Real Fábrica do Gelo: Eis für den Sonnenkönig

Gemälde von Jean RancGemälde von Jean Ranc im Museu del Prado (Madrid) · © wikimedia commons; Repro: Andreas Lausen

Wie König João V. mit der Real Fábrica do Gelo (1741–1885) seinen Traum verwirklichte    von Andreas Lausen

> König João V. aus dem Hause Bra­gança war dank des Reichtums der größten portugiesischen Kolonie Brasilien der reichste Herrscher im damaligen Europa. In seiner Regierungszeit von 1706 bis 1750 konnte er aus dem Vollen schöpfen. Anders als seine Kollegen in Preußen, Russland oder Österreich hielt er aber nichts vom militärischen Gepränge, von Feldzügen und Kriegen. Seine ­Begeisterung galt den Schönen Künsten − der Architektur, der Bildhauerei, der Malerei, der Musik und den Büchern. Das war seine Welt.
Seine unumschränkte »absolutistische« Macht ließ auch eine merkwürdige Blüte herauskommen: João hatte gehört, dass sich die Fürsten Norditaliens Eis von den Gletschern und Gipfeln der Alpen bringen ließen, um mit zubereitetem Eis ihren Speiseplan zu bereichern. Ließ sich das auch in Portugal verwirklichen? 
Sechzig Kilometer nördlich von Lissabon erhebt sich die Serra de Montejunto, ein trutziger Granitberg, durchzogen von Höhlen, 666 Meter hoch und mit rauen Wintern gesegnet. Auf seinem Gipfel schneite es bis in den März − die Winter waren damals auch in Portugal kälter als heute. Da sich die Serra de Sintra mit bis zu 528 Metern Höhe als nicht kalt ­genug erwiesen hatte, entschied sich João V. im Jahre 1741, auf dem Montejunto eine Eis­produktion bauen zu lassen. 
In sechs Jahren wurden für die hohe Summe von 45.000 Cruzados 44 flache ­Becken gebaut und wasserdicht mit Steinplatten ausgekleidet. Für das Eis entstand ein Lagerhaus, äußerlich einer Kapelle ähnlich, mit einem 10 Meter tiefen und 7 Meter breiten Schacht für das Eis. Als Arbeitskräfte holte man arme Bauern und Tagelöhner aus den umliegenden Dörfern. 
Dann begann 1747 unter der Regie von Mönchen aus dem nahen Dominikanerkloster die Eisproduktion. In kalten Wintern gefror das gesammelte Regenwasser in den 44 Becken. Das war die einfachste Methode. Gab es keinen durchgehenden Frost, wurde Schnee in die Becken geschaufelt und mit Patschen und Trittbrettern festgeklopft. So wurde aus dem Schnee schließlich richtiges Eis. 
Dann wurde das Eis in Blöcken herausgesägt und im Lagerhaus dick mit Stroh eingepackt. So hielt es sich bis ins Frühjahr. Kamen dann in Lissabon die ersten warmen Tage, verlangte Seine Majestät nach Erfrischung. Eisblöcke wurden aus dem Lager geholt und, mit Stroh isoliert, auf Esels Rücken festgezurrt. 
Nun war Eile angesagt. Esel und Begleiter trabten, meist nachts, bergab über Alenquer zum Tejo. Bei Carregado wurden die Blöcke auf ein Boot geladen, das gen Lissabon segelte oder gerudert wurde. Am Terreiro do Paço wurden die Blöcke ausgeladen und in die Küche des Palastes gebracht. 
An den Köchen lag es nun, aus dem klein gehackten Eis, aus Sahne, Früchten, Gewürzen und Alkohol eine kühle Köstlichkeit zu zaubern. João V. blieb allerdings nicht viel Zeit, sich an Sorbet und kühlen Getränken zu erfreuen. Er starb schon drei Jahre nach dem Beginn der Eisproduktion mit 61 Jahren aufgrund seines ungesunden Lebenswandels. 
Sein Sohn José I. und seine Enkelin Maria I. setzten die Eis­produktion fort. Unter dem Neveiro da Casa Real (Königlicher Schneemeister) Julião Pereira de Castro erlebte die Eisproduktion ihre Glanzzeit. Er erhielt die Erlaubnis zu zusätzlichen Geschäften auf eigene Rechnung. Nahe beim Praça do Comercio eröffnete er 1782 ein Café mit dem Namen Casa de Neve (Schneehaus), zu dessen Attraktion die eisige Süßspeise wurde. Es heißt heute Café Martinho da Arcada und bietet immer noch Eis an. Aber auch die Spitäler Lissabons erhielten Eis, um die Schmerzen der Kranken zu lindern.
Als Ende des 19. Jahrhunderts Gefrierschränke aufkamen und das wärmere Klima kaum noch Schnee in die Serra brachte, ging die Fabrik auf dem Montejunto ein. 
Heute gelangt man von Torres Vedras über eine kurvenreiche Straße in die Serra de Montejunto. Oben erblickt man die restaurierten Becken der Eisfabrik und das alte Lagerhaus. Auch eine Kapelle gibt es. Dank des Heimatforschers Carlos Ribeiro werden die wenigen Besucher auf Tafeln über die Geschichte dieses Ortes informiert. Nebenan steht die düstere Ruine des Klosters, deren finstere Fensterhöhlen einen unheimlichen Eindruck hinterlassen. 
Portugals Literatur-Nobelpreisträger José Saramago hat der Serra auch ein literarisches Denkmal gesetzt: In seinem Roman Das Memorial, der den Bau des Palastes von Mafra aus Sicht einfacher Leute schildert, landet der Roman-Held Baltasar mit dem Flugapparat des Paters Gusmão an diesem Bergmassiv. Von der historischen Eisfabrik hat sich Saramago ­allerdings nicht inspirieren lassen. 
Wer ein anderes Beispiel der Eisfabrikation in Portugal ­sehen will, findet dies auf der Insel Madeira, wo im 19. Jahrhundert mit einem heute noch erhaltenen Schneebrunnen Eis für die ersten Touristen in Funchal produziert wurde.

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