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Vergessen auf der Liste der Weltwunder

Foto der Rocha do Bordões (Flores, Azoren)

Über zwei faszinierende Naturwunder auf Flores (Azoren)    von Ana Carla Gomes Fedtke und Eberhard Fedtke

> Mag sein, dass viele die sieben Wunder der antiken Welt kennen, aber falls nicht,  sollten ihnen die sieben Wunder der heutigen Welt bekannt sein. Als diese Listen erstellt wurden − sei es das antike Original, sei es eine neue moderne Aufstellung zu attraktiven Naturorten und wertvollen sowie preziösen Zeugnissen des menschlichen Geistes auf dem Gebiet der Architektur − taucht das Archipel der Azoren in dieser Liste nicht auf. Besucht man dieses endemisch intakten beeindruckenden Monumente, erkennt man deutlich, dass die Listen unvollständig sind, Naturschönheiten erster Kategorie aufzuzeigen und zu bezeugen.

In diesem Fall hier reden wir von der Insel Flores. Wir besuchten imponierende und unerklärliche Wunder. Beginnen wir mit dem Poço da Ribeira do Ferreiro: Der Besuch zu Fuß ist ein Abenteuer. Wir lassen daher unseren Wagen auf dem Parkplatz an der Hauptstraße zwischen Mosteiro und Fajã Grande. Gut mit Sport- und Bergschuhen und sicheren Sohlen ausgerüstet, benötigen wir etwa 45 Minuten, um zur erwähnten Poço aufzusteigen, auf einem Weg mit Natursteinen, die glatt und unregelmäßig sind. Dona Fatima, Assistentin in der wenige Meter vom Parkplatz entfernt stehenden Wassermühle, ist enthusiastisch damit beschäftigt, dem Publikum die Art und Weise zu demonstrieren, wie Mais gemahlen wird. Sie warnt uns, dass der Aufstieg zum Poço da Ribeira do Ferreiro bei Regenwetter, mehr noch der Abstieg auf nassen Platten ohne adäquates Schuh­werk echte Lebensgefahr bedeuten könne. Schließlich habe der Weg keinen Handlauf auf der Seite des Abgrunds. Sie hatte allzu Recht, aber wir hatten zum Glück einen Tag voller Sonne und tanzten von einer Steinplatte zur anderen.

Am Poço angekommen, grüßt ein wahr­haft weiträumiges Amphitheater in einer magischen grünen und braunen Wand die TouristInnen, die bezaubert sind von diesem ergötzlichen Anblick der Einmaligkeit. Zwölf originäre Wasserfälle, einer neben dem anderen, vielleicht deren mehr, sicherlich unsichtbar verborgen unter dem Schutz des grünen Vorhangs, ähneln glitzernden Zöpfen, spiegeln ihre elementare Wucht im Poço unterhalb von ihnen und echoloten eine lyrisch beruhigende und milde Musik. Es ist nicht gestattet, in dieser Quelle reinsten Wassers zu schwimmen. Die Pflanzen auf dem Grund des Poço bilden ein Meer poetischer Inspiration, ähneln authentischen Korallen. Ein Wächter, Herr Gilberto, listet die Zahl der BesucherInnen auf, außer samstags und sonntags, und versichert sich, dass niemand diesen paradiesischen Ort missbraucht und nicht campiert, nicht grillt, nicht fischt. 

Eine moderne Störung bildet die wachsende Zunahme des Gebrauchs von Drohnen, um das illustre Firmament dieses Ortes jenseits der Welt zu erkunden. Aber die Natur wehrt sich und wir wurden Zeugen eines euphorischen Versuchs: Die gigantische Wand fängt ungelegene Geräte ein. »Heute wurden acht Stück eingefangen.«, sagt Herr Gilberto mit einem vielsagenden Lächeln.  »Bravo, mutige Natur!« Wir scheiden von dieser fantastischen Atmosphäre mit ihrer intimen Autobiographie, perfekten Harmonie und einer sichtbar gefestigten Natur, den Hängenden Gärten von Babylon ähnelnd. Insgesamt eine sensible Einmaligkeit, sind wir sicher, dass dieser Platz mit seiner durchdringenden Schönheit und seiner polycromen und indiskutablen Authentizität eindeutig berechtigt ist, in einer Liste der Wunder der Welt zu erscheinen.

Der zweite Ort in Flores, welcher eine Ehre in der famosen Liste verdient, ist Rocha do Bordões. Dieses Juwel findet sich auf dem Weg von Mosteiro nach Lajes de Flores. Die gigantische Naturkonstruk­tion von Lava gibt der BeobachterIn keine logische Erklärung für die vulkanische Verformung. Wie ist diese Verbindung von Lava-Material in vertikalem und horizontalem Überfluss möglich? Schon der untere Teil des Berges mit seiner filigranen und regelmäßigen Ablagerung ähnelt menschlicher Arbeit und nicht dem Resultat wilder Ablagerung eines natürlichen Feuerspeiers. Dies so gesehen, erscheint er uns als ein Phänomen gegen feste Regeln irdischer Schwer­kraft. Niemand vermag uns eine plausi­ble Erklärung für diese gegensätzliche Ablagerung der erkalteten Lava zu geben, im unteren Teil in einer rigiden vertikalen Form gleichförmiger Rippen, sodann mit dem Hut obendrauf, mehr oder minder horizontal in seinem finalen Szenarium einer Eruption. Die bei Sonnenuntergang in lachsfarben erleuchtete Wand kann poetische Gedanken bis zu hypnotischen Fantasien reflektieren. ArchäologInnen sprechen von einem charismatischen Wunder dieses Rocha de Bordões. Was kann besser für eine verdiente Legitimation sein als die Aufnahme in eine Liste der Weltwunder? Es mag kein überzeugenderes und beeindruckenderes Wunder von weltweiter ­Bedeutung ­geben. Rocha de Bordões als perfektes Naturprodukt kann mit der Grande Pyramide von Gizé sowie Chicen Itzá konkurrieren, beides einzigartige Gebilde von Menschenhand, kann zumindest beanspruchen, als ernsthaftes Modell auf Distanz aus der Urzeit der Welt angesehen zu werden.

Poco da Ribeira do Ferreiro · Foto: © Ana Carla Gomes Fedtke