Lost in Fuseta

Foto des Covers von Gil Ribeiros Buch Lost in Fuseta

Cover Lost in Fuseta · © Kiepenheuer & Witsch

Liebevolle Portugiesen am Ost-Algarve
Gil Ribeiro hat den Portugal-Krimi Lost in Fuseta geschrieben Buchbesprechung von Anita Dreischer

Portugal, Lissabon und der Algarve boomen und taugen seit neuestem auch als Kulisse für deutsche Fernsehunterhaltung à la »Weil ich dich ­liebe«. Ebenfalls neu im deutschen Fernsehen tritt mit Thimo Meitner in »Der Alte« inzwischen auch ein Autist als Ermittler auf. Wenn nun ein deutscher Fernseh­autor namens Holger Karsten Schmidt unter dem Pseudonym Gil Ribeiro auch noch einen Kriminalroman schreibt, der beide Themen vereint, so ist zunächst Vorsicht geboten. Nach erfolgter Lektüre − soviel sei vorweg genommen − kann ich Entwarnung geben.

Ein deutscher Kommissar kommt im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms für ein Jahr ins kleine Fuseta an den Ost-Algarve. Dies böte schon ­genug Potential für interkulturelle Missverständnisse und Konflikte, doch es gibt eine weitere Herausforderung: Leander Lost hat das Asperger-Syndrom, das ihn bei sozialer Interaktion einschränkt. Aber Lost hat auch Ausnahmefähigkeiten, wie sein fotografisches Gedächtnis, die ihm bei der Polizeiarbeit helfen. ­LeserInnen wissen dies sehr schnell, sei es auch vom Klappentext − die portugiesischen KollegInnen jedoch nicht. In ­ihrer Wahrnehmung ist Lost zunächst nur merkwürdig. Er hat sich in zwei ­Wochen perfektes Portugiesisch beigebracht, ist ernsthaft, etwas unterkühlt und korrekt − ein Deutscher eben.

Schnell ist der Konflikt da, und bereits nach zwei Tagen soll Lost nach Deutschland zurückkehren. Doch durch die einfühlsame Schwester der portugiesischen Kommissarin Graciana, die das Syndrom erkennt, wird Lost nach einer Nachtfahrt nach Lissabon in letzter Sekunde am Flughafen aufgehalten.

Die Aufklärung eines Mordes kann beginnen. Immer wieder spielt der Autor  mit Leander Losts Unfähigkeit zu lügen. Der hat es schwer in einer Welt der höflichen oder auch ermittlungstechnisch notwendigen Lüge. Aber die Portugiesen sind nett zu ihm, viel netter als seine deutschen Kollegen, die über ihn lachen.

Weil Lost nur die Wahrheit kennt, kann er Klischees über Portugal mit voller Ernsthaftigkeit sagen, die bei anderen Menschen künstlich, sentimental und kitschig wirken würden. Die »verlorene Pracht des Landes«, die »Patina an den Häusern«, die »traurigen Menschen, die nie den Mut verlieren«; die Melancholie, die im Fado ihre musikalische Umsetzung findet. Lost spricht über den portugiesischen Fußball, das Team, das bei der EM Frankreich geschlagen hat − am Ende ohne CR 7 − und zitiert Fernando Pessoa. Dies rührt nicht nur die Portugiesen im Buch, sondern auch die LeserIn, die Portugal kennt und liebt. Den Autor Schmidt hat es in jungen Jahren selbst an den Algarve verschlagen, und er kommt seitdem immer wieder nach Portugal, kennt Land und Leute, macht Einlassungen in portugiesischer Sprache.

Auch wenn sie einen wahren Kern haben mögen: Manchmal wird es mit den Klischees ein wenig viel: die Polizistin kann den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen, die Familie ist Idylle, die Zeit ist stehengeblieben, Saudade ist Pessimismus als Lebenshaltung, und der unbeliebte intrigante spanische Kollege − gleichermaßen auf den eigenen Vorteil wie auf korrekten Scheitel und teuren Anzug ­bedacht − darf gleichfalls nicht fehlen.

Doch sei’s drum: Außer Asperger- und kulturbedingter Situationskomik, bei der der Autor auf seine Filmerfahrung spürbar zurückgreifen kann, gibt es auch einen gut geschriebenen Krimi mit einer unerwarteten Auflösung zu lesen. Man kann sich freuen auf den Rest des Austauschjahres mit dem Team Leander Lost, Graciana Rosado und Carlos Esteves.

GIL RIBEIRO: Lost in Fuseta. Ein Portugal-Krimi, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 14,99