Muhrau

In Niederschlesien wird auch Portugiesisch gesprochen

Eine überraschende Begegnung weckt die Erinnerung an Lissabon
VON EDMUND KÖHN, BERLIN – September 2016

Muhrau. Wo liegt Muhrau? Nun gut, in Niederschlesien. Das lässt sich aus dem Titel des Sprachenseminars erschließen, zu dem wir uns angemeldet hatten:»Niederschlesien − Kultur und Geschichte«. Wo aber genau?

Heute, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, heißt Muhrau Morawa. Ein kleines Dorf, das gut vier Kilometer von Striegau, polnisch Strzegom, entfernt liegt, einer ebenfalls nur kleinen Stadt, deren deutschen Namen in der Bundesrepublik außer den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Schlesischen Museums in Görlitz nur wenige hundert Menschen erinnern werden. In den Reiseführern erscheint Striegau seiner gut erhaltenen, von den Johannitern errichteten mittelalterlichen Kirche St. Peter und Paul wegen bestenfalls als Ausflugsziel von Schweidnitz, polnisch Świdnica, aus. Schweidnitz haben inzwischen viele Deutsche entdeckt, die sich sowohl von der ohne Steine und ohne Nägel erbauten Friedenskirche als auch von dem die Kirche umgebenden deutschen Friedhof nur allzu gern in den Bann ziehen lassen. »Hier verwahret die Erde die Reste der abgelebten Gebeine von …« − Stunden kann man dort verbringen, schauend, lesend, schreibend, meditierend.

Zurück nach Muhrau, den Ort der »Handlung«. In Muhrau befand sich der Sitz der Adelsfamilie von Wietersheim-Kramsta. Das im neoklassizistischen Stil erbaute Gutshaus wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Das Ehepaar Hans-Christoph von ­Wietersheim-Kramsta und Herta von Wietersheim-Kramsta, geborene Johnston, bis 1945 Eigen­tümer des Rittergutes, hatten sieben Kinder. Sie alle sind im Schlafzimmer des ansehnlichen Herrenhauses geboren. Das zweite Kind erblickte am 2. Oktober 1927 das Licht der Welt  und wurde auf den Namen Melitta getauft. Wir lernen eine rüstige, liebenswerte, ältere Dame kennen, die am Leben Anteil nimmt, den Menschen zugewandt und jederzeit bereit ist, über ihr wechselvolles, oft geradezu abenteuerliches Leben zu sprechen.  Seit 1992 wohnt sie im Haus ihrer Kindheit. Damals war sie 65 Jahre alt. Und Polen ­hatte sich, wie viele andere Staaten Mittel- und Osteuropas gerade von der Herrschaft der Kommunisten ­befreien können.

Das Alles erfuhren wir erst nach und nach. Und wir erfuhren bald noch mehr. Denn bereits an einem der ersten Abende unseres Seminars lud Melitta, wie sie von allem im Haus liebevoll genannt wurde, zu einem Kamingespräch ein, um aus ihrem Leben und von ihrem Leben zu erzählen. Einen breiten Raum ­nahmen dabei ihre vielen in Portugal und in Angola verbrachten Jahre ein. Mein Herz begann, schneller zu schlagen. Schließlich lebten meine Eltern, meine Schwester und ich von 1941 bis 1950 in Lissabon, dem trotz meines festen Zugehörigkeitsgefühls zu Berlin nach Jahrzehnten noch meine heimliche Liebe gilt. Situationen fielen mir ein, Stimmungen, Namen.

Was also lag näher, als Melitta am nächsten Tag beim Essen zu fragen, ob sie in Lissabon auch das Ehepaar Krüger kennen lernte, das uns damals in Lissabon sehr geholfen hatte.»Aber ja, Georg Krüger, den Sisal-König, und seine Frau Käthe…« Melitta ­erinnerte sich gut. Mir aber wurde, mir fällt beim besten Willen keine treffendere Beschreibung ein, richtiggehend warm uns Herz. Da fahre ich im Jahr 2016 von Berlin aus rund 300 km gen Osten und treffe mitten in der so anmutigen niederschlesischen Landschaft unvermittelt auf die Jahre meiner weit zurück liegenden Kindheit.

Zum Glück hat Melitta über ihr, wie es im Untertitel heißt, «ungewöhnliches Leben in Europa und Afrika« ein Buch geschrieben, das einschließlich der im Anhang angefügten Fotos immerhin 218 Seiten umfasst. Dort nennt sie außer dem des damaligen»Sisal-­Königs« viele weitere Namen, beschreibt Begegnungen und Erlebnisse und vermittelt quasi nebenbei wichtige historische Informationen. Jedem mit Portugal und Angola verbundenen Menschen empfehle ich es vorbehaltlos als durchgängig äußerst lebendig verfasste Lektüre.

Wie sehr Melitta noch immer an Portugal hängt, verdeutlicht die kleine Anekdote, dass sie sich, als beim Bau der neuen  Autobahn nach Breslau auch ein Trupp portugiesischer Arbeiter eingesetzt war, an die Baustelle hat fahren lassen, um mit ihnen zu sprechen. Und natürlich fällt in unserer Unterhaltung des Zauberwort aller Portugiesinnen und Portugiesen: saudade.

Auch für Leserinnen und Leser ohne Bezug zu Portugal ist das Buch höchst interessant. So erfährt man beispielsweise, wie es  dank des Einsatzes weitsichtiger Menschen in Polen und in Deutschland in der Nachwendezeit gelang, den ehemaligen Adelsitz vor dem Verfall zu bewahren. Aus Deutschland ist seither viel Geld  in das Projekt geflossen. Noch mehr täte gut.

Wer Melitta persönlich kennenlernen und vielleicht sogar über ihre Zeit im lusitanischen Raum befragen möchte, kann sich in Morawa einquartieren. Das ehemalige Herrenhaus ist heute ein Gästehaus, ein Hotel der besonderen Art. Sofern die Zimmer nicht durch Tagungsgäste belegt sind, kann dort jede und jeder einen kürzeren oder längeren Aufenthalt buchen. Die Zimmer sind großzügig geschnitten, verfügen über WC und Dusche mit einwandfrei funk­tionierendem Heißwasser. Ein Telefon und ein Fernseher allerdings fehlen, was wir bewusst genossen haben. Das Haus hat Atmosphäre, es »atmet Geschichte«. Die Küche ist ausgezeichnet, das Personal ist ausgesprochen freundlich und hilfsbereit − also nichts wie hin. Zumal die Leiterin des Hauses, Frau Marzena Muszyńska-Szwegler, auch deutsch spricht.

DAS BUCH
Melitta Sallai: Von Muhrau nach Morawa − Ein ungewöhnliches Leben in Europa und Afrika, Klak Verlag, Berlin 2013
ISBN: 978-3-943767-09-4