Über die Brände in der Serra de Monchique

Foto vom Brand in Monchique 2018Feuer in Monchique 2018 · © Timo Dillner

Das Leben geht weiter  •  von Timo Dillner 

> Als uns Freunde im Mai fragten, wo wir nach unserem Umzug von Lagos wohnen würden, beschrieb ich ihnen die Gegend scherzhaft: »Bei Monchique, noch ein bisschen höher. Ganz oben in den Bergen, wo es im Sommer immer so lichterloh brennt.« Tatsächlich hatten wir in den 20 Jahren, die wir an der Küste wohnten, keinen Sommer erlebt, in dem die Berge von Monchique, Foia und Picota völlig von Bränden verschont geblieben wären. Und jedes Mal, wenn in der Ferne Rauch aufstieg, betete man, dass es nicht wieder so schlimm würde wie 2003, als die Nächte dort oben glühten wie die Orkschmieden von Mordor; als Asche und verkohlte Eukalyptusblätter vom heißen Wind bis nach Lagos getragen wurden, wo sie als schwarzer Schnee vom Endzeithimmel rieselten, an dem die Sonne zu einem trüben orangefarbenen Ball geschrumpft war.
Vorerst mussten wir uns allerdings keine Sorgen machen, denn während Mittel- und Nordeuropa in der Hitze schmolzen, erlebte die Algarve das scheußlichste Frühjahr seit Anno Weiß­ichnicht, und in Monchique, wo es immer noch ein paar Grad kälter und ein paar Eimer Wasser feuchter ist als unten an der Küste, waren die Kamine bis weit in den Juni hinein in Betrieb. Es dauerte lange, bis der Sommer endlich zu uns in die Höhe kam, und am 1. August war er plötzlich da und krempelte die Ärmel hoch.
Am 2. August wurde die Waldbrand­gefahr in den dunkelroten Bereich ausgerufen. Alle Handys empfingen vom Zivilschutz SMS-Nachrichten, die zu erhöhter Vorsicht mahnten, und die Waldarbeiter mussten ihre Maschinen ruhen lassen. An unserem Häuschen kommen recht häufig größere und kleinere Wandergruppen vorbei, die die schöne Landschaft von Monchique bis hinauf zur Foia zu Fuß erkunden. Mit einer französischen Gruppe kamen wir ins Gespräch. Meine Frau sagte, ihr wäre nicht wohl, wenn sie mich mit dem Skizzenblock jetzt in irgendeinem Wald wüsste, denn so ein Feuer breitet sich in Windeseile aus. Wer weiß, ob man noch entkommen würde. Auch ein Spaziergang könne gefährlich sein, und es wäre auf alle Fälle besser, sich auf den Wegen zu halten. Die Franzosen lächelten und bedankten sich und fanden unsere Sorge offenbar ein wenig übertrieben. Einige Stunden später − wir gingen in der Hitze unseren ­Arbeiten nach − näherte sich lautes Geschrei. Es war just eine der Französinnen, mit denen wir vorher noch gesprochen hatten. Mit wirrem Haar stürzte sie von Haus zu Haus und schrie, es würde brennen und das Feuer käme schnell und wir müssten alle fliehen. Wir freuten uns gar nicht darüber, dass wir mit unserer Warnung recht gehabt hatten, zumal wirklich nicht weit von uns einige Rauchwolken aufstiegen. Gemeinsam mit den Nachbarn beobachteten wir besorgt, wie der Rauch dichter wurde, aufstieg und sich in unsere Richtung auszubreiten schien. Wir ahnten auch, wo es brannte und machten uns Sorgen um die junge Familie, deren Haus und Caravan dicht an einem Kiefernwald standen. Es dauerte glücklicherweise nicht lange, bis die Hubschrauber und Fahrzeuge der Monchiquer Feuerwehr kamen, und tatsächlich war der Brand nach gut zwei Stunden gelöscht. Traurig war die Gegend anzusehen, keinen Kilometer von uns entfernt, aber Haus und Caravan standen unversehrt, von der Feuerwehr bewacht, die die Umgebung kontrollierte, ob nicht etwaige Funken oder Glutherde übrig geblieben waren. Bald stellte sich heraus, dass ein erhitztes Stromkabel in einem Verteilerkasten die Ursache der Entzündung war. Zum Glück des schnell ­gelöschten Feuers kam nun die Erleichterung darüber, dass es nicht Brandstiftung war. Am Abend wurde wieder alles ruhig und friedlich, und wir waren froh, dass wir sozusagen mit dem Schrecken davon­gekommen waren. Das war am Donnerstag, dem 2. August.
Am Freitag stieg abermals Rauch in den Himmel. Und diesmal bekam die Feuerwehr es nicht in den Griff.
Ich erhielt an diesem Tag eine e-Mail vom PORTUGAL REPORT, ob ich nicht einen Textbeitrag für die kommende Ausgabe verfassen wolle. Meine Antwort war kurz:
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FREITAG ››› 3.8.2018
Lieber Andreas − haben gerade ein ziemliches Feuer hier in der Nähe. Die Nachrichten hören sich nicht gut an, und der Himmel sieht ganz mies aus. Kriege gar keinen roten Faden in meine Gedanken. Kannst Du Dir vorstellen.
Sobald die Feuergefahr vorbei ist, mehr. Bis dahin liebe Grüße,
Timo
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Es wurde im Laufe des Tages nicht besser, und Grund zum ­Optimismus gab es auch nicht. Es herrschte eine unglaubliche Hitze, Horizont und Himmel waren trübe und verräuchert, die Luft stank nach Qualm und Asche, und dicke Rauchwolken ­erhoben sich in scheinbar nicht allzu großer Entfernung hinter unserem Haus. Meinen Orientierungssinn nachzuweisen müsste man wahrscheinlich ein spezielles Messgerät erfinden, zumal hinter Hügeln aufsteigender Rauch distanzmäßig schwer einzuschätzen ist. Aber sicher war, dass der Brandherd viel zu nahe lag, und eine Drehung des Windes uns dramatische Verschlechterung bringen konnte. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Da die Nachrichten weit und breit von den Bränden in Monchique berichteten, machten sich viele Freunde Sorgen um uns, und ich nahm einige Gelegenheiten wahr, beruhigende e-Mails zu schreiben.
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SAMSTAG ››› 4.8.2018
… an alle, die sich womöglich um uns Sorgen machen: Das Feuer hat unser kleines Anwesen bisher gottlob verschont. Dicke Qualmwolken hinterm Haus, feuchte Tücher vor den Türen, damit der Rauch draußen bleibt; manchmal trudelt ein verkohltes Eukalyptusblatt auf den Hof, und vorhin sah ich über meine Staffelei hinweg eine Schwalbe vom Himmel fallen. Das arme Tierchen muss von Hitze oder Qualm das Bewusstsein verloren haben. Zu sehen, wie es leblos zur Erde taumelte, schien mir ein gruseliges Omen … − beängstigender noch als die spektakulären Rauchwolken, die sich gar nicht auflösen oder gar verschwinden wollen. Schlimm, weil man ja nie weiß, wann und in welche Richtung sich der Wind dreht. Schlaflose Nächte sind angesagt. Die Verbindung ist aus unterschiedlichen Gründen unzuverlässig: Ingeborg ist bis zum 13. noch unten in Lagos, wo der Büchermarkt stattfindet. Sie hat das Smartphone mit, aber dort kein WLAN. Ich bin hier oben per Handy meist zu erreichen. Festnetz funktioniert auch noch, außer, ich bin irgendwo draußen, um besorgte Blicke durch die Hügel zu bohren oder unser Gärtchen anzufeuchten.
Wir wohnen hier nicht ganz isoliert, haben nette und ebenfalls besorgte Nachbarn auf allen Seiten, also macht euch nicht allzu wilde Gedanken! Ich melde mich bei Gelegenheit wieder. Jetzt muss ich erstmal raus, gucken.
Liebe Grüße,
Timo
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Dieses Rausgehen-und-Gucken fand inzwischen mit erhöhter Frequenz statt, denn der Rauch, der uns am nächsten aufstieg, stieg hinter unserem Haus auf, wo ich ihn nur beobachten konnte, wenn auch ich hinters Haus ging. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt eines Treffens mit den Nachbarn, die sich oft auf der Straße versammelten, um die Lage einzuschätzen und Nachrichten auszutauschen. Wenn es mir zu einsam und fürchterlich werden sollte, war ich herzlich eingeladen, mich auf Dauer zu ihnen zu gesellen. José António meinte, dass sich auch eine Schlafstelle für mich finden ließe. Da meine Frau für die Dauer des Buchmarktes bei seiner Schwester in Lagos wohnte, waren wir so durch mehrere Kanäle miteinander verbunden und wussten voneinander, auch wenn wir mal nicht direkt telefonieren konnten.
Ich harrte allerdings noch zu Hause aus, denn erstens gab es trotz der besonderen Umstände viel zu tun, und zweitens ­konnte ich, wenn es brenzlig wurde, ja immer noch hinüber gehen. Ein Blick auf das nachbarliche Fernsehgerät, das natürlich einen Zusammenschnitt der grässlichsten Informationen brachte, machte mir die große Sorge verständlich, mit der unsere Kinder und Freunde sich nach uns erkundigten. Vor Ort war es grausig aber − noch − auszuhalten. Dennoch musste ich versprechen, fluchtbereit zu sein und auch wirklich zu fliehen, falls das ­Feuer in allzu große Nähe käme.
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SONNTAG ››› 5.8.2018
Das kann ich versprechen, ihr Lieben! Im Moment knattern wieder die Hubschrauber über die Gegend. Sehen tut man sie nicht, weil alles verräuchert ist. Ich würde hier gerne mal durchlüften, bleibe aber lieber im warmen Mief sitzen, anstatt die Luft von draußen reinzulassen. Ein bisschen Wind wäre nicht schlecht … − andererseits ist es zwecks Brand­bekämpfung sicherlich besser, wenn es windstill bleibt. Den Garten habe ich schon gegossen und die Hühner sind auch versorgt; beim Müllwegbringen ­Worte mit den Nachbarn gewechselt, die ebenfalls am Gießen waren; gut, dass unsere Zufahrtswege breit und frei sind und wir nicht tatsächlich im Nirgendwo wohnen. Da kommt man im Notfall gut weg. Wenn’s hier also kritisch wird, schwinge ich mich ins Auto!
Langsam zweifle selbst ich daran, ob man hier oben wohnen kann. Ist doch echt Mist: Da wünscht man sich sehnlichst ein paar warme Tage, und dann kommen sie, und sofort geht die Welt unter. Mal sehen, wie es sich weiter entwickelt.
Liebe Grüße!
Timo
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Es entwickelte sich weiter. Vor allem die Feuer. Als es dunkel wurde, nahm ich unsere Nachbarn beim Wort und gesellte mich zu ihnen, zwischen ihrem und unserem Haus hin und her ­pendelnd.

MONTAG ››› 6.8.2018
Hab die Nacht unversehrt und mit intakter Behausung überlebt, ihr Lieben, aber es war ziemlich fürchterlich: Ein Fluchtkoffer mit dem Allernötigsten im einsatzbereit geparkten Auto, und die ganze Nacht an der Seite dreier Nachbarn wachend und sorgend verbracht. Beizeiten Stromausfall (kam erst vor einer Weile wieder). Unten im Tal und drüben an den Hängen eine Vielzahl von Feuern, die mit zunehmender Dunkelheit natürlich zunehmend bedrohlich aussahen … − dabei wäre das nicht nötig gewesen, weil sie tatsächlich bedrohlich waren. Am schlimmsten − obwohl aktuell nicht am feurigsten − waren die aufsteigenden Rauchwolken luvwärts hinter uns, weil die es gewesen wären, die ­unseren Häusern am gefährlichsten würden, wenn der Wind ihren Grund in ­unsere Richtung triebe. Also kein Auge zugetan. Irgendwann kam die Polizei mit Tatütata, Blaulicht und Trillerpfeifen, um die noch vorhandenen Anwohner einzusammeln und zu evakuieren. Also versteckten wir vier uns auf Anraten José Antónios hinter seinem Haus zwischen den Bohnen. Mir war nicht wohl bei der Sache, braver Bürger, der ich bin; aber schließlich siegte doch das Vertrauen in José Antónios ­Erfahrung über den lockenden Ton der Trillerpfeife. Zweimal entgingen wir so den Häschern. Danach hatten sie ihre Pflicht erfüllt, und ließen uns in Ruhe … − na ja, Ruhe. Die Feuer wurden größer und größer und kamen immer dichter heran (das klingt jetzt dramatisch, war aber so), mit einem Geräusch wie wilde Brandung an hohen Klippen. Allzu nahe der schmutzig-orange Lichtschein der Glut, die sich über die Hügel und Berge fraß. Wir sahen deutlich, wie Bäume in Flammen aufgingen; Eukalyptusbäume, die ihre brennenden Blätter und Äste in gewaltigen Eruptionen weit nach oben schleuderten, wo die fliegenden Brände hunderte von Metern weit durch die Luft segelten und mehr und mehr Gegend entzündeten. Manchmal von unten ­explosionsartiger Donner, der wohl überhitzte Gasflaschen ­anzeigte. Da es im wahrsten Sinne des Wortes für uns brenzlig wurde, haben wir unsere Gartenschläuche bemannt und Wände, Dächer und vor allem all das so sorgfältig für den Winter getrocknete Feuerholz (man mag das Wort jetzt gar nicht ­sagen) durchnässt, damit herumfliegende Glut nichts Neues entzünden konnte. − Die Hühner hatte ich vorher schon ins eben­erdige Bad evakuiert. − Der Wasserdruck war gar nicht mächtig, und um einen glühenden Span auf dem Dach unserer Grillecke zu löschen, musste ich mit dem Schlauch auf den Tisch steigen. In diesem Augenblick war ich wahrhaft verzweifelt: Was konnte man schon ausrichten mit einem Gartenschlauch, dessen dürftiger Wasserstrahl nach drei Metern schlappmachte! Es war eine lange Zeit bis zum Sonnenaufgang; herzlich herbeigewünscht, weil das Tageslicht den Einsatz von Hubschraubern und Flugzeugen versprach. Sie kamen auch und wurden eingesetzt, und also bin ich dann völlig verräuchert und erledigt unter die Dusche gestiegen und aufs Bett gefallen. Vor einer Weile wieder auferstanden, und nun musste ich mir die neuesten Infos erstmal aus dem Internet holen, weil man inzwischen gar nichts mehr sieht: Die Luft ist heiß und grau, und Asche­flocken fallen vom Himmel. In den Nachrichten stand, dass die Arbeit der fliegenden Löschgeräte durch den Rauch arg behindert sei. Also bleiben wir mit dem Schlauch in Bereitschaft und grausen uns vor der kommenden Nacht. Ich bin nur froh, dass Ingeborg unten in Lagos in Sicherheit ist.
So sieht’s aus. Ich geh mal wieder alles nassspritzen. Bin auf die Wasserrechnung gespannt.
Seid jedenfalls gegrüßt, und bis zur nächsten Gelegenheit, von Timo
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Der Tag verging, eingehüllt in Hitze, Qualm und Rauch, und schließlich trat das Befürchtete ein: Der Wind drehte sich, und nun waren wir sozusagen die nächste Beute auf dem Weg des gefräßigen Feuertiers. Die Nachricht, dass eintausend Feuerwehrleute mit Flug- und Fahrgerät im Einsatz waren, tröstete nicht, denn bei Feuern, die sich auf über 20 km Länge nach mehreren Seiten hin ausbreiteten, war klar, dass nur die wichtigsten Brennpunkte, sozusagen, gelöscht und kontrolliert werden konnten. Meine Nerven waren so ziemlich am Ende, als abermals Polizei vorfuhr und bestimmte, dass die noch vor Ort verharrenden Anwohner innerhalb einer viertel Stunde in ­Sicherheit gebracht werden würden. Ich hatte von Evakuierungen gehört, die eher Verhaftungen glichen; den Leuten nur erlaubt mitzuführen, was sie eben am Leibe trugen. Da schien es mir endlich doch geraten, die wichtigsten Dokumente und den Laptop ins Auto zu schaffen und damit nach unten, nach Monchique, zu fahren. Ein Entschluss, den ich bereute, sobald ich die erste Straßensperre passiert hatte, die mir eine Rückkehr aus eigenem Entschluss unmöglich machte. Nun musste ich mein Auto also im Ort am Straßenrand parken und die Nacht ­irgendwie durchstehen, nicht wissend, ob wir am nächsten Morgen noch ein Zuhause haben würden. Ich stellte mich so hin, dass ich wenigstens die Berge hoch in unsere Richtung sehen konnte und sah also, wie der dicke Qualm aufstieg und mächtiger wurde und immer näher kam, bis endlich auch die Flammen zu sehen waren, die nicht lange brauchten, sich bis an den Rand des Ortes zu fressen und hier einige Anwesen in lichterlohe Glut aufgehen zu lassen. Wieder die Explosionen von Tanks oder Gasflaschen, und auf der Straße verzweifelte, weinende, telefonierende Menschen mit Staubmasken vor den Gesichtern. Derweil ich das Feuer als sozusagen globales Phänomen beobachtete, wussten sie genau, wessen Haus und Hof dort in Flammen standen. Ich hatte für unser Haus und mein darin bewahrtes Lebenswerk an Malerei, Grafik und Skulptur keine Hoffnung mehr, und als die Lage in Monchique endlich unter Kontrolle war, war ich sicher, dass alles, was brennen konnte, auch verbrannt war. Beim ersten Anzeichen der Dämmerung fuhr ich wieder zurück und war überrascht, dass ich die Sperre passieren durfte: Das Feuer war über uns hinweg gegangen und weitergezogen.
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DIENSTAG ››› 7.8.2018
Bin nach einer unten in Monchique im Auto verbrachten Nacht wieder zu Hause. Haus steht noch, Garten grünt vor sich hin, und die Hühner scharren lebendig herum, als wäre nichts ­gewesen. Eine Oase, denn ringsherum ist alles verbrannt. Überall zwischen den verkohlten Bäumen glüht und raucht es noch. Aber das Feuer findet wohl keine rechte Nahrung mehr.
Es ist windig und kalt … − jedenfalls kommt es mir kalt vor, nach abermals durchwachter Nacht. Also erstmal die Augen schließen. Weiteres demnächst. Mal sehen, ob der Stromausfall demnächst wieder einfällt …
Liebe Grüße!
Timo
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Ja, ringsherum war alles verbrannt, Asche lag auf allen Flächen und in allen Ecken und wirbelte mit jedem Luftzug herum. Es stank sauer und metallisch nach frisch gelöschter Grillkohle. Die herrliche Korkeiche dicht vor unserer Terrasse reckte zwei Drittel ihrer Äste als schwarze Arme in die Luft; das grüne Laub zu farblosem Graubraun geglüht. Schwarze Reste der Bodenvegetation; Gräser, Farne, kleine Sträucher; bis dicht heran an das Gehege unserer 8 Hühner, die, nebst Haus und Gärtchen, wie durch ein Wunder gerettet waren. Ich spürte mein Glück durch die Erschöpfung hindurch bis tief in mich hinein: Ich liebte unsere kleine grüne Oase!
Meine nächste Sorge galt den Nachbarn. Auch sie und ihre Häuser waren gerettet worden, und auch bei ihnen waren die Flammen bis dicht an die Mauern und Zäune gekommen. So mancher Stall und Schuppen waren verbrannt, das meist hinter den Häusern gestapelte Feuerholz zu kleinen Häuflein grauer Asche geschwunden, die Bäume − Kiefern, Kork­eichen, Kirschbäume, Kastanien … rabenschwarz verkohlt und tot. José António, sein Nachbar und sein Schwager waren geblieben und hatten mit Eimern und Schläuchen getan, was sie konnten, die Flammen zu löschen. Trotzdem hatte er alle Kaninchen und einen großen Teil seines Gartens verloren. Und alle waren wir froh, dass wir lebten und dass der Schaden nicht größer war.
Ob ich später zum Almoço herüber kommen wollte? Gerne! Also machte ich so gut es ging ein wenig Ordnung, quälte ein paar Tropfen Wasser aus der irgendwo tödlich verwundeten Leitung, um den schmierigen Staub loszuwerden und ging schließlich wieder zu den Nachbarn, die gut gelaunt um den Grill mit der brennenden Holzkohle saßen, von dem sich der Duft ganz ausgezeichneter Sardinen erhob. Ich lachte und ­fragte, ob sie denn von Feuer nicht erstmal genug hätten. Ach, sagten sie, dieses hier ist ja gezähmt. Und weit und breit gibt es nichts mehr, was sich entzünden könnte, und außerdem: Das Leben geht weiter, und essen muss man.
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MITTWOCH ››› 8.8.2018
… hab meinen Laptop bei Nachbarn aufgeladen, also nur fix paar Bilder ohne nähere Erklärungen. Es brennt weiter, windab von uns. Da geht dann der Rest der Landschaft drauf, nebst Lebensgrundlage so vieler Menschen … −
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Am Donnerstag, dem 9. August, schien es vorbei zu sein. Im Laufe des Tages kehrte der Strom zurück, mit dem ich noch gar nicht gerechnet hatte, denn ich hatte die verkohlten Masten und Leitungen gesehen, die bis zur Foia hinauf auf dem Boden zwischen den verbrannten Bäumen lagen.
Es ist eine Freude zu erleben, wie viele Vögel den Flammen entkommen sind! Die Buchfinken und das Taubenpaar, die uns immer besuchen kamen, sind wieder da. Auch die Kleiber und einen Specht habe ich schon wieder gesehen … − gestern Nacht waren sogar die beiden Eulen wieder hier. Ich glaube und ­wünsche mir, dass sich auch die Landschaft wieder erholen wird.
Ich weiß nicht, wie viele Menschen ihre Häuser, Werkstätten, Gärten und Vieh verloren haben. Ich kann auch die Koordination und die Arbeit der Feuerwehr nicht einschätzen. Ich müsste ins Internet schauen, um genau herauszukriegen, wie viele zigtausend Hektar der Algarve in diesen acht Tagen verbrannt sind. Ich bin auch nicht darüber informiert, wodurch das ­Feuer entstand. Ich weiß, es ist vorbei. Das Leben geht weiter, und ­essen muss man.

1 Kommentare

  1. Claus Bunk

    Lieber Timo Dillner,
    Ich kann den Text und die darin beschriebene Geschehnisse doch sehr gut nachvollziehen. Im letzten lief eine ähnliche Feuerwalze über mein Grundstück und das meiner Nachbarn bei Grândola. Die Zerstörungskraft des Feuers und die Rolle der Eukalyptusbäume dabei sind mir wohl bekannt. Auch ich verharrte auf meinem Grundstück und sah den Flammen ins Auge. Kein schöner Anblick, als 70 der 90 alten Olivenbäume vor meinen Augen zu Asche wurden. Sie brannten bis auf die Wurzel aus. Auch ich kann vermelden, dass mein Haus dem Brand standhielt, weil es rundherum sehr feucht und grün war. Aber die Flammen hatten sich bis auf 5 Meter herangemacht und hatten die Stämme meiner 8 Meter hohen Palmen völlig verkohlt. Die Vögel kamen auch bei uns wieder und schon in diesem Jahr lacht mir das Grün wieder entgegen. Alle Olivenbäume schlagen aus den Wurzeln wieder aus, aber die hundert Jahre Wachstum müssen erst einmal wieder erreicht werden. Das Leben geht weiter aber der Respekt vor den Naturgewalten ist gewachsen und die Wut gegen die Eukalyptuszüchter, die aus reiner Geldgier keine Regeln einhalten (Schneisenbildung) bleibt bestehen. Gruß aus dem Alentejo von Claus Bunk

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