Jahr 2017. Noch in den 1980er Jahren waren wir jedoch umzingelt von einer schrecklichen Mauer, die undurchlässig war. Wenn man raus wollte, musste man Anträge stellen und sich Visa von den DDR-Behörden holen. Ich bin froh, dass die Mauer weg ist. Ich ­erzähle meinen erwachsenen Söhnen von der Existenz dieser Mauer, damit so etwas nie wieder passiert. Ich lebe hier gern. Und Berlin wird auch meine letzte Adresse werden. Ich gehe von hier nicht weg und werde meine Zeit als Rentner auf keinen Fall am Algarve verbringen!

»Ó mar salgado, quanto do teu sal são lágrimas de Portugal!« Was denkst du über diese Worte von Fernando Pessoa?
Ein sehr schöner Spruch: »Oh du salziges Meer, wie viel von deinem Salz sind Tränen Portugals!« Die Portugiesen sind zwar ein heiteres Volk, aber sie lamentieren auch gerne. Auch über ihr Land. Und sie leiden. Ich denke, dass dieser Spruch richtig gut zu Portugal passt.

Die Sardinhada im Juni in Berlin hat allen BesucherInnen große Freude bereitet. Deshalb schlage ich vor, sie zukünftig einmal im Monat zu feiern. Was meinst du?
Ein- bis zweimal im Jahr ist das wunderbar. Jeden Monat wäre es irgendwann langweilig und würde dem Fest seinen Reiz nehmen.

MICHAEL W. WIRGES ist am 23.4.1953 in Lissabon geboren. Dort, in Estoril und Cascais verbringt er seine Kindheit. Er lernt Hotelkaufmann und arbeitet für die Sheraton-Hotels in Lissabon, Paris, Frankfurt und München. 1980 zieht er nach Berlin. Nach der Umschulung zum Industriefachwirt durch die IHK arbeitet er 35 Jahre als Exportkaufmann in verschiedenen Unternehmen. Am 1.10.2017 geht er in Rente.

Michael W. Wirges ist ledig und Vater zweier erwachsener Kinder. Im Jahre 2001 tritt er in die DPG ein und wird im Februar 2016 deren Präsident. Er fotografiert viel, fährt gerne Fahrrad, singt im Jazz-Chor, hört Musik und beschäftigt sich mit Kunst und Historischem. Er liest gern Texte von Fernando Pessoa, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke. Seine Lieblingsfarben sind dunkelblau und dunkelgrün.