Lissabon-Krimi: Hintergründe und Kommentar

Foto von der Alfama (Lissabon)Blick über die Dächer der Alfama rüber zum Panteão Nacional (Lissabon) · © Andreas Lahn

Catrin George Ponciano erzählt über ihren Kriminalroman »Leiser Tod in Lissabon«  Fragen von Andreas Lahn

> Inspetora-Chefe Dora Monteiro ist die Hauptfigur deines Kriminalromans. Sie mag Pralinen zum Frühstück und trinkt ihre Bica mit vier Tütchen Zucker. Du auch?
CATRIN GEORGE PONCIANO: Hilfe, nein! Kaffee grundsätzlich ohne Zucker, und Pralinen nasche ich nur in Lissabon, Pralinenköstlichkeiten aus der Konditorei Confeitaria Nacional an der Praça da Figueira mit Blick auf das Castelo de São Jorge; oder in Coimbra im Park am Mondego-Fluss mit Blick auf die alte Universität und mit Baiser aus der Pastelaria Briosa − dosiertes Zungenglück an persönlichen Lieblingsorten.

Dora Monteiro ist eine taffe, sympathische Kommissarin. Wäre die Arbeit im Mord­dezernat auch was für dich?
Es gab einmal eine Zeit, da habe ich Patricia Cornwells Bücher über ihre Protagonistin Kay Scarpetta verschlungen. Forensisches hat mich schon immer fasziniert, aber spätestens seit dem Film Das Schweigen der Lämmer bannt mich die psychologische Konstellation von Kapitalverbrechern. Als Profilerin könnte ich mir vorstellen zu arbeiten, aber …, das zu behaupten ist tollkühn, eine verzerrte Vorstellung der brutalen Wirklichkeit, wenn Tod dein dauernder Begleiter ist. In Leiser Tod in Lissabon ist die ständige Nähe zur Brutalität auch ein Knackpunkt für Doras Seelenheil. Sie ist taff, eben weil sie mit dem Tod zu tun hat, sonst ist Dora eine Lieb­haberin der schönen Künste.

Reisebücher sind dir scheinbar nicht ­genug. Was hat dich angetrieben, einen Lissabon-Krimi zu schreiben?
Sich als Autorin nicht mehr nur in ­einem Genre schriftstellerisch zu bewegen, ist heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Reisebücher werde ich fortan weiter schreiben, aktuell arbeite ich an einem literarischen Reiseführer über den Alentejo, und bediene eine weitere dritte literarische Gattung mit einer Nahaufnahme über Fernando Pessoa und sein Lissabon.
Deine Frage, ob mir Reisebücher scheinbar nicht genügen, verstehe ich als Metapher. Das Schriftstellen kam nicht erst jüngst zu mir, es begleitet mich mein Leben lang. Als junge Frau bis Anfang Zwanzig habe ich regelmäßig journalistisch veröffentlicht, aber danach als Chefköchin einen ordentlichen Brotberuf ausgeübt, der mir ­weder Kraft noch Zeit zum Schreiben, außer für persönlichen Notizen gelassen hat. Jetzt, vierzehn Jahre nach meiner zurückgewonnenen Freiheit als Autorin, fühle ich mich reif für Geschichten erzählen. Um überzeugend zu schreiben, musste ich erst eine innere Zäsur zulassen, konventionelle Anforderungen von außen besiegen, und Schmerz ertragen, damit er sich plausibel auf die Figuren überträgt. Was nicht bedeutet, dass alle Geschichten traurig sind, sondern dass sie sich wahrhaftig anfühlen, weil die Protagonisten eine Wandlung erleben, die den Leser in die Gefühlswelt der Hauptfigur einsaugt. Das kann aber nur gelingen, sofern ich mich reflexiv ausziehe. Und dazu gehört Reife. Um also Deine Frage zu beantworten, jetzt genügt mir der Zeitpunkt, um neben Reiseliteratur auch Romane zu schreiben. Mit Handlungsort Portugal. Portugal ist mein Metier. Gesucht habe ich bereits seit einer Weile nach einem politisch motivierten Plot, aber mir fehlte eine entsprechend glaubwürdige psychologische Konstellation. Den Impuls für die von mir gewünschte Glaubwürdigkeit in Leiser Tod in Lissabon bescherte mir ein Zeitzeuge, der den Widerstand während der Diktatur in den Jahren vor 1974, die Nelkenrevolution am 24. und 25. April 1974, und den Militärputsch am 25. November 1975 miterlebt hat. Als Soldat, als Militärpolizist, der leidvolle Bekanntschaft mit Verhör und Folter seitens der PIDE erfahren hat. Sein Geständnis schenkte mir die psychologische Raffinesse für den jetzt vorliegenden Krimi. Die Entscheidung, das Buch zu schreiben, fällte ich instinktiv, schon beim Zuhören bekam ich einen trockenen Mund, mir wurde flau im Magen, und ich wusste, das wird mein erster Roman.

Der Roman beginnt mit den Ereignissen am 25.11.1975 in Portugal. Was ist damals passiert?
Der 25. November 1975 ist ein wichtiger Tag für den Erhalt der portugiesischen Demokratie gewesen. Vielleicht sogar ihr Stichtag. Im politisch heißen Sommer − o Verão quente 75 −, hatte eine linksradikale Zelle innerhalb der Militärpolizei seit März des gleichen Jahres, eine Revolte vorbereitet, um die politische und die militärische Macht an sich zu reißen. Die Militärrevolte am 25. November begann im Haupt­quartier der Militärpolizei in Lissabon mit dem Ziel, die Diktatur als Staatsform zu rehabilitieren. Haarscharf nur konnte die MFA einen möglichen nationalen Militärkonflikt mit Bürgerkrieg abwehren − und die Demokratie als Staatsform fortbestehen. 

Der Bankier Elías Inácio wird in der Lissabonner Kirche «Igreja de São Miguel» tot aufgefunden — Mord! Worum geht es in deinem Krimi?
Dass der Mord in der Kirche geschah, ist kein Zufall, erkennt Dora Monteiro auf Anhieb. Die Indizien am Tatort führen sie jedoch zunächst in eine Sackgasse und anschließend auf die Fährte eines gefährlichen, aber seit 1974 für tot erklärten Mannes aus der ehemaligen faschistischen Miliz. Immer tiefer gerät Dora in ein Netz korrupter Machenschaften, die entstanden während der Diktatur bis in die Gegenwart reichen. Dem Mörder begegnet sie in diesem mächtigen Netzwerk allerdings nicht. Sie kehrt zum Tatort in die Kirche zurück und entschlüsselt  endlich die Botschaft des Täters. 
In Leiser Tod in Lissabon verlaufen zwei Handlungsstränge parallel, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber dennoch alles. Das Motiv für den Mord, das politische Machtkomplott, die korrupten Machenschaften, finden in meiner fiktiv erdachten Geschichte ihren Ursprung in der faschistischen Diktatur in Portugal,  und ihr Ende beim leisen Mord an dem Bankier in der Kirche. Wie und warum die beiden Handlungsstränge zusammengehören, ermittelt Dora im Laufe der Geschichte.

In einem historischen Roman ist es immer schwierig, Reales und Fiktives zu trennen. Welche Reaktion soll die Geschichte bei deinen LeserInnen auslösen?
Sie sollen sich unterhalten, von schaudern bis Lachen ist alles dabei, und sich in Lissabon wiederfinden oder neugierig auf die Stadt werden. Nach innen gerichtet wünsche ich mir, dass Portugal affine Leserinnen ein Stück mehr über die jüngste Zeitgeschichte erfahren und damit eventuell leichter verstehen, warum in Portugal manche Dinge heutzutage nach wie vor stark mit den Ereignissen von vor 46 Jahren zusammenhängen. Bei Nicht-PortugalkennerInnen erwecke ich vielleicht ein wenig Neugier, um dann mehr über das Land erfahren zu wollen − eventuell sogar auf einer Reise. In meiner Geschichte ­besiegt meine Protagonistin ihren inneren Dämon. Ich wünsche mir, dass einige LeserInnen ebenso Mut schöpfen mögen für ihre Träume. 

Das Foltergefängnis in Trafalgar auf der kapverdischen Insel Santiago ist ein Synonym für die Greueltaten der Faschisten. Sind die dunklen Kapitel der portugiesischen Geschichte aufgearbeitet?
Die Aufarbeitung grausamer geschichtlicher Fakten, die unsagbar menschliches Leid verursacht, sowie massenhaft für Unterdrückung und Millionenfach für Überwachung gesorgt haben, ist ein schmerzvoller Prozess. Ein traumatisches Kapitel für alle Beteiligten. Die Opfer. Die Verhörten. Die Geschlagenen. Die Angehörigen, stellvertretend für die Getöteten. Darüber möchte man lieber schweigen, das kennen wir in Deutschland hinsichtlich der Aufarbeitung des Holocausts. Denn bei Aufarbeitung steht das Fragezeichen Schuld stets hellrot im Vordergrund. 
In Portugal hat die Aufarbeitung der faschistischen Verhörmethoden längst begonnen, in privat initiierten Aktionen, sowie mit neuerlichen Museen in ehemaligen PIDE-Stätten. Es gibt Filme, wie O Julgamento von Leonel Vieira nach einem Drehbuch von João Nunes, der das Thema Folter sehr kraftvoll in Szene gesetzt hat. Oder Bücher, in denen Zeitzeugen, anonym oder mit Name und Bild versehen, von ihren Erfahrungen mit der PIDE berichten. Es existieren Dissertationen, die tief in die Materie eintauchen und unglaubliches zu Tage befördern. Das nach einem Gestapo-­Konzentrationslager angelegte und geführte ehemalige Lager der PIDE, Campo de medo Trafalgar, birgt unvorstellbar grausame Geheimnisse, die alle Aufklärung verdienen. 

Die Kirche spielt nicht nur als Tatort eine wichtige Rolle in deinem Krimi. Was bedeuten Kirche und Religion für dich?
Der Tatort Kirche hat mit der religiös verbundenen Schuldfrage in Leiser Tod in Lissabon zu tun. In dem ehemaligen katholischen Königreich, reicht der Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit auch nach der Säkularisierung 1910, bis ins dritte Jahrtausend. Inhaltlich bleibe ich damit in meinem Plot kulturidentisch, denn mein Blick auf Portugal kommt von innen, nicht von außen als Betrachter. Ich lebe in Portugal, meine Wahlheimat bietet mir schriftstellerische Wertschöpfung. Somit begegne ich der Institution Kirche ständig, und ihre Gebäude, entstanden in unterschiedlichen historischen und politischen Epochen, erzählen mir die Geschichte dieser Nation, zusammen­gewürfelt aus mehreren Völkern, ­Religionen und Sprachen. Ein neues Volk in einem neuen Königreich, das im auslaufenden Mittelalter im Namen seines Glaubens aufbrach um die Weltmeere zu erobern und die neue Welt zu erkunden. Eine Meisterleistung, die mir Respekt einflößt. Mein persönlicher Glaube richtet sich auf positives Denken und ist konfessionslos. Damit behalte ich meinen Blickwinkel frei für unterschiedlichste religiös motivierte Betrachtungsweisen und Denkansätze. 

Auf Klingelschildern in Portugal stehen keine Namen, und wenn man in Portugal jemanden anruft, hört man meistens ein «Estou» (Ich bin’s). Ist dieses verdeckte Verhalten (encoberta) ein übrig gebliebenes Relikt aus den Zeiten der Diktatur?
Definitiv. Ich lebe auf einem Dorf, ergo inmitten dörflich geprägter Nachbarschaft. Die ältere Generation spricht nicht über Gefühle, schon gar nicht über Politik und gibt niemals eine Meinung offen zum Besten. Denn die PIDE gibt es ihrer Meinung nach wie vor. Deswegen unterschreiben sie keine Petition, sonst müssen sie ihre Identität preisgeben, »so wüssten ‹eles› (Synonym für Miliz), wer sie oder er sei, und die Kinder und Enkel könnten Schwierigkeiten im Beruf oder an der Schule bekommen.« Die Furcht vor Repressalien lähmt. Vor eigenen Entscheidungen und davor, für Veränderungen einzutreten.

Im Zuge des Romans lernen wir etliche Orte in Lisboa kennen. Man könnte glauben, du liebst diese Stadt…
Meine Herzensstadt. Auf jeden Fall. Lissabon spiegelt, was ihre Bürger denken und fühlen. Das steckt an. Lissabon atmet Nostalgie ein und Dynamik aus. Das gefällt mir, es entspricht meinem Wesen.

Einen komplizierten Mordfall hat Dora Monteiro aufgeklärt. Ermittelt sie weiter?
Ich würde mich freuen, wenn das klappt. Einen neuen Plot, der die LeserInnen nach Lissabon und in andere zauberhafte Orte Portugals − wie zum Beispiel in die Christusritterburg von Tomar − entführt, habe ich mir bereits zurechtgelegt. Lassen Sie sich einfach über­raschen.

Cover von Catrin George Poncianos Roman »Leiser Tod in Lissabon«

Cover des Buches »Leiser Tod in Lissabon« · © Verlag emons:

Anmerkungen zu Catrin George Poncianos Krimi »Leiser Tod in Lissabon« • von Andreas Lahn

Der Bankier Elías Inácio wird in der Igreja de São Miguel in der Lissabonner Alfama mit einem Stech­eisen ermordet. Die Kommissarin Dora Monteiro sieht sich mit einem Geflecht aus Betrügern, Ex-­Militärs und Folterknechten der Salazar-Diktatur konfrontiert. Ca­trin George Ponciano erzählt eine Geschichte, die mich in ihren Bann zieht: Ich eile mit Dora Monteiro durch Lissabon, trinke am Rossío Ginjinha, gehe in der Alfama spazieren und bummele durch den Chi­ado. Nebenbei werde ich Teil der portugiesischen Geschichte und spüre die Gewalt der Diktatur genau so wie die Veränderungen mit der Nelkenrevolution.
Wundervoll geschrieben, spannend, kenntnisreich bis ins Detail: Ich lege das Buch nur kurz zum Schlafen aus der Hand und lese gleich am Morgen weiter. Ich fühle mich gefangen in der Geschichte, in einem grandiosen Mix voller Abenteuerlust und Leidenschaft.
Schade, dass der Verlag nicht den Mut hatte, die Autorin im Präsens erzählen zu lassen. Quasi live wäre Dora Monteiros Jagd nach der MörderIn von Elías Inácio noch intensiver erlebbar ­gewesen. Aber auch so ist dieser Krimi ein literarischer Traum und ein Lesevergnügen der besonderen Art. Herzlichen Dank, liebe ­Catrin George Ponciano, für die wundervollen Stunden. Natürlich hoffe ich, dass Dora Monteiro weiter ermittelt…

Catrin George Ponciano: Leiser Tod in Lissabon · Kriminalroman
Verlag emons: 2020 · ISBN 978-3-7408-0783-2 · 13 €
INFOS zu Lesungen in Deutschland und -Portugal: www.catringeorge.com
Fanpage zu »Leiser Tod in Lissabon«: www.facebook.com/CatrinGeorgePonciano

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