Vasco da Gama beim Samorim

Foto des Gemäldes «Vasco da Gama perante o Samorim de Calecute»Vasco da Gama perante o Samorim de Calecute · Gemälde von Veloso Salgado · © Wikimedia Commons

Über Anspruch und Wirklichkeit eines Gemäldes    von Andreas Lausen

> Dieses großformatige Gemälde heißt Vasco da Gama perante o Samorim de Calecute. Es hängt im Haus der ehrwürdigen Sociedade de Geografia de Lisboa (Rua das Portas de Santo Antão, 100) und ist dort frei zugänglich. Das Bild ist vielen Menschen in Portugal bekannt, denn es erschien vielfach in portugiesischen Schulbüchern. 

Es ist das Hauptwerk des Historien­malers José Maria Veloso Salgado aus dem Jahre 1898, als Portugals Ansehen als Kolonialmacht bei den großen europäischen Nationen einen Tiefpunkt erreicht hatte. 

Das Bild zeigt einen entscheidenden Moment in der Geschichte Portugals. Nach langer Seefahrt steht Vasco da Gama 1498 endlich vor dem Herrscher der südindischen Hafenstadt Calecute (heute Kozhikode).  

Bemerkenswert ist die Anordnung der beiden Titelpersonen: Vasco und der Samorim Manavikraman sind auf gleicher Augenhöhe. Es fehlt die bei Bildern dieser Art übliche koloniale Attitüde. Ein selbstbewusster, edel gekleideter Vasco da Gama, die Beglaubigungsurkunde von König Manuel I. in der rechten Hand, steht vor dem aufmerksamen Herrscher, der auf seinem Thron sitzt und sich die Erklärungen des Portugiesen interessiert und skeptisch anhört.

Mit der linken Hand weist Vasco erklärend auf das portugiesische Banner, während Männer seiner Besatzung eine Kanne und einen Stoffballen als Geschenke bereithalten.  Portugals großer Dichter Luis de Camões hat diese Szene in seinem Epos Os Lusíadas ausführlich beschrieben.

Aber diese Szene ist auf dem Gemälde patriotisch überhöht. 

Die Portugiesen hatten Belém am 8. Juli 1497 mit drei Schiffen und 160 Mann Besatzung verlassen. Über Mosselbaai am Kap der Guten Hoffnung und das ostafrikanische Mombasa erreichten sie am 20. (nach anderer Quelle am 18.) Mai 1498 Calecute. Die Verhältnisse auf den Schiffen waren erbärmlich. Nach mehr als 10 Monaten auf See waren die Vorräte längst verbraucht, und auch das Trinkwasser war knapp und faulig. 

Die Männer waren ungepflegt und verfilzt, ihre Kleidung von Motten und Nagetieren zerfressen, Wohl nur Vasco könnte einigermaßen würdig zum Samorim gekommen sein, keinesfalls aber in dem prunkvollen Hermelinmantel wie auf dem Bild. 

Die größte Schwierigkeit dürfte darin bestanden haben, überhaupt zum Samorim vorzudringen. Was wollten diese struppigen, übel riechenden, zerlumpten Fremden von ihrem Herrscher, dürften sich die Inder gefragt haben. Dass dieser sie doch empfing, dürfte mit den Beziehungen zu den im Indischen Ozean ­dominierenden Arabern zu tun gehabt haben.

Die arabischen Händler, gut bewaffnet und mit wendigen Dhaus ausgerüstet, beherrschten den Handel an der indischen Westküste. Dabei fühlten sich die indischen Partner nicht immer gerecht behandelt. Der Samorim, der der Hindu-­Religion angehörte, hatte wohl durchaus ein Interesse, mit den Konkurrenten aus Portugal Geschäfte zu machen, um den islamisch-arabischen Einfluss zurück zu drängen und ihrer Monopolstellung etwas entgegen zu setzen. Auch machten die portugiesischen Schiffe und ihre überlegene Bewaffnung durchaus Eindruck auf die Inder. 

Der Empfang Vascos bei Hofe verlief für die Inder enttäuschend. Die Geschenke der Portugiesen, Kupferwaren, einige Töpfe Alentejo-Honig, grobe Stoffe aus der Serra de Estrêla, Wein vom Douro und silberne Schmuckstücke und Glas, beeindruckten den Samorim nicht sonderlich. »Jeder Mekka-Pilger bringt bessere Geschenke mit als diese Fremden.«, bilanzierte ein Zeitgenosse (Joao de Barros nach Alvaro Velhos Roteiro). 

Schließlich durften die Portugiesen mit den Kaufleuten in Calecute handeln, ein Kontor errichten und sie traten mit voll beladenen Schiffen die Heimreise an. Nach ihrer triumphalen Rückkehr in Belém am 9. September 1499 kam König Manuel I. jedoch zu dem Schluss, dass sich Portugal besser auf Diu und Goa richten sollte und Calecute nicht der bevorzugte Handelsplatz sein sollte. 

Auch kam man in Lissabon zu der Überzeugung, dass Gewaltanwendung nötig sei, um die Araber zu vertreiben und den Handel mit Indien zu erzwingen. 

Für die folgenden Jahrzehnte blieb Portugal die vorherrschende Seemacht im Indischen Ozean. Etwa 1560 jedoch begann Portugals Stern zu sinken. Das Netz der Festungen, Faktoreien und Stützpunkte war zu groß geworden, die portugiesischen Abenteurer und Kaufleute zu gierig, Vizekönige und Gouverneure zu herrschsüchtig, um sich auf Dauer in Indien zu halten. 1961 schließlich holte sich Indien die letzten portugiesischen Kolonien auf indischem Boden zurück. 

Hinweis: In diesem Text wurde die portugiesische Schreibweise für Orts- und Eigennamen verwendet. 

Vasco da Gama in Hamburg

Foto der Statue von Vasco da Gama in Hamburg

Vasco da Gama in Hamburg · © Andreas Lausen

An der Zufahrt zum früheren Freihafen ließ die Stadt Hamburg 1903 Standbilder von vier Entdeckern aufstellen, die auf den Brückenpfeilern der Kornhausbrücke platziert wurden. Drei davon überstanden die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg. Eines davon zeigt Vasco da Gama. Geschaffen wurde es von dem Eisenacher Bildhauer Hermann Hosaeus. Vasco ist hier nicht besonders vorteilhaft glatzköpfig, grimmig und mit Hörrohr zu sehen, das er wegen seiner Schwerhörigkeit benutzte.

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