Brände in Portugal: Lust auf Feuer-Infernos?

Foto einer Feuersbrunst im Norden Portugals

Feuersbrunst im Norden Portugals · Foto: © Eberhard Fedtke

Lust auf Feuer-Infernos?

von Eberhard Fedtke und Ana Carla Gomes Fedtke

Die beiden Mega-Brände in Portugal im Juni 2017 in Pedrogrão Grande und die weiteren Tsunami-Feuer im Oktober an verschiedenen Orten des Landes verursachten viele Tote und unbezifferbare materielle Schäden. Diese schrecklichen Ereignisse bewogen und ermutigten den investigativen portugiesischen Journalismus, dem schockierten Publikum in eindeutiger Form diejenigen Gründe darzulegen, welche hinter diesen Katastrophen stecken und in diesem beklemmenden Ausmaß den Präsidenten der Republik eine entschlossene Haltung einnehmen ließen, eine gemeinsame Diskussion für eine adäquate Lösung anzustoßen. Gegen diese Tragödien empörte er sich mit dem Bemerken, dass sie »jegliche Grenzen der menschlichen Vernunft und der moralischen Fassungskraft überschritten«. Es handelt sich um »ein Geschäft mit dem Feuer« oder anders ausgedrückt um ein authentische »Industrie des Feuers«, wie es in zwei emotionalen Sendungen des portugiesischen Fernsehens in unfassbarem Ausmaß dargeboten wurde: Wer diese Geschäfte mit wem betreibt und wer Gewinn aus diesem »Ambiente verbrannter Wälder« zieht, waren Grundlagen der Enthüllung.

Die Feuer der letzten Jahre sind keine fatalen Schicksale einer fragilen Natur, sondern sind Umweltdesaster, vorsätzlich von menschlicher Hand gemacht. Des Volkes Stimme, welche stets die reine und freimütige Wahrheit spricht, weiß seit langem um die »offenen Geheimnisse« dieses unsensiblen Missbrauchs und ohne Zuneigung für »minha terra«: Es sind schlicht und ausschließlich selbstsüchtige Interessen der gigantischen Papierindustrie.

In diesem kriminellen Szenarium offenbart sich als unglaublicher Skandal und moralisches Desaster, dass die Gilde der Feuerwehren vielerorts mit einem perfekten System der Korruption und Zusammenarbeit mit Institutionen von öffentlichem Schutz und Rettung eine Geflecht von »Vetternwirtschaft« und »Gewinnteilung« fertigte. Mancherlei Feuerwehrstationen mit höchster
Reputation und Ansehen in der Öffentlichkeit gerieten nachhaltig mit falschen Abrechnungen über ihre materiellen und personellen Aufwendungen in Misskredit. Eine wahrliche Peinlichkeit für einen Berufsstand, der selbstverständlich unentbehrlich und unersetzbar im Kampf gegen die Feuer ist, diese im Jahr 2017 voller apokalyptischer Ereignisse.

Der Journalist Miguel Szymanski kritisiert schonungslos und mutig mit offenen Worten in einem Artikel über Pedrogão Grande – veröffentlicht in der PORTUGAL POST vom Juli 2017 – die skrupellose Instrumentalisierung des portugiesischen Volkes und der Umwelt des Landes für ökonomische Interessen und Zwecke. Kursnotierungen der grossen Betreiber der Zellulosefabrikation haben Vorrang. Die Unternehmer von Papiers arbeiten mit dem Ziel des »Mehrwertes« für ihre Aktionäre ungeachtet jeglichen Kostenaufwandes. Mehr noch: Politiker und Gesetzgebung verbünden sich, um den Ertrag der Investitionen zu maximieren. Das Land, Personen und Landschaft haben lediglich instrumentale Funktion, tödlich Geschädigte stellen reine Kollateralschäden dar.

Was geht in Portugal vor, diesem schönen Land, poetisch glorifiziert als »Garten am Meeresufer gepflanzt« und »Kernstück meines Lebens«? Sicherlich haben die Portugiesen die Faszination für Feuer in ihren Genen. Feuerwerkskörper bilden einen wesentlichen Teil des Alltags. Ein privater Event, ein kirchlicher oder staatlicher Anlass geben Gelegenheit, den Himmel dekorativ anzustrahlen. Wenn wir einige Zeit lang Feuerwerkskörper weder sehen noch hören, sind wir unausweichlich besorgt, ob in dieser Kultur voll von Festen, Festivals und Folklore-Jahrmärkten etwas nicht richtig läuft. Doch das eigene Land abzubrennen im Vorhaben, kriminelle Gewinne zu erlangen, zeigt viel Widersprüchlichkeit von paradoxen Illusionen und irrealen Kontrasten an leidenschaftlicher Zuneigung und Selbstzerstörung. »Minha terra« ist ein Wort, welches mit lyrischer Emotion gesungen wird, aber die Wirklichkeit zeigt in großem Ausmaß die Zerstörung des biologischen Immunsystems, was enorme Unausgewogenheiten in Fauna und Flora bedingt. Zusätzlich gesehen wird die Stabilität des Tourismus, dieweil Portugal aktuell an der Spitze der Ferienziele rangiert, nicht mit einem verbrannten Abbild seiner hauptsächlichen Ferienzentren andauern.

Kommt es nicht zu neuem Respekt und Umweltbeachtung, wird Portugal drastisch kurzfristig eine doppelte geschichtliche Tragödie erleben und sich das Land mit erodierten Oberflächen in schillernden Farbtönen von grau darstellen. Ursprünglich rodeten die Römer die Wälder, unverantwortlicherweise Kahlschläge nicht wieder aufforstend. Die heutige Generation brennt unüberlegt seine wertvollen fundamentalen Ressourcen im Namen von Geld und Gewinn ab. Ist das die ein geistiges Erbe der Römer?

Eine andere Tatsache ist bezeichnend: die Gerichte sind langsam und wenig effizient, es fehlt der abschreckende Effekt. Gemäss Statistik eröffnete im Jahr 2016 die Generalstaatsanwaltschaft des Landes 9955 Untersuchungsverfahren zum Delikt Waldbrandstiftung. 9650 davon, also 97%, wurden eingestellt, und nur 141 Angeklagte blieben übrig. Die amtliche Erklärung lautet, dass es schwierig ist, erwiesene Tatsachen zu erbringen. Brandstifter handeln für gewöhnlich allein, die Brände werden in der Regel in unbewohntem Gebiet gelegt. Aber auch in nicht archivierten Fällen kommt es selten zu einer endgültigen Verurteilung. Statistiken des Justizministeriums ergeben, dass zwischen 2011 und 2015 nur 48 Angeklagte eine effektive Freiheitsstrafe erhielten, 144 eine Bewährungsstrafe mit Meldeauflage, 145 wurden mit einer Geldstrafe belegt. Ein kontraproduktives Ergebnis, liebe Herren Richter, zurückgezogen hinter ihren Schreibtischen, dass Schuldige mit charakterlichen Mängeln oder gesundheitlichem Defekt der Pyromanie auf freiem Fuß einen eigenen »nächsten Tag des großen Feuers« provozieren können. Allein rigorosere Strafen können den biologischen Frieden sichern und hunderte von Bränden an einem Tage verhindern. Der Rekord wurde am 7. August 2016 mit 408 Vorfällen aufgestellt. Gerechte Sanktionen der Gerichte sind die ultimative und unverzichtbare Garantie für den sozialen Frieden.

Viele Gemeindeverwaltungen haben ungezählte Programme, um für die Zukunft zu vermeiden, dass Feuer aufkommen. Diese Programme haben drei Zielsetzungen: zunächst die Reinigung der Wälder von trockenem Gestrüpp, eine der Hauptursachen von Bränden, in zweiter Linie die Anwendung konkreter Maßnahmen der Brandverhinderung anstelle pompöser Deklamationen der politischen Elite, sowie drittens eine intelligente und biologisch tragbare Wiederaufforstung, erklärtermaßen ohne Eukalyptusbäume, welche einen ersten Platz eminenter Brandgefahr einnehmen.

1 Kommentare

  1. Guten Tag,
    während des Durchstöberns ihrer Interseite bin ich auf die wirklich gut recherchierten Artikel über die Waldbrände der vergangenen Jahre gestoßen. Selten wurde über die fragwürdigen Netzwerke von privaten Feuerwehrfirmen und großflächigen Eukalyptos-Monokulturen berichtet.
    Wie skrupellos die Regierung, über das Interesse und Wohl seiner Bürger hinwegbestimmt zeigte sich erst kürzlich wieder, während der Legalisierung der Erdölexplorationen entlang der Süd/Südwest Küste. Entgegen des kontinuierlichen Widerstandes der lokalen Behörden, Wissenschaftlern und der allgemeinen Bevölkerung, wurde das Vorhaben gnadenlos durchgesetzt und vor kurzem sogar vom Amt für Umweltschutz (APA) abgesegnet.
    Wer mehr dazu lesen will, hier die Platform „Algarve livre de Petroleo“: http://www.palp.pt/ (nur in Portugiesisch)
    Mit freundlichen Grüßen,
    Moritz

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