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Frankfurt 2022: Endlich wieder Buchmesse

Foto von der Frankfurter Buchmesse 2022

Frankfurt: Endlich wieder Buchmesse
Persönliche Eindrücke von Catrin Ponciano

> Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin sehr froh, gerade in diesem Jahr zur Pop-Up-Buchmesse in Leipzig und zur ersten Post-Pandemie-­Buchmesse in Frankfurt als Autorin eingeladen gewesen zu sein, denn beide Messen markieren einen Umbruch des öffentlichen Diskurses weg von absolutistisch geprägten Denkmustern in Schwarzweiß-Rauten hin zur offen geführten Auseinandersetzung über Personen und Ereignissen, die die Freiheit des Wortes und Demokratien als solche gefährden.

Mit einem Jahr Verspätung hieß es heuer im März 2022 in Leipzig doch noch Vorhang auf für das Gastland Portugal, wenngleich reduziert auf eine wesentlich kleinere Anzahl Veranstaltungen als seit 2021 vorgesehen, die am 17. März 2022 mit der Ansprache des portugiesischen Botschafters Francisco Ribeiro de Menezes im Haus des Buches in Leipzig feierlich eröffnet worden sind. Passend dazu eine Ausstellung über Saramagos Frauen, eingebettet in die Hundertjahr-Feierlichkeiten rund um den größten Erzähler Portugals und seines bisher einzigen Literaturnobelpreis-Trägers.

Foto von der Frankfurter Buchmesse 2022

Frankfurter Buchmesse 2022 · © Catrin Ponciano

Mit einem Jahr Verspätung konnte das Camões Institut aus Berlin sein ursprünglich für die Leipziger Buchmesse 2021 vorbereitetes, breit gefächertes literarisches Programm präsentieren. Gänzlich unterschiedliche Inhalte und Gedankenansätze bescheren der LeserIn ein weites Feld Politikhistorie, Einblicke in Gesellschaftsstrukturen, Spektren von Traditionen und Erinnerungskultur aus immerhin vier Kontinenten und neun Länder­regionen, in denen Portugiesisch Amtssprache ist. Im Vordergrund stehen Inhalte aus der jüngsten portugiesischen Zeitgeschichte und über Portugals einstiges Kolonialreich. Besonders hervorzuheben sei hier die emotionale Nähe zu den gegenwärtig bestehenden Wirklichkeiten in all den Regionen, die einst am Nabel des Königreiches Portugals gehangen, und dadurch eine von Portugal und seiner abendländisch geprägten, geistigen Haltung beeinflusste Entwicklung genommen haben. Die durch das Überstülpen der abendländischen Kultur und Religion hervorgerufene Verrückung der indigenen Identitäten wirkt authentisch erzählt und offenbart neue Denk- und Gefühlswelten, die uns bislang verschlossen geblieben sind. In der Portugiesisch sprechenden Welt spricht die Literatur aus Tradition stets durch die intellektuelle Elite und fördert so den öffentlichen Diskurs. Die LeserIn begibt sich demnach auf einen Spaziergang im Kopf einmal um die Welt.

Und genau das kann Literatur. Sie ist Zeugin der Menschheitsgeschichte, füttert Hoffnung, schwört Revolten herauf und dokumentiert Umbrüche. Worte überqueren Grenzen, Gefühle folgen Worten einmal rund um den Globus.

Auf der Buchmesse in Frankfurt lebte dieser Esprit übergangslos weiter. Spanien als Gastland brachte gleich eine ganzes Universum an Literaturen über die jüngste Zeitgeschichte seiner Nation und über die seiner einstigen Kolonien mit. Die Freiheit des Wortes stand hierbei ebenso im Fokus wie eine erfrischend dezidierte Auseinandersetzung mit totalitären Systemen. Überall im fantasievoll geschmückten Spanien-Pavillon wisperte ein klar heraus gestelltes Nein durch den Saal, und stand der einst erfahrenen Militär-Diktatur samt Worte-Inquisitoren, poetisch, faktisch, erzählerisch, gar fantastisch formuliert, geeint gegenüber.

Foto von der Frankfurter Buchmesse 2022

Frankfurter Buchmesse 2022 · © Catrin Ponciano

Der Nein-Kanon gegen das Schweigen waberte einstimmig durch die Messehallen. Politische oder gesellschaftliche Miss­stände werden nicht mehr übergangen. Soziale Ungerechtigkeiten nicht mehr bagatellisiert. Generationenübergreifende Schuld nicht mehr gedeckelt. Die Welt der Büchermenschen formiert sich. Selbstbewusst, argumentativ, divers, und laut. Gegen Krieg. Gegen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts in islamisch fundamentalistisch regierten Ländern. Gegen den politisch auferlegten Bann von Aufklärungsliteratur über sozial benachteiligte Ethnien und Lebensformen an Schulen und Universitäten in den USA. Bücher kennen keinen Grenzen. AutorInnen überspringen sie. Wir Lesende sind ihre Komplizen.

Gegenwartsliteratur muss politisch aktiv sein, in Wunden fassen, blutendes Fleisch hervorzerren, damit die Welt erfährt, was Menschen in Kriegsgebieten oder Frauen derzeit im Iran tatsächlich widerfährt. Autorenherzen teilen uns ihre Eindrücke mit. Sie ziehen sich splitternackt aus, stehen emotional erschüttert und schutzlos vor uns Lesenden, und rufen uns durch ihre Bücher zu: »Schaut nicht mehr weg!«

Nein, wir schauen nicht mehr weg. Sondern hin. Wir sprechen darüber, weil wir das Recht besitzen, uns eigene ­Gedanken zu machen. Die zu uns aus ­Krisengebieten sprechen, kämpfen mit einem Stift darum, ihr Recht auf freie Gedankenäußerung zu behalten. Nicht wenige von ihnen sterben sogar dafür.

Foto von Catrin Ponciano auf der Frankfurter Buchmesse 2022

Catrin Ponciano auf der Frankfurter Buchmesse 2022 · © Catrin Ponciano

Während der auf der #FBM22 dargebotenen Debattenkultur sowie während meiner persönlichen Begegnungen bei Pen-Berlin, den Mörderischen Schwestern, beim Syndikat für Deutschsprachige Kriminalliteratur, bei VerlegerInnen und Programm-ChefInnen, sogar während jeder Konversation beim zigsten Macchiatto war das Thema »Freiheit des Wortes« unüberhörbar präsent. Gut so. Der von innen nach außen gerichtete Blick rüttelt nämlich kräftig durch − und auf. Das wussten bereits andere große SchriftstellerInnen vor uns. »Beseelt wäre ich, hätte ich meine Heimat noch nie zuvor gesehen, das Gedankengut meiner Eltern und Lehrer noch nie zuvor gehört, denn dann könnte ich fühlen. Wahrhaftig fühlen.« So sagte es Fernando Pessoa vor etwa einem Jahrhundert über die ihm anerzogene absolutistische Sicht auf Dinge und Geschehnisse der damaligen Zeit. Seither sind einhundert Jahre vergangen, Europa steht − zumindest momentan noch − politisch stabil da. Eine Rundumerneuerung der Perspektive in den Literaturen ist demnach längst überfällig. Die Frankfurter Buchmesse hat vorgemacht, dass ein Neustart der eigenen Gedankenwelt und Sichtweise möglich ist. Danke dafür.

Algarve genießen: Zum Buch von Catrin Ponciano

Foto vom Cover des Buches »Algarve genießen« (Catrin Ponciano)

Algarve genießen

Zum Buch von Catrin Ponciano    von Andreas Lahn

Wenn Sie den Algarve genau so lieben wie gutes Essen, dann sind Sie mit diesem Reise-ErlebnisKochbuch bestens bedient. Auf über 300 Seiten breitet die ehemaligen Küchenchefin und seit mehr als zwanzig Jahren am Algarve lebende Catrin Ponciano ihr Wissen aus. Sie lernen alles, was eine abwechslungsreiche Küche ausmacht: Rezepte mit Fisch, Fleisch, Meeresfrüchten, Gemüse, Salz, Muscheln, Käse, Olivenöl, Hülsenfrüchten, Desserts. Diese Re­zept-­Sammlung kann Ihr Begleiter für die portugiesische Küche zu Hause werden.

Doch nicht nur das: Sie lernen die Geschichte des Algarve kennen, erfahren, wie die Algarvios ticken und warum es nicht die Algarve sondern der Algarve heißt. Extra-Kapitel zu Wein, Markthallen und Salz, Tipps zu Restaurants und Cafés und ein portugiesisch-deutsches Glossar zum Thema Essen und Trinken machen dieses Buch zu Ihrem Nachschlagewerk. In der Widmung für ihre Mama schreibt Catrin Ponciano: »Algarve duftet nach Zistrosen, nach Eukalyptus, nach wildem Oregano und im Frühling ganz besonders nach Orangenblüten. Algarve schmeckt zartbitterlecker nach Salzblüten, nach Olivenöl, nach Mandeln und nach Meer. Algarve schenkt Fernweh,Heimweh und ungebremst Lebensfreude. Herzlich willkommen.«

Catrin Ponciano – Algarve genießen. 
Reisebuch Verlag, Plön; 310 Seiten
ISBN 9783947334490 · 19,90 €

Zwei Morde, ein Tatort: Kein Zufall, ein Zeichen

Cover des Buches »Rache im Alentejo« von Catrin Pociano

Zwei Morde, ein Tatort: Kein Zufall, ein Zeichen

»Rache im Alentejo«: Anmerkungen zum neuen Krimi von DPG-Mitglied Catrin Ponciano    von Andreas Lahn

> Es kommt selten vor, dass der Ast einer Korkeiche innerhalb von lediglich 30 Jahren zwei Mal das zweifelhafte Vergnügen hat, einen erhängten Menschen beherbergen zu dürfen − wenn auch jeweils nur kurzzeitig. Da es Zufälle im Leben nicht wirklich gibt, liegt die Vermutung nahe, dass die eine Leiche etwas mit der anderen zu tun hat.

Aber der Reihe nach: Catrin Ponciano hat mit ihrem Krimi-Debüt Leiser Tod in Lissabon 2019 ein wundervolles Buch ­geschrieben und wird 2021 vollkommen zurecht mit dem Stuttgarter Krimi-­Debütpreis ausgezeichnet. Damals klärt Inspetadora Chefe Dora Monteiro den aufsehenerregenden Mord an Elías ­Inácio in der Lissabonner Igreja de São Miguel auf und sticht dabei in ein Wespennest der portugiesischen Geschichte. Trotzdem Dora Monteiro für ihre aufsehenerregenden Ermittlungen mit Lob überhäuft wird, fasst sie den Entschluss, den Dienst bei der Lissabonner Mordkommission zu quittieren, sich fortan der Kunst zu widmen und mehr Zeit mit ihrem lustigen Raben Afonso Henrique zu verbringen, dessen »Dorrra« eine liebevolle Begrüßung ist, wenn Dora Monteiro nach getaner Arbeit nach Hause zurückkehrt. Nachfolger wird ihr Nachbar und bisheriger Untergebener Sérgio Cardoso.

Wer nun glaubt, dass Dora Monteiro in Ruhe als Künstlerin arbeiten und das Leben genießen kann, hat die Rechnung ohne Catrin Ponciano gemacht. Sie löst ihr Versprechen ein, Dora wieder ermitteln zu lassen. Nicht als Polizistin, sondern als verdeckte Ermittlerin, denn als sie der Hilferuf ihres Jugendfreundes Tomás Maia erreicht, der unter Mordverdacht im Gefängnis von Grândola sitzt, überlegt sie nur kurz und macht sich von Lissabon aus auf den Weg in den Alentejo. An der Mündung des Rio Sado wird sie zwischen Grândola, Tróia, Carrasqueira und Comporta in den Sumpf der alentejanischen Geschichte gezogen. Es geht nicht nur um die verfeindeten Familien Maia und Carvalho, sondern auch um Erniedrigung, Gier, Macht und Gewalt.

Tomás Maia soll am 13. Juni 2022 nach einer Feier zu Ehren von Santo António Gustavo Carvalho ermordet haben, den Sohn von Américo Carvalho, den von vielen gehassten Besitzer der Herdade Carvalho und glühender Anhänger von Salazar, fremdenfeindlich und homophob. Américo Carvalho gilt als Auftraggeber für den als Selbstmord deklarierten Mord an Tomás Maias Vater Guilherme am 11. November 1992 während des São Martinho-Festes. Dora Monteiro muss alle Register ziehen, um die Mauern des Schweigens zu brechen und der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Lesen Sie, wie sie entdeckt, was die mitten in einem von der EU geförderten Naturschutzgebiet geplante Ferienhaussiedlung mit der Widmung zum Buch »Für die Fischer mit Land ohne Grund« zu tun hat und warum die Häuser Fishermen heißen. 

Catrin Ponciano hat es mit diesem Buch wieder geschafft, mich von anderen Dingen fernzuhalten, aus Neugier und aus Angst davor, jemand könne die Buchstaben aus diesem wundervollen Kriminalroman stehlen, wenn ich es ignoriere.

Also liebe Catrin, ich verneige mich und sage 1.000 Dank, weil es mir wie ein kleines Weltwunder vorkommt, eine derart spannende und tiefsinnige Geschichte aus meinem geliebten Portugal lesen zu dürfen. Und wie du weißt, lese ich ja ansonsten kaum noch Romane …

Trotzdem ist es so, dass uns die Autorin am Ende des Buches wichtige Informa­tionen unterschlägt: Ihr Rabe, oder besser gesagt, ihre Räbin, die nunmehr Afon­­zine-Henriqua heißt, erwartet nach einer heißen Liebesnacht mit dem zugeflogenen Raben Egas Nachwuchs. Vier Eier werden ausgebrütet, aber bis zum Ende des Buches wird nichts darüber berichtet, wer dem Ei entschlüpft und ob zukünftig alle Räbinnen und Raben als kleines Orchester Dorrrra krächzen, wenn Dora Monteiro nach Hause kommt. Da Catrin Ponciano schlicht vergessen hat, uns den Werdegang der Rabenkinder mitzuteilen, freue ich mich schon auf den dritten Band mit Dora Monteiro und ihren RäbInnen.

Von diesem kleinen Fauxpas abgesehen, ist Catrin Ponciano mit Rache im Alentejo ein Krimi gelungen, der eine spannende Geschichte mit der Realität menschlicher Abgründe verbindet: »Wer nie eingesperrt gewesen ist, erkennt Freiheit nicht.« Dieses Zitat aus den Tagebüchern des Miguel Torga, Diário V sollte uns alle zum Nachdenken darüber anregen, in welcher Welt wir leben und was wir bereit sind zu opfern, um in einer besseren Welt zu leben. Was für eine kleine Polizeistation in Grândola zutrifft, gilt auch für weite Teile dieser Welt: »Diese Willkür musste ein Ende finden, so wahr sie Dora Monteiro hieß.« Leisten wir unseren Beitrag, um Dora Monteiro in ihrem Kampf um mehr Gerechtigkeit zu unterstützen, in Portugal, in Deutschland und im Rest der Welt.

Und wenn Sie zur Ruhe kommen müssen, erinnern Sie sich gerne an die Weisheit der Fischer: »Das Meer kommt, das Meer geht, aber es bleibt immer das Meer.« (Seite 20) und / oder bereiten Sie sich den Nachtisch zu, den die verliebte Dora mit ihrem Liebhaber verspeist: »Zum Dessert teilten sie sich kandierte Rainha-Cláudia-­Pflaumen mit Quarkschaumcreme und fütterten sich gegenseitig mit langstieligen Löffeln.« (S. 120) Das macht mich beim Schreiben und auch beim Lesen glücklich. Wie muss das erst beim Essen sein?

Catrin Ponciano, Rache im Alentejo
Kriminalroman, 256 Seiten, Broschur Emons Verlag, Köln 2022
ISBN: 978-3-7408-1574-5; Preis: 13 €
auch als E-Book erhältlich

Foto von Catrin Ponciano, Krimi-Autorin

Catrin Ponciano, Krimi-Autorin · © Foto: Anabela Gaspar

LESEREISE 2022
Catrin Ponciano liest aus ihrem neuen Krimi Rache im Alentejo

RIEDE 
13. September · 19 Uhr / PREMIERE
BÜCHERKISTE RIEDE 
Thedinghauser Str. 12 · 27339 Riede

BERLIN
15. September · 19.30 Uhr
A Livraria MondoLibro
Torstraße 159 · 10115 Berlin

FRANKFURT
22. September · 20 Uhr
TFM – Buchhandlung für portugiesische Bücher – Centro do Livro
Große Seestraße 47
60486 Frankfurt

SCHWANHEIM
23. September · 19.30 Uhr
BÜCHER WAIDE
Alt Schwanheim 39a
60529 Frankfurt-Schwanheim

ROGIL (ALGARVE)
1.Oktober · 17 Uhr
Biblioteca / Bücherei
Rua do Mercado 23
8670-440 Rogil

LAGOA (ALGARVE)
7. Oktober · Convento de São José
18.30 Uhr: Cocktail das boas-vindas no Claustro – Empfang im Lichthof
19.30 Uhr: Presentação da Autora com Livro – Autorenlesung Anschließend Signierstunde, Buchverkauf, All-Talk

KERPEN-HORREM
24. Oktober · 19.30 Uhr
Buchhandlung WortReich
Hauptstraße 196
50169 Kerpen-Horrem

KIRCHZARTEN
25. Oktober · 19.30 Uhr
Kirchzartener Bücherstube
Freiburger Straße
679199 Kirchzarten