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Bento de Jesus Caraça: Aus Fehlern lernen

Foto des Sockels der Statue von Bento de Jesus Caraça

Über das Leben des Mathematik-Professors Bento de Jesus Caraça (1901–1948)    von Gunthard Lichtenberg

> VORWORT
Beim Durchsehen meiner Bilder von unserem Aufenthalt in Vila Viçosa fällt mir das Bild mit dem Spruch auf dem Sockel auf: »Wenn ich keine Angst vor Fehlern habe, dann deshalb, weil ich immer bereit bin, sie zu korrigieren.« Eine ähnliche Lebensregel haben mir meine Eltern mit auf den Weg gegeben. 

Ich werde also neugierig, und in solchen Fällen recherchiert man heutzutage im Internet. Was ich dann auch tue und innerhalb kurzer Zeit auf die Webseite https://www.epbjc-porto.net/bjc/vida.html stoße. Eine Fundgrube! Die Webseite stammt von der Escola Profissional Bento de Jesus Caraça, Porto; sie kann nach Abschluss der 9. Klasse besucht werden und vermittelt berufsbezogene Kenntnisse und weiteren Stoff der oberen Klassen der Höheren Schulen.

Nach dem Lesen der Vita von Professor Caraça möchte ich Ihnen diesen bemerkenswerten Mann vorstellen. Also kontaktiere ich die EPBJC in Porto und hole mir die Genehmigung, die Materialien aus dem Internet zu nutzen. An dieser Stelle gilt mein Dank der Leitung des Instituts. Wer einigermaßen im Portugiesischen firm ist, sollte die oben angegebene Webseite studieren. Alle anderen finden hier meinen Versuch einer Übersetzung der Vita dieses Gelehrten.

VITA VON BENTO DE JESUS CARAÇA
Bento de Jesus Caraça wird am 18. April 1901 in Vila Viçosa geboren. Mit nicht einmal zwei Monaten zieht er mit seinen Eltern, ihres Zeichens LandarbeiterInnen, in ein Dorf bei Redondo (zwischen Vila Viçosa und Évora), wo sein Vater Arbeit als Aufseher im Landgut Herdade da Casa Branca findet.

In Redondo verbringt er seine Kindheit. Schon früh ist er besonders gelehrig, wodurch er die Aufmerksamkeit der Eigentümerin des Landguts, Dona Jerónima,  auf sich zieht. Selbst kinderlos und von diesem Kind fasziniert, schlägt sie vor, die Kosten seiner Erziehung zu übernehmen, dem die Eltern, João Caraça und Domingas Espadinha, gerne zustimmen.

Die Grundschule besucht Bento de Jesus Caraça in Vila Viçosa, die Sekundarschule im Liceu Sá da Bandeira in Santarém. Im Alter von 13 Jahren kommt er nach Lissabon, um im angesehenen Liceu Pedro Nunes weiter zu lernen, wo er seine Zeit 1918 mit Auszeichnung abschließt.

Im gleichen Jahr immatrikuliert er sich im Instituto Superior do Comércio (Höhere Anstalt des Wirtschaftswissenschaften), dem heutigen Instituto Superior de Economia e Gestão (Höhere Anstalt für Wirtschaftswissenschaften und Management). Sein akademischer Werdegang beginnt aufzufallen. Bereits ein Jahr später wird er zweiter Assistent von Professor Mira Fernandes (1884−1958; Professur von 1911 bis 1954). 1924 wird er 1. Assistent und 1927 Außerordentlicher Professor.

Foto der von Statue Bento de Jesus Caraça in Vila Viçosa, Portugal

Statue in Gedenken an Bento de Jesus Caraça in Vila Viçosa, Portugal · Foto: © Gunthard Lichtenberg

1929 wird er schließlich Ordentlicher Professor und erhält den Lehrstuhl für «Matemáticas Superiores» (Höhere Mathematik): Höhere Algebra, Grundlagen der Infinitesimal-Algebra und der Analytischen Geometrie.

Bento de Jesus Caraça hat großen Erfolg als Professor. Rigoros und fordernd gewinnt er Studenten von anderen Instituten, die zu seinen Vorlesungen kommen und für deren Menge die vorhandenen Hörsäle bald zu klein werden.

Die Lehre der Mathematik gewinnt unter ihm an Bedeutung und nähert sich mehr dem Konkreten und Alltäglichen.

Seine Arbeit beschränkt sich nicht auf die Lehre. Er ist Mitglied des Núcleo de Matemática, Física e Química (1936−1939), gründet das Centro de Estudos de Matemática Aplicadas à Economia (Zentrum für Angewandte Wirtschaftsmathematik), und die Gazeta da Matemática (Zeitschrift für Mathematik, erscheint seit 1940 zweimal jährlich). Außerdem wird er Vorsitzender der «Sociedade Portuguesa de Matemática/SPM» (Portugiesische Mathematik-Gesellschaft, gegründet 1940, von der damaligen Regierung Salazar/Caetano nicht anerkannt, offiziell eingetragen erst am 10. Oktober 1977). 

Foto von Bento de Jesus Caraça

Bento de Jesus Caraça · Foto: © Escola Profissional Bento de Jesus Caraça, Porto

Internationale Anerkennung findet er als Delegierter der SPM zu den Kongressen der «Associação Luso-Espanhola para o Progresso das Ciências» (Spanisch-Portugiesischer Verband zum Fortschritt der Naturwissenschaften) in den Jahren 1942, 1944 und 1946. 

Kultur ist eine der großen Leidenschaften von Bento de Jesus Caraça, die Kultur, die sich alle zu eigen machen sollten, um Freiheit zu erringen. In der Universidade Popular (Volkshochschule), der er auch angehört, referiert er auf der berühmten Konferenz A Cultura Integral do Indivíduo − Problema Central do nosso Tempo (Integrale Kultur des Einzelnen − Zentrales Problem unserer Zeit, 1939) zu deren Thema. Der gleichen Zielsetzung dient seine Mitarbeit an Zeitschriften wie Seara Nova, Técnica, Vértice und anderen Veröffentlichungen wie O Diabo, Liberdade oder das Jornal Globo, das von ihm gegründet aber bedauerlicherweise von der Zensur verboten wird.

Ausgehend von seiner Sicht auf die Kultur als ein Erwachen der Seelen, gründet er die Biblioteca Cosmos  (1), die Hunderte von Büchern zu Wissenschaftsthemen herausgab mit dem Ziel der Weitergabe wissenschaftliches Erkenntnisse. Auch arbeitet er aktiv an der Wieder-belebung der Volkshochschule, die durch die ständige Beobachtung der Zensur geschwächt ist, und wird Vorsitzender des Verwaltungsrats dieser Einrichtung (2).

Foto von Bento de Jesus Caraça

Bento de Jesus Caraça · Foto: © Escola Profissional Bento de Jesus Caraça, Porto

Als Verteidiger der Freiheit, die zu -seiner Zeit in Portugal nicht existiert, interessiert er sich auch für die Frauenfrage und fördert die Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft. Als sich im Jahr 1943 13 junge Frauen im ISCEF, dem Instituto Superior de Económicas e Financeiras (Hochschul-Institut für Wirtschaft und Finanzen) einschreiben, unterstützt er, nachdem die Koedukation vom Regime verboten wird, den Kultur-Nukleus, der von diesen jungen Frauen gegründet worden war. Er ist bei allen Vorträgen anwesend und verließ diese nicht, ohne vorher mit den Rednerinnen seine Eindrücke ausgetauscht zu haben. Im Bewusstsein der Welt, die ihn umgibt, -engagiert er sich mit anderen portugiesischen Intellektuellen im Kampf für Freiheit und Frieden. In Zeiten der Entbehrungen, internen Krisen und latenter Unzufriedenheit unterstützt er verschiedene Geheim-Organisationen.

Seine Rolle als politischer Vorkämpfer wird sichtbar durch seine Teilnahme an der Gründung des Movimento de Unidade Democrática (MUD), der Bewegung der Demokratischen Einheit, nach Ende des II. Weltkriegs im Oktober 1945. Die Bewegung hat zum Ziel, die opositionellen Kräfte gegen das Regime von Salazar zu bündeln, um sie auf die Wahlen vorzubereiten und das breite Pu-blikum zu einer Debatte über die Fragen der Wahlbedingungen zu ermutigen. Die Bewegung hat einen großen Zulauf, vor allem seitens liberal eingestellter Politiker und Berufstätiger, so dass das Regime sie nach kurzer Zeit als Bedrohung empfindet und dafür sorgt, dass sie, unter dem Vorwand der Nähe zur Kommunistischen Partei Portugals, als ungesetzlich eingestuft und damit verboten wird. In der Folge werden viele Mitglieder verfolgt und verhaftet, so auch Bento de Jesus Caraça.

Bento reist gerne innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen und fühlt sich in der freien Natur verbunden – sowohl alleine oder mit Freunden.

Obwohl er früh nach Lissabon geht unterstützt er stets seine Eltern und kauft ihnen ein Haus, nachdem sie am Ende vieler Jahre aufgehört haben, für die Herdade da Casa Branca zu arbeiten. Auch seinen Neffen João unterstützt er und sorgt dafür, dass er nach Lissabon kommt, um der ansonsten sicheren Zukunft als Landarbeiter zu entgehen.

Im Dezember 1926 heiratet er Maria Octávia, Tochter des Mathematikprofessors des Liceu Pedro Nunes, Adolfo Sena. Seine Frau stirbt allerdings schon neun Monate nach der Hochzeit.

Sechzehn Jahre später heiratet er erneut, dieses Mal eine seiner Studentinnen, Cândida. Aus dieser Ehe geht sein einziger Sohn, João Caraça, hervor.

Um diese Zeit wird Bento de Jesus Caraça für das so intolerante und Neuerungen abgeneigte Salazar-Regime zunehmend unbequem. Man initiiert gegen ihn ein Disziplinarverfahren, das mit seiner Entfernung aus dem Lehramt für immer endet und unendliche finanzielle Schwierigkeiten für seine Familie zur Folge hat. Er gibt zu Hause Nachhilfeunterricht und hört nicht auf, weiter zu studieren und zu schreiben. Seine Gesundheit leidet mehr und mehr, und die  Krisen mit seinem Herzen treten mit zunehmender Häufigkeit auf.

Er stirbt am 25. Juni 1948. Zwei Tage später ist eine beeindruckende, schweigsame Menge auf seiner Trauerfeier. Die  Zeiten erforderen dieses Schweigen, denn in die trauernde Menge haben sich die gefürchteten Agenten der politischen Polizei gemischt. Bento de Jesus Caraça ist immer ein unbequemer Name für das Salazar-Regime gewesen und ist es augenscheinlich auch weiterhin. 

Seinen bemerkenswerten Satz auf dem Sockel der Skulptur in Vila Viçosa würde ich gerne öfter angewandt sehen:

»Wenn ich keine Angst vor Fehlern habe, dann deshalb, weil ich immer bereit bin, sie zu korrigieren.«

(1) Die Biblioteca Cosmos wird 1941 unter der Leitung von Bento de Jesus Caraça gegründet. Bis zu seinem Tod im Jahr 1948 werden 114 Aufsätze und 145 Bände mit einer Gesamtauflage von fast 800.000 Exemplaren veröffentlicht. Das Project Cosmos entsteht zur Vermittlung von
Bildung und Kultur für die Massen und wird viele Jahre weiterverfolgt. Bento de Jesus Caraça nahm sich vor, der größtmöglichen Anzahl von Mitmenschen den höchstmöglichen Grad an Allgemeinwissen zu vermitteln und allen eine generelle Sicht der materiellen und sozialen Welt, des Lebens und seiner Probleme zugänglich zu machen.
(2) An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass die Analphabetenrate im Bezirk Évora 1940 immerhin noch bei durchschnittlich 58 % liegt: Männer 54 %, Frauen 65 %

QUELLE: Escola Profissional Bento de Jesus Caraça, Porto · Jahrgang 11 des Technischen Kurses für Management und Programmierung von IT-Sytemen, 2008. Für die Verwendung des Quellmaterials hat der Autor die Erlaubnis von der Leitung der -Escola Profissional Bento de Jesus Caraça, Porto erhalten. Herzlichen Dank! 
WEBSITE: http://www.epbjc-porto.net/bjc/vida.html
AUTORINNEN: João Tiago Fontes, Pedro Miguel Celeste, Ricardo Jorge Ferreira

DOWNLOAD BENTO DE JESUS CARAÇA EM PORTUGUÊS

Die Lyrikerin Florbela Espanca

Foto des Monuments für Florbela Espanca in Vila Viçosa · © Wikimedia Commons, GC.KER CACHE TEAM

Das Leben der portugiesischen Lyrikerin (1894–1930) noch mal neu entdeckt    von Catrin George Ponciano

> Die portugiesische Dichterin Florbela Espanca war zart wie ein Schmetterling und schön wie eine Nymphe. Sie war eine aufregende Exotin, ein lasziver Vamp, ein schutzbedürftiges Mädchen, die Ordensschwester Sehnsucht, eine blühende Blume, eine verwelkte Blüte, eine aufrichtig Trauernde, aber vor allem Liebende, Verliebte, Geliebte, Ungeliebte. All dies war Florbela, und mehr noch: Sie war die Athene der Moderne für die beginnende Emanzipation der weiblichen Literaturwelt ihrer Epoche, Leitfigur für die aufstrebende Emanzipationsbewegung Portugals. Sie war Minerva, die erste Frau Portugals, die Jura studiert hat, sie war aber ebenso Nyx und sank hinab in die innere Finsternis ihrer eigenen Melancholie. Niemand schaffte es, sich ihrer Aura zu entziehen. Und dafür wurde sie entweder geliebt oder beneidet. Eine sentimentale Balance existierte im Leben der Dichterin nie. Ihren eigenen Gefühlen ausgesetzt, strömten die ihrer Verehrer, ihres Bruders, ihrer wenigen Freunde auf sie ein und sorgten für eine unentwegte emotionale Eruption, die sie in ihrer poetisch zarten und gleichzeitig konsequent wirklichkeitsorientierten Dichtung aufblättert. 

Für jeden Lebensabschnitt schlägt Florbela ein eigenes Buch auf, das sie durchgehend Ich-bezogenen mit Sonetten füllt. Um ihrer inneren Aufruhr Herrin zu werden, führt Florbela rege Korrespondenzen und beschreibt darin im Rollenspiel ihre Auseinandersetzung mit dem Leben an sich, und gewährt über diesen literarischen Umweg intime Einblicke in ihre komplexe Persönlichkeit. »Die Welt will mich nicht, weil niemand solche Flügel hat wie ich …«, beschreibt sie die Schwierigkeit anderer, sich mit ihr und ihrer komplexen Persönlichkeit zurechtzufinden.

Als uneheliches Kind 1894 in Vila Visçosa im Alto Alentejo geboren, wächst Florbela gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Apeles bei ihrem leiblichen Vater und dessen Ehefrau auf, ohne dass der Vater die Tochter und den Sohn als seine Kinder legitimiert hat. Das Mädchen wächst abgelehnt vom eigenen Vater auf, und ungeliebt von der Stiefmutter. Florbelas natürliche Sehnsucht nach Innigkeit und Geborgenheit bleibt unerfüllt, und so schenkt sie ihre gesamte kindliche Zuneigung dem einzigen Menschen, der ihr wahrhaftig nahesteht: Apeles. Er ist ihr Bruder, ihr Freund, ersetzt den ­Vater und stellt später − bewusst oder unbewusst − ihren Wunschprinzen dar. Unzertrennlich, sind die Geschwister ihrem Schicksal vollkommen ergeben.  

Foto von Florbela Espanca

Florbela Espanca · © Wikimedia Commons

Florbela notiert ihre Gedanken über sich und ihre Familie in ein Tagebuch. Wortmalerisch wünscht sie sich eine ­andere Welt, für sich, für die kleinsten Lebewesen, die Kinder, die Bienen, die Vögel, die Fliegen. Pflanzen, Tiere. Der Himmel schenkt Florbela in ihrer Vorstellung die Geborgenheit, die ihr im echten Leben fehlt. Somit enden all ihre Gedichte traurig − sobald sie aus ihrem Ideenhimmelreich in den familiären Alltag zurückfällt. Außer Apeles ist Papier ihr einziger Freund. Bald verdichten sich die Verse, finden präzisiert in Metaphern formuliert Ausdruck für ihre Sehnsucht nach Akzeptanz ihrer selbst und nach einem liebevollen Heim. Letzteres versucht Florbela selbst aufzubauen, heiratet dreimal − und scheitert dreimal. Lieben will sie, nichts als lieben, der Liebe willen, schreibt sie, versucht Mutter zu werden und verliert zweimal die Frucht ihres Leibes.

Was ihre Stiefmutter und ihre echte Mutter versäumt haben, wollte Florbela besser machen, eigene Kinder, gezeugt in Liebe bekommen, sie bedingungslos lieben und hätscheln, kosen und beschützen. Ihr Scheitern war endgültig. Florbela flieht, zieht nach Lissabon, taucht ein in den literarischen Reigen um die aufstrebende Avantgarde, lernt Almeida Negreiros, Carlos Queiroz, Fernando Pessoa und andere Dichter der modernistischen Bewegung kennen. Sie lässt sich fallen in den Strom der Zeit, den gesellschaftlichen Rausch in der Welt der Intellektuellen, wählt Liebhaber, wechselt sie, kostet das Leben aus in allen Zügen bis an die Grenzen des Erträglichen − und darüber hinaus. Völlig verausgabt kehrt Florbela von ihren Eskapaden an den Schreibtisch zurück und lässt ihre Seele auf Papier lyrisch reflektiert neu auferstehen, und zwar in solch aufrichtig egozentrischer und gleichzeitig sinnlich poetischer Weise, dass man selbst heute, neunzig Jahre später, ihre Unruhe, ihre Schluchzer und ihr Getriebensein beim Lesen spürt.

Die nichts weiter vom Leben wollte, als sie selbst zu sein und als Florbela geliebt, anerkannt und verstanden, strauchelt, weil ihr all dies verwehrt bleibt. Niemand liebt sie als diejenige, die sie ist. »Niemand kenne sie wirklich«*, sagt sie in der Rolle eines Liebhabers, der über Florbela schreibt, obwohl natürlich in Wahrheit Florbela einzig, immer und ausschließlich über sich selbst schreibt. »Selbst ich kenne mich nicht.«, setzt sie hinzu.

Seelischen Beistand empfängt sie von Apeles, der ihr Bett mit Sternschnuppen bestreute, aber dann in einem Flugzeugabsturz den Tod findet. Hinter vorgehaltener Hand sagt man den Geschwistern eine mehr als platonische Beziehung nach und behauptet gar, Apeles hätte sich das Leben genommen. Florbelas Verlust kann nicht größer sein. Das Gewicht ihrer Seelenpein drückt sie nieder, bis sie sich mehr und mehr in den Rollen verliert, die sie sich von Salomé zur Maria-Theresa selbst andichtet, und keine mögliche Frauenfigur der Literatur auslässt, bis sie wirklich nicht mehr weiß, wer sie ist.

Nach dem Tod ihres Bruders 1927 fällt Florbela in sich zusammen, physisch und psychisch. In den nächsten drei Jahren bringt sie ihre Geschichtensammlung «As Máscaras do Destino»  zu Papier und zieht metaphysisch Bilanz über »das ersehnte Leben und sei es auch bloß ein stinkender Sumpf«*. Ihr Fazit lautet: »Du lebst, aber du kennst das Leben nicht.«* 

Zu ihrem 36. Geburtstag am 8.12.1930 lädt Florbela Gäste ein, eine Party sollte es keine sein − sondern ihr Abschied vom Leben.

*Zitate aus: »Der Rest ist Parfum«, Gesa ­Hasebrink, 1994, Verlag Beck & Glückler

HINWEIS

Die Schriftstellerin Catrin George Ponciano, Landesvertreterin der DPG am Algarve, und ihre Bühnenpartnerin, die Geschichtsforscherin Paula Villares Pires, haben die Initiative Buchstabenbühne – Letras no Palco ins Leben gerufen. Portugiesische Dichterinnen wie Florbela Espanca bringen sie in einem eigens erarbeiteten Programm, zweisprachig auf die Bühne, simultan portugiesisch/deutsch interpretiert, mit musikalischen Interludien begleitet von Portugiesischer Gitarre und zu Fado vertonten Florbela–Weisen. Die Premiere fand am 12.12.2020 statt im Kloster Convento de São José in Lagoa im Algarve, live und virtuell, hybrid zur gleichen Zeit. Bis auf weiteres geht die Buchstabenbühne virtuell tingeln unter dem Motto: Petiscar Poesia – Poesie in Häppchen, im Live Stream. Sobald wieder möglich, treten wir im Algarve, im Alentejo und in Lissabon auf. Buchungsanfragen für unser Programm mit Live–Musik-Begleitung bitte per E-Mail an: catringeorge@yahoo.de  

Weitere Infos auf: https://www.facebook.com/LetrasnoPalcoBuchstabenbuhne

Auf den Spuren des Marmors

Foto eines Marmorsteinbruchs bei Vila Viçosa

Alentejo: Unterwegs zwischen Estremoz und Vila Viçosa    von Dr. Ingolf Wernicke

> Wem trockene Hitze von 35 bis 40 Grad nichts ausmacht und wer in Portugal in der Hauptreisesaison im Hochsommer einmal abseits der überfüllten Strände in den touristischen Zentren und Städten an der Algarve und der Atlantikküste auf Entdeckung gehen möchte, dem sei eine Reise in den östlichen Alentejo, in die Region von Estremoz, Borba und Vila Viçosa, empfohlen. Dort findet man Orte, die von der Geschichte Portugals erzählen − inmitten einer hügeligen Landschaft, ausgedehnten Wein- und Olivenbaumplantagen, zahlreichen malerischen, kleinen Städten und Dörfern mit historischen Bauten wie Kirchen, ehemaligen Klöstern, Platz- und Brunnenanlagen, vielen Burg- und Befestigungsanlagen.

Die Kleinstadt Estremoz mit etwa 8.000 Einwohnern ist dafür ein Beispiel. Sie liegt knapp 50 Kilometer nordöstlich von Évora in der Region Alto Alentejo und bietet einen guten Ausgangspunkt für das Kennenlernen dieser ­Region, die sich bis zur spanischen Grenze nach Elvas erstreckt.

Estremoz gliedert sich in eine auf einer Anhöhe gelegene Oberstadt mit malerischen Gassen, die noch etwas maurisch wirken, sowie eine seit dem 16. Jahrhundert entstandene, von Stadtmauern umgebene Unterstadt, deren Mittelpunkt ein sehr großer Marktplatz, der Rossio Marquês de Pombal, ist, auf dem Verkaufsstände zu finden sind und auf dem auch am Samstag Markt abgehalten wird. In der Nähe dieses zentralen Platzes befindet sich der «Lago do Gadanha», eine große Brunnenanlage mit einer Saturn-Statue aus dem Jahr 1688, an den sich weitere Quartiere der Altstadt anschließen. Das Rathaus von Estremoz befindet sich in einem 1698 errichteten Kloster, dem ehemaligen Convento de Congredados. Nördlich des Rossio liegt der Convento São Francisco aus der Zeit des Königs Afonso III. aus dem 13. Jahrhundert, in dem König ­Pedro I. 1367 starb. Seit der Säkularisation 1834 wird das Kloster als Kaserne genutzt. Gegenüber liegt der Palácio Tocha aus dem 17. Jahrhundert mit auf Azulejos dargestellten Szenen des Unabhängigkeitskrieges Portugals gegen Spanien.

Die Hauptattraktion von Estremoz ist jedoch das Kastell aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit einem wuchtigen 27m hohem Bergfried. Die Burg war im 14. Jahrhunderts der Königs­palast, in dem sich zeitweise König ­Dinis I. mit seiner Gemahlin aufhielt − der heiligen Isabell, die hier 1336 verstorben ist. In der Nähe der Kirche ­erinnert eine Skulptur an die Königin Isabell, die im Klarissenkloster in Coimbra bestattet worden ist. Heute befindet sich im ehemaligen Königspalast der Burganlage eine luxuriöse Pousada. Schräg gegenüber des Bergfrieds wurde 1559 die dreischiffige Kirche Santa Maria do Castelo errichtet, in der zwei Marienbilder von El Greco erhalten sind. An den Kirchenbau schließt sich ein in späterer Zeit, im manuelistischen Stil, umgebauter Audienzsaal an.

Estremoz hat aber insbesondere aufgrund seiner Marmorsteinbrüche Bekanntheit in aller Welt erlangt. Die alentejanische Stadt wird heute auch als cidade branca, die Weiße Stadt, bezeichnet.

In zahlreichen Steinbrüchen in der Umgegend wird Marmor als Baumaterial für Häuser, Fliesen, Inneneinrichtungen, Fassadenverkleidungen und auch für Grabanlagen abgebaut. Die Firmen, die diese Steinbrüche betreiben, exportieren Marmor in allen gewünschten Formen und Größen. Estremoz-Marmor, der von Natur aus cremefarben bis rosa ist und auch Schattierungen haben kann, spielt eine äußerst wichtige Rolle in der portugiesischen Steinindustrie. Seit vielen Jahren zählt er zu den meist exportierten und auf allen großen und kleinen Märkten der ganzen Welt bekanntesten portugiesischen Gesteinen.

Auch auf den Internetseiten deutscher Importeure, insbesondere für Treppen- und Bodenfliesen sowie Küchen- und Bad-Ausstattungen wird der Marmor aus Estremoz als Baustoff erster Qualität angepriesen.

In Estremoz trifft man schon direkt am Stadtrand und auch weiter außerhalb auf zahlreiche Marmorsteinbrüche, die man oft schon links und rechts der Straßen an den Baggerkränen sowie den weiß leuchtenden Wald- und Wiesenwegen erkennen kann. Es lohnt sich, die Steinbrüche zumindest von oben zu besichtigen. Man muss nur vorsichtig sein, da Marmorbrüche Firmen- bzw. Privatgelände sind und oftmals nicht durch Absperrungen oder Zäune gesichert wurden. Mittlerweile gibt es in der gesamten Region auch zahlreiche touristische Angebote, Museen, Ausstellungen und geführte Touren von zahlreichen örtlichen Agenturen zum Thema Marmor.

Möchte man sich jedoch individuell einen Überblick über die einst über 200 Marmorsteinbrüche verschaffen, sollte man einfach eine Rundfahrt durch das Dreieck Estremoz—Borba—Vila Viçosa machen.

Foto des Fonte das Bicas (Marmorbrunnen in Borba von 1781)

Fonte das Bicas: Marmorbrunnen in Borba von 1781 · © Dr. Ingolf Wernicke

Das kleine Städtchen Borba liegt circa 15 Kilometer von Estremoz entfernt, ist etwas kleiner und besitzt eine sehr hübsche Altstadt, im Zentrum mit einer Burganlage, die von starken Mauern mit Stadttoren umgeben ist. Auch in Borba gibt es zahlreiche Sehenswürdigkeiten in der Stadt wie z. B. den Praça do Cinco de Outubro mit einem Rathausbau von 1797 und einer Pfarrkirche. Von dem Marmorabbau hier aus der Gegend zeugt die Fonte das Bicas, eine prächtige Brunnenanlage von 1781, die inmitten einer Grünanlage liegt. Die meisten Portugal-Kenner denken bei Borba aber in erster Linie an den Weinanbau, an Adega de Borba, an Marques de Borba, an Gallitos und viele andere Marken, wenn sie den Namen der Stadt hören. Weitere überregional bekannte Produkte aus Borba sind Olivenöl, Wurstwaren, die Enchidos de Borba und Käsespezialitäten.

Der Weg führt weiter in das benachbarte Vila Viçosa, wo es ebenfalls zahlreiche Marmor-Steinbrüche gibt. Während man in Estremoz eher ältere Steinbrüche im Tagebau findet, die teilweise schon aufgelassen sind, kann man in der Umgegend von Vila Viçosa viele neuere Steinbrüche finden, deren Abraumhalden man schon kilometerweit erblicken kann. Viele Hügel sind durch den Abraum entstanden und mit großen Steinquadern minderer Qualität oder auch anderen Gesteinsarten überdeckt, so dass man den Eindruck hat, durch eine Mondlandschaft zu fahren. Viele Steinbrüche in der Region von Vila Viçosa haben ein gewaltiges Ausmaß und reichen mit einer senkrechten Steilkante bis über 150 Meter in die Tiefe. Sofern es möglich ist, lohnt es sich auf jeden Fall einmal von oben in die riesigen Abbaugruben hineinzuschauen.

Foto des Paco Ducal in Vila Viçosa

Paco Ducal in Vila Viçosa · © Dr. Ingolf Wernicke

Der architektonische Hauptanziehungspunkt des kleinen Städtchens Vila Viçosa ist jedoch der Paço Ducal, der Palast der Herzöge von Bragança. Im Stil der italienischen Renaissance wurde er mit einer hundert Meter langen Fassade aus Marmor ab 1501 erbaut. Er diente dem portugiesischem König João IV. und seinen Nachfolgern als Palast und wurde, obwohl Lissabon die Hauptstadt war, von den Familienangehörigen des Hauses Bragança häufig besucht. Im Innern kann man Deckengemälde, Ahnenbilder, Azulejos aus dem 17. Jahrhundert, Wandteppiche, Porzellan, Rüstkammern und vieles andere besichtigen. Heute gehört der Palast zu einer Stiftung und beherbergt neben den soeben beschriebenen Ausstellungsräumen auch die Bibliothek und das Archiv des Hauses Bragança. Vor dem Palast erstreckt sich der Terreiro do Paço, der Schlossplatz, der ursprünglich einmal eine Stierkampf-­Arena gewesen sein soll. In seiner Mitte befindet sich ein Reiterstandbild mit König João IV. An der Ostseite des Platzes steht die Kirche eines ehemaligen Augustinerklosters, die Igreja dos Agostinhos, wo die sterblichen Überreste der Herzöge von Bragança ruhen.

Als ein weiteres historisches und architektonisches Highlight in der Nähe ist noch das kleine Städtchen Alandroal zu erwähnen, das etwa 10 Kilometer von Vila Viçosa entfernt liegt. Hier kann man eine eindrucksvolle Burganlage besichtigen, die auf Resten einer aus dem 13. Jahrhundert von König Dinis erbauten Befestigung errichtet wurde. Außerdem gibt es ebenfalls eine eindrucksvolle Brunnenanlage auf dem Marktplatz, die mit Marmor aus der Region erbaut wurde.

In einem Gespräch mit einem einheimischen Portugiesen in Estremoz wurde mir auf meine Frage, ob das Geschäft mit dem Marmor denn floriere, erwidert: »Leider nicht, denn es gibt immer weniger Diktaturen auf der Welt! Die Hauptabnehmer unseres Marmors waren einst Nicolai Ceauçescu, der seinen Palast in Bukarest aus alentejanischem Marmor erbauen ließ, und auch Muammar al-Gaddafi in Libyen, der ebenfalls seine zahlreichen Paläste mit Marmor von hier errichten ließ.«  

Obwohl man den Menschen vor Ort den Erhalt ihrer Arbeit, ein florierendes Geschäft mit dem Ausland und damit auch den Erhalt der Basis ihrer Existenzgrundlage wünscht, wäre die Forderung des Portugiesen aus Estremoz nach mehr »diktatorische Regierungen«, die auch etwas scherzhaft gemeint war, ein wohl doch etwas zu hoher Preis.