Von Licht und Schatten · Interview und Buchbesprechung

Das Cover des Buches »Schatten und Licht in Lissabon«Cover des Buches »Schatten und Licht in Lissabon« · © Verlag tredition

Interview mit Birte Stährmann zu ihrem Roman »Schatten und Licht in Lissabon« • Fragen von Andreas Lahn

> Sind Sie eine Naschkatze und würden für ein Pastel de nata alles stehen und liegen lassen?
Birte Stährmann: Im Traum schon, aber im realen Leben eher nicht.

Welche Verbindung haben Sie zu Portugal und speziell zu Lissabon?
Die Stadt hat mich schon seit langem fasziniert. Deshalb wollte ich mit meinem Mann ohnehin nach Lissabon fahren. Ich wusste schon vor der Reise, dass ich dort einen Roman ansiedeln wollte. Dann kamen das besondere Licht hinzu, die Kacheln (azulejos) und der morbide Charme. Und die Portugiesen sind in meinen Augen ein liebenswertes Volk, mit ihrer Melancholie und dem Fado.

Die Figuren in Ihrem Roman erkunden ­Lissabon zu Fuß. Sie auch?
Alle Wege, die ich in dem Roman beschreibe, sind wir auch selbst gegangen. Wenn ich durch eine Stadt gehe, nehme ich viele Bilder in mir auf und habe sie danach im Herzen. Außerdem schreibe ich meine Eindrücke in ein Tagebuch.

Welche Reaktion der LeserInnen wünschen Sie sich, wenn Sie einen Roman veröffentlichen?
Ich wünsche mir, dass sie sich in die Fußstapfen der ProtagonistInnen begeben können und auf den Spuren von Judith oder Mirjam wandeln, um so in die Figuren zu schlüpfen und das nachzuempfinden, was die beiden erleben. Da ich bildreich schreibe, gelingt mir das hoffentlich ganz gut.

Foto von der Roman-Autorin Birte Stährmann

Roman-Autorin Birte Stährmann · © Torsten Köster

 Ihr Roman »Schatten und Licht in Lissabon« spielt in Stuttgart und Portugal. Was ist der Kern der Geschichte?
Ich lade die LeserInnen ein, sich auf eine lange Reise von 1933 bis ins Heute zu begeben. Ich erzähle die Geschichte von Frauen mehrerer Generationen, ihrem Leben, Leiden, Lieben, und zeige, wie das Gestern ins Heute wirkt. In ­einem Teil spielt das Thema Flucht eine Rolle. Weniger bekannt ist die Bedeu­tung, die Lissabon im Zweiten Weltkrieg hatte − als letzter Hafen mit ­Zugang zum Atlantik. Dementsprechend voller Flüchtlinge war Lissabon.

Die Geschichte bleibt ja nicht in der Vergangenheit stehen, sondern geht weiter bis in die heutige Zeit.
Ja. Die aus Stuttgart stammende 41-jährige Mirjam steht eigentlich mitten im Leben. Doch durch den Tod ihrer Mutter wanken ihre Grundfesten, und sie begibt sich auf Spurensuche, um ein lang gehütetes Familiengeheimnis zu entschlüsseln. Mirjam reist nach Lissabon und macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Der Roman ist nicht zuletzt auch eine Liebeserklärung an Lissabon. Ich nehme meine Leserinnen und Leser mit auf vielfältige Erkundungen in der Stadt des gleißenden Lichts und der Melancholie des Fado.

Es geht auch um portugiesische Geschichte rund um die Themen Flucht, Vertreibung, Solidarität und um konkrete Hilfe.
Der Roman orientiert sich an tatsächlichen politischen Ereignissen und an historischen Personen wie zum Beispiel Aristides de Sousa Mendes, den portugiesischen Generalkonsul von Bordeaux, der vielen Juden und anderen Verfolgten Visa ausgestellt und ihnen so die Flucht ermöglicht hat. Das ist alles historisch verbürgt. Auch möchte ich zeigen, dass es nie zu spät ist, seinen eigenen Spuren zu folgen, sich auf den Weg zu machen und Dinge in die Hand zu nehmen, um sie zu verändern.

Mirjam ist die zentrale Figur Ihres Romans. Ist alles fiktiv oder finden sich Fragmente Ihres eigenen Lebens in Mirjam wieder?
Mirjam ist eine fiktive Figur, aber dadurch, dass ich selbst in Stuttgart lebe, finden sich auch Fragmente aus meinem eigenen Leben. Mirjam hat zum Beispiel kein Auto, ich auch nicht, Mirjam ist Journalistin, ich selbst arbeite auch journalistisch, die Dinge im Buch, die Mirjam in Stuttgart nicht gefallen, mag ich in der Wirklichkeit auch nicht. Nichtsdestotrotz ist Mirjam eine ganz andere Person als ich. Ich habe kein Tattoo, sie ist ein bisschen cooler als ich. Aber es gibt Parallelen, und manchmal schreibt man sich vielleicht etwas herbei, was man selbst nicht hat.

Mirjams Großmutter hat eine Freundin namens Judith, deren Familie vor den Nazis fliehen muss. Deren Lebensweisheit lautet: »Ich habe gelernt anzunehmen, was ist.« Gilt das auch für Sie?
Das ist tatsächlich eine Lebensweisheit, die in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt hat. Aber ich habe auch gelernt, Dinge zu akzeptieren, die nicht so sind, wie ich mir sie einst ausgemalt habe.

Sie sind in Flensburg aufgewachsen und leben jetzt in Stuttgart. Vermissen Sie das Meer?
Jaaaa! Deshalb schreibe ich immer Geschichten, die irgendwo am Meer spielen. Im Sommer vermisse ich das Meer jeden Tag. Im Winter ist es nicht ganz so schlimm. Der Wind vom Meer weht meine Gedanken frei.

Und deshalb gehen Sie vermutlich irgendwann zurück nach Flensburg, oder?
Auf jeden Fall!

Leben Sie Ihre Träume?
Ja. Wenn ich im Leben etwas möchte, etwas träume, versuche ich es auch zu erfüllen. Das Schreiben von Romanen war auch so ein Traum. Ich wollte spätestens zu meinem 50. Geburtstag einen Roman schreiben. Und als ich 49 war, habe ich den ersten veröffentlicht. Das gilt übrigens auch für Reisen, Beziehungen und Lebenseinstellungen. Träume bringen mich zu dem, was für mich wichtig ist im Leben.

Ein wundervolles Buch • von Andreas Lahn

Zugegeben: Ich lese nicht mehr gerne Romane. Doch als ich die ersten Seiten von Birte Stährmanns Roman »Schatten und Licht in Lissabon« überfliege, kann ich gar nicht anders als einfach weiterzulesen. Der Roman spielt in Stuttgart und Lissabon. In Lissabon bin ich ohnehin verliebt, und in Stuttgart wohnen Freunde, die ich ein Mal im Jahr besuche. Eine Frau heißt nicht Mirjam, wie die Hauptfigur des ­Ro­mans, aber immerhin Miriam. Zu viele Parallelen! Meine Neugier ist geweckt und hält das ganze Buch über an. Es geht hier nicht nur um reine Fiktion. Birte Stährmann erzählt aus der portugiesischen und deutschen Geschichte und schreibt über Flucht, Vertreibung, Faschismus, Kolonialkriege, Nelkenrevolution mit Emotionen wie Trauer, Verzweiflung, Glück, Enttäuschung, Liebe, Leidenschaft, über die Siege und Niederlagen im Leben − ein Roman, in dem Geschichte lebendig wird. Ich spüre den Atem der Personen, bin träumend durch Stuttgart und Lissabon gelaufen, habe mitgelitten und mich an viele eigene Erlebnisse an den jeweiligen Orten erinnert. Glückwunsch zu diesem wundervollen Roman, Frau Stährmann! Und natürlich gilt: »Für alle, die eine Schattenzeit erleben – das Licht wird zurückkehren.«

Birte Stährmann, Schatten und Licht in Lissabon, Roman 
Verlag tredition®, 2019
ISBN 978-3-7497-2932-6 Paperback, 11,99€
ISBN 978-3-7497-2933-3 Hardcover, 20,99€
ISBN 978-3-7497-2934-0 E-Book, 3,99€

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